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Ausgabe:

1913

Spalte:

391-395

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmitz, Otto

Titel/Untertitel:

Die Opferanschauungen des späteren Judentums und die Opferaussagen des Neuen Testaments 1913

Rezensent:

Baldensperger, Wilhelm

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doppelten Umfang der erften Auflage haben: ohne das
Buch mit gelehrtem Ballaft zu befchweren nehmen fie auf
die verfchiedenen in den letzten Jahren hervorgetretenen
Probleme literarkritifcher wie religionsgefchichtlicher Art
Bezug. In erfterer Beziehung erinnere ich namentlich an
Bemerkungen wie die zu Am. 9, 8 ff, Hos. 1—3 ufw.,
in letzterer an feine beachtenswerte Äußerung zum Sab-
bathproblem. Ref. kann nur wünfchen, daß die Vor-
lefungen auch weiterhin dankbare Lefer finden mögen,
es gibt kein zweites Buch, das auf knappem Raum in fo
trefflicher Weife über den Entwicklungsgang der alt-
ifraelitifchen Religion zu orientieren vermag.

Straßburg i. Eis. W. Nowack.

Schmitz, Sem.-Affift. Priv.-Doz. Lic. Otto: Die Opfer-
anichauung des fpäteren Judentums und die Opferausragen
des Neuen Teflamentes. Eine Unterfuchung ihres ge-
fchichtlichen Verhältniffes. (XII, 324S.)gr. 8° Tübingen,
J.C.B. Mohr 1910. M.9.60

Nicht ohne Anregung von den verfchiedenen Richtungen
, die fich noch in unferen Tagen mit dem religiöfen
Opferbegriff befaffen, hat fich der Verf. entfchloffen, die
hiftorifche Sachlage in gründlicher Untersuchung zu er-
forfchen. Das Ergebnis ift die vorliegende breit angelegte
Monographie von über 300 Seiten. Diefer Umfang wird
nicht bloß durch die umftändliche Darftellungsart des Verf.
verfchuldet, fondern auch durch das methodisch gerechtfertigte
Bestreben, feiner Untersuchung des N. T. einen möglichst
feiten umfaffenden Unterbau zu geben, indem er
die Opferanfchauung des vorchriftlichen Judentums einem
eingehenden Studium unterzieht und darüber hinaus noch
den gegenwärtigen Stand der altteftamentlichen Opferfrage
erörtert. Auf letzterem Gebiete befitzt er keine fach-
männifche Kompetenz und begnügt fich daher über die
Anflehten einiger neuerer Forfcher wie Robertson Smith,
Wellhausen, S. J. Curtiss u. a. zu referieren. Es ergibt
fich aus diefem Überblick, daß fich für die altifraelitifche
Zeit nur einige allgemeine Merkmale feftftellen laffen (das
Opfer eine Jahwe angenehme Gabe, das Opfermahl eine
Bundesgemeinfchaft einerfeits zwifchen Gott und den
Opfernden, andererfeits zwifchen den Teilnehmern unter
fich), und daß ein ficheres Vordringen zu einer urfprüng-
lichen Opferidee ganz ausfichtslos ift.

Für die Stufe des älteren Judentums, wie fie durch
den Leviticus vertreten wird, ift es bezeichnend, daß mit
der Opferhandlung irgendwelche Reflexionen auf eine
fymbolifche Stellvertretung und eine fühnende Bedeutung
des Blutes verknüpft fcheinen, ohne daß doch die Texte
darüber eine förmliche Belehrung geben oder fich an
folchen Betrachtungen befonders intereffiert zeigen. Dies
führt zu der wichtigen Frage, ob im alten Judentum nicht
fchon eine freiere Stellung zum Opfer erkenntlich wird.
Den Spuren einer metaphorifchen Verwendung der Opferterminologie
in den Propheten und Pfalmen wird nachgegangen
und das fpärliche Vorkommen folcher übertragenen
Redeweife feftgeftellt.

Mit der Unterfuchung der Opferanfchauungen im
fpäteren Judentum erreicht S. den Höhepunkt feiner
Arbeit. Der Einficht folgend, die der wiffenfehaftlichen
Theologie längft in Fleifch und Blut übergegangen ift,
daß die urchriftliche Religion das Spätjudentum zur
direkten Vorftufe hat und von da aus gefchichtlich am
ficherften verftanden wird, hat er fich die Aufgabe geftellt,
das, was bis heute noch fehlt, eine zufammenhängende
Darfteilung der Opferanfchauung des Judentums zu liefern.
Wenn die Lückenhaftigkeit des Materials auch keine er-
fchöpfende Behandlung des Gegenftandes geftattet, fo
wollte Verf. doch den gefamten heute zugänglichen Stoff
fammeln und sichten. Ein erfter Abfchnitt über das
paläftinenfifche Judentum umfaßt die Literatur, die man
gewöhnlich hierher rechnet: Jefus Sirach, die 3Makkabäer-

