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Ausgabe:

1913 Nr. 12

Spalte:

358-360

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Duhm, Bernhard

Titel/Untertitel:

Anmerkungen zu den 12 Propheten 1913

Rezensent:

Nowack, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 12.

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Diefe nicht zu übertreffende Skrupellofigkeit, gepaart
mit nur fchlecht verhehlter völliger Unficherheit, zeigt fich
nun auch daran, daß L. je nach Laune und Gemüts-
ftimmung ein- und denfelben Ausdruck in gleichen oder
doch gleichartigen Zufammenhängen bald fo und bald
ganz anders erklärt.

Ich darf von einem Fall wie dem folgenden nicht viel Aufhebens
machen: hätu nach S. 76f., 12 = .ausgraben', nach S. 78f., 25 ,suchen',
nach S. 93, 57 .finden'. Denn im Index hat L. das Richtige dafür, nämlich
.prüfen', was er freilich fchon auf S. 77 hätte wiffen müffen. Aber
ich darf Fälle wie die folgenden herausgreifen: supälu (subelu) S. 89, 30
richtig — .ändern', aber S. 103, 25 .verwechfeln', 1S9, 45 wieder .ändern',
ebenfo 193, Col. III, I, aber 261, 30 .beugen', 275, 19 .unterdrücken'
und fo dann auch — falfch — im Index. — u -f- summu, von L.
(sammu) summu gelefen, nach S. 91, 19 mit pelu zufammen = ,Moor-
hirse(?)', 155, 37 allein = .Knoblauch(ftaude') (was siimu wäre!), 169, 21
mit pelu zufammen = .Knoblauch' + .Mofchus', im Index allein =
.Moorhirse'(?), im übrigen nach C T XII, 35, 34 etc. trotz Sargon, Prunk-
infehrift, Z. 169 nicht (sammu) summu, fondern usummu, falls nicht etwa
samsummu zu lefen — und, foweit ich fehe, ein Wort für ,Wildfehwein'.
S. Sargon, Annalen 432, und C T XII, 35, 34 etc. — etpesu (= ,klug')
nach S. 105. 5 = .tatkräftig', 121, 45 = ,weife', 141, 64 ebenfo, auf der-
felben Seite Z. 2 aber = .fürforglich', 151, 16 = .gewandt', im Index
wieder = .tatkräftig'. Ufw. Dabei wirkt es befonders fchmerzhaft, wenn
L. hier und da ein und dasfelbe Wort an ein und derfclben Stelle mit zwei
verfchiedenen, mit einander verknüpften Bedeutungen, alfo doppelt über-
fetzt: lu z. B. auf S. 83, 24 unten = ,ja' (was es übrigens nicht heißt),
aber 4 Zeilen weiter in einem ganz analogen Falle = .fürwahr' + (lj
,möge(n)'. Und gaggaclä, beziehungsweife kakdä, S. 145, 29 unten fo-
w'ie 151 Col. II, 10, = ,immer' +(l) in meinem Haupte (was nebenbei
gaggadä oder kakdä nie heißen kann)!

Doch auch mit folchen Dingen fteht L. noch nicht
auf der Höhe feiner Leiftungsfähigkeit. Was der Verfaffer
der fumerifchen Grammatik der affyrifchen antut, wie er
deren allerelementarfte Gefetze mitleidslos mit Füßen
tritt, das muß auch der affyriologifche Fuchs im 2. Se-
mefter als wuchtige Ohrfeigen empfinden.

