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Ausgabe:

1913 Nr. 11

Spalte:

328-329

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Das Neue Testament griechisch nach dem Text v. D. Bernhard Weiß 1913

Rezensent:

Schmiedel, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. II.

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auf zweibuchftäbige Wurzeln zurückführen laffen' (S. 3),
fo find die dreibuchftäbigen Gebilde trotzdem beffer nicht
Wurzeln zu nennen, fondern es ift nur anzuerkennen, daß
bei derartigen Stämmen die Wurzel nicht erfchloffen
werden kann. Übrigens find, was dem Verf. entgangen
ift, die weiteren hierhergehörigen Fragen, ob die Wurzeln
in einem Stadium der Sprachentwickelung wirklich ge-
fprochen worden find ufw., ausführlich und mit Kritik
aller Anflehten in meinem Lehrgebäude II, 365—374 er-4
örtert worden.

Aber die Wurzelforfchung wird von C. nicht um ihrer
felbft willen, sondern als ,das wichtigfte Hilfsmittel zur
Förderung der Synonymik' (S. 11) behandelt. Nun wäre
es ja zu begrüßen, wenn durch die Entdeckung eines
folchen die Behandlung der Synonyme der altteftl. Sprache,
deren alte und neue Bearbeitungen von C. mit rühmlichem
Fleiße zufammengefucht worden find (S. 9f), in rafcheren
und erfolgreicheren Fluß gebracht werden könnte. Aber
die Wurzelforfchung kann kaum als ein, gefchweige denn
als das wichtigfte Hilfsmittel der Synonymik angefehen
werden. Denn diefe befitzt ihre Aufgabe in der Ver-
gleichung der tatfächlichen Bedeutungen des betreffenden
Sprachfchatzes, um darnach den Grad der Gleichheit oder
Verfchiedenheit von Beftandteilen diefes Sprachfchatzes
feftzuftellen. Z. B. ift ja die etymologifche Herkunft der
beiden gewöhnlichen Ausdrücke für ,fo', )3 und rV3, ohne
erkennbaren Einfluß auf die faft ftetige Bedeutungs-
verfchiedenheit diefer beiden Wörter, wonach das erftere
dem ovzcoq und das andere dem coöe parallel geht, wie
ich durch eine Vergleichung aller Stellen konftatiert habe
(vgl. mein Wörterbuch s. v.). Darnach ift die Wurzelforfchung
höchftens eine Vorarbeit für die Synonymik,
und fle kann, wenn fie bei deren Bearbeitung in den
Mittelpunkt gerückt wird, fogar ftörend wirken. Denn
fle kann das Auge von der Beobachtung der Sinnes-
fchattierungen, die wirklich im Sprachgebrauch bei den
einzelnen begriffsähnlichen Wörtern auftreten, zurückhalten
und dadurch eine Verirrung in bezug auf die Feftftellung
ihres tatfächlichen Gleichheitsgrades veranlaffen. Diefer
Gefahr fcheint mir auch C. bei feiner Verwendung der
Wurzelforfchung in der Synonymik nicht immer entgangen
zu fein.

Eiu Beleg für diefes mein Urteil dürfte gleich in feiner Behandlung
des erften von ihm befprochenen Wortpaares (MVjund rniZJ) zu finden
fein. Denn feine ausführliche Ausfprache darüber, daß beiden Wörtern
die Wurzel 21ü zugrunde liege (S. 23 f.), tut nichts zur Fefiftellung der
faktifchen Bedeutungen zunächft von und diefe find im Gegenteil

