Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1913 Nr. 11

Spalte:

340-341

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Raab, Friedrich

Titel/Untertitel:

Die Philosphie von Richard Avenarius. Systematische darstellung und immanente Kritik 1913

Rezensent:

Mehlis, Georg

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

339

Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. Ii.

34°

zubringen. Von der fünfbändigen Gefamtausgabe der
41 Brofchüren, die der Kirchheimfche Verlag 1879 als
,erfchienen' bezeichnete, weiß heute, wie ich einer Mitteilung
Gustav Krügers entnehme, der Verleger felbft nichts
mehr. In den Bibliotheken wird man nicht leicht die
lückenlofe Reihe finden; begreiflich genug, da es unter
Kettelers Schriftchen an leichter Tagesware nicht fehlt.
Unter diefen Umftänden wird Mumbauers Auswahl auch
dem Forfcher nicht unwillkommen fein. Freilich, daß fie
populär fein will und (Bd. 1 S. 57) dazu beitragen möchte,
daß das Andenken an Ketteier ,im deutfchen Volke'
ftets fortlebe, das hat ihren Wert für jeden, der fich als
Hiftoriker mit dem Bifchof befaßt, erheblich gemindert;
das wird wohl auch der bedauern, der an die Volkstümlichkeit
der Schriften Kettelers im Sinne des Herausgebers
zu glauben vermag. Einer /achlichen' Anordnung zuliebe
(Religiöfes; Kirchliches; Kirchenpolitifches; Staats-
politifches; Soziales; Perfönliches) find in diefer Auswahl
einzelne Schriften zerfchlagen, zerlegt in Stücke, die nun
in gefonderten Abteilungen wie gemilderte Arbeiten er-
fcheinen. Glücklicherweife braucht auch der .fachliche'
Ordnungsdrang des Herausgebers nicht alles zu zerreißen.
Nicht nur einige faft durchweg unbedeutende, wenn fchon
charakteriftifche Predigten und einige fachlich wichtigere
Hirtenbriefe (darunter der vielberufene Bonifatiushirtenbrief
!), auch etliche Schriften Kettelers find nicht durch
Aufteilung zerftört worden. Wir finden fo im 2. Bande
die Buchausgabe der Mainzer Dompredigten vom Winter
1848 über ,die großen fozialen Fragen der Gegenwart'
wieder abgedruckt, im 3. Bande die Schrift über die
Arbeiterfrage und das Chriftentum (ohne die Beilagen) und
die Offenbacher Rede von 1869 über die Arbeiterbewegung.
Der Abdruck des Fuldaer Referates über kirchliche Für-
forge für die Arbeiterfchaft ift befonders willkommen,
ebenfo die Wiederholung (aus der Pfülffchen Biographie)
des Fragmentes einer früheftens im Sommer 1875 be-
gonnenenBrofchüre über Chriftentum und Sozialdemokratie.
Der 2. Band enthält eine hinreichende Auswahl aus der
Schrift .Deutfchland nach dem Kriege von 1866'; in dem
unvollftändigen Abdruck der Brofchüre ,Die Katholiken
und das deutfche Reich' wirken die Auslaffungen gelegentlich
(S. 150) ftörend. Im 3. Band find auch zahlreiche
Briefe Kettelers untergebracht und die Pfülffche Lifte der
Schriften, in die noch die 1904 von Raich beforgte Ausgabe
der Hirtenbriefe eingefügt ift. Mumbauers biogra-
phifche Einleitung (I, 1—57) paßt fich gut den Bedürf-
niffen der Lefer an, für die er in erfter Linie diefe Auswahl
beftimmt hat. Sie ift ruhiger, verftändiger und auch
ein klein wenig kritifcher gehalten als die fogleich zu
nennenden Schriften, aber fie ift doch ohne Selbftändig-
keit gearbeitet und ftellt z. B. leider die vollkommen
haltlofe Behauptung, daß Ketteier an der Unfehlbarkeit
des Papftes nie gezweifelt, fondern nur die Opportunität
ihrer Dogmatifierung beftritten habe, als etwas hin, das
.ehrlicher Weife [foü] nicht beftritten werden' könne (S.30).

Der Mainzer Katholikentag von 1911 ftand im Zeichen Kettelers,
in der Mainzer Diözefe hat man viele Kettelerfeiern abgehalten (vgl. .Katholik
' 91 [1911], 386 f.), und ganz im Geilte folcher Verfarrmlungen
fchreibt man auch Bücher über den Bifchof. Mundwilers Büchlein wird
durch den Titel und deutlicher durch die Kapitelüberfchnften (1. Der
Junker'; 2. Der ,Pfaff'; 3. Der Bifchof; 4. Soziale Grundfätze; 5. Der
Arbeiterfreund; 6. Der chriftliche Kommunift) nach Inhalt und Abfichten
gekennzeichnet. Wiffenfchaftlich bedeutungslos, ift die Schrift lehrreich
für den, der zu erkennen wünfcht, wie ein agitatorifch begabter Jefuiten-
pater es verlieht, aus der Gefchichte Kapital zu fchlagen für die Sozialpolitik
des Zentrums. Der Gewerkfchaftsftreit fpiegelt fich auch in den
Darlegungen diefes Büchleins wieder. Es entbehrt nicht des Intereffes,
daß Mundwiler die Sache der Gewerkschaften vertritt, die Rom nur notgedrungen
noch eben duldet. Die Gegner haben ihn freilich fogleich
kräftig angepackt und den Katholizismus diefes Jefuiten angezweifelt.
Man fehe die Schrift von Raimund Bayard, Die Wahrheit über den
Gewerkfchaftsftreit der deutfchen Katholiken. I. Bd.: Die Frage der
Zuftändigkeit der kirchlichen Autorität für gewerkfchaftliche Organifationen
als folche (Trier, Petrus-Verlag, rgn) S. 105 ff.