Gleich die erde Seite (60): Dort Z. 18 zuruiSsu (= ,in feinem Leibe,
oder meinetwegen: Sinne') nach I„, der dabei offenbar an s(s)ursu .Wurzel'
denkt, = ,von Grund auf .gründlich')!); und dazu eine Anmerkung, wonach
zurrussu = surris fein foll, das aber .alsbald' heißt. An der my-
ftifchen Verworrenheit diefes Deutekunftftücks belfert es nichts, daß L.
im Index die Möglichkeit einer Überfetzung ,in feinem Herzen' in
Erwägung zieht. — Nach S. 62 Anm. zu Z. 22 foll ein pakku für wakku
flehen. — S. 74, 43 und S. 92, 15 eine Form askuui(!)m. — S. 76,30 und im
Index eine. Form uia[s!]kini(!)m. — Formen wie lipua (S. 94, 56), kakkua (S.
102, 27) SAL-mu-u-a (S. 290, 19; wo aber ganz felbftverftäiidlicherweife,
auch ohue S. 168, 15, mim-mu-u-a hätte tranfkribiert werden müffen)
follen Singulare mit Suffix fein können! — suklule nach S. 95, 10 Plural
eines Adjektivs! — imhur und ismä nach S. 103, 17f. o. Imperative! —
lü isik nach S. 103 Col. III, 15, lü zulul nach ibid. 19, lüsandil und
lürabbiä nach S. 195, 2Sf. und lüäepis nach S. 239, 40 Imperative mit
lü davor! — saplänu nach S. 127, 30 Plural eines Adjektivs! — berütim nach
S. 139, 7 fem. Plural eines Subftantivs! — ummäDät mit der Endung ät
nach S. 147, 34 Plural von ummänu .Werkineifter' und daneben nach
S. 257, 36 das Ideogramm)!) UM-ME-A (für ummänu) mit märe davor
= ,meine(!) Gelehrten', weil nach dem Index ummu ein Kollektiv mit
der Bed. .Werkleute' fein folll — däni(!) rab(!) iläni (1. dafür diku(d)-
galli iläni) nach S. 259, II = .großer Richter der Götter' und tä ibbi ku
nach ibid. Z. 20 ,deiue reine Befchwörung'! — S. 279, 22 tasrimmi ram-
ma, wie nach L. für eventuelles um' immiramma zu lefen, nach demfelben
(im Anfchluß an Mefferfchmidt) = .erwies mir Gnade', indem beide
Wörter nach ihm von r-'-ro — CHI abzuleiten find. — S. 293, 12 liskunü
— .fürwahr fie find zur Ruhe gegangen".! — Und zum Schluß: lummuris
nach S. 291, 5 = ,habe ich zu ihm geredet', ein fchlechthin nicht zu
überbietender Weltrekord; denn diefes deutfehen Wörter fchließen nicht
weniger als 4 fchlimmfte Sünden gegen den heiligen Geift des Affyrifchen
an einem Worte in fich! Ufw.

Ohne jede Frage find alle diefe und ungezählte andere
Verftöße nur zu einem Teil auf pure Ünwiffenheit,
zum größten Teil auf eine, freilich ungewöhnliche, Ge-
dankenlofigkeit und Überftürzung zurückzuführen. Aber
das ändert nichts an der Tatfache, daß die Tranfkrip-
tionen und namentlich die Überfetzungen L.'s, die doch
zu einem guten Teil für Nicht-Affyriologen beftimmt find,
für diefe unbrauchbar, weil durchaus unzuverläffig find,
Und für Affyriologen völlig wertlos. Diefen tagen fie auch
rein garnichts Neues von irgend welchem Belang, fördern
das vorher erreichte Verftändnis der Texte fogut wie
in keiner Weife. Und der mangelnde lexikalifche Ertrag
wird auch nicht etwa durch gelegentlich beigefügte ara-
bifche und fonftige Etymologien in etwas erfetzt, da diefe,
foweit neu, meift felir zweifelhaft find und dazu noch

| zwar auch wieder von der Flüchtigkeit des Verfaffers, aber
von feiner Kenntnis der femitifchen Sprachen, wenn eines,
nur ein fehr fchlechtes Zeugnis ablegen.

