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Ausgabe:

1913

Spalte:

466-467

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Brouwer, A. M.

Titel/Untertitel:

De moderne Richting 1913

Rezensent:

Regula, ...

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465 Theologifche Literaturzeitung- 1913 Nr. 15. 466

A. Reinecke u. E. von Roeder. Mit einem Vorwort von
Fr. Nippold. (IV, 312 S.) 8°. Leipzig, J. C. Hinrichs
1912. M. 5—; geb. M. 6 —

Zu den wertvollften Gaben, die wir der Parifer prote-
ftantifchen theologifchen Fakultät verdanken, gehört diefes
Buch ihres nun in den Ruheftand getretenen reformierten
Kirchenlfiftorikers Bonet-Maury. Seine erfte Auflage
erfchien im Jahr 1900, als in Folge des Dreyfushandels
die Wogen der politifchen Leidenfchaften hochgingen und
die Stimme der Gewiffensfreiheit in Gefahr ftand, im Lärm
des klerikalen und antiklerikalen, antifemitifchen und anti-
proteftantifchen Fanatismus erftickt zu werden. Der Zeitpunkt
war gut gewählt zu einer Darftellung des für das
franzöfifche Geiftesleben fo tragifchen und nie endgültig
ausgefochtenen Kampfes zwifchen den Forderungen der
Gewiffensfreiheit, die in Frankreich die edelften Vorkämpfer
fand, und dem Streben nach der unite morale des Landes,
das der mentalite romaine der franzöfifchen Volksfeele
unausrottbar anhaftet. B. M. fetzt ein mit der Regierung
Heinrichs IV, dem Europa mit dem Edikt von Nantes
(1598) die erfte Magna charta der Gewiffensfreiheit verdankt
. Von 1661 an geht des großen Königs Werk Stück
für Stück in die Brüche. Die Revokation des Edikts 1685
vollendet den Sieg Ludwigs des XIV. Die unite morale des
Landes ift hergeftellt: un roi, une loi, une foi. Aber um
den Preis welcher Opfer! Dem Traum einer äußerlichen
und doch nur fcheinbaren Einheit zulieb hat Ludwig XIV
mit der Ausrottung des Proteftantismus den Nerv der
franzöfifchen Sittlichkeit durchfchnitten und dem Geiftesleben
feines Landes unheilbare Wunden gefchlagen.
Während der Revolution wiederholt fich das Ringen
zwifchen den Verfechtern der Gewiffensfreiheit und den
Anhängern der ftaatlichenUniformierung aller Kulturarbeit.
Napoleon I hat wohl gefagt: l'empire de la loi finit oü
commence celui de la conscience, gehandelt hat er nach
ganz anderen Grundfätzen. Währenddes 19.Jahrhunderts
wird namentlich das Unterrichtswefen das Kampfgebiet,
auf dem klerikale und antiklerikale Verfechter des Schulmonopols
der Idee der unite morale die Rechte des Gewiffens
zu opfern fich bemühen. In den fchul- und kir-
chenpolitifchen Kämpfen der dritten Republik, um deren
Schilderung von 1870—1905 B. M. die zweite Auflage
feines Buches bereichert hat, treten der Gewiffensfreiheit
alte Feinde mit neuem Geficht gegenüber. Daß das rote
Frankreich in den Fragen des Unterrichtswefens und des
religiöfen Lebens im Grunde die gleichen Ideale verfolgt
wie das fchwarze Frankreich, hat der einftige Minifter-
präfident Emil Combes mit aller wünfchenswerten Deutlichkeit
ausgefprochen, wenn er am 24. Juni 1904 im Senat
fagte: ,Nous ne croyons pas chimerique de realiser, dans
la France contemporaine, ce que l'ancien regime avait
si bien realise dans la France d'autrefois. Un seul roi, une
seule foi, teile etait alors la devise. Serait-il impossible
den trouver une analogue, qui corresponde aux exigences
du temps present?'

B. M.s Buch hat nicht nur eine zweite Auflage erlebt,
fondern ift auch ins Deutfche überfetzt worden. Leider
kann ich von diefer Überfetzung nicht viel Gutes fagen.
Ich gebe einige (jberfetzungsproben:

S. 31: Diefer Mäzen mit dem kleinen Fuß (ce Mecene au petit pied)>
S. 98: Der Erfolg war weder ein fruchtbarer Friede, der Toleranz ver-
fchafft, noch ein wortlofer Friede mit dem Verbot des Feindes (on n'a
eu ni la paix feconde que donne la tolerance, ni la paix muette que
procure l'interdiction de l'ennemi), S. 105: Die Mehrheit beunruhigte fich
über die Nachricht von Vermittelung Bonapartes mit den Ausgewanderten
(la majorite, inquiete des nouvelles recues par l'entremise de Bonaparte
sur les projets desemigres), S. 114: Bonaparte begriff, daß das Gehalt
ein Mittel zur wirkfamften Tätigkeit der Geiftlichen diefer nichtkatholifchen
Konfeffionen fei (B. comprit que le salaire etait un moyen d'action des
plus efficaces sur le clerge de ces confessions non-catholiques), S. 165:
die Evangelifchen (les evangelistes!), S. 205. Der Evangelifche Lenoir
(l'evaugeliste L), S. 172: Jules Simon widerlegte die Vorwürfe gewiffer
Bifchöfe gegen den philofophifchen Unterricht der Univerfität, der gegen
die Unflerblichkeit gerichtet und pantheiftifcher Natur fein follte (J. S
commengait par refuter les accusations d'immoralite, de pantheisme lancees

