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Ausgabe:

1913

Spalte:

315-316

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ostwald, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Monistische Sonntagspredigten 1913

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 10.

316

Rudolph, Hermann: Meditationen. Ein theofoph. Andachtsbuch
, nebft Anleitg. zur Meditation. (VIII, 97 S.) 8°.
Leipzig, Verlag der Theofoph. Kultur (1912). Geb. M. 3 —

Oftwald, Wilhelm: Moniftifche Sonntagspredigten. 1. Reihe.
(IV, 208 S.) gr. 8°. Leipzig, Akademifche Verlags-
gefellfchaft m. b. H. (1911). M. 1 —;

Bibliotheksausg. M. 3—; geb. M. 4 —

Es ift doch nichts intereffanter, als mitunter rechts
und links über den Zaun zu fchauen, um zu fehen, wie
es der liebe Nachbar und Wettbewerber anfängt. Zu
diefen Nachbarn gehören neben der katholifchen Kirche,
deren Arbeit wir immer noch zu fleißig tadeln, aber nur
wenig ftudieren, zwei religiöfe Bewegungen, die mehr und
mehr anfangen, dem notwendigen Gefetz aller werdenden
religiöfen Bewegungen zu folgen, nämlich fleh zu verkirchlichen
. Das heißt: fie ftreben einem Kultus zu; vielleicht
ift es ebenfo ein Gefetz, daß fleh fertige oder ab-
fterbende religiöfe Gebilde immer mehr der kirchlichen
Form und des Kultus entäußern und individualiftifch zu
werden anfangen. — In den beiden vorliegenden Schriften
haben wir je eine Probe der heute fo fehr um fleh greifenden
theofophifchen und der in ihren Anfprüchen grade
auch aus Äußerungen unferes ,Predigers' bekannten moni-
ftifchen Bewegung. Beide Schriften find nicht mehr dog-
matifcher, fondern kultifcher Art; die erfte ift liturgifch,
die zweite homiletifch, eine Verteilung, wie fie wohl der
Grundbefchaffenheit beider .Religionen' entfpricht.

Die Meditationen find nämlich genau genommen
Gebete und Lobpreifungen, die an die ,Gottheit' gerichtet
find. Das Parabrahm und das Atma werden angeredet
in zwei bis drei Seiten langen ftrophifchen Ergüffen, die
immer einen beftimmten Gegenftand, etwa das Licht oder
die Freude, fo behandeln, daß diefe Eigenfchaft zuerft
am Atma gepriefen, dann im Frommen felbft als Eigenfchaft
des alles durchdringenden Atma erkannt und endlich
als Inhalt der Bitte oder des Gelöbniffes ausgefprochen
wird. Diefe dreiteiligen Gebete, die den größten Teil
der Schrift ausmachen, haben alle Bibelworte als einleitende
Voten zur Überfchrift; fo ift auch eine Umfchrei-
bung des Unfer-Vater geboten. Den Schluß bilden vedifche
Sprüche über Gott, eine Ordnung der täglichen Religionsübung
in 8 Punkten, Texte zu täglichen Gebeten und zur
Gewiffensprüfung vor dem Einfchlafen, die an katholifche
Beicht- und Gebetbücher erinnern; endlich kommt noch
eine Anleitung zur Meditation, die auch einen ziemlich
ausgeprägten Exerzitiencharakter an fich trägt. — Alles
ift tief und warm, rein und gut gedacht; kein Ton der
Polemik ftört die Andacht.

Ganz anders ift Oftwald. Er eröffnet das moniftifche
Jahrhundert der Homiletik. Nach Inhalt und Ton berührt
er fich am meiften mit der — Orthodoxie des 16. und
17. Jahrhunderts. Und zwar in verfchiedener Beziehung.
Einmal ift die ganze Predigtart dürr, rappeldürr. Nie
etwas von Stimmung, Gemüt, Tiefe und Wärme; ein
mehr oder weniger zäher wiffenfehaftlicher Braten mit
etwas praktifch-moralifcher Tunke übergoffen. Naturgefetz,
Strom der Energie, Entwicklung, Seele eine Funktion des
Körpers, mechanifche Weltanfchauung, grundfätzliche Einheitlichkeit
des gefamten Denkens und Handelns, Erfparnis
von Energie als das moralifche Grundgefetz, das die
verfügbare Energie des Einzelnen der Gattung zu Gute
kommen läßt, bis die Liebe entfteht — das ift der Glaube,
genauer die Metaphyfik diefer Religion. Die praktifchen
Forderungen heißen dann: die Weltenergie abfangen und
ins Bett der menfehlichen Bedürfniffe leiten. Das ift Liebe;
recht fchön ift das ausgedrückt in einem gereimten ener-
getifchen Imperativ, der fich als Grundftein eines energe-
tifchen Katechimus eignet:

Vergeude keine Energie; verwerte fie!

