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Ausgabe:

1913 Nr. 12

Spalte:

376-377

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Clausen, Otto

Titel/Untertitel:

Kirchliche Sitten u. Gebräuche in der Landsch. Eiderstedt 1913

Rezensent:

Knoke, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 12.

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großes Auffehen, wurde von Fichte, der fie offenbar
Schelling zufchrieb, (im Weimarer Kreis wurde der Jenen-
fer Hiftoriker Heinich Luden als Verfaffer genannt) mit
entfprechend fcharfen polemifchen Bemerkungen verteilen
und gab nach der Anficht des jetzigen Herausgebers
(S. 250) den eigentlichen Anftoß zur offenen Fehde zwischen
Schelling und Fichte.

Dresden. Th. Elfenhans.

Coignet, C: De Kant ä Bergson. Reconciliation de la Religion
et de la Science dans un Spiritualisme nouveau.
(157 S.) kl. 8°. Paris, F. Alcan (1911). fr. 2.50

Der Verfaffer berichtet im erften Kapitel feines elegant
gefchriebenen Büchleins von einer an Kants Freiheitslehre
anknüpfenden philofophifchen Bewegung in Frankreich.
Diefe Bewegung hatte feit 1865 eine eigene Wochenfchrift
als literarifches Organ: La Morale independante. Bei aller
Einfchärfung der naturüberlegenen Macht des menfchlichen
Willens fuchte man eine ftreng metaphyfiklofe Moral zu
begründen. Es war alfo eine fonderbare Synthefe kan-
tifcher und pofitiviftifcher Ideen. Die ganze Bewegung
hatte einen ftark politifchen Einfchlag. Dem zerfplittern-
den und unfteten Parteileben Frankreichs follte ein fefter
weitumfpannender Halt gegeben werden durch Hervorhebung
der allgemein menfchlichen Intereffen. Der Verfaffer
, der als Schriftfteller und Redakteur an der Morale
independante mitgewirkt hat, teilt u. a. feinen intereffanten
Briefwechfel mit Taine mit, in dem die Prinzipien der
ganzen philofophifchen Bewegung präzifiert werden. Der
Krieg 1870/71 bereitete der neuen hoffnungsvollen Wochenfchrift
ein jähes Ende. Im zweiten Kapitel find dann kurz
die Leitgedanken von Boutroux und Poincare, im dritten
Kapitel ausführlicher die von Sabatier vorgeführt. Auch
hier glaubt der Verfaffer eine Fortfetzung der kantifchen
Philofophie wahrzunehmen. Damit ift der eine Hauptteil
des Büchleins befchloffen. Der andere Hauptteil behandelt
die Philofophie Bergfons, der unter den franzöfifchen
Denkern der Gegenwart obenan fteht. Er gilt als der
wahre Vollender Kants. Seine Hauptfchriften, die uns
Deutfchen fchon lange unmittelbar bekannt find, werden
der Reihe nach befprochen. Der hervorftechendfte Zug
der Bergfon'fchen Lehre ift wohl die methodifche Betonung
der Intuition, die übrigens weniger zu einem Neukantianer
, als vielmehr zu einem Neuromantiker paßt.

Königsberg i. Pr. A. Kowalewski.

Kirn, f Prof. D. Otto: Vorträge u. Auffätze. Hrsg. v. Dek.
Karl Ziegler. (XVI, 244S. m. Bildn.) gr. 8°. Leipzig,
Ch. H. Tauchnitz 1912. M. 4 —

Das vorliegende Buch, das mit einem trefflichen Bilde
des dahingefchiedenen Leipziger Dogmatikers und Ethikers
gefchmückt ift, wird eingeleitet durch ein Vorwort des
dem Verftorbenen eng befreundet gewefenen Herausgebers
, in welchem uns eine liebevoll gefchriebene kurze
Lebensbefchreibung und theologifche Charakteriftik Kirns
geliefert wird, die als vortreffliche Vororientierung für
die nun wieder abgedruckten Vorträge und Auffätze
dienen kann. Aus diefer Vorrede hebe ich mit befonderem
Nachdruck hervor den Hinweis auf ,das Verhältnis be-
fonderer Dankbarkeit, in welchem der dahingefchiedene
von der Studienzeit an zeitlebens zu D. Hermann Weiß gegeblieben
ift, der uns durch feine Einführung in die Grundprobleme
der chriftlichen Ethik und befonders durch feine
tiefgründige, ebenfo fromme als freie Behandlung der
Chriftologie des Neuen Teftaments den einfachen, feften
Mittelpunkt chriftlicher Lehre zeigte'. Wer fich deffen
erinnert, wie viel der genannte, heute noch in wohlverdientem
Ruheftande lebende ehemalige Tübinger Profeffor
einft von Ritfehl zu leiden gehabt hat, den kann diefe eine
nachträgliche Anerkennung nur freuen, um fo mehr denjenigen
, dem es bekannt ift, in welch wahrhaft freifinniger

Weife der greife württembergifche Theologe feine eigene
theologifche Anfchauung und fein hiftorifch-theologifches
Urteil weitergebildet hat.

