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Ausgabe:

1913 Nr. 1

Spalte:

527-529

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vinet, A.

Titel/Untertitel:

Etudes sur la littérature française au XIXe siècle. Tome I: Madame de Staël et Chateaubriand 1913

Rezensent:

Lobstein, Paul

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527 Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 17. $28

mitgebracht hat, woraus zahlreiche Ungenauigkeiten und
Schwankungen im Urteil refultieren. Wie nun neuerdings
Schäfer an feine Unterfuchungen über die Unterdrückung
der fpanifchen Ketzer von einer exakten Feftftellung des
allgemeinen Inquifitionsverfahrens aus herangetreten ift —
vgl. die Befprechung in ThLZ. 1903, Sp. 239 ff. — und dadurch
eine geficherte Unterlage gewonnen hat, fo refultiert
hier für B. im Gegenfatze zu anderer Beurteilung, daß der
Prozeß mit Vergerio's Citation nach Rom und allem Beiwerk
auf den normalen Weg gebracht war, wie man denn
auch im Einzelnen dem Verf. darin beiftimmen kann,
daß er von dem bezeichneten Ausgangspunkte aus ,eine
ganze Reihe fchiefer Urteile und Ungerechtigkeiten . . .
ausgeräumt hat'. Freilich, die eigentliche Gefchichte jener
Lebensperiode des merkwürdigen Bifchofs haben wir damit
immer noch nicht, und die würde auch der Verf.
nicht eher vorzulegen in der Lage fein, bis er die bislang
von ihm ,nicht eingefehene handfchriftliche Unterlage in
Venedig' zum Gegenftande einer ebenfo eingehenden und
forgfältigen Durchforfchung gemacht haben würde, wie er
fie unter dem für ihn maßgebenden Gefichtswinkel den
oben bezeichneten archivalifchen Sammlungen hat zuteil
werden laffen.

Königsberg. Benrath.

Corpus scriptorum christianorum orientalium. Curantibus I.-B.
Chabot, I. Guidi, H. Hyvernat. Scriptores aethiopici.
Series IL Tom. VI. Annales regum Iyäsu II et Iyo'as.
Interpretatus est I. Guidi. Versio. (268 S.) Lex.-8°.
Romae 1912. Leipzig, O. Harrassowitz M. 9.60

Der in der Theol. Literaturzeitung 1912 Nr. 12
Sp. 364—367 angezeigten Textausgabe hat der Meifter
abeffinifcher Sprachwiffenfchaft eine lichtvolle Überfetzung
folgen laffen, die mit erklärenden Einfätzen und Anmerkungen
reich ausgeftattet auch dem Uneingeweihten
im wefentlichen verftändlich fein dürfte und deshalb
warm empfohlen werden kann. Meine Dankbarkeit für
den Nutzen, welchen ich aus diefer Arbeit gezogen habe,
will ich durch ein paar Bemerkungen zu einzelnen Stellen
bekunden.

S. 112 Note 2. Die Etymologie äneataX/ievog für St).wa/i
(lammt aus Evang. Job. 9, 7, wo die äthiopifche Bibel zabaterguämehü
hawärjä hat. S. 252 Z. 22 und N. 3. Faraqä bet wird eine auf die
einzelnen Häufer verteilte Kontribution fein ähnlich der von Barradas
befchriebenen Ferracarraoe, fo daß zu überfetzen wäre: ,und an diefem
Tage kam die (Faraqä bet genannte) Kontribution ins Lager'. S. 163
Z. 25/26: il fit jailler l'eau dans l'amba. Wenn amba richtige Lesart ift,
dann würde ich 'anqe'a vom Einreißen der Verbarrikadierung des Amba
(vgl. S. 205 Anm. ') verliehen; denn vom Spalten einer Mauer wird 'anqe a
gebraucht. Hält man aber die von Guidi angenommene Bedeutung fit
jailler fett, dann wird man wohl amba in ambo — Mineralquelle korrigieren
müffen, was ja nur eine geringfügige Änderung des ba in amba erfordert.

Nicht alle feltenen Worte find erklärt und auch nicht
alle Zitate identifiziert. Vielleicht fchenkt die Zukunft
das uns heute noch fehlende Licht. Oder kann jemand
fchon heute nachweifen, wo das Wort vorkommt: ,Der
Vater ift der Salbende, der Sohn der Gefalbte, der heilige
Geift die Salbung (das Salböl)? Oder wo bei Cyrill
(von Alexandrien) das andere: ,Die Kraft (Bedeutung)
des Namens (Jefu) und feine Deutung brachte der heilige
Engel'? Oder wo ,das Wort der Schrift: »Bei allem
was du tuft, berate dich mit Andern, ohne Rat handeln
ift Torheit«? Vg. Sir. 35,19.

Daffenfen, Kr. Einbeck. Hugo Duensing.

Vinet, A.: Etudes sur la litterature francaise au XIXe siede.

Tome I, Madame de Stael et Chateaubriand. Ed. P.
Sirven. (XXX, 56b S.) Lausanne, (Bridel) — Paris, (Fifch-
bacher). fr. 8 —

Die große kritifche Ausgabe der Gefamtwerke Vinets
(Theol. Litztg. 1911, Nr. 3) hat eine Bereicherung erfahren,
die auch in diefem Blatt nicht unerwähnt bleiben darf. !