genauer anzugeben, als mit den bloßen Worten .aufhören Jos. 5,12;
unterbrechen, bes. von Arbeit = ruhen Ex. 31,17; feiern, bes. den Sabbat
Ex. 16,30; Lv 23,32;' vgl. die genauere und pfychologifch beleuchtete
Darlegung der Bedeutungen in m. Wörterbuch, wo auch das rQlzi der
bei C. gar nicht berückfichtigten Stellen Jes. 33,8 und Lv. 26,34 f. etc. erklärt
ift. Sodann kommt C. auf das erwähnte PQlü zu fprechen (S. 26)
und bemerkt, es entfpreche dem ar. sab aha .unterbrechen, unbefchäftigt
fein ufw.' oder dem ar. fabaha .loben, ruhen, fchlafen'. Dann fügt er
hinzu, eine Möglichkeit der Obereinftimmung diefer Stämme könnte vorhanden
fein, wenn ,loben' die urfprüngliche Bedeutung wäre. Wen man
lobe, den beruhige, befänftige man. Er macht fich aber felbft den Einwand
, diefe Grundbedeutung wäre natürlicherweife nicht mit T/A® zu
vereinigen, außerdem aber fpreche dagegen, daß die Bedeutung .loben'
im A. T. viel fpäter gebräuchlich ift, als .beruhigen'. Daher lautet fein
Schlußurteil: ,Am bellen fcheint es, als gemeinfame Wurzel t/"m mit
der Grundbedeutung „unterbrechen" (fomit eher fabaha, als fabaha) zu
nehmen: sc. Arbeit, Mühe, Qual = ,,in einen belferen Zuftand verfetzen".
Was alfo hat diefe etymologifche Erwägung zur wirklichen Leiftung des
Bearbeiters der Synonymik genützt? Gar nichts, denn die tatfächlichen
Bedeutungen von fltlvj' find nicht beffer feftgeftellt worden, als es in den
Lexika fchon geleiftet war, und das gegenfeitige Verhältnis von naffii
und des einen ntsvrj (denn es gibt deren zwei in Parallelismus mit den zwei
arabifchen Verben; vgl. mein W. B. 478) ift gar nicht befprochen worden.

Gleichwohl ift der Wert von Cohens Arbeit nicht
bloß ein negativer, indem fie auf Gefahren der von ihm
angewendeten Methode aufmerkfam macht, fondern hauptfächlich
feine vorbereitenden Ausführungen über Wurzelforfchung
und Sprachverwandtfchaft enthalten nützliche
Sammelarbeit.

Bonn. _ Ed. König.

Das Neue Tettament griechilch nach dem Text v. D. Bernhard
Weiß. (V, 546 S. m.3 färb. Karten) i6°. Berlin,Preuß.
Haupt-Bibelgefellfchaft 1912. Geb. M. 1.20

Nicht der wirkliche Text von B. Weiß wird hier geboten
, fondern der fehr fehlerhaft gedruckte der 2. Auflage
feines ,N. T. im berichtigten Text mit kurzer Erläuterung
' von 19702—1905. Als Neftle in feinem N. T.
begreiflicherweife auch alle ihre Fehler als ernft gemeinte
Lesarten gebucht hatte, holte Ref. von Weiß auf langen
Liften die authentifche Erklärung ein, daß fie auf bloßem
Verfehen beruhten, und veranlaßte dadurch Neftle, fie zu
ftreichen. Mit nur 7 Ausnahmen kehren fie jetzt alle
wieder. Der wirkliche Text von Weiß ift alfo nach wie
vor einzig bei Neftle, nicht in der vorliegenden Ausgabe
zu finden. Ref. nimmt nicht an, daß an ihr der hochbetagte
Urheber diefes Textes etwas zu tun gehabt hat.
Aber daß man die Gelegenheit, feinen wirklichen Text
zu bieten, fo fchlecht benutzt hat, ift fehr zu bedauern.

