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Ausgabe:

1913 Nr. 17

Spalte:

532-533

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Apelt, Otto

Titel/Untertitel:

Die Behandlung der Geschichte der Philosophie bei Fries u. bei Hegel 1913

Rezensent:

Weiß, G.

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 17.

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rein erkenntnistheoretifch im engften Sinne, d. h. die
Erkenntnistheorie der Naturwiffenfchaften behandelnd.

Heidelberg. Troeltfch.

fehr reichhaltigen Regifter laffen wenig zu wünfchen übrig
; bei gelegentlicher Benutzung habe ich im Sachregifter
das Schlagwort Miffionen vermißt (zu den beachtenswerten
Äußerungen II, 430f.), im Perfonenregifter fehlt
(zu II, 538) Radowitz und ift (zu derfelben Seite) der
Theolog Windifchmann mit dem Mediziner zufammen- I Apelt, Otto: Die Behandlung der Gelchichte der Philofophie
geworfen, in dem Verzeichnis der Briefempfänger fehlt j bei Fries u, bei Hegel. (27 S.) gr.8°. Göttingen, Vanden-

(II S. XVI) Tieck (Nr. 181). Wie dem Herausgeber fo
gebührt der Verlagshandlung Dank; das gut ausgeftattete
Buch ift erftaunlich billig. — Ich benutze die Korrektur, um
auf den tief eindringenden und anziehenden Vortrag hin

hoeck & Ruprecht 1912. M. 1 —

Bekanntlich gilt, etwa abgefehen von Tennemann,
der aber alle früheren Philofopheme zu einfeitig nach Kant

zuweifen, den inzwifchen K. A. von Müller über den jungen , beurteilt, Hegel als der erfte Vertreter einer wahrhaft
Görres veröffentlicht hat (Archiv für Kulturgefchichte philofophifchen und großzügigen Behandlung der Ge-
10, Heft 4). ' fchichte der Philofophie, fofehr felbft deffen Schüler die

1 Unhaltbarkeit feiner Konftruktionen und die Willkürlich-

Freiburg i. Br. F. Vigener.

Buzello, Dr. Herbert: Kritifche Unterfuchung v. Ernft Mach's
Erkenntnistheorie. (Kantftudien No. 23). (94 S.) gr. 8°.
Berlin, Reuther & Reichard 1911. M. 3.60

Die Arbeit befchäftigt fich mit dem Gegenfatz des
reinen und konfequenten Empirismus, wie er in dem
biologifch begründeten Relativismus Machs fich ausfpricht,
und des apriorifchen Rationalismus, wie er in der modernen
Tranfzendentalphilofophie fich behauptet. Für Mach ift
alle Erkenntnis und Wiffenfchaft eine biologifch-teleologifch
aus dem Zweck der Lebenserhaltung erfolgende Anpaf-
fung der als ,Ich' bezeichneten Summe von Lebensvorgängen
an die Umgebungsbeftandteile, wobei diefe An-
paffungen ebenfo aus den biologifchen Naturgefetzen
hervorgehen wie Atmung, Portpflanzung ufw. Alle
Abftraktionen und fog. logifchen Notwendigkeiten und
Gefetze find damit Abkürzungsformeln für die Buntheit
der Seinsbeziehungen, deren Recht lediglich in ihrer
Brauchbarkeit für die Lebensorientierung und in der
Unmöglichkeit jedesmaliger Erfaffung der Totalität der
Dinge liegt. Sie find Naturgesetze der höheren Organismen
nicht in dem Sinne der Bedingtheit durch ein begrifflich
notwendiges kosmifches Naturgefetz, das es ja
nicht gibt, fondern in dem Sinne der Verurfachtheit durch
das biologifche Bedürfnis nach Überfichtlichkeit und Berechenbarkeit
, durch deffen Befriedigung der gefamte
Vorftellungsinhalt in einer der Lebensbehauptung und
Erhaltung förderlichen Weife dirigiert werden kann. Alle
wiffenfehaftlichen Urteile find daher Anpaffungen an die
Erfahrung und lediglich Wahrfcheinlichkeits- und Erwartungsurteile
, die ftets nach Bedarf korrigiert werden
hönnen. Raum- und Zeitvorftellung, die Kategorien und
Begriffe flammen aus der Erfahrung und erzeugen fich
fozufagen in den Beziehungen des Lebens zur Umwelt

von felbft ohne ein tranfzendentales Ich, ohne einen logi- ! felben Grundgedanken, daß nämlich die Gefchichte der

