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Ausgabe:

1913 Nr. 16

Spalte:

484-485

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bacher, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Proömien der alten jüdischen Homilie 1913

Rezensent:

Strack, Hermann L.

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483 Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 16. 484

vornehmen. Es ift die gründlichfte Arbeit, die in neuerer
Zeit über den Felfen erfchienen ift.

Greifswald. M. Lidzbarski.

Friedlaender, Prof. Dr. J.: Die Chadhirlegende u.der Alexan- '

derroman. Eine fagengefchichtl. u. literarhiftor. Unter- !
fuchg. (XXIII, 338 S.) gr. 8°. Leipzig, B. G. Teubner
1913. M. 12 — ; geb. M. 14-

Er. hat ein großes Material gefammelt, überfichtlich
gruppiert und eindringend analyfiert. Der erfte Teil feines
Buches handelt von dem .Urfprung der Chadhirlegende',
genauer von der Lebensquellfage bei Pfeudokallifthenes,
im babylonifchen Talmud, in der fyrifchen Homilie, im
Koran und in der muhammedanifchen Tradition, und von
der Urbedeutung Chadhirs als eines Seedämons. Im zweiten
Teil folgen ,die muhammedanifchen Chadhirverfionen'
außerhalb des Korans und des Hadith, die Ausläufer diefer
Erzählungen im Neuperfifchen und Äthiopifchen. Darauf
werden die Ergebniffe kurz zufammengefaßt. Lofe angehängt
find fechs Appendices über Einzelheiten, ferner
vier arabifche Textbeilagen und endlich wertvolle Nachträge
von Theodor Nöldeke. Gute Indices runden das Ganze ab. j

Die Bedeutung des vorliegenden Buches beruht nicht
nur auf der Stofffammlung, fondern auch auf der fagen-
gefchichtlichen Verarbeitung. Der Verfaffer beherrfcht
die Methode der vergleichenden Sagenforfchung, führt
das Komplizierte auf das Einfache, die Sagenkränze auf
die felbftändigen Einzelfagen zurück und entwirrt mit
Gefchick die verfchlungenen Fäden der Überlieferung, fo
daß man fich gern von ihm leiten läßt. Wenn man auch
über die Grade der Wahrfcheinlichkeit bisweilen anderer I
Meinung fein mag, verliert man doch niemals das Gefühl, 1
daß die gefchichtlichen Möglichkeiten überall forgfältig !
berückfichtigt werden. Mit Liebe fpürt er nicht nur den I
Urfprüngen der Erzählungen und ihrer Motive nach, verfetzt
fich in ihre Stimmungen und Tendenzen, fondern
mit demfelben Verftändnis folgt er auch der weiteren
Umgeftaltung bis in die letzten Ausläufer hinein. Vor allem
aber gibt er einen klaren Aufriß der gefamten Entwick- j
hing, an dem fich jeder Lefer bequem orientieren kann;
gerade deshalb ift es befonders leicht, diefer Konftruktion
eine andere entgegenzuftellen.

Weftend-Berlin. Greßmann.

Stummer, Kaplan Dr. Frdr.: Die Bedeutung Richard Simons
für die Pentateuchkritik. (Altteftamentl. Abhandlungen.
Hrsg. v.J. Nikel. III. Bd., 4. Heft.) (VII, 146 S.) gr. 8°.
Münfter i. W., Afchendorff 1912. M. 4 —

Das Buch, das im erften Teil die Entwicklung der
Pentateuchkritik vor Richard Simon verfolgt, im zweiten
Teil Richard Simons eigene Anflehten darfteilt, wie fic
zunächft in der Histoire critique du Vieux Testament
entwickelt und dann in zahlreichen Streitfchriften verteidigt
find, im dritten Teil zeigt, wie R. Simons Ideen
in der weiteren Gefchichte der Pentateuchkritik nachwirken
, ift eine recht bedeutfame und fehr dankenswerte
Monographie zur Gefchichte der Pentateuchkritik, welche
die landläufige Darftellung wefentlich vervollftändigt und
berichtigt. Hervorhebung verdient aus dem erften Teil
befonders der Hinweis auf die Mitteilungen des Alphonsus
Tostatus (f 1455) über pentateuchkritifche Urteile der
chriftlichen Exegeten des Mittelalters, aus dem zweiten
Teil die Betonung, daß nach R. Simon die Gefetze und
von den hiftorifchen Partien die Genefis auf Mofes felbft
zurückgehen, die übrigen Partien aber auf in feinem Auftrag
verfaßte Berichte feiner Zeitgenoffen, daß freilich
diefe von Mofes oder feinen Zeitgenoffen verfaßten Schriften
von Späteren bearbeitet und zufammengeftellt find,
daß aber auch diefe Späteren infpirierte Schriftfteller
waren (Theorie der von Mofes gefchaffenen dauernden
Inftitution der ecrivains publics=Propheten), fo daß die

