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Ausgabe:

1913 Nr. 12

Spalte:

364-365

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meyer, Arnold

Titel/Untertitel:

Entstehung und Entwicklung des Weihnachtsfestes 1913

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 12.

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neuen Auflage, beides zu gewinnen, denn das eine gehört
einfach zum Thema des Werkes, das andere ift von
großem pädagogifchen Wert: fo ganz ift der Aberglaube
ja doch noch nicht ausgerottet, daß der Philologe die
Archäologie entbehren könne! Dankbar zu begrüßen ift
es, daß die griechifche Literaturgefchichte jetzt auch ihre
eingehende Literaturüberflcht erhalten hat.

Der dritte Band behandelt die Gefchichte und die
Staatsaltertümer der Griechen und Römer. Für den
Theologen ift da befonders intereffant die von E. Korne-
mann flammende Darftellung der Kaiferzeit, zumal der
Periode von Diokletian bis zur Mitte des 7. Jahrhunderts.
Sie ift, wie das Ganze, frifch gefchrieben und inhaltsreich
auf kleinem Räume. Dazu kommt die anregende, weil
lesbare und gut auswählende Überficht über die Quellen,
und in dem Abfchnitt ,Gefichtspunkte und Probleme'
das religionsgefchichtlich wichtige Kapitel 4 über Neurom
und Neuperfien.

Ein paar kirchengefchichtliche Wünfche habe ich
anzumelden. K. findet (S. 229) in dem Eingreifen Kon-
ftantins in den Donatiften- und Arianerftreit eine Verletzung
der 311 und 313 proklamierten allgemeinen
Toleranz. Das ift nur rein formell angefehen richtig:
tatfächlich war der Staat genötigt, Partei zu ergreifen,
denn es handelte fleh für ihn nicht um Gewiffensfragen,
fondern darum, welche von den ftreitenden Parteien als
rechtmäßige Inhaberin des Kirchengutes, der Kirchengebäude
ufw. anzufeilen und polizeilich zu fchützen
fei. Und zweitens: wenn das Kaifertum fleh auf die
mächtige Organifation der Kirche ftützen wollte, fo hatte
es das lebhaftefte Intereffe daran, innere Zwiftigkeiten zu
befeitigen. Konftantin war in Nicaea einen falfchen Weg
gegangen, wie er felbft bald einfah, und Konftantius hatte
gar keine ,arianifche Glaubensrichtung', fondern wollte
Ruhe fchaffen, weiter nichts. K. braucht hier wie fonft
das Wort ,arianifch' nach dem traditionellen Schema der
orthodoxen Gefchichtsklitterunm ja S. 232 redet er fogar
von dem ,arianifchen oßoiovöioq : das ift gerade fo richtig,
wie wenn heutzutage jemand von dem Sozialdemokraten'
Baffermann fpricht. Mit der von K. (S. 231) gelobten
Toleranz des Julian, Jovian und Valentinian hat es auch
feine eigene Bewandtnis. Selbft der Prinzipienreiter Julian
mußte den Athanasios in die Verbannung fchicken,
Jovian hatte in dem halben Jahre feiner Regierung keine
rechte Zeit zur Kirchenpolitik, und Valentinian fand in
feinem Werten keine ernfthaften Schwierigkeiten vor, und
das Wenige, was ihm begegnete, erledigte er unter dem
Gefichtspunkt des Ruhefchaffens. Valens im Often hatte
die weit fchwierigere Aufgabe, die er mit fo glücklicher
Verkehrtheit anfaßte, daß Theodofius die kirchliche Einheit
als Frucht der Fehler feines Vorgängers ernten
durfte.

S. 234 wird Ambrofms das ,Haupt der abendländifchen Hierarchie'
genannt, was nur fo eingefchränkt richtig ift, daß man es in einem
Studentenbuch als falfch bezeichnen muß, weil es falfche Vorftellungen
notwendig weckt. Das gleiche gilt von dem Satze (S. 234), Auguftin
habe in ,de civitate dei die Grundlinien für jenen ,Gottesflaat' gezogen
, der im Mittelalter unter der "Führung des Papftes die Erbfchaft
des Weltreichs übernommen hat'. — Die ,ftarke Wandlung in religiöfer
Hinficht, die jene Paganifierung der griechifch-orthodoxen Kirche gebracht
hat' (S. 240) fetzt nicht erft im 7. Jahrhundert ein, fonderu ift
fchon im 4. Jahrhundert voll da. S. 251 vermiffe ich ein Eingehen auf
die einfehneidende Kritik, die E. Schwartz (P-W. VI 1376(1.) an der
überlieferten Form der Eusebianifchen Chronik geübt hat: dazu muß
jeder Hiftoriker Stellung nehmen. Der Raum dafür kann an dem Bericht
über die faktifch ja ziemlich wertlofe Chronik Hippolyts (S. 250) eiu-
gefpart werden. Unter den Darftellungen der religiöfen Entwicklung ift
(S. 265) keine einzige Kirchengefchichte genannt. Ein Verweis auf
H. v. Schubert, K. Müller und Duchesne ift für den Studenten hier unentbehrlich
; ich würde doch auch die typifchen Studentenbücher Kurtz
und G. Krüger nennen.

