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Ausgabe:

1913

Spalte:

405-406

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ehrenberg, Hans

Titel/Untertitel:

Kritik der Psychologie als Wissenschaft 1913

Rezensent:

Elsenhans, Theodor

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4os

Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 13.

406

feitens der Metaphyfik geübte Intuition ficherer gehen und
erfolgreicher fein, wenn fie gleichfam vorbereitet wird
durch eifrige Mitarbeit an der wiffenfchaftlichen Analyfe.

Soweit die methodologifchen Erörterungen Bergfons.
Die Metaphyfik, zu der er felbft gelangt ift, hat er niedergelegt
in feinem Buch ,L'Evolution creatrice'. Es ift hier
nicht der Ort darauf weiter einzugehen. Aber es ift
vielleicht nicht überftüffig, darauf hiuzuweifen, welches
Intereffe die moderne proteftantifche Theologie mit ihrer
ftarken Betonung des Satzes, daß die Religion Sache des
Erlebniffes fei, an der Unterfcheidung des franzöfifchen
Philofophen zwischen zwei Erkenntnisarten hegen kann,
dem unmittelbaren Erleben oder, wie es hier genauer heißen
muß, dem anfchauenden unmittelbaren Erleben einerfeits,
dem analyfierenden begrifflichen Wiffen anderfeits. Was für
Konfequenzen fich aus dieser Diftinktion für die Religions-
philofophie ergeben können, hat Bergfon felbft noch nicht
ausführlicher dargelegt; er hat fich über feine Stellung
zur Religion bis jetzt kaum geäußert: höchftens kämen
einzelne kurze Auffitze wie die Artikel in Foi et Vie,
1912—13, über Leib und Seele in Betracht, wo der Autor
geradezu für das Recht des Unfterblichkeitsglaubens eintritt
. Aber es gibt glühende Verehrer des gefeierten Parifer
Denkers, die bereits auf deffen Methodologie als die Grundlage
einer neuen zukunftsreichen Apologetik die Aufmerk-
famkeit lenken (vgl. die Schrift des Mathematikers Eduard
Le Roy, Une Philosophie nouvelle, Paris, Alcan, 1912).
Allerdings würde es fich dabei um eine Apologetik handeln,
die fchwerlich gegen den Vorwurf des.Modemismus'gedeckt
und vor der Verurteilung durch Pius X. gefchützt wäre.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Ehrenberg, Priv.-Doz. Dr. Hans: Kritik der Pfychologie als

Wiffenichaft. Forfchungen nach den fyftematifchen
Prinzipien der Erkenntnislehre Kants. (XII, 249 S.).
gr. 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1910. M. 6.40