keiten feiner Methode im einzelnen erkannt haben. O. Apelt
fucht nun aber nachzuweifen, daß tatfächlich Fries ,der
wahre Entdecker der inneren Gefetzmäßigkeit im Gange
der Entwicklung der Philofophie' (S. 19) fei. Schon im
Jahre 1810 habe Fries diefen Hegel zugefchriebenen Gedanken
, ,aber freilich ohne die Hegelfchen Idiofynkrafien,
alfo auf feine richtige Grundlage zurückgeführt' (S. 15) in
der Abhandluug ,Tradition, Myftizismus und gefunde
Logik oder über die Gefchichte der Philofophie' öffentlich
vertreten, alfo fchon 23 Jahre vor dem Erfcheinen der
Hegelfchen Vorlefungen über den gleichen Gegenftand.
Nun find gewiß diefe Vorlefungen erft 1833 (nach Hegels
Tode) im Drucke erfchienen, aber fie find, was Apelt gar
nicht beachtet hat, fchon im Winter 1805/06 in Jena zum
erftenMale gehalten und zum zweiten Male 1816 in Heidelberg
, wenn auch nicht gleich in der fpäteren Geftalt, die
fie bei ihrer Veröffentlichung hatten. Dafür aber, daß
Hegel fchon in der erften Ausführung von 1805/06 die
Grundidee feiner philofophiegefchichtlichen Auffaffung
klar zum Ausdruck gebracht haben wird, fpricht die Tatfache
, daß er feine Phänomenologie des Geiftes fchon 1806
beendigt und 1807 veröffentlicht hat. Denn fchon in diefem
Werke trägt er feine Lehre von der ftufenförmigen gefetzmäßigen
Entwicklung des Geiftes vor, die diefer fowohl
als abfoluter Weltgeift wie als individuelles Bewußtfein
durchzumachen hat (S. W. II, 22 f.), und damit ift die
Grundlage und die leitende Idee für feine Gefchichte der
Philofophie gegeben, ja diefe im Keime felbft. Freilich
ift die hiftorifche Aufgabe als folche hier noch nicht fixiert.
Apelt ift alfo nicht dazu berechtigt, in diefer Frage die
faktifche Priorität für Fries in Anfpruch zu nehmen, ja
auch die literarifche nur mit Einfchränkung. Plher wird
er hier Fries' Selbftändigkeit und Unabhängigkeit von
Hegel behaupten dürfen, da Fries die erfte Anregung zur
Inangriffnahme diefer Aufgabe 1808 von feinem Freunde
Beaulieu empfangen hat (Henke S. 122) und da er dem-

fchen Beziehungspunkt, wie die Verhaltungsweifen der
Körper gegen einander fich erzeugen. Das Ganze würde
auf eine materialiftifche Metaphyfik hinausführen, wenn
nicht die Körpervorftellungen wie die Ich-Vorftellungen
fchließlich lediglich als Gegebenheiten des Bewußtfeins
zu betrachten wären und wenn nicht der den Materialismus
charakterifierende Begriff einer logifch-begrifflichen
Notwendigkeit der Beziehungen der Iriemente gerade ausdrücklich
geleugnet wäre. Der Verf. ftellt diefe Theorien
dar und bekämpft fie, teils mit den bekannten Argumenten
des apriorifchen Tranfzendentalismus, teils mit
befondern methodologifchen Betrachtungen über Mathematik
und Naturwiffenfchaften, die hier nicht in der Kürze
wiederzugeben find. Die Wirkung diefer ganzen großen
Kontroverfe auf die Auffaffung und Bewertung der Religion
bleibt außer Betracht, da Mach nicht, wie z. B.
William James, die Religion unter die biologifch unentbehrlichen
Anpaffungen aufgenommen hat, fondern fie
wie Avenarius als eine dem Ich-Wahn entfprungene
Illufion betrachtet. Der Verf. nimmt daher von diefer
Seite des Problems keine Notiz. Die Unterfuchung ift

Philofophie letztlich nichts anderes als der Prozeß der
Selbfterkenntnis des Geiftes fei, eine völlig andere Begründung
und Ausführung gegeben hat als Hegel. Auch
wird man der obigen Thefe des Verfaffers nur infoweit
zuftimmen können, daß die Vorzüge der anthropologifch-
kritifchen Methode von Fries gegenüber den dialektifchen
Künften der alleswiffenden Äbfolutheitsphilofophie Hegels
auch bei der Behandlung diefer Aufgabe fich bewähren
mußten, aber im übrigen wird man fich nicht verhehlen,
daß Fries' Lehre von der unmittelbaren Erkenntnis eine
völlig unbefangene Würdigung der Geiftesgefchichte auch
nicht garantiert.

Ift der Verfuch des Verfaffers, Fries den Ruhm des
erften großen Hiftorikers der Philofophie zu fichern, auch
nicht oder höchftens in einer gewiffen Befchränkung
gelungen, fo wird ihm doch auch jeder Nichtfriefianer
für feinen Hinweis auf die obengenannte Schrift von Fries
umfomehr Dank wiffen, als wohl gerade der glühende
Haß Hegels gegen Fries bei dem mächtigen Einfluß jenes
auf feine Zeit die ungerechtfertigte Nichtbeachtung diefer
Schrift fowie überhaupt der Friesfchen Philofophie in erfter