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Ausgabe:

1913 Nr. 1

Spalte:

24-26

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stewart, J. M‘Kellar

Titel/Untertitel:

A critical Exposition of Bergsons Philosophy 1913

Rezensent:

Mellone, S. H.

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 1.

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Chriftentums und eine feiner Alleingiltigkeit entfprechende
Einzigartigkeit feiner Urgefchichte und der Perfon Jefu
fich leichter einigen, folange die biblifche Kritik nur an den
Wundern Anftoß nimmt, aber die Chriftologie in den
Reden Jefu, insbefondere auch des vierten Evangeliums,
für reine Gefchichte nimmt. Der Often ift noch unent-
deckt, Schopenhauer und Nietzfche exiftieren noch nicht,
und Strauß hat noch kein Leben Jefu gefchrieben. Für
uns liegt die Situation anders und ift daher die Auflöfung
des Widerfpruches unmöglich. Entweder müffen wir vorwärts
zur Religionsphilofophie als wiffenfchaftlicher Grundlage
einer wefentlich praktifchen Glaubenslehre oder
rückwärts zur kirchlichen Wunderapologetik famt der
entfprechenden Beftreitung des modernen Weltbildes. Die
Glaubenslehre war ein Kompromiß von beiden und, foweit
fie das war, kann fie ad acta gelegt werden. Das ift
das Ergebnis und die Bedeutung des Buches von S.

Der zweite Widerspruch liegt nun aber innerhalb
der Religionsphilofophie felbft und flammt nicht aus der
Willkür des Denkers, fondern aus der Natur der hier
verwandten Begriffe, deren Begrenzung und Kombination
gerade den großen Vorzug von Schleiermachers Geiftes-,
Religions- und Gefchichtsphilofophie ausmacht. Zu Grunde
liegt nämlich eine Geiftes- und Kulturphilofophie, die den
Lebensprozeß der Menfchheit als die Zerfällung der tellu-
rifchen Vernunft in individuelle Einzelgeifter betrachtet und
diefe Einzelgeifter durch das Wefen der Vernunft a priori
und rational bestimmt werden läßt. Diefe Beftimmtheiten find
jedoch nur die allgemeinen Kategorien, die Entwickelungs-
linien, innerhalb deren die individuellen Geifteswerte fich
nach dem Wefen der Vernunft verteilen müffen, die geo-
metrifchen Orter, auf denen fie fich bewegen müflen. Das
hier jedesmal entstehende konkrete Leben famt feinen Wertinhalten
und foziologifchen Formen ift dann doch immer
etwas lediglich Tatfächliches, nur in feiner kategorialen
Zugehörigkeit, nicht feinem Wefen konftruierbares. Damit
ift fchon der zweite Grundbegriff angegeben, der der
Individualität, der jede Kulturbildung auf den vorgezeichneten
Linien als etwas völlig Unkonftruierbares, das Ganze
in eigentümlicher Komplexion Mifchendes und infofern
Irrationales bezeichnet. Es handelt fich jedesmal um In-
dividualifationen der Gefamtvernunft, die die Elemente
des Ganzen unter der Dominante eines Einzelnen ganz
fpezififch verbinden. Der Kulturprozeß wird dadurch zu
einer Totalität von Individualitäten, in denen die felbft
bereits tellurifch individualifierte Gefamtvernunft fich auslebt
. Daraus folgt ein Relativismus, der dem Rationalismus
der erft gefchilderten Begriffe völlig entgegensteht.
Dazu kommt dann aber noch als drittes die ethifch-
teleologifche Auffaffung des Kulturprozeffes als Entwicklung
der tellurifchen Vernunft zur vollen Herrfchaft über
Natur und Sinnlichkeit, bis zur Vergeiftigung des Natürlichen
und der Naturalifation des Geiftes. Das ift
dann ein abfolut normativer Gedanke, der fowohl dem
Relativismus der Individualifationen als dem bloß formalen
Rationalismus der möglichen Schemata der Kulturbildungen
fchroff entgegensteht. Indem die Religion duschaus als
organifcher Bestandteil diefes Vernunftprozeffes aufgefaßt
wird, gelten von ihr alle diefe Schwierigkeiten genau fo
wie von den anderen Einzelwerten der Kultur und vom
Kulturprozeß als Ganzen. Hierin find die fchwankenden
Äußerungen Schleiermachers begründet, die es nie zu
einer bestimmten Ausfage über die Stellung des Christentums
im Ganzen kommen laffen, die vielmehr stets zwifchen
einem äfthetifch-individualiftifchen Relativismus, einem evo-
lutioniftifch-normativen Glauben an die Höchftgeltung des
Chriftentums und einer rationaliftifchen Gleichfetzung des
Chriftentums mit der voll realifierten Vernunft hin-
und hergehen. Das führt in der Tat in die eigentlichsten
Schwierigkeiten der modernen Religionsphilofophie hinein.
Sobald man die Hegelfche dialektische Entwicklungslehre
und den Kantifchen Rationalismus ablehnt, wie das ja
auch Schleiermacher getan hat, befindet man fich mitten