Eine befondere Würze, die fcholaftifch gewordenen
kirchlichen Neugründungen eigen zu fein fcheint, ift eine

handfefte Polemik, in der O. hinter der Orthodoxie nicht
zurückfleht. Dabei entfpricht natürlich das Bild von der
Orthodoxie, die er bekämpft, dem Bedürfnis nach Folie
für die eigene Stellung — tout comme chez nous; es gibt
nur die dümmfte brutalfte Orthodoxie, von einem freieren
Chriftentum hat O. noch nichts gehört, oder feine Erwähnung
würde den rednerifchen Effekt ftören. Diefen Fehler
halte ich für fo fchlimm, wie wenn ein Theologe noch
nichts — von Oftwald gehört hätte und als Naturwiffen-
fchaft nur den reinften Materialismus angriffe.

Nur in feinen Themen unterfcheidet fich O. von der
Orthodoxie: fie find fpeziell und aktuell zum großen Teil:
Naturwiffenfchaft und Papierwiffenfchaft(nicht übel !),Tolftoi,
Jatho, Arbeit, Wie kann Wiffenfchaft fo große Dinge tun?
Das Gebet, Nach den Wahlen ufw.

Jeder weiß, wohin wir zu gehen hätten, wenn uns die
Wahl aufläge zwifchen Theofophie und Monismus; ift hier
tote Retortenreligion, fo atmet dort alles echtes, warmes
Seelenleben, das in der Tiefe des Unendlichen feine Ruhe
und Kraft findet.

Heidelberg. Fr. Niebergall.

Bürkner, Superint. Richard: Chriftliche Kunlt. (Wiffenfchaft
und Bildung 76.) (VII, 152 S.) 8° Leipzig, Quelle
& Meyer 1910. M. 1 —; geb. M. 1.25

Vorftehendes Büchlein ift der fchriftliche Niederfchlag
von fechs wiederholt bei den Ferienkurfen in Jena gehaltenen
Vorlefungen und inhaltlich im wefentlichen ein
um weniges ergänzter, vielfach berichtigter Auszug aus
des Verfaffers .Gefchichte der kirchlichen Kunft' vom Jahre
1903. Das einleitende Kapitel fpricht anregend und lebendig
über das Chriftentum und die Kunft, über die Stellung
Jefu, des Paulus, der Kirchenväter, des MA.s, der Reformation
und der Neuzeit (Tolftoi, Goethe) zur Kunft, über
Religion und Kunft und über den Begriff .chriftliche
Kunft'. Die folgenden 11 Abfchnitte fchildern unter
ftetem Hinweis auf die Beeinfluffung der künftlerifchen
Arbeit in Kirchenbau, Malerei und Bildnerei durch die
zeitgefchichtlichen Verhältniffe und Forderungen der religiöfen
, theologifchen und liturgifchen Entwicklung in großzügiger
Form und frifcher Sprache die Gefchichte der
chriftlichen Kunft von ihren Anfängen in der unterirdifchen
Gräberwelt bis zu den Meiftern der kirchlichen Malerei
unferer Gegenwart: Thoma, Uhde, Steinhaufen, Gebhardt,
Klinger, fowie den Werken und Beftrebungen auf dem
Gebiete des proteftantifchen Kirchenbaues und des Chriftus-
bildes. Von dem Büchlein gilt, daß fich in der Be-
fchränkung der Meifter zeigt; in feiner klaren, konzifen,
von keinerlei Einzelbefchreibung belafteten Darfteilung
erinnert es an Sohm's Grundriß der Kirchengefchichte.
Schade, daß es eine Anzahl von Verfehen enthält, die
erft in einer neuen Auflage verbeffert werden können;
hierüber flehe des näheren meine Befprechung im Theologifchen
Jahresbericht 1910, Abteilung kirchliche Kunft.

Wörth a. Rhein. Georg Stuhlfauth.

Referate.

Zimmern, Prof. Dr. Heinrich: BabyloniTche Hymnen und Gebete.

Zweite Auswahl. (Der Alte Orient 13. Jahrg., Heft 1.) (32 S.)

gr. 8U. Leipzig, J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung 1911. M. —60.
Auch in diefer Auswahl find wie in der erften (vgl. ThLZ 1907
Sp. 572) fehr charakteriftifche Proben der babylonifchen Hymnen-
und Gebetsliteratur vertreten. Befonders dankenswert ift die
Mitteilung einiger altbabylonifcher Lieder, deren fumerifcher Text
freilich dem Sprach- und Sachverftändnis noch große Schwierigkeiten
bietet; genannt feien namentlich die Tamuz- resp. Ischtar-
Tamuz-Lieder, ferner Hymnen auf den Götterherrn Ettil, den
Kriegsgott Ninib, den Wettergott Adad. Von fpätern Texten find
die Lieder vom .Worte' Gottes und die .Weisheitsfprüche' befonders
intereffant, aber auch die Lieder an den Mondgott Sin
und den Sonnengott Schamafch durften, wenngleich bereits
bekannter, in diefer Sammlung nicht fehlen.
Göttingen. Titius.