Der Umfang des Köthfchen Buches könnte die
Erwartung wecken, daß es eigenen Wert befitze. Aber

der Verf. hat nur das dreibändige Werk feines Ordens-
genoffen Pfülf fleißig ausgebeutet, in erbaulichem Sinne,
ohne jedes Verftändnis für das gefchichtlich Wichtige.
Vergleicht man die Schrift mit Forfchners Büchlein (f. diefe
Zeitfchrift 1912, Nr. 1), fo wird man die Mache etwas
gefchickter, die Tendenz gröber, das Ganze unerfreulicher
finden. Eine Auseinanderfetzung mit dem Buche ift nicht
Aufgabe einer wiffenfchaftlichen Zeitfchrift. Man darf
gefpannt fein, ob katholifche Publiziften den Mut finden
werden, diefe Arbeit fo zu kennzeichnen, wie fie es verdient.

Nur zwei Feftftellungen. Die 20 Seiten über das Vatikanifche Konzil
find durch Unklarheit, Unwiffeuheit oder Verfchweigen der gerade durch
jefuitifche Quellenwerke bekannt gemachten Tatfachen zu einem Zerrbilde
fchlimmfter Art geworden. S. 89 lieft man den (übrigens die ganze
Schreibweife des Verf.s kennzeichnenden) Satz: ,Man möchte bedauern,
daß Kettelers großartige, wahrhaft volksfreundliche und ftaatseihaltende
Ideen nicht in der Paulskirche vor der Nationalverfammlung zu Wort
kamen, aber der fcharffinnige . . . P. Pfülf erblickt darin eine »höhere
Fügung«'. Es ift fchade, daß diefe höhere Fügung, die dem Pfarrer
Ketteier angeblich in der Paulskirche, wie Pfülf fagt, ,den Mund verfchloß',
bei Licht befehen nur in der Unwiffeuheit feines Biographen befteht. Pfülf
felbft hat nachträglich, freilich fo ganz nebenbei, von Kettelers Paulskirchenrede
Notiz genommen. Köth fcheint das nicht zu willen. Vielleicht
wird wenigftens das nächfte Rinnfal aus dem Pfülffchen Sammelbecken
diefe .befondere Fügung' nicht mehr mitfchleppeu. — Um das
einzig Rühmliche an dem Buche nicht zu verfchweigen, muß ich feine Aus-
ftattung, namentlich die Bilder, loben.

Freiburg i. Br. F. Vi gen er.

Raab,Dr.Frdr.: Die Philofophie von Richard Avenarius. Syfte-
matifche Darftellg. u. immanente Kritik. (IV, 164 S.)
gr. 8°. Leipzig, Felix Meiner 1912. M. 5 —

Von jenen beiden Formen der Philofophie, die dem
naturwiffenfchaftlichen Weltverftehen erwachfen find, dem
Materialismus und dem Pofitivismus, ift nur fch einbar jener
der Religion wefensfremder wie diefer. Der Philofoph
wird dem Pofitivismus weit mehr Verftändnis und Anerkennung
entgegenbringen wie dem Materialismus, weil
jener eine fehr viel intelligentere Form des Begreifens
darftellt und auch der kritifchen Haltung nicht entbehrt.
Die Philofophie kann, wie Verf. gezeigt hat, die Lehre
des Pofitivismus fehr wohl als integrierenden Teil der
theoretifchen Vernunft betrachten, während fie den Materialismus
als den homo rusticus aller Metaphyfik zurückweifen
und bekämpfen muß. Aber gerade diefer meta-
phyfifche Charakter ift es nun auch wieder, welcher den
Materialismus der Religion um ein etwas näher rückt wie
den Pofitivismus. Denn auch der Materialismus läßt fich
nicht an den Erfcheinungen genügen, wenn er auch hinter
ihnen nur den bloßen Stoff zu finden vermag. Der
Pofitivismus aber hat diefes Sich-Genügenlaffen an der
Endlichkeit der finnlichen Erfcheinungen, das abfolut
religionsfeindlich ift.

Richard Avenarius ift der bedeutendfte Philofoph des
Pofitivismus in Deutfchland und die Darfteilung und immanente
Kritik, die uns Dr. Friedrich Raab gegeben hat,
wird das Verftändnis für die eigentümliche Enge und doch
auch wieder große Folgerichtigkeit diefer Lehre wefent-
lich fördern. Auf die zahlreichen modernen Beziehungen,
die diefe Philofophie enthält, macht Friedrich Raab in der
folgenden fehr glücklichen Charakteriftik aufmerkfam : ,Es
ift ein überaus reizvolles Schaufpiel, mit anzufehen, wie
alle die verfchiedenen Richtungen unferer Zeit: die Entwertung
des unmittelbaren Lebens zugunften des fich immer
felber wieder verzehrenden Fortfehrittes; die Entwertung
des einzelnen zugunften der Gefellfchaft; die Erfetzung
des Wertes durch das Faktifche, des fchaffenden Willens
durch bloß hinnehmendes Begreifen; die Höherwertung
der Naturwiffenfchaft gegenüber den hiftorifchen ,Irrtümern'
vergangener Zeiten; die friedliche Ausgleichung und An-
gleichung der Menfchen gegenüber dem ewigen Kampfe;
Ichließlich die Befchränkung alles Wiffens auf die bloße
Erfahrung, die Beugung aller Rätfei, alles Unbegreiflichen,
Unfaßbaren. — Es ift bewunderungswürdig, wie alle diese
fo verfchiedenen, foauseinanderfließendenWeltanfchauungs-