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Ausgabe:

1913 Nr. 12

Spalte:

362-363

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gercke, Alfred

Titel/Untertitel:

Einleitung in die Altertumswissenschaft. I. u. II. Bd., jeweils 2. Aufl. III. Bd 1913

Rezensent:

Lietzmann, Hans

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 12.

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der Idee eines Gottes, deffen felbftherrlicher Willenserklärung
der Menfch fich einfach zu unterwerfen hat.

Hier vor allem offenbart fich die erheblich größere
Reichhaltigkeit der Arbeit L.s. Ift er im erften Kapitel
fämtlichen Spielarten nachgegangen, die des Wort öiaVrjxr]
im Sprachgebrauch der Griechen zeigen kann, fo unter -
fucht er im zweiten nicht minder gründlich die Bedeutung
von tTna im A. T. Dann erft hält er fich für berechtigt,
auf die in der LXX vollzogene Gleichfetzung beider Ausdrücke
einzugehen. Urfprünglich im profanen Leben
feierliche Abmachungen verfchiedener Art bezeichnend
konzentriert fich m"D immer mehr auf das religiöfe Gebiet.
Dabei ftreift es den Charakter doppelfeitiger Verpflichtung
allmählich ab, wird zur .gnadenreichen Offenbarung
eines ewigen göttlichen Willens', ja fchließlich die begriffliche
Form, welche die tiefften Erlebniffe und Ideen in
fich aufnimmt, kurz eine Bezeichnung der ifraelitifchen
Religion felbft. Die Zufammenlegung von tVtB und öia-
&rjy.?l in der LXX ift für beide Teile bedeutfam.' 6ial)f)xr]
nimmt den reichen und tiefen Gehalt auf, den tTna im
Laufe der Zeit gewonnen hatte; für die altteftamentliche
Berithvorftellung andererfeits verliert fich bei diefer Art
der Überfetzung alle Gefahr, daß man an ein zweifeitiges,
entgeltliches Gefchäft denken könnte, das der Menfch mit
Gott abfchließt.

Während B. von der LXX nach einem kurzen, im
Anhang untergebrachten Wort über Philo^ gleich auf das
N. T. überfpringt, behandelt L. erft öiat)r]xi] bzw. Berith
im fpäteren Judentum (Kap. 4). Auch hier erweift fich
öuc&t}xt] als die begriffliche Form für den Inhalt des
jüdifchen Glaubens. Von befonderer Bedeutung ift die
jüngft entdeckte Damaskusapokalypfe, in der die Idee
einer neuen Berith mit dem Meffiasgedanken verbunden
erfcheint.

In den letzten Kapiteln ihrer Schriften wenden fich
unfere Autoren zur 6iai)i)x>j im N. T. (B. Kap. 3, L.
Kap. 5). B. kommt zu folgendem Refultat: ,die vorherr-
fchende Bedeutung von diad-rjxij im N.T. ift ,einfeitige
Verfügung, Anordnung, Willenserklärung'. Als religiöfer
Terminus hat öia&?jx}j ausfchließlich diefen Sinn. Begrifflich
näher beftimmt ift 6iai)rjxi] die Gottesverfügung, .. .
durch die er das Verhältnis zwifchen fich und der Menfch-
heit gemäß feiner Heilsabficht regelt, die autoritative
göttliche Verordnung an die Welt, die eine entfprechende
Ordnung der Dinge in der Welt zur Folge hat'. Daß
fich die Ergebniffe L.s hiermit ganz decken follten, wird
niemand erwarten. Aber fie flehen den Ausführungen
B.s auch nicht abfolut unvereinbar gegenüber. Der Bedeutung
, die Berith im A.T. fchließlich gewonnen hat,
entfprechend entdeckt L. bei Paulus und im Hebräerbrief
diafrrjx?] als,Summe alles Chriftentums'. Das Abendmahlswort
verlieht er dahin, daß Jefus die alte Hoffnung des
Jeremia auf eine neue Gottesordnung wieder aufgenommen
und auf feinen bevorftehenden Tod als das Mittel ihrer
Verwirklichung hingewiefen habe. Am weiteften entfernt
fich L. von B. darin, daß er wegen des in neuteftament-
licher Zeit herrfchenden Sprachgebrauches als Überfetzung
für &afrfpctl im N.T. nur ,Teftament' zulaffen will. Ein
.Teftament' freilich, das dadurch, daß die LXX das Wort
äutfrfpm durch Gleichfetzung mit tTna zum Träger religiöfer
Ideen machte, Mark modifiziert worden ift. Ein
.Teftament und doch wiederum nicht Teftament'. Beide
Forfcher treffen fich aber in der Ablehnung des Ausdrucks
,Bund' zur Wiedergabe und Erklärung des neu-
teftamentlichen Wortes öia.&i)x']. Darin werden fie gewiß
Recht haben.

Breslau. Walter Bauer.