Nach der Anficht des Verfaffers diefer tüchtigen
erkenntnistheoretifchen Arbeit hat der Neukantianismus,
von dem er felbft ausgeht, bisher zwei Epochen erlebt,
eine erfte, in welcher das Intereffe vorwiegend auf den
erften Teil der Kritik der reinen Vernunft, die tranfzen-
dentale Äfthetik, gerichtet war, und eine zweite, in welcher
, befonders durch Hermann Cohen, neben den Kategorien
auch die Bedeutung der .Grundfätze des reinen
Verftandes' ans Licht gezogen, aber in einer gewiffen
Einfeitigkeit der Begriff der Natur ohne weiteres mit dem
der mathematifchen Naturwiffenfchaft identifiziert wurde.
Einer drittenEpoche des Neukantianismus, an deren Schwelle
wir flehen, wäre daher die Aufgabe zu ftellen, einerfeits
fich auch die letzten Abfchnitte der Kritik anzueignen,
andererfeits mit diefer Vollendung der erneuten Bearbeitung
des Einzelnen zugleich den Rückblick und den
fyftematifchen Überblick über das Ganze zu vollziehen
(S. 4). Zur Einleitung einer folchen erneuten Gefamtan-
fchauung der Kritik erfcheint nun dem Verf. eine kritifche
Begründung des Pfychifchen befonders geeignet. Das
Pfychifche wird von Kant zwar ausdrücklich feinem Naturbegriffe
zugerechnet, bleibt aber in der Ausführung fo
gut wie unbeachtet, fofern fich die meiften ,Grundfätze',
befonders die fo wichtigen Analogien, ferner die Antinomien
und die aus ihnen folgenden regulativen Prinzipien
der empirifchen Wiffenfchaften faft alle nur mit der
phyfifchen Welt befchäftigen. So unternimmt es der
Verf. in eingehender Auseinanderfetzung mit Kants
Syftematik ,auch dem Pfychifchen fein Apriori zu be-
ftimmen'. Er will eine .Erkenntnistheorie des Pfychifchen'
geben, von der aus manche fonft unlösbare fyftema-
tifche Streitfragen der theoretifchen Pfychologie ihre
Löfung finden Pollen. So behandelt er in einem I. Teil
,die Grundfätze der reinen Naturwiffenfchaft' in ihrer der
inneren Erfahrung angepaßten Form, in einem LT. ,Die Dialektik
der inneren Erfahrung oder die Grundlagen der Pfychologie
als Erfahrungswiffenfchaft', in einem III. angefichts
der fyftematifchen Gliederung des Ganzen etwas nachhinkenden
Teile: .Zufätze und Darlegungen über einige
Hauptbegriffe der zeitgenöffifchen Pfychologie'. Die Ausführung
zeigt, daß diefe kritifche Grundlegung der Pfychologie
fich nicht damit begnügen will, gewiffe Prinzipien
des Neukantianismus auch in Beziehung auf das .pfychifche
Objekt' im allgemeinen zu entwickeln, um dann die
Pfychologie ihren eigenen Aufgaben zu überlaffen, fondern
daß fie der Löfung einzelner Grundfragen der
Pfychologie, wie der Möglichkeit einer pfychophyfifchen
Kaufalität, oder der .Antinomien' zwifchen Nativismus und
Empirismus, zwifchen Affoziations- und Apperzeptionstheorie
, zwifchen Überfinnlichkeit und Sinnlichkeit des
Pfychifchen dienen foll. Sie bildet fo gewiffermaßen ein
Gegenftück zu dem .Pfychologismus', der erkenntnistheo-
retifche Fragen pfychologifch behandelt, fofern fie pfycho-
logifche Fragen erkenntnistheoretifch zu löfen facht. Der
Vorwurf einer Verwifchung der Grenzen, der gegen die
erftere Richtung erhoben wird, könnte fo ebenfogut auf die
letztere Anwendung finden. Um ein Beifpiel anzuführen:
wenn in Johannes Müllers Gefetz der fpezififchen Sinnesenergien
der Satz ,daß jeder Nerv in unvertretbarer Weife
nur einer beftimmten Empfindung dienen könne' (S. 133)
ein a priori an die Erfahrung herangebrachtes Ideal der
pfycho-phyfifchen Erkenntnis verraten foll —, fo wird
damit einer pfychologifch -phyfiologifchen Hypothefe
ihrem eigenen Charakter zuwider eine tranfzendentale
Wendung gegeben. So bringt die Schrift zwar wertvolle
Beiträge zur Interpretation von Teilen der Kantifchen
Philofophie, die fonft allzuwenig Berückfichtigung finden,
aber eine wirkliche Löfung pfychologifcher Grundfragen
fcheint fie mir fchon deshalb nicht geben zu können,
weil der Verf. bei allem logifchen Scharffinn allzufehr
in der Architektonik des Kantifchen Syftems hängen
bleibt.

Dresden. Th. Elfenhans.

Zimmermann, Otto, S.J.: Ohne Grenzen u. Enden. Gedanken
über den unendlichen Gott. Den Gebildeten dargelegt.
2. u. 3. Aufl. (VII, 208 S.) kl. 80. Freiburg i. B., Herder
1912. M. 2 —; geb. M. 2.70

Sind unfere gebildeten Katholiken — für folche nämlich
ift dies Buch gemeint — wirklich fo unberührt von
allen Regungen des modernen Denkens, daß diefe dialek-
tifchen Darlegungen für fie Beweiskraft befitzen können?
und vermögen fie wirklich all diefen dialektifchen Beweisgängen
zu folgen? Namentlich bei der Auseinanderfetzung
mit Kant wird ihnen fehr viel von fpitzfindigfter Begriffs-
analyfe zugemutet.

Der Verf. ift unerfchütterlich überzeugungstreuer
Vernunftrealift. Daß man Gott nicht erkennen, fondern
nur glauben könne, das ift eine Anfchauung, die er ausführlicherer
Widerlegung nicht erft würdigt (S. 39). Sein
Gottesbeweis geht fo: ,Ich bin erfchaffen, alfo gibt es ein
Unerfchaffenes. Das Unerfchaffene aber ift unendlich.
Alfo gibt es ein unendliches, ohne Grenzen großes und
ohne Schranken gutes Wefen'. Das ift ,ein Gottesbeweis
in aller Form', denn er enthüllt zugleich ,das Wefen
Gottes nicht bloß irgendwie, fondern mit einem Male ganz'
(S. 74). Mit dem Begriff der Unendlichkeit, wird derfelbe
nur wirklich klar gedacht, ift alles weitere Erforderliche
zugleich gegeben: fo grade auch Perfönlichkeit und fchöp-
ferifche Weltjenfeitigkeit. Der Hauptfehler des Monismus
, den zu bekämpfen fich der Verf. befonders zum Ziel
gefetzt hat, ift eben der, daß er mit diefem Begriff der
Unendlichkeit nicht wirklich Ernft macht; außerdem wirft
er Alles und Unendlich durcheinander.

Es ift aber nicht nur in der apologetifchen Auseinanderfetzung
, daß gerade das Prädikat der Unendlichkeit
Gottes folche grundlegende Bedeutung gewinnt. Es
ift überhaupt das für Gottes Wefensart bezeichnendfte;