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Ausgabe:

1913

Spalte:

464-466

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bonet-Maury, Gaston

Titel/Untertitel:

Die Gewissensfreiheit in Frankreich vom Edikt von Nantes bis zur Gegenwart 1913

Rezensent:

Lachenmann, Eugen

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Theologilche Literaturzeitung 1913 Nr. 15.

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faffer vorfchwebenden letzten Ziele, dann nimmt es lieh I graf Philipps auch

eine bedeutfame foziale Tat war, und

nur wie ein Anfang vom Anfang aus. Faßt man aber I daß wir nur dann ein rechtes Verftändnis von ihr ge-
die dem Verfaffer bedeutend näher liegende Mittelftation j winnen, wenn wir diefe foziale Seite berückfichtigen.

ins Auge, nämlich die Durchforfchung der Literatur, an
der fich in den letzten drei Jahrhunderten des Mittelalters
die Kleriker, Mönche, Nonnen, Laien von Durchfchnitts-
bildung erbauten, aus der fie ihr religiöfes Leben genährt
haben, dann hat er einen fehr refpektablen Anfang ge-
leiftet. An und für fich wäre es ja wohl wertvoller ge-
wefen, wenn er auch gleich den 2. Teil des Bandes, ohne
den der 1. doch eben nur eine Hälfte ift, mit herausgebracht
hätte; der 2. Teil foll die niederdeutschen Hiftorien-
bibeln und einige Outsiders behandeln, ferner Nachträge

Gute Dienfte können uns dabei die fchulgefchichtlichen
Arbeiten leiften, die in dem letzten Jahrzehnt erfchienen
find. Sie laffen uns tiefe Blicke tun in die Welt des
Sozialismus des Landgrafen und feiner Berater. Immerhin
reichen fie nicht aus. Es gilt, einmal im Zufammen-
hang alles das darzuftellen, was Landgraf Philipp in
fozialer Beziehung gewollt, angebahnt und erreicht hat.
Ein gutes Stück vorwärts bringt uns da das vorliegende
wertvolle Buch von Superintendent Wölfl". Es zieht in
den Kreis feiner Betrachtung diejenigen unter Philipp

zu W. Walther, Die deutfehe Bibelübersetzung des Mittel- ! dem Großmütigen fäkularifierten und von ihm wie von

alters 1889 ff. und zu den franzöfifchen und niederländifchen
Hiftorienbibeln, endlich Regifter und Textproben bringen.
Andererfeits kann man es doch auch recht wohl verftehen,
daß der Verfaffer den Wunfeh hatte, nachdem er eine leitende
Stellung angetreten hat, die ihn zunächft der wiffen-
fchaftlichen Arbeit entzieht, den druckfertigen Teil feiner
Arbeit zu edieren, und den Hamburger Behörden und

feinem Sohn Wilhelm IV. zu anderweitigen Zwecken verwendeten
Stifts- und Kloftergüter des Heffenlandes,
welche in der Zeit von 1803 bis 1806 und von 1814 bis
1866 noch zum Kurfürftentum Heffen gehört haben, und
zeigt, in welchem Umfang die eingezogenen Güter von
den Landgrafen für die Zwecke der Hof- und Landesverwaltung
zurückbehalten wurden und inwieweit fie zur

Stiftungen, die ihn durch Urlaubserteilung und Gewährung i Belohnung treuer Dienfte und zu kirchlichen und wohl-

von Geldmitteln unterftützt haben, etwas Sichtbares vor- ! tätigen Zwecken Verwendung fanden. Das Ergebnis der

zulegen. auf gründlichem Aktenftudium beruhenden Forfchungen

In der Einleitung berührt V. die Schwierigkeit der j ift äußerft intereffant. Weitaus die meiften Kloftergüter

Stoffabgrenzung. Er will unter deutfehen Hiftorienbibeln
verftehen ,deutfehe Profatexte, die in freier Bearbeitung
den biblifchen Erzählungsftoff, möglichft vollftändig, erweitert
durch apokryphe und profangefchichtliche Zutaten,
und unter Ausfchluß oder doch Zurückdrängung der erbaulichen
Gloffe darbieten', ohne Rückficht auf die Vorlage
. Bei der Verfilztheit der volkstümlichen Erbauungsund
frommen Unterhaltungsliteratur aus der 2. Hälfte des
Mittelalters wird es fich immer empfehlen, den Rahmen
weit zu fpannen und Verwandtes mit in Betracht zu ziehen.
In der Gruppierung der Texte fchließt fich V. möglichft
an Theodor Merzdorf, Die deutfehen Hiftorienbibeln des
Mittelalters 1870 an. Die wichtigfte Abweichung vondeffen
Schema ift dadurch bedingt, daß V. für gewiffe Hiftorienbibeln
eine neue Hauptquelle, nämlich einen deutfehen
Auszug aus der Historia scholastica des Petrus Comestor,
entdeckt hat. Im ganzen werden 88 Handfchriften aus
aller Herren Länder eingehend befchrieben und rangiert.
Ich habe die Befchreibung der Zwickauer Hf. I. IV. 6 kontrolliert
und faft tadellos genau gefunden. Der Eintrag
auf der Innenfeite des Vorderdeckels ,Legantur cum iudicio'
ift übrigens nicht zu datieren: etwa 17.Jahrhundert, fondern
flammt von der Hand Stephan Roths (f 1546) und
ift fein Eigentumsvermerk. Der Vollftändigkeit halber
hätte vielleicht durchweg auf die Bibliothekskatologe, fo-
weit fie gedruckt vorliegen, verwiefen werden können. Vgl.
z. B. auch zu Nr. 81 Mühlhäufer Gefchichtsblätter 12 (1911)
S. 122 f.

