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Ausgabe:

1913 Nr. 1

Spalte:

21-24

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Süskind, Hermann

Titel/Untertitel:

Christentum und Geschichte bei Schleiermacher. 1. Teil 1913

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 1.

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Miffion. Im Guftav Adolf-Verein war er nacheinander
Vorfitzender des Zweig- und Hauptvereins, lange Zeit
Mitglied des Zentralvorftandes, in deffen Schriftführeramt
er noch zwei Jahre vor feinem Tode eintrat. Der bewußte
Lutheraner hatte ein warmes, weites Herz für alles Evan-
gelifche. Der Paftor, dem jeder, daß er es war, anfehen
mußte, ftand mitten in allen Kulturintereffen der Zeit. Er
gehörte zu den Männern, die immer Zeit haben und Luft,
andern zu dienen. Von wie vielen und in wie vielerlei Dingen
wurde fein wohlerwogener Rat gefacht! So ftand er vor
uns, als er zum Sonntag Reminiscere fein fünfundzwanzigjähriges
Jubiläum als Leipziger Pfarrer feierte. So kehrte
er von feiner Reife nach Italien im Herbft desfelben
Jahres zurück und griff in gewohnter Tatkraft feine
Arbeit an. Da fchlug nach einer Krankheit, gegen die
er lange angekämpft hatte, am II. März 1911, allen unerwartet
, ihm die letzte Stunde.

Wir danken es dem Verf. — es ift wohl Prof. Guftav
Hölfcher in Halle, der ältefte unter drei Söhnen die er
neben feiner Gattin und einer Tochter hinterlaffen hat —
von Herzen, daß er uns das Bild Wilhelm Hölfchers fo
frifch und fo wahr gezeichnet hat. Die Anzeige diefes
Büchleins, das jedem empfohlen werden kann, ift von
felbft wie zu einem Nachruf geworden.

Leipzig. Härtung.

Süskind, Repet. Lic. Dr. Hermann: Chriftentum u. Golchichte
bei Schleiermacher. Die gefchichtsphilofoph. Grundlagen
der Schleiermacherfchen Theologie, unterfucht. I.Teil:
Die Abfolutheit des Chriftentums u. die Religions-
philofophie. (XII, 198S.) gr. 8°. Tübingen,J.C.B.Mohr.

M. 5.60

Unter den prinzipiellften Gefichtspunkten ift es die
Hauptfrage der heutigen Theologie, ob und wie fie gegenüber
der Unermeßlichkeit von Vergangenheit und Zukunft
des Menfchen, der Vielheit der großen univerfalenReligions-
fyfteme, der Gefpaltenheit und dem Wechfel der chriftlichen
Entwickelung und fchließlich der hiftorifch-kritifchen
Einreihung der chriftlichen Urgefchichte in dieZufammen-
hänge und in die kritifchen Unficherheiten der Allgemein-
Gefchichte die Geltung der chriftlichen Lebenswelt behaupten
könne. Solange das Chriftentum die herrfchende
Lebensmacht ift und die Konkurrenten rein hypothetifch
oder fehr fern und unwirkfam find, ift es ein bloß aka-
demifches Problem, das für den Praktiker nicht exiftiert
oder mit der kirchlichen Wunder- und Sündenlehre leicht
ferngehalten werden kann. Sobald aber von innen und
außen die Chriftlichkeit unferer Kultur erfchüttert wird,
ift es das eigentliche Zentralproblem, das gegenüber der
Erwartung einer religionslofen Zukunft oder einer neuen
Religion oder einer rationellen Vernunftreligion oder eines
allgemeinen Synkretismus und Relativismus ernftlich unterfucht
werden muß und von deffen Löfung, wenn fie pofi-
tiv ift, eine neue Formung der chriftlichen Gedankenwelt
felbft ausgehen muß. Und zwar ift mit diefer Frage-
ftellung die Gefamtanfchauung vom Chriftentum bereits
fo fehr in die Sphäre des modernen und allgemeingiltigen
wiffenfchaftlichen Denkens übergetreten, daß auch die
Antwort nur durch diefes felbft, nicht aber durch eine
gewaltfame Repriftination der kirchlichen Wunderapologetik
oder eine eigenfinnige Behauptung rein fubjektiver
Glaubensüberzeugung, gegeben werden kann. Steht aber
das Problem fo, dann ift es eine fehr belehrende und die
Situation klärende Vorunterfuchung, zu zeigen, wie weit die
Löfung des Problems bei den Vätern der heutigen Theologie
, bei Kant, Schleiermacher und Hegel gediehen war,
d. h. zugleich, wie weit die dort fchon erreichten Löfungen
durch die mit den Refultaten jener nur fpielende Reftau-
rationstheologie wieder verfchüttet worden find.
r r Suskind unterfucht Schleiermachers Verhältnis zur
Gefchichte unter diefen Gefichtspunkten. Es ift neben

Wehrungs nur die Frühzeit betreffender Arbeit die
einzige wirklich eindringende Unterfuchung, ausgezeichnet
durch Scharffinn und Umficht, Klarheit und Reife. Alles
Wefentliche ift mit diefer Unterfuchung klargeftellt. Das
Verdienft ift um fo größer, als die Sachlage bei Schleiermacher
fehr verwickelt, um nicht zu fagen, verzwickt
ift. Ebendeshalb kann auch das Ergebnis der Unterfuchung
hier nur im wichtigften Umriß dargeftellt werden.

