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Ausgabe:

1913 Nr. 11

Spalte:

331-333

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gronau, Karl

Titel/Untertitel:

Posidonius, eine Quelle für Basilius‘ Hexahemeros 1913

Rezensent:

Pohlenz, Max

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 11.

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geflirtet hat, werden ihm willkommen fein für das Ver-
ftändnis geiftiger Bewegungen, die machtvoll die helleni-
ftifche Zeit durchftrömen. Die Perfönlichkeit des Paulus
ift mit großer Wärme gefchildert: man fieht bei Sch. fo
gut wie bei Wilamowitz, Wendland, Reitzenftein, welch
überragenden Eindruck ihm diefer ganz aus dem eigenen
Innern heraus fchaffende Mann macht, wenn er an den
zeitgenöffifchen Literaten gemeffen wird. Schw. verfteigt
fich S. 138h fogar zu der Hyperbel: ,daß die neue Religion
mit einer Literatur einfetzt, die fpontan, ohne liter-
arifche Anfprüche entftanden, für die wahre und echte
Empfindung und Leidenfchaft eine wahre und echte
Sprache von originaler Frifche und unmittelbarer Kraft
findet, hat das Chriftentum dem Ziel Weltreligion zu
werden rafcher zugetrieben als Hunderte erfolgreicher
Miffionen'. Das würde ich erheblich mildern, fo treffend
der vorhergehende Satz auch ift: .Nicht der Heidenapoftel,
fondern der Schriftfteller Paulus ift eine weltgefchichtliche
Größe'. Die Darftellung der Entwickelung der Urgemeinde,
ihrer Miffion und ihres Verhältniffes zu Paulus fcheint mir
in allem Wefentlichen das Richtige zu treffen und fein zu
formulieren, und das Beftimmende an der Religiofität des
Paulus kommt bei Schw. wirkungsvoll zur Geltung. Die
helleniftifch-jüdifche Myftik mit allem, was drum und
dran hängt, wird von Schw. bei Paulus nicht geleugnet,
fondern nur in den Hintergrund verwiefen: für mein Empfinden
zu fehr, angefichts deffen, was wir z. B. von
Reitzenftein gelernt haben. Es gewährt einen hohen Ge- |
nuß, zu fehen, wie Paulus mit all diefen Elementen ringt
und fie für feine neue Religion umzufchmelzen unternimmt
: bedeutungslos find fie ihm nicht gewefen. Daß
er ihnen zum Trotz von der Höhe ethifch-fchöpferifcher
Religiofität nichts abgelaffen hat, die Schw. fo glänzend
fchildert, ift auch ein bezeichnender Zug im Charakterbild
des Paulus.

Jena. Hans Lietzmann.

Gronau, Karl: Pofidonius, eine Quelle für Bafilius' Hexahe-
meros. (II, 82 S.) 8°. Braunfchweig, J. H. Meyer 1912.

Bafilius' Homilien zum Sechstagewerk find ein
wiffenfchaftlicher Kommentar, den er popularifiert und in
Predigtform umfetzt. Er will der Gemeinde den Schöpfungsbericht
fo auslegen, daß das damit gegebene Weltbild
mit dem der heidnifchen Wiffenfchaft den Vergleich
aushält. Über diefe macht er natürlich gelegentlich abfällige
Bemerkungen oder hebt unter Benützung eines
alten fkeptifchen Argumentes hervor, daß es bei dem
Widerftreit der philofophifchen Anflehten viel beffer fei
bei dem einfachen chriftlichen Schöpfungsgedanken
zu bleiben. Aber felbftverftändlich ift er bei den
eigenen Ausführungen vorwiegend auf diefe heidnifche
Wiffenfchaft angewiefen. Das klaffifche Buch der Philo-
fophie über die Weltentftehung war Piatos Timäus, und
auch für den Chriften lag es um fo näher ihm zu folgen,
als man fchon längft die mythifche Darfteilung Piatos
für bare Münze genommen hatte und den zeitlichen
Schöpfungsakt als die wahre Meinung des Philofophen
anfah. Welches Anfehen der Timäus fpäter genoß, zeigt
die große Anzahl der Kommentare, die er hervorgerufen
hat. Natürlich wurde dabei auch den modernen An-
fchauungen über die Weltentftehung Rechnung getragen.
Befondere Wirkung hatte der Kommentar des Pofeido-
nios, der in Piatos Schrift die eigenen ftoifchen Gedanken
hineintrug. Diefe finden wir namentlich wieder in dem
Timäuskommentar des Chalcidius, deffen Beeinfluffung
durch Pofeidonios ficher ift.

Auch in Bafilius' Homilien liegen die Berührungen
mit dem Timäus offen zutage. Da aber zugleich auch
die Anfchauungen der jüngeren Philofophen oft berück-
fichtigt werden, fo hatte ich in einer Befprechung von
Shear, The influence of Plato on Saint Basil (Berk phil.
Woch. 1909 Sp. 1590) die Vermutung ausgefprochen,

Bafilius habe einen Timäuskommentar benützt. Diesen
Gedanken hat Gronau, der fich fchon früher mit den
Kappadokiern gut vertraut gemacht hatte (vgl. feine
Göttinger Differtation: De Basilio Gregorio Nazianzeno
Nyssenoque Piatonis imitatoribus 1908), aufgegriffen (S. 2)
und führt nun in einer fehr forgfältigen und fcharffinnigen
Unterfuchung auf Grund einer umfaffenden Kenntnis der
einfehlägigen antiken und modernen Literatur den überzeugenden
Nachweis, daß Bafilius feine philofophifchen
Notizen in der Hauptfache in letzter Linie dem Timäuskommentar
des Pofeidonios verdankt.