20 treffliche Reproduktionen von Seiten aus den be-,
fchriebenen Handfchriften find beigegeben. Leider find
fie durch das ganze Buch verftreut und fehlt in den Be-
fchreibungen meift die Bezugnahme auf die Tafeln.

Zwickau i. S. O. Clernen.

Wolff, D. W., Sup. a.D.: Die Säkularifierung und Verwendung
der Stifts- und Kloftergüter in Heffen-Kaffel unter
Philipp dem GroBmütigen und Wilhelm IV. Ein Beitrag
zur deutfchenReformationsgefchichte. (XXIII, 410 S.) 8°.
Gotha, F. A. Perthes 1913. M. 7 —-

Die heffifche Reformation wird ohne Zweifel vielfach
unter ganz einfeitigen Gefichtspunkten betrachtet. Man
fieht in ihr lediglich die große religiöfe Tat, die in ihren
Folgeerfcheinungen auch eine gewiffe politifche Bedeutung
gehabt hat. Diefe Betrachtungsweife ift in der Exklufi-
vität, in der fie uns zumeift begegnet, nicht berechtigt.
Vor allem ift feft zu halten, daß die Reformation Landkamen
in den Nutzen des Volkes, wie aus den Ausführungen
über die Begründung der Univerfität Marburg,
die Dotation von Pfarreien und Hofpitälern, die Ver-
forgung der ritterfchaftlichen Töchter in den Stiften
Kaufungen und Wetter, die Dotation der Landeshofpi-
täler Haina und Merxhaufen für die Alten, Schwachen
und Kranken auf den Dörfern, die Einrichtung der Rotenburger
Emeritenkaffe für verdiente Geiftliche, die Stiftung
der fürftlichen Pfarrwitwenkaffe klar zutage tritt. Aus-
zufetzen habe ich an dem Buche nur ein Doppeltes.
Einmal, daß die Studien des Herrn Verfaffers auf das
oben angegebene Gebiet befchränkt worden find. Die
Ausführungen über die Gründung der Univerfität Marburg
zeigen, daß er unbedingt hätte weitergreifen müffen.
Die altheffilchen Teile des fpäteren Kurfürftentums Heffen
find kein in fich abgefchloffenes Gebiet. Sodann aber,
daß der Herr Verfaffer darauf verzichtet hat, die Verwendung
der Ortskirchengüter wenigftens nebenbei in
den Kreis feiner Betrachtung hereinzuziehen. Es würde
fich dann wohl ergeben haben, daß bei den Säkularifa-
tionen des Landgrafen Philipp ein ganz fefter Plan zugrunde
lag. Ich will ihn kurz fo faffen: Die Ortskirchengüter
werden in erfter Linie zur Dotierung von Pfarr-
ftellen, deren eine ganze Reihe neu gegründet ward, zur
Errichtung der für die örtliche Armenpflege und andere
örtliche Zwecke gefchaffenen Kirchenkaften und zur
Schaffung oder zum Ausbau von Schulen in Städten und
Amtsorten verwandt. Was überfchüffig ift, findet mit-
famt den Stifts- und Kloftergütern — foweit diefe nicht
anderweitig im Intereffe des Hofs, der Regierung und der
Landesverwaltung verwandt werden — feine Verwendung
zum Bellen von Anftalten wiffenfehaftlicher und humanitärer
Art, die die Aufgaben löfen follen, die von der Einzel-

gemeinde nicht gelöft werden können: Gründung der
hiverfität und Stipendiatenanftalt über den Lateinfchulen,
Gründung der hohen Hofpitalien für Blinde, Sieche, Taub-
ftumme, Epileptifche, Bankerotte über der Armenpflege
der Einzelgemeinde. Trotz diefer Ausftellungen gebe ich
gerne zu, daß Wölfls Buch uns wefentlich weiterbringt.
Wer fich über die foziale Seite der heffifchen Reformation
orientieren will, kann an ihm nicht vorbeigehen.
Sein Studium wird jedem viel geben.

Darmftadt. Diehl.

Bonet-Maury, Gallon: Die Gewiflensfreiheit in Frankreich
vom Edikt von Nantes bis zur Gegenwart. Deutfehe Ausgabe
, unter Mitwirkung des Verfaffers bearbeitet von