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Ausgabe:

1913 Nr. 12

Spalte:

355-358

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Langdon, Stephen

Titel/Untertitel:

Die neubabylonischen Königsinschriften, bearb 1913

Rezensent:

Jensen, Peter

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 12.

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einen Überblick über die Gefchichte des Buddhismus,
zunächft des Buddhismus in Indien.

Ohne in die Tiefe zu dringen, enthält der Abfchnitt doch manche
gute Bemerkung. Nur einiges könnte mißverftanden werden, fo z. B. die
Behauptung, Buddha hätte das Kaftenwefen verworfen (S. 5). Das hat
er nicht getan, fondern der Realität folcher durch das Karma begründeten
Unterfchiede der Menfchen alles Recht widerfahren laffen, nur befchränkt
fich nach feiner Lehre die Bedeutung folcher Unterfchiede des Karma
eben ganz und gar auf das Weltleben; fowie der Erlöfungspfad befchritten
ift, verlieren fte ganz von felbft ihre Bedeutung. Aber ihre Realität im
Reiche des Karma wird dadurch nicht berührt. — Daß Buddha die Götterverehrung
verworfen hätte, wie an gleicher Stelle behauptet wird, ift
ebenfalls nicht richtig (wenn man heute auch noch vielfach in Büchern
diefem Irrtum begegnet, wie bei früheren Befprechungen in diefem Blatte
hervorgehoben wurde). Ebenfo ficher als der Buddha felbft über den
Göttern (devä) fteht und fie unter feinen Willen zwingt, ebenfo ficher fteht
der gewöhnliche Menfch unter der Führung und Leitung göttlicher Mächte,
das wird an vielen Stellen des Kanons unzweideutig ausgefprochen; be-
fonders auf die alten, alfo dem echten und urfprünglichen Buddhismus an-
gehörigen Strophen im Mahäparinibbänasutta (p. 14 ed. Childers u. p. 88
des 2. Bandes des Dighanikäya ed. Pali Text Society) fei hiugewiefen,
in denen ausdrücklich von Götterverehrung die Rede ift.

Über den Lamaismus wird im zweiten Kapitel bei
der Reformation Tsongkhapa's eingehend gehandelt. Dabei
werden auch die viel erörterten Ähnlichkeiten zwifchen
Lamaismus und Katholizismus geftreift (vgl. hierzu meine
Befprechung von Otto Weckers ,Lamaismus und Katholizismus
', ThLZ. 36. Jahrgang Nr. 9). Wenn hier der Verf.
in einer Anmerkung auf S;- 76 meint, ,es fei eine grobe
Ungehörigkeit, wenn die Ähnlichkeiten in verletzender
Weife auf die heiligften Inftitutionen der katholifchen
Kirche (z. B. das Meßopfer) gedankenlos ausgedehnt
werden', fo kann einem folchen nicht wiffenfehaftlichen,
fondern apologetifch-konfeffionellen Standpunkt in einem
fonft, wie anerkannt werden muß, durchaus wiffenfehaft-
lich gehaltenen Buche eine Exiftenzberechtigung nicht
zuerkannt werden. Denn die Wiffenfchaft hat Tatfachen
zu erforfchen, ohne fich darum zu kümmern, ob die Er-
gebniffe diefer Forfchung irgend einem konfeffionellen
oder Parteiftandpunkte genehm find oder nicht. Zu einem
Sich-verletzt-fühlen befteht im gegebenen Falle übrigens
nicht der geringfte Grund, der Ehrfurcht vor den Inftitutionen
der chriftlichen Kirchen wird durch die Ergeb-
niffe der vergleichenden Religionsforfchung in nichts zu
nahe getreten, im Gegenteil kann wahres Verftändnis
religiöfer Dinge, alfo auch echtes Chriftentum, durch folche
Forfchung nur gefördert und befruchtet werden. — Daß
zwifchen einzelnen der heiligften Gebräuche der chriftlichen
, insbefondere der römifch-katholifchen Kirche, und
lamaiftifchen Gebräuchen auffallende Ähnlichkeit befteht,
ift eine über jede Möglichkeit eines Zweifels ficher bezeugte
Tatfache, es genüge, auf die Euchariftie an diefer
Stelle hinzuweifen (fiehe dazu Waddell, Buddhism of Tibet
p. 444 ff.).