Dasfelbe gilt, wie jeder aus den obigen Ausführungen
erfchließen muß, vom Wörterverzeichnis: es ift durchweg
äußern: nachläffig gearbeitet und fügt den ungezählten
Flüchtigkeiten, Leichtfertigkeiten, Willkürakten und Elementarfehlern
in den Texten zahllofe neue hinzu. Proben
find hier eigentlich unnötig. Sie flehen wohl auf jeder
Seite, z. T. in Haufen beifammen. Zwei Beifpiele genügen:
ilu ,Gott' und nachher ilütu .Gottheit' bringt L. auf S. 314
beide unter einer Wurzel iby; und ein, übrigens äußerft
zweifelhaftes [ejrüm, das nach ihm aufS. 156 ,Löwe' heißen
foll, findet fich im Index ebenfalls als ein Wort primae yl

Von anderen Flüchtigkeiten des Buchs muß ich hier
infolge mangelnden Raumes fchweigen. Nur möchte ich
in eigener Sache noch bemerken: Auf S. 122 läßt mich
L. etwas behaupten, mit dem ich nichts zu fchaffen habe,
und ebenfo auf S. 119, wo er nun noch gar gegen den
von ihm konfluierten Unfinn Front macht!

Daß der f. Z. affyriologifch ausgebildete Überfetzer,
der doch gelegentlich in den Anmerkungen eigene (freilich
nicht immer einwandfreie, übrigens z. T. in den
Berichtigungen zurückgenommene) Notizen bringt, nicht
in ausgiebigfter Weife wenigftens dort verbeffernd einzugreifen
vermocht hat, wo.offenbare Sünden zutage lagen,
muß uns befremden. Denn es ift doch fchlechthin unvor-
ftellbar, daß er diefe nicht wenigftens in zahllofen Fällen
auch gefehen hat.

Das Vorltehende zu fchreiben ift mir aus manchen
Gründen nicht angenehm gewefen, fchon weil der erfte
Teil des L.fchen Buches ganz gewiß nicht ohne Meriten
ift. Aber da Protektionswirtfchaft, Leifetreterei oder
fchonende Nächftenliebe verhindern werden, daß den
Laien überall ein helles und farblofes Licht über das
L.fche Buch aufgefteckt wird, fo glaubte ich jenen eine
rückfichtslofe Aufrichtigkeit fchuldig zu fein und dabei
einmal wieder neue Verftimmungen mit in den Kauf
nehmen zu müffen. Schließlich muß doch auch dafür
geforgt werden, daß man nicht etwa L.'s Leiftung in einem
Atemzuge mit den bisher erfchienenen Bänden derVorder-
afiatifchen Bibliothek nennen darf. Diefe entfprechen
wenigftens in der Hauptfache durchaus dem Programm
der Herausgeber der Vorderafiatifchen Bibliothek, daß
fie in .Behandlung von Text und Sprache wie in der
Überfetzung dem Stande der Wiffenfchaft Entfprechendes
geben' follen. L.'s fprachliche Behandlung feiner Texte
fleht aber tief unter dem heutigen Stande der ernften
Wiffenfchaft. Und vielleicht kann unfere Renzenfion auch
ein wenig nützlich fein im Hinblick auf zukünftige, uns
von den genannten Herausgebern in Ausficht geftellte
Veröffentlichungen.

Marburg i. H. P. Jenfen.

Duhm, Prof. D. Bernhard: Anmerkungen zu den 12 Propheten.

[Aus: .Ztfchr. f. d. altteftamentl. Wiff.'j (IV, 116 S.)
gr. 8°. Gießen, A. Töpelmann 1911. M. 3 —

Diefe Anmerkungen zu den kleinen Propheten, die
zuerft in der Zeitfchrift für altteftamentliche Wiffenfchaft
erfchienen, verfolgen den Zweck die kurz vorher veröffentlichte
Überfetzung zu rechtfertigen und zu ergänzen. Denn
wenn auch der größte Teil des Buches textkritifcher Art
ift und fich um die Herftellung des urfprünglichen Textes
bemüht, fo ift doch die Bedeutung des Buches damit
nicht erfchöpft, fondern eine ganze Reihe literar-kritifcher
Fragen wie die nach dem urfprünglichen Umfang der
Schriften und ihren fpäteren Zufätzen, nach der Zeit ihrer
Entftehung, nach den metrifchen Formen, in denen fie
gefchrieben waren, endlich folche rein exegetifcher Art
werden in diefen Anmerkungen behandelt, fo daß Duhm
mit Recht fie als einen kurzen Kommentar bezeichnen kann.