bücher, die Pfalmen Salomos, die Apokalypfen ufw.
In einem 2. Kapitel kommt das Diafporajudentum und
das dort heimifche Schrifttum (LXX, Weisheit Salomos,
Arifteasbrief u. a.) zur Sprache. Befondere ausführliche
Besprechungen werden Philo und Jofephus gewidmet.
Die erft nach Vollendung des Werkes bekannt gewordenen
Oden Salomos konnten für die Darstellung felbft nicht
mehr verwertet werden; einer kurzen Bemerkung im Vorwort
zu Folge glaubt S. mit Harnack an den jüdifchen Ur-
fprung diefer Pfalmlieder und fchreibt dem Dichter in Bezug
auf den Tempel und feinen Kult eine mittlere Stellung
zwifchen Sirach und Philo zu. — Was das Verfahren betrifft
, die beiden Gebiete des paläftinenfifchen und auswärtigen
Judentums, wie fie überhaupt bei den Gefamt-
darftellungen der jüdifchen Religion herkömmlicher Weife
auseinander gehalten werden, auch in der vorliegenden
Frage zu unterfcheiden, fo fcheint es zwar nicht unberechtigt
und nicht unpaffend. Um fo weniger als nicht bloß fchrift-
ftellerifche Zeugniffe auf diefen Weg weifen, fondern auch
eine ganz bestimmte Tatfache, die jahrhundertelang fortdauernd
gewirkt hat: nämlich die Unfichtbarkeit des
Tempels und des dort ftattfindenden Kultus für die stets
zunehmende Maffe des Diafporajudentums und die in
diefer Entfernung begründete Lockerung der Beziehungen
zum Zentralheiligtum. Nichtsdeftoweniger berührt es
eigentümlich, daß man in allen, auch die innere Gefchichte
des Judentums betreffenden Fragen, immer wieder diefes
äußerliche, etwas mechanifche Einteilungsprinzip anzubringen
beliebt. Es fcheint, als müßte man, wie in der
Geiftesgefchichte überhaupt, fo auch in der jüdifchen, mehr
den verfchiedenen Volksklaffen und den Parteirichtungen
ein Augenmerk fchenken. In der Frage der Hellenifierung
des Judentums z. B. wären vielleicht, wenn doch alles Judentum
in stärkster Weife vom griechischen Geilt beeinflußt fein
foll, die fchärfften Gegenfätze nicht zwifchen Palästina
und der Diafpora anzufetzen, fondern den gebildeten
Ständen, den fozial Hochstehenden einerfeits und den
kleinen Leuten, den Stillen im Lande andererfeits. Freilich
wird über die Gedankenwelt diefer obfkuren Gruppen
die literarifche Hinterlaffenfchaft jener Jahrhunderte nicht
viel Auffchluß bringen, da Schriftwerke nicht aus folchen
Kreifen hervorzugehen pflegen. Das ift aber gerade das
Verhängnis, das fo lange über unferer theologifchen For-
fchung fchwebte, daß wir uns die vielgeltaltige reiche
Vergangenheit nur mit Hilfe von einfeitigen Zeugniffen
literarifcher Quellen vergegenwärtigen konnten. Selbst
wenn es gewiß wäre, daß die Exegefe die toten Buchstaben
der fchriftlichen Überlieferung wieder mit dem
wahren, der Gefchichte adäquaten Leben erfüllen könnte,
fo bliebe immer noch unsicher, ob in einer literarifchen
Urkunde nicht bloß eine vereinzelte Stimme laut wird
oder in wie vieler Namen fie redet. Die ganze unver-
droffen fleißige Arbeit des Verfaffers mit ihrer endlofen
Analyfe von Stellen erinnert noch lebhaft an die Art,
wie eine frühere Periode theologifcher Forfchung die
lebendige Vergangenheit mit den toten papiernen Fragmenten
des jüdifchen und christlichen Altertums rekonstruieren
zu können vermeinte. Wichtiger und nützlicher
als gelegentliche Äußerungen von Schriftstellern ift dem
Historiker für feine Zwecke die Kenntnis von Tatfachen
und konkreten Ereigniffen, welche das Geistesleben eines
Volkes beleuchten. Z. B. für die Stellung Jefu oder der Ur-
gemeinde zum Judentum find Tatfachen wie der Prozeß
und die Kreuzigung des Erfteren, oder die Verurteilung
und die Steinigung des Stephanus viel sicherere Kriterien
als die nicht widerfpruchsfreien Angaben der literarifchen
Überlieferung über die Wertung des jüdifchen Gefetzes
von feiten Jefu und der Apostel. So verdienen auch in
dem Problem, das uns hier befchäftigt, Ereigniffe wie
die Gründung des Tempels von Leontopolis oder der
Bestand eines jüdifchen Heiligtums zu Elephantine
noch eingehendere Beachtung als ihnen von S. (S. 119 f.)
zuteil wird. Die Seltenheit der bisher bekannt gewor-