Nach einer verhältnismäßig einfachen, aber fehr radikalen
Behandlung des Problems in den Reden zeigen fich
bei dem kirchlichen Theologen alle Spannungen zwifchen
Philofophie und Theologie, die dem Syftem Schleiermachers
trotz oder wegen der bekannten ,entfchloffenen
Aufeinanderftimmung' beider eignen, an diefem Punkte
befonders peinlich. Seine Philofophie oder vielmehr die
aus diefer entwickelte, aphoriftifche Religionsphilofophie
Schleiermachers hat andere Ergebniffe als feine Theologie
oder die fich als felbftverftändlich gebende Vorausfetzung
der Wahrheit des biblifch-kirchlichen Bewußtfeins. Er
bemüht fich, beide aufeinander zu flammen, aber es geht
dabei nie ohne fchroffe Widerfprüche ab, die er felber
fehr wohl kennt, aber durch feine Dialektik zu zerftreuen
fucht. Die Sache wird nun aber dadurch noch verwickelter,
daß auch der rein religionsphilofophifche Anfatz feiner -
feits von widerfpruchsvollen, aber jeder für fich einleuchtenden
, Grundbegriffen auseinandergeriffen wird.

Der erfte Widerfpruch betrifft das Verhältnis von
Religionsphilofophie und Theologie. Hier fleht auf der
einen Seite, eine religionsphilofophifch und gefchichts-
philofophifch begründete rein wiffenfchaftliche Theologie,
die die Anerkennung der Geltung des Chriftentums von
der Religionsphilofophie übernimmt, auch mit ihren Mitteln
das charakteriftifche Wefen des Chriftentums feftftellt und
dann diefes in der freien fymbolifchen Sprache der Interpretation
des chriftlich-frommen Gefühls unter Vermeidung
von Zufammenftößen mit gefichertem Weltwiffen und im
Anfchluß an den biblifch-kirchlichen Sprachgebrauch darfteilt
. Auf der anderen Seite fleht eine Auffaffung der
Theologie, welche die Geltung des Chriftentums als felbft-
verftändliche Vorausfetzung des kirchlichen Gemeinbewußt-
feins ohne jede nähere Begründung einfach zu Grunde
legt und die vergleichende, gefchichtsphilofophifche
Religionsphilofophie lediglich zum Zweck einer befferen
defkriptiven Fixierung des Chriftentums und der aus ihm
der Glaubenslehre zu Grunde zu legenden Zentralidee
heranzieht. Der Widerfpruch der Begründungsweife ift
ein radikaler im Verfahren, aber auch ein radikaler in
der Sache, infofern die reine Religionsphilofophie es beften-
falls zur Höchftgeltung des Chriftentums neben andern
dauernden Hauptformationen des religiöfen Bewußtfeins
bringt, während die kirchliche Theologie mit der Vorausfetzung
der Kirche auch die völlig einzigartige, alle Zukunft
in fich auffangende Alleingeltung 'behauptet. Der
Widerfpruch ift unauflösbar, und die Zufammenftimmungen
find, wie fo vieles bei Schleiermacher, ein bißchen fophi-
ftifch. Um ihn zu erklären, verweift S. auf Schleiermachers
alles gern in der Schwebe haltendes und in diefer
Schwebe dialektifch vereinigendes perfönliches Wefen hin.
Ich glaube meinerfeits, daß hier vor allem auch auf den
damaligen Stand hiftorifcher Kenntniffe, insbefondere auf
die fchmalen hiftorifchen Kenntniffe Schleiermachers, hin-
gewiefen werden muß. Wo man als konkurrierende
Religionen neben dem Chriftentum nur das Judentum und
den Iflam kennt, die wurzelverwandt find und unter denen
das Chriftentum unzweifelhaft die höchfte Ethifierung und
Vergeiftigung des gemeinfamen Grundes ift, da mag man
leicht oszillieren zwifchen einer Anerkennung aller drei
als Individualifationen des Monotheismus und der Selbft-
verftändlichkeit der Alleingeltung des Chriftentums. Wenn
aber die Religionen des Oftens in den Horizont treten
und peffimiftifch-pantheiftifche Religiofität im eigenen Kreis
entfpringt, da wird man weniger forglos fein können.
Ebenfo kann man über das unveränderliche Wefen des