in diefen Schwierigkeiten. Süskind hat fie vortrefflich
beleuchtet. Zu ihrer Lösung beizutragen war hier nicht
feine Aufgabe. Wenn er für die Lösung auf meine ,Ab-
folutheit' verweift, fo ift es richtig, daß fie — übrigens
größtenteils instinktiv — auf den Schleiesmacherfchen
Bahnen fich bewegt. Aber ich muß gestehen, daß mir
gerade angefichts feiner Darfteilung die Schwierigkeiten
auch meiner Pofition recht zu Bewußtfein gekommen find.
Auch auf Eduard Zellers vortreffliche Abhandlung ,Die
Annahme einer Perfektibilität des Chriftentums hiftorifch
und dogmatifch untersucht', Kleine Schriften 1911 Bd. III,
dürfte hingewiefen werden. Hier gilt es, die begriffliche
Arbeit noch weiter zu vertiefen und zu klären. Die feinen
Analyfen Süskinds find ein vortreffliches Mittel dazu, und
man kann auf den zweiten Teil gefpannt fein.

Heidelberg. Troeltfch.

| Stewart, J. M'Kellar: A critical Exposition of Bergsons

Philosophy. (X, 304 S.) 8°. London, Macmillan & Co.
1911. s. 5 —

Balsillie, David, M. A.: An Examination of Prof. Bergfon's
Philosophy. (XII, 228 S.) 8°. London, Williams & Nor-

" gate 1912. s. 5 —

Unzweifelhaft ift Stewarts Buch das beste englifcheBuch
überBergfon, das bis jetzt veröffentlicht ift. Wir halten es für
' das beste nach Inhalt und Methode. Die Methode des
j Verfaffers besteht darin, zuerst eine freie und fympathe-
| tifche Darstellung von Bergfons System und dann eine
i forgfältige und eindringende Kritik desfelben zu bringen.
! Aber Darstellung und Kritik find vollständig gefondert
j und in verfchiedene Abfchnitte des Buches gestellt. Der
Vorzug diefes Verfahrens ift größer, als es auf den ersten
Blick erfcheint. Stuart bemüht fich, zu zeigen, daß drei
Fragen zu beantworten bleiben, nachdem wir den von
Bergfon uns vorgelegten Gedankengängen gefolgt find:
1. Hat Bergfon genügend bewiefen, daß rein intellektuelle
j Erkenntnis auf die Vorstellung mechanifcher Beziehungen
der Dinge im Raum befchränkt ift? 2. Hat er die
! Möglichkeit jener Mittel, die Wirklichkeit zu erreichen
oder zu ergreifen, die er Intuition nennt, bewiefen? 3. Wenn
Intuition, wie Bergfon fie verfteht, möglich ift, haben die
Nutzanwendungen, die er von ihr gemacht hat, uns irgend
eine Erkenntnis gebracht, die ganz außerhalb der Grenzen
des intellektuellen Wiffens liegt? Stuart beantwortet
alle diefe Fragen in verneinendem Sinne.

Die erfte Frage rührt an das Zentrum aller philofo-
I phifchen Schwierigkeiten, die diefes berühmte System
aufweist. Z. B: Die Frage nach dem Urfprung der Materie
ift in der Bergfon'fchen Philofophie enge mit der
Frage nach der Natur des Intellekts verknüpft. Bergfons
Grundanfchauung ift, daß .Materie' und ,Geift' nicht der
j Art fondern dem Grade nach verfchieden find. Aber er
nimmt manchmal einen fo großen graduellen Unterfchied
I an, daß diefer einem Unterfchiede der Art nach gleichkommt
. Er unterfcheidet im Geilte des Menfchen eine
doppelte Reihe von Bewegungen, einmal die Spontanität
j und Freiheit, welche das beständige Schaffen von Neuem
in fich fchließt, und dann die des Mechanifchen und Au-
I tomatifchen, welche eine bloße Wiederholung von Altem
I involviert. Diefe Gegenüberstellung ift im allgemeinen zur
! Deutung der Wirklichkeit angewendet. Der fundamentale
fchöpferifche Vorgang fchließt eine Aufwärts- und eine
| Abwärtsbewegung in fich; letztere richtet fich auf die
j Zunahme des bloß .Homogenen' und Mechanifchen an
dem, was wir Materie nennen; fie entsteht aus einer Er-
fchlaffung (detente) des fchöpferifchen Prozeffes felbft,
indem er in fich felbft eine Dafeinsform hervorbringt, die
ihn begrenzt und die er zu bezwingen hat.

Unmöglich kann man Bergfons Theorie annehmen,
| daß der Intellekt unfähig fei, den fchöpferifchen Vorgang
! (edan vital) in feinem ganzen Wefen zu verstehen oder