Gronau geht dabei fo vor, daß er die wichtigsten
Kapitel der Homilien auf ihre Quellen unterfucht und
überall zeigt, daß Bafilius' Gedanken ftoifchen Charakter
tragen und fich oft direkt auf Pofeidonios felber zurückführen
laffen. Da fich nun überall Berührungen teils mit
Piatos Timäus, teils mit dem Kommentar des Chalcidius
finden, fo kann von den Schriften _ des Pofeidonios nur
fein Timäuskommentar als Quelle in Betracht kommen.
Befonders wichtig ift dabei noch, daß Bafilius auch eine
Reihe von Stellen des Ariftoteles benutzt, aber Zufätze
macht, für die fich pofeidonianifcher Urfprung erweifen
läßt, denn dadurch wird es wahrfcheinlich gemacht, daß
Bafilius diefe Ariftotelesftellen erft durch Vermittelung
des Pofeidonios übernommen hat.

Die Methode ift einwandfrei, und da tatfächlich
Gronau in den meiften Fällen mit Recht die pofeidonia-
nifchen Parallelen herangezogen hat, fo muß man fein
Ergebnis als gutbegründet bezeichnen. Fraglich bleibt,
ob der Kommentar des Pofeidonios direkt benützt ift.
Gronau felbft rechnet damit, daß fchon Origenes mit dem
gleichen Material gearbeitet hat. Sein Beweis auf S. 69
ift allerdings nicht zwingend. Denn aus der Überein-
ftimmung von Ambrofius Hexah III, 13 mit Bafilius p. 88
braucht man nicht auf eine gemeinfame Quelle zu fchlie-
ßen, vielmehr hat wohl einfach auch hier wie sonst Ambrofius
den Bafilius felber ausgefchrieben.

Aber die Möglichkeit, daß fchon Origenes ,den heidnifchen
und chriftlichen Genefiskommentar' zufammen-
gearbeitet hat, ift nicht zu beftreiten. Schließlich ift
diefe Frage auch nicht fo wichtig. Wertvoll dagegen ift
die Erkenntnis, daß Pofeidonios es letzthin gewefen ift,
deffen Material Bafilius in chriftliches Gewand kleidet.

Auf eine einzelne Stelle will ich hier noch eingehen. Im Schlußkapitel
der erften Rede handelt Bafilius über die Subftanz des Himmels.
Zunächft wird Piatos Anficht aus dem Timäus 31 A angeführt, dann
Ariftoteles' Polemik gegen diefe Lehre und feine Annahme einer niunzrj
ovaia dargeftellt. Dann folgt: AXXoq dt' ziq zwv cxpQtywvzwv xaza
m9avoXoy!av inavaazaq näXiv zoizoiq zccvzu Lilv öieycs xal ädXvaev,
oixtiav 6s 7i<xq havzov avzeiaXjyays 66§av. IIeql iov vvv Xsyciv
im/siQOvvzsq eit zfjv bjxoiav avzoiq aSoXsaylav bfzneaovpelXa (28 A).
Hier ilt es mit Händen zu greifen, daß in Bafilius' Vorlage lieh noch die
Widerlegung der ariftotelifchen Lehre fand und Bafilius fie nur aus äußeren
Gründen unterdrückt hat. Daß diefe Vorlage aber ein ausführlicher
Timäuskommentar war, liegt hier befonders nahe, weil eben eine Polemik
gegen eine Stelle des Timäus widerlegt wurde. Und gerade Pofeidonios
dürfen wir die Kritik an der Lehre von der neiinzrj oiiaia zutrauen
(Gr. S. 40).

Gronau hat das Verftändnis von Bafilius' Reden fehr
gefördert. Hoffentlich führt er feine Abficht, auch noch
andere Werke der Kappadokier in ähnlicher Weife zu
bearbeiten, wirklich aus. Gut wäre es dabei vielleicht,
wenn er auf einen Punkt fein Augenmerk noch mehr
richtete und auch darftellte, in welcher Weife fie die
philofophifchen Gedanken ins Chriftliche umfetzen. Ein
Bafilius ift doch eigentlich zu fchade, bloß das Material
für eine Quellenunterfuchung zu liefern.

Auch für unfere Kenntnis und Beurteilung des Pofeidonios
ift Gronaus Unterfuchung ertragreich. Ich habe
kürzlich in diefer Zeitfchrift (in diefem Jahrg. Sp. 35) darauf
hingewiefen, daß die f alte Stoa die Lehre vom Xoyog
xQOcpoQixog und evöiä&sxog noch nicht kennt. Sie hat
in der Logik eine ganz andre Gegenüberftellung, indem
sie t« orjfialvovta (die Worte als Ausdrucksmittel) von
den öfjfiairofsspa (dem gedanklichen Inhalt der Worte)