pentateuchkritifche Theorie doch nirgends den Infpirations-
charakter des Pentateuchs beftreitet (Gegenfatz gegen
Spinoza), ferner die forgfältige Darlegung der polemifchen
Auseinanderfetzungen R. Simons mit feinen Gegnern, wobei
gezeigt wird, daß er trotz mehrfach gegenteiligen
Scheines feine Theorie unverändert feftgehalten hat und
nur bezüglich der Frage nach dem Alter der famari-
tanifchen Rezenfion von anfänglicher Unficherheit zu
immer fichererer Behauptung nachexilifchen Urfprungs
gelangt ift. Im dritten Teil fcheint mir der Einfluß R.
Simons auf die moderne Pentateuchkritik etwas übertrieben
zu fein; es handelt fich doch nur in befchränktem Maße
um direkte Nachwirkungen feiner Ideen. Der perfönliche
Standpunkt des Verf. kommt darin zur Geltung, daß er
mit R. Simon in dem Streben nach einer Vereinigung der
Kritik und des Infpirationsglaubens fympathifiert; das hat
ihn behindert, der hiftorifchen Bedeutung Spinozas voll
gerecht zu werden.

Halle a. S. C. Steuernagel.

Bacher, Dir. Dr. Wilhelm: Die Proömien der alten jüdifchen

Homilie. Beitrag zur Gefchichte der jüdifchen Schrift-
auslegg. u. Homiletik. (Beiträge zur Wiffenfchaft vom
Alten Teftament. Heft 12.) (III, 126 S.) 8°. Leipzig,
J. C. Hinrichs 1913. M.4—; geb. M. 5—

Der fchier unermüdliche und fruchtbare Erforfcher
der Haggada, Wilh. Bacher, deffen drei große Werke über
die Haggada der Tannaiten (2 Bände), die der babylonifchen
Amoräer (1 Band) und die der paläftinifchen
Amoräer (3 Bände) im Befitz jedes, der über den Talmud
urteilen will, fein müßte, hat uns durch eine neue
Gabe zu Dank verpflichtet ,Die Proömien der alten jüdifchen
Homilie', welche hier, wenigftens kurz, angezeigt
fei.

Stellen aus den 3 Teilen (Tora, Propheten, Hagio-
graphen) des Alten Teftäments aneinander zu reihen und
dadurch, fei es die Zufammengehörigkeit diefer Teile zu
zeigen, fei es vollen Beweis für einen Satz zu geben, war
bei den Juden fchon vor der Zerftörung Jerusalems üblich
. Hiermit hängt zufammen das Heranziehen eines
Textes aus den Propheten oder den Hagiographen zur
Auslegung einer Pentateuchftelle; galten doch jene
Schriften im Verhältnis zur Tora als Qabbala .Überlieferung
'. Und daraus hat fich dann weiter fchon in
der tannaitifchen Zeit der Brauch entwickelt, im gottes-
dienftlichen Vortrage einem pentateuchifchen Texte einen
nichtpentateuchifchen voranzuftellen und durch Auslegung
mit jenem zu verknüpfen. Später wurden auch pro-
phetifche und hagiographifche Perikopen (von letzteren
befonders die Eftherrolle) durch Verfe aus anderen
Büchern (auch, aber feiten, aus dem Pentateuch, f. Bacher
S. 105) eingeleitet. Solches Proömium hieß Pethihä .Einleitung
', von welchem Worte pathah in der Bedeutung
.einleiten' ftammt. Die Autoren der'Proömien find faft
ausfchließlich paläftinifche Amoräer (die wenigen babylonifchen
Amoräer find bei Bacher S. 86—88 aufgezählt).
Daraus erklärt fich, daß die pentateuchifchen Perikopen,
auf welche die Proömien fich beziehen, nicht die des einjährigen
babylonifchen Zyklus find, fondern die des dreijährigen
paläftinifchen. Über diefe in den Midrafchen
zu erkennende Perikopeneinteilung und die damit zu-
fammenhangenden 154—175 Sedarim des Pentateuchs hat
zuerft, und zwar gründlich und überzeugend, gehandelt
J. Theodor-Bojanowo in der Monatsfchrift für Gefchichte
und Wiffenfchaft des Judentums, bef. 1885, S. 356, und
1887, S. 323; f. auch die Abhandlung von A. Büchler in
Jewish Quarterly Review 1893, S. 420 fr.; 1894, S. 1 ff.; vgl.
1896, S. 528 f. (vgl. in Kürze meine Mitteilungen in Proteft.
Real-Encyklop.3 13. 786 f.)

Im Hauptteil feines Buches S. 36—86 gibt Bacher
eine nach den Autoren geordnete Aufzählung aller Pro-