Zieglers Publikation enthält nun zunächft ein vollftän-
diges Verzeichnis der Veröffentlichungen von Otto Kirn,
für das man dem Herausgeber ichon um des in diefem Verzeichnis
liegenden umfaffenden Fleißes des Herausgebers
willen dankbar fein wird. Von den Arbeiten Kirns find
aufgenommen feine beiden Antrittsreden: 1. die Basler
über ,Wefen und Begründung der religiöfen Gewißheit',
2. die Leipziger über,Ausgangspunkt und Ziel der evange-
lifchen Dogmatik'; fodann zwei Leipziger Dekanatsprogramme
, 1. ,Glauben und Gefchichte', — die ausführ-
lichfte Arbeit aller der aufgenommenen Schriften, 2., Grundfragen
der chriftlichen Ethik'; weiterhin zwei Vorträge:
I. ,Die Verföhnung durch Chriftus' und 2. ,Schleiermacher
und die Romantik'. Den Schluß bildet als Probe der
Predigtgabe des Dahingefchiedenen eine Predigt zum
Jahresfeft des Leipziger Zweigvereins der Guftav-Adolf-
Stiftung über ,die Seligkeit des Chriftenftandes, der Grund
der Arbeit des Guftav-Adolf-Vereins'.

Dem aus dem Leben Gefchiedenen gegenüber enthalte
ich mich einer ausführlichen fachlichen Beurteilung.
Die fpezififche Eigentümlichkeit des Verf. fcheint mir in
dem Programm: ,Die Grundfragen der Ethik' zu liegen.
Hier ift der Verf. am wenigften durch feine vermittlungs-
theologifchen Vorausfetzungen beeinflußt. Gerade in feinen
dogmatifchen Arbeiten tritt diefe Befangenheit fehr ftark
hervor, befonders in dem 1. Programm und in dem Vortrag
über die Versöhnung. Die Probleme werden richtig
angefaßt, aber immer wieder, wenn es zu einer klaren
Entfcheidung kommen follte, im Endergebnis umgebogen
und die Spitzen werden abgebrochen.

Weinsberg. A. Baur.

Claufen, Paft. Otto: Kirchliche Sitten u. Gebräuche in der
Landfeh. Eiderstedt. Auf Grund v. Berichten u. Fragebogen
nach dem Stand v. Ende 1910 als Material f.
weitergreif. Forfchgn. u. f. die Kirchenarchive der
Propftei Eiderftedt zufammengeftellt. (42 S.) 8°. Garding
, H. Lühr & Dirkes (1911). M. — 75

Eine Inventarifierung jetzt noch vorhandener kirchlicher
Sitten und Gebräuche im weiteften Sinne des
Wortes ift immer ein verdienftlich.es Unternehmen, auch
wenn fie fleh nur, wie im vorliegenden Falle, auf einen
verhältnismäßig kleinen Bezirk erftreckt, wie die Land-
fchaft Eiderftedt ein folcher ift; denn kirchliche Sitten
und Gebräuche, die fleh früher in jeder Gemeinde als
unveräußerliches Erbgut von Gefchlecht zu Gefchlecht
erhielten, find feit einem halben Jahrhundert überall mehr
und mehr im Schwinden begriffen. Beweis für das letztere
ift die fehr fleißige Zufammenftellung des im Eiderftedtfchen
noch Vorhandenen; diefes ift doch bereits fehr gering
gegenüber dem in andern Gegenden, z. B. im Hildes-
heimifchen, Lüneburgifchen, Hoyafchen noch Erhaltenen.
Am meiften Eigentümliches hat fleh noch an Begräbnisfitten
in der Landfchaft Eiderftedt erhalten, worüber
S. 33—42 berichtet wird. Der Vf. gibt zu einzelnen von
ihm namhaft gemachten Sitten erläuternde Bemerkungen,
denen man in der Hauptfache zuftimmen kann. Wenn
er S. 5 die Zahl der Betglockenfchläge (6 lange und 3
kurze, oder, was ganz ungewöhnlich in einigen Gemeinden
des Eiderftedtfchen vorkommt, 7 lange und 3 kurze) mit
der Zahl der Bitten des Vaterunfers nach reformierter
(nicht wie von ihm gefagt wird römifcher) bezw. lutherifcher
Zählung und der dreigliederigen Doxologie in Verbindung
bringt, fo mag fleh diefe Deutung als lokale Klügelei
rechtfertigen laffen, gemeinkirchlich ift fie nicht. Die
Normalzahl 9 der Betglockenfchläge entweder in gleichmäßigen
Zeitabftänden oder zu drei Gruppen von je drei
Schlägen, bezw. von fechs und drei Schlägen vereinigt,