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Ausgabe:

1913 Nr. 14

Spalte:

435-436

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stange, Carl

Titel/Untertitel:

Die Vergebung der Sünden 1913

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 14.

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mit Hilfe Kants den Glauben vertretenden Theologen
wendet er fich und kehrt gegen fie den Satz Kants, ,daß
feine Lehre alles, was das Gewiffen beläftigen und drücken
kann, von der Religion abfondere, welche endlich die
Menfchen in Anfehung der wichtigften Religionspunkte
vereinigen muß; denn alle das Gewiffen beläftigenden
Religionsfätze kamen uns von der Gefchichte, wenn man
den Glauben an deren Wahrheit zur Bedingung der Seligkeit
macht' S. 288. Dagegen betont er die Überein-
ftimmung Goethes und Schillers mit Kant, wobei er Goethes
Spinozismus und ebenfo Leffings angebliches Bekenntnis
zu diefem — m. E. mit Recht — beftreitet. Immerhin gibt
er auch bei Kant ungelöfte Probleme zu, es find freilich
die in jeder Erkenntnistheorie verbleibenden: ,Es gibt
auch Schwierigkeiten, die jede Erkenntnislehre mit der
Kantifchen teilt ; fie dürfen alfo auch Kant nicht vorgeworfen
werden' S. 115. Hier liegt nun freilich der fchwierige
Punkt. Diefe übrig bleibenden Schwierigkeiten find es,
die die Fragen immer neu in Fluß bringen. Ihnen wird
der Verfaffer nicht gerecht. Auch hat er die aus der
modernen Pfychologie, aus der Entwicklung der Mathematik
und Phyfik, fchließlich aus der Gefchichtswiffenfchaft
fich ergebenden recht fchwierigen Fragen an den Kritizismus
teils gar nicht erwähnt, teils allzuleicht abgetan.

Heidelberg. Troeltfch.

Stange, Prof. D. Carl: Die Vergebung der Sünden. 2. Tauf.
(Biblifche Zeit- u. Streitfragen. VIII. Serie, 4. Heft.)
(22 S.) 8°. Berlin-Lichterfelde, E. Runge 1912. M. — 50

Die grundlegende Bedeutung des Begriffs der Sündenvergebung
in der chriftlichen Religion will der Verf. durch
eine doppelte Betrachtung feftftellen. Er verfucht einer-
feits die fittlich-religiöfen Bedenken zu widerlegen, die
gegen den Begriff der Sündenvergebung zu fprechen
fcheinen (5—14), andererfeits darzutun, inwiefern in diefem
Begriff der Vorrang des Chriftentums vor allen anderen
Religionen zum Ausdruck kommt (15—21).

Die Bedenken, von denen St. zuerft handelt, regen
fich in der Gegenwart, wie fie auch, wenngleich in ver-
lchiedener Geftalt, im Zeitalter der Reformation und zur Zeit
Jefu auftraten. Seine ftärkfte Zufpitzung findet das Problem
in der Verbindung des ethifchen und des religiöfen Idealismus
: wie ift es möglich, an der Heiligkeit Gottes feilzuhalten
und dann doch in der Vergebung der Sünden
nicht bloß ein notgedrungenes Zugeftändnis, fondern eine
höhere Form der Offenbarung Gottes und einen höheren
Weg der Heilsverwirklichung zu fehen? Die Löfung diefes
Problems bringt Jefus dadurch, daß er zunächfl den
ethifchen Idealismus korrigiert, indem er feine Unzulänglichkeit
aufdeckt: die fittliche Forderung kann das fittliche
Leben nicht hervorbringen, fie erinnert uns vielmehr an
einen vorhandenen Befitz und ift ein Zeugnis von unfrer
Zugehörigkeit zu Gott; die göttliche Gabe bildet die Vor-
ausfetzung alles fittlichen Verhaltens; die vergebende
Liebe Gottes ift eine Illuftration diefer Tatfache. Dazu
kommt, daß Jefus durch fein Verhalten gezeigt hat, wie
die dem Sünder nachgehende Liebe mehr zu erreichen
vermag als die fittliche Forderung; indem er die Vergebung
als notwendig erkennen lehrt, bezeugt er den
Schuklcharakter der Sünde, und Hellt dabei doch durch
feine Liebe den Menfchen trotz feiner Sünden unter den
Einfluß des fittlichen Lebens.

Die Einzigartigkeit des Chriftentums und fein Vorrang
vor allen andern Religionen bewährt fich daran, daß
hier der organifche Zufammenhang des religiöfen und
des fittlichen Lebens fichergeftellt ift. Damit aber, daß
das Chriftentum fo im eminenten Sinne ethifche Religion
ift, verbindet fich die Tatfache, daß es zugleich auch die
Religion der Gefchichte ift. In intereffanten Ausführungen
weift St. nach, wie fich diefe beiden Wiffensmerkmale
bedingen und welch reichen Inhalt fie in fich faffen. Die
Möglichkeit der Gefchichte ift darin gegeben, daß in dem

menfchlichen Perfonenleben die Gemeinfchaft die Vor-
ausfetzung für das Leben des Einzelnen ift. Nun befteht
aber die Eigenart des Chriftentums darin, daß es für das
Verhältnis der Gemeinfchaft zum einzelnen Individuum
abfolute Maßftäbe aufftellt.