Die literarhiftorifche Kritik, die Vinet übte, war keineswegs
bloß äfthetifcher oder gefchichtlicher Natur; durch
die fittlich-religiöfen Maßftäbe, die der Verf. in Anwendung
brachte, geftaltete fie fich zu einer Funktion, die fehr
häufig in das Gebiet der Religionsphilofophie, der Ethik
und der Theologie hinübergreift. Zumal wo es fich um
die geiitvolle Tochter Neckers, die den deutfchen Idealismus
ihren franzöfifchen Lefern erfchloß, oder um den
Apologeten des romantifchen Katholizismus handelt, ift
die Anzeige des neuen Bandes auch hier geboten. Der-
felbe befteht, feinem Hauptftamm nach, aus Vorlefungen,
die Vinet in Vertretung feines Freundes Prof. Monnard
an der Akademie zu Laufanne im Jahre 1844 hielt (vgl.
S. 12. 406). Bereits beim erften Abdruck diefes Nach-
laffes aus Vinet's Werken wurden jene Vorträge über
Frau v. Stael und befonders über Chateaubriand durch
wertvolle Artikel aus der im Jahr 1831 gegründeten Zeit-
fchrift Le Semeur ergänzt. Auch der gegenwärtige
Herausgeber, P. Sirven, Prof. an der Univerfität Laufanne,
hat diefe Ergänzungen aufgenommen (182 — 184. 186. 191 —
192. 193—194. 292—293. 308. 409—558). Er hat fich aber
nicht nur um eine genauere Wiedergabe und Zufammen-
ftellung des Textes bemüht (S. 6b. 412. 459), fondern auch
durch eine wertvolle, z. T. aus bisher unbekannten Quellen
gefchöpfte, hiftorifch-kritifche Vorrede die Entftehungs-
gefchichte diefer Vorlefungen beleuchtet und deren Ver-
ftändnis gefördert. An der Hand des Tagebuchs und der
Briefe Vinets wird der Lefer in die geiftige Werkftatt des
unter dem fteten Druck vieler Leiden und Sorgen arbeitenden
Lehrers eingeführt; die perfönlichen Beziehungen, die
er nach Veröffentlichung einiger Artikel im Semeur mit
Chateaubriand einging, werden unter Mitteilung interefian-
ter Briefe Ch.s und V.s fehr lebendig gefchildert. Endlich
gibt Prof. Sirven Auffchluß über die Schwierigkeiten, unter
welchen kurz nach dem Tode Vinets (1847) aus deffen
Manufkript und aus den Nachfchriften feiner Zuhörer die
Vorlefungen über Frau von Stael veröffentlicht wurden
(1848). Den Druck beforgte in Paris der Direktor des
Semeur H. Lutteroth, der mit Vinet's Freunden und
Kollegen (Scholl, Chappuis, Forel, Secretan) in fortwährendem
brieflichen Verkehr ftand. Es galt auf die Familie
der Frau von Stael, namentlich auf ihre Schwiegertochter,
die die Herausgabe finanziell unterftützte, gebührende
Rückficht zu nehmen, und dabei doch die Gedanken und
Ausdrücke Vinet's zu refpektieren. Die Familie bat um
Streichung von zehn Stellen, die auf Frau v. St.s Jugend,
auf ihre Ehe, ihr Seelenleben und ihr Verhalten Bonaparte
gegenüber Bezug hatten: vier Stellen ließen die Herausgeber
unverändert (ipbis. 20. 27); eine wurde ganz ge-
ftrichen (16); bei fünf Stellen wurde eine leife Änderung
! geblattet (16. 17. 19). Indem Prof. Sirven den urfprüng-
! liehen Text Vinets mitteilt und die Varianten der 1. Aus-
i gäbe demfelben gegenüber ftellt, läßt er uns einen Blick
j in die Verhandlungen tun, die zwifchen den Herausgebern
I der Vorlefung nnd den Verwandten der Frau v. Stael
i geführt wurden, und in die Hinderniffe, auf welche Vinets
tapfere Freunde zu wiederholten Malen fließen.

Vinets Kritik ift weder die biographifch-pfychologifche
Sainte-Beuve's, noch die konftruktive und komparative
: Taines, noch die fyflematifch-dogmatifche Brunetieres, noch
! die impreffioniflifche Lemaitres. Ihm liegt befonders das
fittlich-religiöfe Intereffe am Herzen, und nach dem am
Evangelium orientierten Ideal beurteilt er auch die Werke
der Dichter und Redner und die von ihnen ausgehenden
Wirkungen. Die hiermit gegebene Einfeitigkeit würde
nicht feiten in Ungerechtigkeit ausarten und den Blick
des Kritikers trüben, wenn die unvermeidliche Schroffheit
eines folchen Standpunktes nicht durch die Weitherzigkeit
, die edle Humanität, den feinen Gefchmack und die
zur Liebe verklärte Toleranz des geiftvollen Denkers ftets
gemildert würde. Übrigens findet gerade bei den hier
befprochenen Werken Frau v. Staels und Chateaubriands
die von V. bevorzugte Methode eine fehr glückliche