Jena. Hans Lietzmann.

Meyer, Prof. Dr. A.: Entftehung u. Entwicklung des Weih-
nachtsfeftes. (39 S.) gr. 8°. Zürich, Leemann & Co.
1911. 2. Aufl. 1913. M. 1 —

Unter der anfpruchslofen Form des Abdruckes eines
mehrfach gehaltenen Vortrages gibt uns A. Meyer eine
Skizze der Gefchichte des Weihnachtsfeftes, die jetzt bereits
in zweiter Auflage vorliegt. Es ift darin mehr
enthalten als eine Zufammenfaffung fchon bekannter
Ergebniffe. Meyer überrafcht uns — wenigftens am
Anfang — mit einer neuen Erkenntnis. Ufener hatte
uns in feinem großen Buch über das Weihnachtsfeft, dem
wir für die Gefchichte des Feftes fo viel verdanken, vor
dem letzten ungelöften Rätfei fliehen laffen. Er hatte uns
nachgewiefen, daß das Feft der Epiphanie das alte Weihnachtsfeft
der Chriften gewefen fei, aber er hatte uns noch
nicht gefagt, woher denn nun das Epiphaniasfeft flamme.
In einem zweiten Bande, der nicht erfchienen ift, follte
dies Rätfei gelöft werden. Im Vorwort deutet uns Meyer
an, daß er neben der Benutzung des Buches Ufeners die
Probleme mit ihm mündlich habe durchfprechen können,
befonders den Zufammenhang von chriftlicher und heid-
nifcher Epiphanie und die Bedeutung des 6. Januar. Es
ift alfo wohl teilweife ein Stück aus dem Nachlaß Ufeners,
wenn wir hier nunmehr des Rätfels Löfung treffen. Die
Feier des Epiphaniasfeftes entftand durch Übertragung
eines alten Dionyfosfeftes auf Chriftus. Es läßt fleh er-
fchließen, daß in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar dem
Dionyfius zu Ehren eine Pannychis gefeiert ift und daß
es eben die Epiphanie des Dionyfos war, die man urfprüng-
lich feierte. Zum Beweife führt M. die Kuitüberlieferung
an, daß im Tempel des Dionyfos zu Andros am 5|6. Januar
fleh ein Weinwunder vollzogen habe, es feien dort Krüge,
die man in ein veiffchloffenes Gemach geftellt habe, mit
Wein gefüllt wiedergefunden. Das ift allerdings nicht
ganz richtig. Soweit ich fehe, hat M. hier verfchiedene
Kultüberlieferungen durcheinandergeworfen. Wir haben
eine dreifache Überlieferung. 1) Nach dem Bericht des
Mucianus überliefert Plinius, daß auf der Infel Andros
vom 5. Januar ab alljährlich eine dem Dionyfos geheiligte
Tempelquelle 7 Tage hindurch mit Wein ftatt mit Waffer
fließe (H. N. II 106,11; XXXI 13.) 2) Ähnliches berichtet
Diodorlll 66 von der Infel Teos. Dort foll eine Weinquelle
ztzayßivoiq yoövoiq fließen. 3) Dagegen ift das Wunder mit
den Krügen in Elos lokaliflert (Paufanias VI 26, 1. vgl. Plu-
tarch quaest. gr. p. 299A), und zwar Hellte man die Krüge
am Abend in das Heiligtum, um fie am anderen Tage mit
Wein gefüllt vorzufinden, vgl. Nilsson, griechifche Fefte
S. 291—293. Erft aus der Kombination diefer Notizen ergibt
fleh der Schluß, daß das Wunder fleh in der Nacht vom
5. auf den 6. Jan. vollzog und daß die Feier des Feftes
mit einer Pannychis vom 5. zum 6. Jan. begann. Neu
war mir der Hinweis, daß Epiphanius angibt, daß er bei
zwei derartigen wunderbaren Quellen in Lykien und Karien
den wunderbaren Wein felbft gekoftet haben will, und daß
Epiphanius das fchon als Beweis dafür anführt, daß der
fechfte Januar der rechte Tauf- und Geburtstag Jefu fei. —
Mit Recht deutet dann ferner M. die bekannte Schilderung
der Feier der Geburt des Gottes ,Aion' in der Nacht vom
5. auf 6. Januar, die uns wiederum von Epiphanius Piaer.
51,22 überliefert ift, auf eine heidnifche Feier, den rätfel-
haften Gott Aion auf Dionyfos, die naQdevoq Koqt) auf
Perfephone. Ich halte diefe Kombination für richtig und
die Weiterführung der Unterfuchung an diefem Punkt
über Ufener hinaus, der in jener Feier den Kult einer
chriftlich gnoftifchen Sekte gefehen hatte, für glücklich,
wundere mich aber, daß M. die befte Beftätigung für
feine Kombination nicht erwähnt hat. Denn derfelbe
Epiphanius berichtet uns von einer ähnlichen Feier an dem-
felben Datum in Petra und Elufa und erwähnt ausdrücklich
von derjenigen in Petra, daß fie zu Ehren des Gottes
Dufares des ßovoysvfjq önajtöz/jq gefeiert werde. Der
arabifche Gott Dufares aber ift in griechifcher Auftaffung