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Ausgabe:

1913 Nr. 12

Spalte:

365-366

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sänger, Jacob (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Moser ben Maimûn‘s Mischnah-Kommentar zum Traktat Baba Bathra (Kap. I - IV) 1913

Rezensent:

Bacher, Wilhelm

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365

Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 12.

366

Dionyfos! Und fo fcheint es auch mir gefichert, daß die
Pannychis vom 5. auf den 6. Januar ein altes Dionyfosfeft
war. Und auch daran ftimme ich M. zu, daß die Legende
der Weinverwandlung in Kana, deren Gedächtnis ebenfalls
auf den 6. Januar fällt (bis in unfer kirchliches Peri-
kopenfyftem hinein), aus einer Übertragung einer Dionyfos-
legende auf Chriftus entftanden ift. Noch in unferem
Evangelium hat fie die Bedeutung eines Wunders der
Epiphanie. ,Er offenbarte feine Herrlichkeit.' Weiteres
intereffantes Material zu diefem Thema findet man jetzt
noch bei Cumont, Le Natalis invicti (extrait des comptes
rendus des seances de l'Acad. des Inscr. et Belies Lettres
1911 p. 292ff".; vgl. vor allem die Bemerkungen über
Dufares p. 292).

Im übrigen habe ich dem hübfchen Vortrag nichts
weiter hinzuzufügen.

Göttingen. Bouffet.

Mose ben Maimün's Milchnah-Kommentar zum Traktat Baba
Bathra (Kap. I—IV). Arabifcher Urtext m. hebr. Über-
fetzg., Einleitg., deut. Überfetzg., nebft krit. u. erläut.
Anmerkgn. v. Dr. Jacob Sänger. (86 u. 37 S.) gr. 8°.
Berlin, M. Poppelauer 1912. M. 2.50

Gegenwärtige Arbeit reiht fich der faft unüberfehbaren
Zahl von Differtationen an, in denen Teile des großen
Mifchnakommentars Mofes Maimünis zum erften Male
in arabifchem Urtexte herausgegeben wurden. Hier erhalten
wir die erften vier Kapitel des Traktates Baba
Bathra. — Die hebräifche Überfetzung, von der das Titelblatt
fpricht, ift die bekannte Überfetzung, in der bisher
allein das Werk Maimünis ediert war. Wenn der Verf.
in der Einleitung (S. 7) von feiner /Überarbeitung der
hebräifchen Überfetzung' fpricht, fo ift das ganz unberechtigt
, da er, von einigen Stellen abgefehen, einen Wiederabdruck
der hebr. Überfetzung bietet, fogar mit Beibehaltung
offenbarer Fehler (wie z. B. I, 1, S. 1 vorl. Zeile

ft. des Plurals ivjn oder itfsn; III, I, S. 21, Z. 3 v. u.
ein finnftörendes Wv). Zu einigen Stellen gibt der Vert.
auf Grund des arabifchen Originals einen anderen hebräifchen
Text, den er aber nicht an die Stelle des alten
fetzt, fondern in den gefonderten Anmerkungen darbietet
(Anm. 56, 75, 95). Die Verbefferungsvorfchläge von Anm.
145 und 146 gibt er jedoch auch im Texte felbft (S. 26,
III, 3). Einmal mußte er ein ganzes Stück des Originals
(S. 31, III, 7), das in der alten hebr. Überfetzung fehlt,
felbft überfetzen. Er tut es aber auf unzulängliche, weder
dem Inhalte, noch dem Ausdrucke Rechnung tragende
Weife. Wie leicht den Verfaffer fein hebräifches Wiffen
im Stiche läßt, zeigen folgende zwei Beifpiele.

In II, I (S. 9, Z. 5 von unten) gibt der alte Uberfetzer das arab.
(die Befeuchtung) mit rt'-yrri wieder. An der Bedeutung des
hebr. Wortes kann kein Zweifel obwalten. In Anm. 49 (S. 24) zieht aber
der Verf. das biblifche ffW (Hiob 41, iS), Panzer, heran und leitet
daraus eine gekünftelte Erklärung ab. — In III, 7 (S. 31, Z. 7 v. u.) wird
arab. h"4S BftW Nbh mit rtS V*T* ttV© überfetzt; es ift dies die fchon
in Höh. 2, 9 fich findende und im Mifchnahebräifch öfters vorkommende
Hiphilform TWl, blicken, fchauen (ein anderes Mal gibt der Überfetzer
■v» t|B3 mit U- ^e-n wieder, III, 6, S. 30. Z. 10 v. unt.; über diefe
Bed. von SJ9 P'-3 f. Dozy, Supplement II, 470b.). Der Verf. erkennt
das hebr. Verbum nicht und fagt (Anm. 170): ,In der hebr. Überfetzung
u>u(l ftatt Y^üi — qxs = fehen, fchauen laffen gclefen werden', mit Berufung
auf Levy, Neuhebr. Wb II, 257, wo ein Verbum fc|S«i mit einem
einzigen Beifpiele aus dem jeruf. Talmud belegt ift! Dabei ift das Merkwürdige
, daß dasfelbe Verbum in einer anderen Form: V^Xn (= arab.
r>-'3n) auf der vorhergehenden Seite fich findet (S. 20, Z. 14) und vom
Verf. unbeanftandet gelaffen wird. — Auch im Arabifchen fcheint der
Verf. nicht fattelfeft zu fein. Er hätte z. B. in II, 5 (S. 13, Z. 8 v. u.)
in niEn das Imperfektum der L Form von farra (tafirru) und das 1 als
bloßen Vokalbuchftaben erkennen müffen, anftatt (in Anm. 70) die VI.
Form jenes arab. Verbums zu vermuten.

