Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1913

Spalte:

28

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oldenberg, H.

Titel/Untertitel:

Die Veden, die ältesten Religionsurkunden Indiens 1913

Rezensent:

Strauß, Otto

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

2,~

Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. I.

28

find. Es macht zuweilen den Eindruckjdes Gekünftelten,
mühfam Ausgetüftelten.

Oft ift es auch nur Wortgeklingel, was geboten wird. Hierfür nur
einige Beifpiele. S. 73: Eine Glocke fagts der andern und ein Chrift-
baum tut es kund dem andern: Euch ift heute der Heiland geboren
(wem? der Glocke, dem Chriftbaum?!). S. 77: Friede auf Erden, jauchzt
die Engelfchar, und es kann nicht Friede werden, bis Jefu Liebe fiegt.
S. 79: Den Hunger der Seele geftillt bei dem, der in Bethlehem, d. h.
Speifeftätte, Brothaus geboren ift. S. 7 : Kindlich vertrauen dürfen wir
unferm Vater, aber daß er der himmlifche Vater ift, das laffe unfer Vertrauen
nicht zur Vertraulichkeit werden. S. 11: Iffael zog hinauf zum
Morija, gen Zion, nach Jerufalem (welche Reihenfolge!). S. 12: Da
heißt einer König — wird er je einen Thron befteigen? Es heißt einer
Fifcher — und hat vielleicht noch nie eine Angel gefehen. S. 29: Seine
Speife ift die, den Willen feines Vaters im Himmel zu tun, damit (!)
wir den Gefchmack verlören an den Trabern diefer Welt. S. 52: Statt
die Hand abzuhauen, die uns ärgert, (lecken wir fie nur eine Zeitlang in
die Tafche; ftatt das Auge auszureißen, das uns ärgert, kneifen wir es
nur eine Weile zu. S. 70: Herrlich bedeutet herrenmäßig, fo daß man
den Herrn der Herrlichkeit zuletzt doch erkennt. S. 68: Ein armes
Reich ift ein Unding. — Auch vor einem Witz fchreckt der Verfaffer
nicht zurück: unfer heutiges Brot gib uns täglich, oder: als ich ein Kind
war, betonte ich bei der fünften Bitte jahrelang die Silbe -gern, daß
man gern vergebe. Aber auch nicht vor Gräßlichkeiten S. 28 oben, und
vor einer mannhaften Kritik des ,kaiferlichen Herrn' S. 18 u. 70.

Die befte Predigt ift wohl die letzte, in der das
ganze Vaterunfer für die Weihnachtspredigt verwendet
wird, abgefehen von den erwähnten kleinen Unfchön-
heiten. Hier fehlt auch das gefucht Paränetifche . . .
Eine Bereicherung der homiletifchen Literatur über das
Vaterunfer kann ich in diefer Veröffentlichung nicht fehen,
vielmehr will mir fcheinen, der Verfaffer, der nach dem
Vorwort nicht an die Veröffentlichung gedacht hat, wäre
beffer den wiederholten Bitten aus dem Hörerkreife und
dem Wunfeh des Verlegers gegenüber ftandhaft geblieben
.

Ein größerer Gegenfatz gegen diefe Predigten läßt
fich kaum denken als die Predigten Dryanders. Man
hat ordentlich eine Scheu, fie daneben zu ftellen. Jede
einzelne ift ein vollendetes Kunftwerk, durchaus original
und bis ins Kleinfte einheitlich bei aller Mannigfaltigkeit,
fo zart und fein, wie eben nur ein echtes Kunftwerk fein
kann. Sie zeigen eine einfache und durchfichtige Anlage
und find verfaßt in einer vornehmen und die höchften
Anfprüche ftets befriedigenden Diktion, es ift kein Wort
zuviel, keine Phrafe darin zu finden. Sie gehen immer
ein auf die Gedanken der Menfchen von heute und fachen
mit feinem pfychologifchen Verftändnis nach einem gemein-
famen Grunde, um auf diefem dann weiter zu bauen und
den Hörer dahin zu führen, wohin er zunächft nicht
gehen wollte. Sie enthalten einen Reichtum an feinen
und tiefen Gedanken, wiffen alles heranzuziehen, was dem
Zwecke dienlich fein kann, und das alles ift fo einfach,
fchlicht und prunklos, wie es nur die höchfte Kunft zu
leiften vermag — und wie es für Predigten über das
Vaterunfer paßt. Man merkt dem Prediger deutlich an,
wie er mit heiligem inneren Erfchauern diefem Heiligtum
gegenüberfteht. Es ift darum auch ein hoher Genuß, diefe
Predigten zu ftudieren, und wer fich mit ihnen befchäftigt,
hat eine wirkliche Erbauungsftunde, in die kein Mißton
fällt. Ich bin gewiß, daß nicht nur die erften Hörer für
die Veröffentlichung dankbar find, fondern, daß die
Predigten vielen helfen werden das Vaterunfer beffer zu
beten, und daß fie auch eine wirklich überzeugende
apologetifche Wirkung ausüben können, eben weil fie
nach diefer nicht ftreben.

Der fchichten Einfachheit entfpricht auch das äußere
Gewand: eine durch und durch harmonifche und überaus
dankenswerte Gabe. Möge fie viele dankbare Lefer
finden!

Ahlden/Aller. E.W. Bussmann.

Referate.

Oldenberg, H.: Die Veden, die älteften Religionsurkunden Indiens.

(Der Orient. Hrsg. v. H. Grothe. 8. Heft.) (20 S.) gr. 8".