Am Rande werden einzig die Abweichungen verzeichnet
, die Neftles Text zeigt (damit beide Ausgaben
im Gymnafialunterricht nebeneinander gebraucht werden
können). Aber allein in Matth. 1—20 fehlen neun folche
Varianten von fachlicher Wichtigkeit, obgleich ihre Vollzähligkeit
fich doch mit der größten Leichtigkeit kontrollieren
ließ, wenn man nur den Buchftaben W überall in Neftles
Fußnoten auffuchte. Auf folche Nachläffigkeit ift man
um fo weniger gefaßt, wenn man fleht, daß fogar fo geringfügige
Dinge gebucht werden wie owßäXXm ftatt ßvßß.
oder ovxco ftatt ovzcoc oder das Stehen und Fehlen des
v IzpsXxvoxixöv ufw. Freilich gefchieht dies nun eben
ungefähr bloß in der Hälfte der Fälle. Unverzeichnet
bleiben (mit drei um fo verwunderlicheren Ausnahmen)
die Verfchiedenheiten der Interpunktion. Aber wie foll
dann das Buch neben dem von Neftle gebraucht werden,
da Weiß ja außerordentlich oft durch neue Interpunktion
die Konftruktion und den ganzen Sinn völlig anders aufgefaßt
hat?

Von den durch Weiß zugeftandenen Fehlern im eignen Text der
Ausgabe feien nur einige Kategorien gekennzeichnet. An zehn Stelleu
fehlt je ein Wort, das in rieben Fällen auch nicht von einem einzigen
Zeugen ausgelaffen ift; feine Setzung wird dann in acht von den zehn
Fällen als ein Plus des Neftlefchen Textes gebucht, während in den
beiden andern die Differenz gar nicht bemerkt worden ift. Umgekehrt
fleht zweimal ein Wort, das nach der eigentlichen Meinung von Weiß
fehlen foll, und feine Auslaffung gilt als Abweichung bei Neftle. Es
finden fich Betonungen wie äv&Qwnög, ixcpoßög, Kaioctoeia, 2eXevxvia,
oder Formen wie anayyt'Xovaiv, inzlS-rjaav, lö%, xazeiX^tp^rj. Was
foll das auf Gymnafiaften für einen Eindruck machen? Und was
follen fie von Neftle denken, wenn diefem Formen wie dovXovOOVOiv
oder vWo)&b/o%g zugefchrieben werden oder Marc. 2,7 tl ftatt ort oder
13,30 ob özov ftatt ob ozov, was dort obendrein garnicht vorkommt, ja
fmnlos ift? Es erfcheint wie große Vorficht gegenüber den Gymnafiaften,
wenn in der Vorbemerkung gefagt wird, die Akzentuation der Encliticä
(limme mit der bei Tifchendorf und Weftcott-Hort überein; nur ift dies
gar nicht der Fall, da diefe beiden felbft differieren und der Weiß'fche
Text oft ebenfo fchwankt wie zwifchen d-XTxpig und &Xlyig, xqTfia und
xolfzct, während auch hierüber Weiß dem Ref. ebenfo einheitliche Ent-
fcheidungen mitgeteilt hat wie z. B. über npög de und npbg de. Manche
Verfe, die Weiß wegläßt, gibt er am untern Rande mit: Recepta addit.
Dies ift manchmal zu Recepta verkürzt, fodaß man an eine Variante,
nicht an ein Plus denken muß (z. B. Matth. 20, 16); in fechs Fällen wird
trotz des Recepta (addit) ein andrer Text geboten, der Joh. 7,53—8,11
fogar in etwa vierzig Wörtern abweicht.

Aber auch die Einrichtungen des Druckes bezeichnen
durchweg einen Rückfehritt hinter Neftle. Die Zahl der
Parallelftellen am Rande ift äußerft dürftig, ohne daß fie
doch auf Zitate im ftrengen Sinne eingefchränkt find.
Die Versnummern flehen am Rand, ohne daß der Versanfang
in der Mitte der Zeile ficher erkennbar ift. Trotzdem
ift erfichtlich, daß er in 34 von den Fällen, in denen
er feit lange differiert, von der älteften Zählung abweicht,
die durch Neftle, dem auch v. Soden beitritt, nun doch
einmal zur maßgebenden erhoben worden ift. Welche
Verfe eine Seite umfaßt, fleht am innern ftatt am äußern
Rande, fodaß man beim Blättern nicht erfahren kann,
wo man fich befindet, fondern eine Seite nach der andern
ganz auffchlagen muß, um zu fehen, daß es nicht die ge-