Es ift fehr zu bedauern, daß diefe Arbeit, in welcher
großer Fleiß auf die Überfetzung des edierten Textes
und auf die fowohl Sachliches als Sprachliches erläuternden
Anmerkungen verwendet ift, der foliden Grundlage
philologifchen Könnens entbehrt. Sie hat jedenfalls das

Verdienft, einen weiteren Teil des arabifchen Originals von
Maimünis wichtigem Werke auf Grund zweier Handfchriften
in einem nur feiten von Druckfehlern entftellten Abdrucke
zugänglich gemacht zu haben. Störend ift, daß ü am
Ende des Wortes ohne die zwei Punkte, hie und da mit
einem einzigen Punkte gegeben ift. Die deutfehe Überfetzung
von Maimünis Kommentar ift eine nützliche Beigabe
, läßt aber ebenfalls den Mangel an genügender
Sorgfalt erkennen. Wenn es in IV, i heißt 1312)3 "YiBSfl
rünbit ib» 3>3itn, fo hätte das fo überfetzt werden follen:
,das Perfonalfuffix von 131313 bezieht fich auf tf'SFf, nicht
(S. 80): ,der Ausdruck 131313 bezieht fich auf »Haus«'. —
Den Rechtsgrundfatz, den Maimüni in III, 8 hebräifch
anführt npibb pyiül V~Wb yisyiü, überfetzt der Verf. fo:
,ftellt man feine Forderungen an den Erben oder an den
Käufer' (S. 80). Damit ift der Sinn ins Gegenteil verkehrt.
Bei Levy (II, 173) hätte er die richtige Überfetzung finden
können: ,man führt Klage (Verteidigung) für den Erben,
fowie für den Käufer'. — Zu Anm. 30 (OK© als Name
Paläftinas) werweife ich auf meinen Artikel in J. Q. Review
XVIII, 564. — Zu Anm. 120 fei bemerkt, daß Maimüni
in der Erklärung von III, 2 einfach die Bemerkung des
bab. Talmuds (B. B. 38a) wiedergibt: n»©3 13ri3»131
13© Oll^nM (,unfer Mifchnafatz wurde zur Zeit kriegerifcher
Unruhen gelehrt').

Budapeft. W. Bacher.

Baeumker, Prieft.-Sem.-Biblioth. Dr. theol. Frz.: Die Lehre
Anfelms v. Canterbury üb. den Willen u. leine Wahlfreiheit.

Nach den Quellen dargeftellt. (Beiträge zur Gefchichte
der Philofophie des Mittelalters. X. Bd. 6. Heft.) gr. 8°.
Münfter, Afchendorff 1912 M. 2.75

Bäumkers Unterfuchung zeigt mit Erfolg, daß der oft
als Auguftiner gepriefene Anfelm von Canterbury das
Hauptmotiv der auguftinifchen Gnadenlehre fich gründlich
fern gehalten hat In diefer Formulierung würde Bäum-
ker freilich den Satz nicht gelten laffen. Denn er ift mit
Mausbach, deffen Darfteilung der auguftinifchen Auffaffung
vom Willen und der Gnade hier bereits erörtert worden
ift, davon überzeugt, daß nirgends von Auguftin der freie
Wille geleugnet fei. Er werde /vielmehr durchaus behauptet
'; nur lafle er ihn ,allzuftark' zurücktreten. ,Wenig-
ftens in der Endzeit feines Lebens' ftehe ,die Betonung
des göttlichen Gnadenwirkens im Vordergrund'. Damit
ift allerdings Auguftins Gnadenlehre nicht zutreffend gekennzeichnet
(vgl. die Bemerkungen zu Mausbachs Buch
über die Ethik Auguftins ThLZ. 1912 Sp. 559), und ebenfo-
wenig deckt es den ganzen Tatbeftand, wenn gefagt wird,
daß der Wille wie unvermögend erfcheine, auch nur etwas
zur Endwirkung, zur Seligkeit oder Verdammnis, beizutragen
. Immerhin hat aber doch Bäumker ein fo lebhaftes
Empfinden für die Lüifferenz zwifchen Auguftin
und Anfelm, daß er Anfelm das dem auguftinifchen
gerade entgegengefetzte Motiv zufprechen kann. .Hiervon
fticht nun grundfätzlich das Streben Anfelms ab, das ...
grade auf Sicherung der ebenfalls unveräußerlichen Rechte
der menfehlichen Preiheit geht, unbefchadet der göttlichen
Gnadenwirkfamkeit. Statt von einer Abhängigkeit von
Auguftin könnte man hier viel eher von einer Gegen-
fätzlichkeit reden.' Eine Abfchwächung diefer Gegen-
fätzlichkeit wäre in der Tat Harmoniftik. Wer überzeugt ift,
daß Mausbach vergeblich die Annahme einer gratia irre-
sistibilis bei Auguftin beftritten hat, wird das Gegen-
fätzliche als unvereinbar erkennen. Er wird es aber Bäumker
doch danken, daß er auf keine Harmonifierungen fich
eingelaffen hat. Wie wenig Anfelm von der Lebensfrage
Auguftins fich hat bewegen laffen und wieviel ihm an der
Wahrung der Wahlfreiheit des Willens gelegen gewefen
ift, zeigt jeder Abfchnitt der Unterfuchung Bäumkers.
Zwar muß Anfelm, deffen Erörterungen über den Willen
nicht auf pfychologifchen Analyfen aufgebaut find, fondern