par certains eveques contre l'enseignement philosophique de l'universitd',
S. 179: Von Toleranz und Verföhnlichkeit wendete man fich ab (on re-
venait donc au regime de la tolerance, de l'arbitraire) u.f.f.! Der Abfchnitt
über das Volksfchulgeletz von 1833 und das Mittelfchulgefetz von 1844
ift unverftändlich, weil enscignemeut secondaire und instruction primairr
mit Elementarunterricht Uberfetzt find. Was foll der deutfche Lefer mit
den Departements La Sarre, La Roer und Mont-Tonnerre anfangen (S. 1121?
Ilaben die Überfetzer nicht gewußt, daß damit Saar, Ruhr und Donnersberg
gemeint find?

Im übrigen zeigt die ganze Ausdrucksweife der Überfetzung
, daß Sprachkenntniffe allein, auch wenn fte folider
find als die in diefer Bearbeitung gebotenen, noch nicht
genügen, um ein wiffenfchaftliches Werk in eine andere
Sprache zu übertragen. Man vermißt überall die perfön-
liche Vertrautheit mit dem Stoff des Buches und mit der
dem Fachmann geläufigen Ausdrucksweife. So kann ich,
ehe eine beffere Überfetzung vorliegt, jedem, der B.-M.s
Buch mit Genuß und Gewinn lefen will, nur raten, nach dem
Original zu greifen.

Leonberg (Württ). E. Lachenmann.

Brouwer, Dr. A. M.: De moderne Richting. Eene hiftorifch-
dogmatifche Studie. (VIII, 210 S.) 8°. Nijmegen, H.
ten Hoet (1912).

Bereits 1861 fchrieb der Utrechter Frofeffor J.J. Doedes
eine Schrift über ,die fogenannte moderne Theologie', und
1865 hielt er über denfelben Gegenftand eine Vorlefung,
beides in ablehnendem Sinn, aber gründlich und wiffen-
fchaftlich. Damals ftand die moderne Theologie in Holland
erft in ihren Anfängen. 5° Jahre find feitdem ver-
ftrichen, die Anflehten haben fich geklärt, die Gemüter
beruhigt und der Staub der Arena hat fich verzogen.
Da war es denn an der Zeit, daß ein anderer Theologe
fich entfehloß, eine Gefchichte der modernen Richtung
zufchreiben, die wohl in keinem anderen Lande die Öffentlichkeit
in fo hohem Maße befchäftigte und noch be-
; fchäftigt, als gerade in dem freien Holland. Daß Br., ein
Mann von mild pofitivem Standpunkt, die nötige Gelehr-
j famkeit und Objektivität zu einer folchen Arbeit befitzt,
fteht außer Zweifel. Mit der deutfehen Wiffenfchaft und
unferen kirchlichen Verhältniffen zeigt er fich genau vertraut
, befchränkt fich aber in dem vorliegenden Buch
lediglich auf Holland.

Der Ausdruck .moderne' Richtung flammt nach Br.
aus einer Schrift von Huet (1858) und ift feitdem in Gebrauch
gekommen. Treffend ift er nicht, weil er leicht
den Nebenbegriff der wechfelnden Mode involviert, aber
nicht mehr zu entbehren. Man verlieht darunter ,das
Neue, in der Entwicklung Begriffene, das auf der heutigen
Wiffenfchaft beruht und den Bedürfniffen unferer Zeit
entfpricht'. Die Prinzipien der modernen Richtung find
nicht leicht feftzuftellen, da die Anfchauungen der einzelnen
Vertreter weit auseinander- und bunt durcheinandergehen
, wie es bei dem religiöfen Subjektivismus nicht
ausbleiben kann. Im allgemeinen aber läßt fich fagen,
daß der Modernismus auf den Humanismus, auf Cartefius
(Copernicus wird merkwürdigerweife nicht genannt!) und
auf den Rationalismus zurückgeht, daß er die menfchliche
Vernunft (Wiffenfchaft) zur höchften Richterin in Glaubens-
fachen erhebt und infolge davon die Wunder, die übernatürliche
Offenbarung, die Gebetserhörung, oft auch die
göttliche Vorfehung, verwirft. Mehr als mit dem Chriften-
tum befchäftigt man fich mit dem Wefen der Religion,
wobei Gott und Welt vielfach identifiziert werden; daher
Evolutionismus, Monismus, felbft Naturalismus, wie z. B.
bei Pierfon, der fchließlich bei dem äfthetifchen Naturalismus
von D. Fr. Strauß ankommt.

Als die Väter der modernen Richtung in Holland
werden Opzoomer in Utrecht und Schölten in Leiden
genannt. Es folgt dann eine außerordentlich fleißige und
reichhaltige Darftellung der gefchichtlichen Entwicklung, in
der fo ziemlich alle Streitfchriften von rechts wie von links
angeführt und befprochen werden, fo daß man hier einen