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Ausgabe:

1913 Nr. 17

Spalte:

521-523

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stockums, Wilh.

Titel/Untertitel:

Die Unveränderlichkeit des natürlichen Sittengesetzes in der scholastischen Ethik 1913

Rezensent:

Heim, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 17.

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duldet hat. Aber die ernfthaft zu erwägende Frage ift,
ob nicht bei gefchichtlich gut bezeugten Heiligen die
Verehrung Formen annahm, die fich nur aus der Ver-
mifchung des Heiligen mit einem Gott oder einem Heros
erklären laffen. Die Entfcheidung ift deshalb fchwierig, weil
es fich dabei zumeift nicht um ,die hohen Götter des Olymp'
handelt, von denen D. allein redet, fondern um niedere Gottheiten
von befchränkterer Bedeutung oder um Bauerngottheiten
, d. h. um Geftalten, über die wir aus den fonftigen
Quellen in der Regel nurfchlechtunterrichtetfind. Abergeht
man der Verehrung, wie fte einer Thekla, einem Theodor,
einem Blafius, einem Kyros und Johannes ufw. gewidmet
wurde, bis ins Einzelne nach, fo ift doch foviel klar, daß
D.s Auskünfte nicht zureichen. Weder läßt fich in diefen
Fällen die Umbildung der Heiligen bloß auf Rechnung
der (fchriftftellerifchen) Legende fetzen: das verwehren die
Wunder, die den Glauben des Volks bezeugen; noch auch
läßt fich fagen, daß die .natürlichen Inftinkte der Volks-
feele' von felbft hier ähnliche Erfcheinungen gezeitigt
hätten, wie im Heidentum. Denn dazu find die Formen
wieder zu beftimmt und zu eigenartig.

Berlin. Karl Holl.

Stockums, Repet. D. theol. Wilh.: Die Unveränderlichkeit
des natürlichen Sittengeletzes in der fcholaltifchen Ethik.

Eine ethifch-gefchichtl. Unterfuchung. (Freiburger
theolog. Studien. 4. Heft.) (XI, 166 S.) gr. 8° Freiburg
i. B., Herder 1911. M. 3 —
Wagner, Benefiz. D. Dr. Frdr.: Das natürliche Sittengeletz
nach der Lehre des Hl. Thomas v. Aquin. (VII, 120 S.)
gr. 8°. Freiburg i. B., Herder 1911. M. 2.50

Diefe beiden faft gleichzeitig erfchienenen Arbeiten
über das natürliche Sittengefetz in der Scholaftik find
unabhängig von einander entftanden. Wagners Schrift
befchränkt fich auf Thomas, bringt dafür aber die ganze
Lehre desfelben über das natürliche Sittengefetz zur
Darftellung. Stockums behandelt zwar nur die wichtigfte
Seite des natürlichen Sittengefetzes, das Problem feiner
Unveränderlichkeit, verfolgt aber die Entwicklung diefes
Problems von den Quellen der fcholaftifchen Ethik, der
Ethik des Ariftoteles, Auguftin und des römifchen Rechts,
bis zur Zerfetzung der fcholaftifchen Sittenlehre bei G. Biel,
Occam und Luther. Trotz diefer Verfchiedenheit in Charakter
und Anlage find beide Schriften von der gemein-
famen Tendenz beherrfcht, die in den beiderfeitigen
Einleitungen übereinftimmend zum Ausdruck kommt, der
modernen evolutioniftifchen Ethik in ihren verfchieden-
artigen Schattierungen (Spencer, Häckel, Ihering, Paulfen,
Engels, Wundt) die thomiftifche Begründung der .alten
Lehre von dem ewigen, unwandelbaren Sittengefetz, das
in jedes Menfchen Bruft gefchrieben fei' (Wagner S. 6)
als einen rocher de bronze gegenüberzuftellen, an dem
die modernen Einwände zerfchellen. Von der Fülle des
in beiden Schriften mitgeteilten hiftorifchen Materials, bei
deffen Würdigung Wagners Arbeit nur als in einzelnen
Punkten genaueres Seitenreferat zu dem durch Einheitlichkeit
des Gefichtspunkts und hiftorifchen Durchblick weit
inftruktiveren Buche von Stockums behandelt zu werden
verdient, ift von allgemeinem Intereffe nur die Darfteilung
der heterogenen Quellen, aus denen die fcholaftifche
Lehre vom natürlichen Sittengefetz zufammengefloffen
ift. und das Hervortreten der inneren Spannung, die das
katholifche Moralfyftem infolge diefer feiner Herkunft
aus verfchiedenartigen Quellen in fich trägt, und die mit
hiftorifcher Notwendigkeit zur nominaliftifchen Zerfetzung
der thomiftifchen Pofition führen mußte, wenn diefe Zerfetzung
auch von der thomiftifch orientierten Darftellung
als ein vergeblicher Angriff auf die abfolute Wahrheit
behandelt wird. Die erfte Quelle der fcholaftifchen Ethik
ift der von Auguftin übernommene Ontologismus, deffen