Das 3. Kapitel enthält eine ausführliche Schilderung
der Entwicklung des Lamaismus in der Mongolei.

Die tibetifche Sprache fcheint der Verfaffer zu beherrfchen, unrichtig
ift aber S. 14 die Überfetzung von sans-rgyas (des tibetifchen Wortes für
.Buddha') mit ,der Allervollkommenfte', das Wort heißt vielmehr, wie ich
an anderer Stelle nachgewielen habe (,die Tibetifche Überfetzung von
Kälidära's Meghadüta' Berlin 1907, Verlag d. Akad. d. Wiff., S. 38) genau
dasfelbe wie fkr. und Pali buddha (,der Erwachte').

Auf S. 21 ift ein fiunftörender Druckfehler flehen geblieben (,Ver-
fammlung Udänavarga' ftatt: Versfammlung U.).

Berlin. Hermann Beckh.

Langdon, Stephen: Die neubabylonifchen Königsinlchriften,

bearb. Aus dem Englifchen überf. v. Rudolf Zehn-
pfund. (Vorderafiatifche Bibliothek. 4. Stück.) (VI,
376 S.) 80. Leipzig, J. C. Hinrichs, 1912.

M. 12—; geb. M. 13 —

Die Vorderafiatifche Bibliothek hat fich durch die
3 erften von ihr erfchienenen Bände, treffliche, ja z. T. erft-
klaffige Leiftungen, einen Namen gemacht. Das Buch von
Langdon bedeutet als fprachliche Leiftung einen jähen

Abfturz. Ohne Frage fchulden wir dem Verf. aufrichtigften
Dank für die erften 58 Seiten feiner Arbeit, in denen er
vor allem über Fundort und Publikationen der von ihm
bearbeiteten Infchriften orientiert und vielerlei recht
Bemerkenswertes über deren Inhalt und ihr literarifches
Verhältnis zueinander fagt. Darin fteckt eine Fülle —
übrigens von mir nicht im einzelnen nachkontrollierter —
Arbeit, die unfere Anerkennung herausfordert. Aber fchon
in diefem Teil des Buchs wetterleuchtet es, Unheil verkündend
und an frühere bedauerliche Erzeugniffe des
Verfaffers erinnernd, fchon hier treten, wo es fich gelegentlich
um Textdeutungen handelt, Schwächen des Verf.
zutage, bei denen wir nur mit Staunen daran denken
können, daß er einen Lehrftuhl für Affyriologie in Oxford
innehat. Die Seiten 60 bis 376 — die .Druckfehler-Berichtigungen
' alfo eingefchloffen — zeigen nun leider wirklich,
daß den Verfaffer in jenem erften Teil feines Buchs nicht
etwa lediglich das unvermeidliche Schickfal einer gelegentlichen
Entgleifung getroffen hat, weil nämlich feine ganzen
Tranfkriptionen und Überfetzungen einen für einen Gelehrten
■— und ein folcher will L. doch fein — faft unerhörten
, anfeheinenden Mangel an den elementarften Kennt-
niffen, an dem befcheidenften Sprachgefühl, und ein Übermaß
an Schnellfertigkeit aufweifen. Ünd dabei muß man
nun noch hervorheben, daß feine Texte großenteils
verhältnismäßig unbedeutende Anforderungen an den
Interpreten ftellen, fchon deshalb, weil fie ungewöhnlich
ftereotyp, alfo die in ihnen verwandten Wörter und Wortverbindungen
verhältnismäßig fehr wenig zahlreich find.
Ich will über gar Vieles, Unzähliges nicht mit ihm rechten,
weil ich angefichts feiner Leiftungen in diefem Buche darauf
verzichten muß, an ihn einen höheren Maßftab zu legen.