Jacquier, E.: Le Nouveau Testament dans l'Egüse chre-
tienne. Tome I. Preparation, Formation et definition
du Canon du Nouveau Testament. (450 S.) kl. 8°.
Paris, V. Lecoffre 1911. Fr. 3.50

Die vorliegende Kanonsgefchichte ift eine Ergänzung
zu dem in Frankreich weitverbreiteten vierbändigen Einleitungswerke
des gleichen Verfaffers: Histoire des livres
du NT. Das Buch ift fehr gut gefchrieben, J. zeigt fich
hier wieder, wie fchon früher, als vorzüglicher Schriftfteller.
Voran flehen einführende Unterfuchungen und Begriffs-
beftimmungen. Ihnen folgt ein Abfchnitt, der die .Vorbereitung
' des Ntlichen Kanons fchildert. Alle in Betracht
kommenden Schriftfteller bis auf Juftin werden hinficht-
lich ihrer Stellung zu der fich bildenden Sammlung der
Ntlichen Schriften unterfucht. Im zweiten Teile kommt
die Bildung des Kanons im Weiten und im Often während
der Zeitabfchnitte 170—220 und 220—350 zur Darfteilung;
die noch vorhandenen Schwankungen in der Kanonsabgrenzung
werden feftgeftellt, und im Anfchluß daran wird
weiter das Ende der Kanonsbildung in der alten Kirche
350—450 gefchildert: in Alexandrien, Antiochien, Syrien
und im übrigen Often, hierauf im Wetten, wo Rom und
Karthago führen. Die letzten Abfchnitte handeln vom
Kanon in der mittelalterlichen und der neuen Zeit, wobei
befonders die Beftimmungen des Trienter Konzils
(über die deuterokanonifchen Bücher und die Vulgata)
und weiter modernkatholifche Anfchauungen über die
zweifelhaften Schriften des NT. bemerkenswert find.

Abgefehen davon, daß das Buch vorzüglich gefchrieben
ift, zeigt es auch große Kenntnis der Dinge,
Scharffinn und vornehme Haltung. Die meiften Partien
des Buches geben keinen Anlaß zu kritifchen Bedenken.
Strittig bleibt vor allem der erfte Teil der Darfteilung,
die Vorbereitung des Kanons bis auf Juftin. Es ift fehr
intereffant, hier zu fehen, wie J. mit leifen Umbiegungen,
vorfichtigem Auffetzen und Verhetzen von Lichtern zu
dem Ergebniffe kommt, daß zwifchen 90—170 faft alle
Schriften des NT. nicht nur bekannt waren, fondern auch
daß fie und nur fie in der ganzen Ausdehnung der chrift-
lichen Kirche mit göttlicher Autorität bekleidet waren.
Lefenswert find weiter für uns Proteftanten auch die Ausführungen
über den Kanon in der neueren katholifchen
Kirche.

Wien. Rudolf Knopf.

Gercke, Alfred, u. Eduard Norden: Einleitung in die Alter-
tumswiirenlchaft. Unter Mitwirkung von J. Beloch,
E. Bethe, E. Bickel, J. L. Heiberg, B. Keil, E. Korne-
mann, P. Kretfchmer, C. F. Lehmann-Haupt, K. J.
Neumann, E. Pernice, P. Wendland, S. Wide, F. Winter
hrsg. Lex. 8°. Leipzig, B. G. Teubner.

L Bd. Methodik, griech. u. röm. Literatur, Sprache, Metrik. 2. Aufl.
(XI, 632 S.) 1912. M. 13 — ; geb. M. 15—. — IL Bd. Griech. u.
röm. Privatlehen. Griech. Kund. Griech. u. röm. Religion. Ge-
fchichte der Philofophie. Exakte Wifleufchaften u. Medizin. 2. Aufl.
(VII, 442 S.) 1912. M. 9—; geb. M. 10.50. — III. Bd. Griech. u.
röm. Gefchichte. Griech. u. röm. Staatsaltertümer. (VIII, 428 S.)
1912. M. 9 —; geb. M. 10.50.

Es ift erfreulich zu fehen, wie eifrig dies fchöne, im
Jahrgang 1911 S. 450 ff. hier angezeigte Werk gekauft
worden ift: während der dritte Band erfchien, mußten
die erften beiden Bände bereits neu aufgelegt werden.
Natürlich konnten unter diefen Umftänden nur Ver-
befferungen von Einzelheiten vorgenommen werden, die
an nicht wenigen Stellen zu bemerken find; durchgreifende
Änderungen, wie fie uns für die .Methodik' befonders wün-
fchenswert erfchienen find, mußten unterbleiben. Die
Darftellung der ,griechifchen Kunft' durch Winter hat
das .Kapitel über Parallelen der Dichtkunft' leider verloren
, und doch dafür keine Skizze der römifchen Kimft-
entwicklung bekommen. Vielleicht gelingt es, bei einer

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