ethifches Prinzip fich nach Wagner (S. 34t), der hier
klarer referiert als Stockums (S. 21 ff. S. 68), in die Sätze
zufammenfaffen läßt: Alles Seiende, fofern es Seiendes
ift, ift gut. Denn jede Sache .erftrebt ihre eigene Vollendung
, und vollendet ift fie, infoweit fie wirklich ift. Folglich
ift fie gut, infoweit fie feiend ift'. Diefe apriorifche
Form des feiner Vollendung zuftrebenden Wirklichen,
die an und für fich die Grundlage jeder möglichen Ethik
bilden könnte, (je nach der Definition des Seienden, von
der dabei ausgegangen wird) erhält nun aber ihren em-
pirifchen Inhalt aus einer zweiten Quelle, nämlich aus
Ariftoteles. Nach dem Grundfatz, den Thomas der
Nikomachifchen Ethik entnimmt: Bonum est, quod omnia
appetunt, ergibt fich als Maßftab des Guten, die natürliche
Neigung oder Zielftrebigkeit, die irgend ein Element
der Wirklichkeit befitzt. Schon in den der anorganifchen
Welt immanenten Kräften und Trieben, die in den che-
mifchen und phyfikalifchen Prozeffen zutage treten,
manifeftiert fich das ewige Gefetz, an dem fie teilnehmen
(Stockums S. 44f). Noch deutlicher ift dies beim Menfchen
. ,Die menfchliche Natur in ihrer fpezififchen Art'
(ib. S. 57), genauer das, ,wozu der Menfch eine natürliche
Neigung befitzt', was ,den gleichen Naturneigungen der
Gefamtheit' entfpricht (ib. S. 63), ift das für den Menfchen
.Begehrenswerte' oder die Norm der Sittlichkeit.

Die Ordnung der Gebote des Naturgefetzes richtet
fich daher ,nach der Ordnung der natürlichen Neigungen'.
Zuerft kommen die Neigungen, die der Menfch ,als Sub-
ftanz mit allen anderen Subftanzen gemein hat' (Selbft-
erhaltung ufw.), dann diejenigen, die ihm als finnlichem
Lebewefen eigen find (Gefchlechtsverbindung, Erziehung
der Nachkommenfchaft), endlich diejenigen, die ihm kraft
feiner eigentümlichen Vernunftnatur innewohnen (Wagner
S. 38 ff, Stockums S. 64). Diefes Prinzip des empirifch
feftftellbaren Naturgefetzes der menfchlichen Gattung, das
fich als das Streben nach dem .Gefamtwohl aller' formulieren
läßt, ift dem Mittelalter befonders durch die römifchen
Juriften, die Klaffiker des Corpus iuris civilis und noch
mehr durch die kanonifche Rechtsfammlung Gratians
geläufig geworden (ib. S. 25 ff), welche fich in ihren
ethifchen Grundgedanken fehr nahe mit Ariftoteles und
Auguftin berührt (ib. S. 28). Zu Auguftin und Ariftoteles
tritt nun endlich als dritte Quelle der fcholaftifchen Ethik
die Bibel, fpeziell die Moral der altteftamentlichen Erzählungen
, der Dekalog und Chriftus, der Ifraels Moralgefetz
,neu eingefchärft', diejudizial- und Zeremonialvorfchriften
dagegen abgefchafft hat (ib. S. 17ff).

Bei diefer Entftehung der ethifchen Prinzipienlehre
der Scholaftik aus drei heterogenen Elementen läßt fich
von vornherein erwarten, daß an zwei Stellen eine Naht
zum Vorfchein kommen wird, welche die Kombination
verfchiedenartiger Gedankenreihen verrät, 1) beim Verhältnis
zwifchen der apriorifchen Form und dem empi-
rifchen, dem konkreten Bilde der menfchlichen Gattung
entnommenen Inhalt, 2) beim Verhältnis zwifchen diefer
empirifch-rationalen Menfchheits-Ethik und der Moral der
altteftamentlichen Erzählungen.

Die erftere Spannung zeigt fich am deutlichften in der Kontroverfe
zwifchen Thomas und Duns über das Verhältnis des a priori geltenden
.Naturgefetzes' zum Dekalog als der Zufammenfaffung der Regeln, die
von der Auffaffung der menfchlichen Gefellfchaft als eines .unter göttlicher
Leitung flehenden Staatswefens' (Stockums S. 50, Wagner S. 61 ff)
aus die Beziehungen der Menfchen zu Gott und zueinander ordnen. Für
Thomas gibt es keinen Unterfchied zwifchen dem apriorifchen Element
im Sittengefetz, das die mathematifche Notwendigkeit und Unbeweisbar-
keit des .erften Denkgefetzes' hat (Stockums S. 69), und dem .Abdruck
des ewigen Gefetzes' im endlichen, empirifchen Menfchen (Wagner S. 26),
dem Prinzip des .abfoluten Gemeinwohls aller Menfchen'. ,Die praktifche
Vernunft des Menfchen' ift ,das kreatürliche Abbild des ewigen Gefetzes
d. h. der die Welt lenkenden göttlichen Vernunft' (ib. S. 27). Daraus
ergibt fich die Superiorität des Intellekts gegenüber dem Willen (Stockums
S. 60). Denn die Vernunft kann die Notwendigkeit des oberften fittlichen
Grundfatzes, der das menfchliche Handeln regelt, mit derfelben Evidenz
einfehen, wie fie die Wahrheit der Denkaxiome einfieht. Eine weitere
Konfequenz ift die Unveränderlichkeit des oberften fittlichen Grundfatzes,
die ebenfo feftfteht wie die Unveränderlichkeit der logifch-mathematifchen

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