Aber wenn wir z. B. bei ihm ein nakabu ,flößen' finden ftatt nakäpu
(S. 222, 14 und Index), oder ein lu-lul (,möge ich obfiegen') ftatt eines
lu-nar (.möge ich töten'; S. 260, 41 und Index), wenn wir bei ihm noch
Ninkigal lefen müffen ftatt Ereäkigal (182 f., 54 und Index) oder gar in der
Überfetzung und im Index noch Imgur-Hei (bezw. Bei) und rimitti-Bul
(bezw. Nimitti-Bel) ftatt Imgur-Illil und Nimitti-IUil (73, 17 ufw.), fo find
das Tranfkriptionen, denen wir auch bei den befcheidenften Anforderungen
nicht begegnen dürften, und die abermals böfe Vorahnungen für das
Weitere heraufdrängen. Und diefe find leider nur zu berechtigt: tu-ub-
bu-su-um (im Original fteht übrigens t(l)u-ub(p)-b(p)u-su-um) (jüngerer
Bruder'?) nach L. S. 63, 10 ,um ihn zu erfreuen'(l); nach S. 375 dafür
trotz des durchaus eindeutigen Originals (1) ta(!)ppussu(!) zu lefen und zu
tapputu .Genoffenfchaft' zu ftellen und nun ,als fein Genoffe' zu überfetzen
(I). — bir'u (= .Nachkommenfchaft') nach L. in feinen Texten fo-
viel wie biru ,Vifion' — was übrigens biru wohl nicht einmal heißt —
(S. 77, 8; 79, 47; Index S. 324, womit zudem noch Ina beri und ina
birit = .zwifchen' in einen Topf zufammengeworfen ift). — cnuma
= .allezeit'(?) ftatt .als' (S. 149, 28), an welcher neuen Deutung fchuld ift,
daß_L. überfehen hat, daß hinter Z. 28 ein Stück weggebrochen ift(l). —
sakänu nach Langdon = .wohnen' ftatt = .machen' (S. 101, 8; 129,
35! '65. 78; vgl. S. 292f. 12), wobei er, ftatt ans Affyrifche, mal ans
Hebräifche gedacht hat (nicht im Druckfehlerverzeichnis, und darum wohl
auch nicht auf S. 363 widerrufen). — resutu nach L. .Erfreuliches' (z. B.
S. 177. 13) oder .Frohlocken' (Index; zu derfelben Stelle) ftatt «= ,Knecht-
fchaft'. — pelu (vielleicht ein Farbwort und = ,rot') nach einer Anmerkung
zu S. 168, 21 wegen eines ,syr.-talmud. „pelä", „braun" (1. pellä)-"j"bia', das
nach Langdon eine Art zur Mofchusbereitung gebrauchten Lorbeers
bezeichnet, = .Mofchus', freilich nach S. 91, 19 und fonft mit (sammu)
summu zufammen = .Moorhirse(?)', indes nach dem Index = .Lorbeer
'. — ki(e)näti, Plural von kettu = .Rechtlichkeit', nach S. 173, 40
und Iudex = ,Gefinde'. — iskunü mitlukti (= .haben fich beraten') nach
Langdon 209, 5 .auserfehen haben'. — kima niribi kin-ni-e(I) udannin
rikis biti nach demfelben = .und fertigte wie den Eingang eines Vogel-
neftes (! ftatt: zu einem Pfeifen, Berge oder dgl.) das Gefüge des Tempels
(257i 7). — littari li-nu(!)-su (260, 44) nach Langdon = .mögen ins
Laufen kommen (dabei nach dem Index littari von w-'-r!), mögen kraftlos
werden' (was linisü wäre), ftatt .mögen erzittern, mögen wanken'. —
makätu nach ihm ■= .fällen' ,hinftreckeu' S. 269, 32 (auf Z. 2 von u. in
den Anmm. zu S. 268 lies natürlich imhas ftatt imkut) und S. 289, 36
ftatt .fallen'. Ufw. ufw.

Und all dies und ungezähltes Anderes ähnlicher Art
dabei auch noch zu allermeift ohne jedes Fragezeichen 1
Sogut wie alles ift gefichert, auch die plötzlichften und
gewalttätigften Einfälle, auch der haltlofefte Unfinn. Bedenken
und Skrupel, wie fie an recht vielen Stellen auch
der tüchtigfte Affyriologe feinen Texten gegenüber haben
würde, kennt L. kaum. L. will, empfindet es fo, und dann
ift es fo.