Halle, Gebauer & Schwetfchke 1911. M. — 50

Niemand wird in diefem für einen weiteren Kreis beftimmten
Vortrag wiffenfehaftliche Neuigkeiten erwarten. Aber auch wer
Oldenbergs Arbeiten kennt, mag diefe wenigen Seiten über die
Veden mit Genuß lefen. Oft gebrauchtes Material ift hier mit
glänzenden Mitteln der Sprache und Darftellungskunft zu einem
Bilde vereinigt, das auch an dem Fernftehendften nicht eindruckslos
vorbeigleiten kann.
Kiel. Otto Strauß.

Boutroux, Emile: Die Kontingenz der Naturgeietze. (Berechtigte
Überfetzg. v.J. Benrubi.) (VII, 167 S.) gr. 8". Jena, E. Diede-
richs 1911. M. 4—; geb. M. 5.50

Das vorliegende Werk ift eine Überfetzung der 1874 als
Doktorarbeit erfchienenen Hauptfchrift Boutroux'. Ihre Tendenz
geht dahin, der Vorftellung von unwandelbaren Naturgefetzen
und notwendiger Kaufalwirkung die eines freien, kontingenten,
immer wandelbaren Naturgefchehens entgegenzuftellen, das der
Ausfluß einer ewig neufchaffenden Weltvernunft ift. Die Welt
befteht aus verfchiedenen Formen und Schichten, d. h. Reichen,
die untereinander nicht in notwendiger Abhängigkeit liehen. Das
Gefetz von der Konftanz des Seins ift zu leugnen. Es können
Dinge und Vorgänge abfohlt neu entliehen. Auf diefer Voraus-
fetzung beruht unfere Freiheit. Das Handeln eines Menfchen
ift nicht von feinem Charakter determiniert. Das Verhältnis ift
vielmehr das umgekehte. Der Menfch ift als freies Lebewefen
die höchfte Offenbarungsform der Gottheit.

Sowohl die Prinzipien wie auch die Ausführungen im einzelnen
bieten der Kritik manche Angriffspunkte dar. Die aus-
gefprochenen Gedanken find in der Gefchichte der menfehlichen
Ideen fehr alt. In der älteften Phafe der Philofophie im Islam
wurden diefelben bereits von den orthodoxen Theologen aufgelle
11t.

Bonn. ■ M. Horten.

iäSirLt, Carl: Der Entlcheidungskampf des Chriftentums um feine
Stellung als Weltreligion. Vortrag. (Basler Mifftonsftudien
39. Heft. 20 S.) 8». Bafel, Basler Mifftonsbuchh. 1912. M. —30
In feiner klaren, überflehtlichen und markanten Art fchildert
der Verfaffer zuerft die Pofition des Chriftentums unter den Religionen
der Gegenwart: das Chriftentum ift in allen Erdteilen
ausgebreitet und durch die gegenwärtige Weltlage berufen, immer
mehr zur Weltreligion zu werden. Er beantwortet fodann die
Frage: welches ift der gefährlichfte Gegner des Chriftentums?
Nicht die animiftifchen Religionen, die in abfehbarer Zeit zerfallen
, wo fie mit dem Evangelium zufammenftoßen; auch nicht
der Buddhismus, der Konfuzianismus und der Hinduismus, die
noch auf eine lange Fortdauer rechnen können, aber fich im
Wefentlichen defenfiv verhalten, fondern der Muhamedanismus
der wie früher, fo auch jetzt eine intenfive und erfolgreiche Propaganda
treibt. Daraus zieht der Verfaffer zum Schluß die
Folgerung, daß es Pflicht der gegenwärtigen Chriftenheit ift, im
Allgemeinen die Weltlage miffionarifch auszunutzen, infonderheit
aber kulturell und religiös den Kam pf mit dem Islam aufzunehmen.
— Ich kann den Ausführungen nur freudig zuftimmen — mit
Ausnahme des erften Satzes, den ich für eine Übertreibung halte:
,Die Gefchichte des Chriftentums begann unter Verhältniffen,
wo alles (!) fleh vereinigte, ihm den Weg zu verfperren'.
Frankfurt a. M. W. Bornemann.

Friedrich, Militär-Ob.Pfr. a. D. 1. Pfr. Konfift.-R. H.: Nur Telig.
Betrachtungen üb. die flehen Seligpreifgn. des Herrn. (III,
90 S.) 8«. Groß-Salze, E. Strien (1912). M. 1.50; geb. M. 2 —
Diefe fieben Predigten find erbaulich im bellen Sinne des
Wortes, in der Sprache fchlicht, in Ton und Darftellung anmutig,
im Inhalt praktifch und reich (die fechfte fall zu reich). Am
wenigften tief gräbt wohl die vierte. Was der Verfaffer aus der
Reihenfolge der Seligpreifungen gewinnt (z. B. S. 53 und 69), ift
doch wohl etwas gekünftelt, ebenfo was er S. 60 über die Worte
,barmherzig' und ,Erbarmen' fagt. Denn diefe hängen weder,
wie er andeutet, mit ,warmherzig' noch mit 'bearmen' (!) zufammen,
fondern, foviel ich weiß, mit dem Stamme ,bar' — (peysiv = tragen.
Barmherzig ift, wer einen andern auf dem Herzen trägt. Anfänger
können aus diefen Predigten viel lernen, andere, Laien
und Theologen, Anregung und Erbauung fchöpfen.
Frankfurt a. Main. W. Bornemann.