Mit einigen Bemerkungen über das Intereffe des behandelten
Problems für unfere moderne Zeit fchließt die
gedankenreiche und anregende Schrift.
Straßburg i. E. P. Lobftein.

Marcinowski, Dr.J.: Nervofität u. Weltanfchauung. Studien
zur feel. Behandig. Nervöfer. 2., völlig umgearb. Aufl.
(VIII, 140 S.) 8°. Berlin, O. Salle 1910. M. 3 —

— Der Mut zu lieh felblt. Das Seelenleben des Nervöfen
u. feine Heilung. (VII, 400 S.) Lex.-8". Ebd. 1*912.

M. 6 — ; geb. M. 7 —
Die beiden Bücher, die auch für den Laien und für
nervenkranke Patienten beftimmt find, gehen von dem
Gedanken aus, daß bei vielen Leuten, die an ungenannten
j ,Neurofen' ,Neurafthenie', Nervofität' leiden, der eigentliche
1 Grund der Krankheit oder vielmehr ihre fchlechte Heilbarkeit
darauf beruht, daß ihnen eine befriedigende Welt-
t anfehauung als fefter Grund für ihre fittliche Perfönlich-
keit fehlt. Diefe Beobachtung des Verf. wird jeder erfahrene
Nervenarzt beftätigen, ebenfo die Anfehauung,
daß es ihnen eben deshalb an der Kraft fehlt, die Be-
fchwerden von Seite ihres wenig widerftandsfähigen Ner-
I venfyftems zu ertragen. So läuft das Beftreben des Verf.
J darauf hinaus, die Nervenkranken zu einer fittlich gefef-
j tigten Perfönlichkeit zu erziehen, die der nervöfen Leiden
j Herr wird. Im erften Buch trägt er eine Weltanfchauung
vor, der im wefentlichen die Idee des pfychophyfifchen
I Parallelismus zugrunde liegt, wenn Verf. diefes auch nicht
j Wort haben will (,feelifches und körperliches Gefchehen
ftellen einen identifchen Vorgang mit einer inneren und
einer äußeren Front dar'). Von diefem Standpunkt aus
fucht er die Bewußtfeinsvorgänge, das Gefühlsleben und
die Willensfphäre dem Kranken klar zu machen und ihn
darauf zu führen, wie feine fubjektiven Befchwerden der
Ausfluß feelifcher Vorgänge find, die er korrigieren oder
überwinden kann. So zeigt er feinen Kranken, daß die
Erkenntnis von den angeborenen Anlagen und von der
erblichen Belaftung noch keineswegs eine abfolute Abhängigkeit
des Schickfals von außer uns liegenden Momenten
bedeutet, daß mit Hilfe der aus unferem Erkenntnisvermögen
zufließenden Vorftellungen unfere Handlungen
bis zu einem gewiffen Grade im Sinne einer Willensfreiheit
beftimmt werden. Alle diefe Anfchauungen find nicht
neu und wollen es wohl auch nicht fein; nur wie fie der
Verf. dem Kranken vorträgt und dadurch feine Lebens-
anfehauungen beeinflußt, ift originell und in gutem Stil
gefchrieben, wenn ich auch bezweifeln möchte, daß das
Gros der Kranken fich durch diefe Dinge durcharbeitet.

In dem anderen Buch wird von M. hauptfächlich das
,pfychoanalytifche' Verfahren zur Aufdeckung der Ur-
fachen eines nervöfen Zuftandes und zu feiner Heilung
j gefchildert. Der Verf. fleht hier völlig auf dem Boden
der Fr eud 'fchen Schule, deren Anfchauungen kurz folgende
find: Im Seelenleben, den Gefühlen, wie den übrigen
i Motiven der Handlungen fowohl bei Gefunden, wie bei
I Geifteskranken, namentlich aber bei den erwähnten Grenz-
| zuftänden fpielen eine befondere Rolle Vorgänge und
j feelifche Erlebniffe, die zur Zeit ihrer Wirkung meift dem
| Bewußtfein entfehwunden find, aber dennoch vermöge eines
von ihnen hervorgerufenen und abgefpaltenen Affektes
eine ftarke Einwirkung auf das Handeln, felbft auf die
Bildung und Richtung des Charakters entfalten können.
! Sehr häufig find diefe Vorgänge fexueller Natur im weiteften
Sinne und gehören der Kindheit des Betreffenden an,
wozu die weitere Annahme Freud's erforderlich ift, daß
! die Kinder "eine lebhafte, wenn auch noch nicht auf das
| normale Sexualziel gerichtete Sexualität befitzen. Aus die-