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Ausgabe:

1913

Spalte:

9-13

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Frankenberg, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Das Verständnis der Oden Salomos 1913

Rezensent:

Gunkel, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 1.

[O

kraft folcher Theologie zu fagen wiffen. Der zweite Vorwurf
richtet fich nach des Autors Ausfage auch gegen
die .Kirchenlehre' .mit ihrem neuplatonifchen, aus dem
Mittelalter flammenden, gänzlich unbiblifchen Jenfeits-
glauben'. J. verweift ihr gegenüber auf .die neue Beleuch-

hin notwendig, und Frankenberg darf des Dankes aller an
den Oden Intereffierten ficher fein. Natürlich wird auch
der Verf. nicht meinen, daß wir nun in feiner Überfetzung
den Urtext befäßen; wir erhalten nach Lage der Sache
nur ein ungefähres Bild, wie er etwa gelautet haben

tung der Weltanfchauungsfrage durch die moderne Orient- I könnte. Nicht wenige Stellen find durch Frankenberg

forfchung' und verkündet eindringlich — das wird den
nicht wundern, der des Autors Arbeiten kennt — die
Rückkehr zur altorientalifchen Weltauffaffung, die allein
die kosmifche Bedeutung Chrifti fichere. Diefe Konfe-
fequenz in der Beurteilung der Wunderfrage und die
Energie, mit der J. feine Forfchungen von feinem Glaubens-
ftandpunkt aus beleuchtet, wirkt klärend und darum — in
gewiffem Sinne — erfreulich.

Leider kann man das von der Schrift feines Bruders
Johannes Jeremias (nicht zu verwechfeln mit Friedrich
J., dem Mitarbeiter an Chantepie's Lehrbuch der Religionsvortrefflich
erhellt worden: befonders gelungen Rheinen
mir die Konjekturen 36,4 12,4, die Erklärung von 27,
die Abtrennung von 42,1—3. Da aber auch Frankenberg
ein irrender Menfch ift, fo ift er anderswo weniger
glücklich gewefen: 33,5 redet nicht von einer tüchtigen,
fondern einer makellofen Jungfrau (S. 92); 42,11 kann
K31S5 nicht das Brautlager fein, weil es fich nach dem
Bilde V. 12 über der Braut befindet, wofür auch die
Parallele V. 9. 10 fpricht: alfo ein Baldachin; sbshis 23,10,
das den göttlichen Brief aufnimmt, um dann über die
Welt dahinzurafen, alles vor fich niederwerfend, ift nicht

efchichte) nicht fagen. Er teilt den .altorientalifchen' | ein Rad, fondern ein Wirbelwind, etwa OtQÖßiXoc; die

Standpunkt feines Bruders, die Evangeliften find ihm
fchreibgewandte .Wiffende', ihre Zeitangaben find kalen-
darifch — etwa im Sinne von Erbt, deffen Thefen J. etwas
ermäßigen will — zu verftehen, das Weinwunder zu Kana
ift zwar möglicherweife gefchehen, aber ,die aftrale Denkform
hat den Stil der Darftellung beeinflußt'. Leider ift
J. aber der vornehmen und Verftändigung fliehenden Art
nicht gefolgt, die in der Brofchüre feines Bruders erkennbar
ift. Schon die einleitende Darfteilung, in der J. von
den beiden Berliner Religionsgefprächen erzählt — die
Rednernamen bisweilen verfchweigend, aber in einer für
Kundige deutlichen, Unkundige zum Suchen reizenden
Art andeutend — ftellt eine üble Entgleifung dar in das
Gebiet der Journaliftik, das der wiffenfehaftliche Arbeiter
lieber nicht betreten follte. Bei der folgenden Unterfuchung
der Zeugniffe vom Leben Jefu fällt die erftaunliche Sicherheit
auf, mit der J., ohne in eine ernfthafte wiffenfehaftliche
Diskuffion einzutreten, Thefen einführt, alte aufnimmt (fo
Kleins Vermutung vom Ani-we-Hu) und neue findet (Jefus
hat das 5. Buch Mofe .gleichfam ins Herz gefchloffen',
denn — in der Verfuchungsgefchichte wird es dreimal
zitiert). Bisweilen dienen auch in erbaulichem Sinne verwendete
Bibelfprüche oder Gefangbuchverfe zur Bekräftigung
. Dies alles ift vortrefflich gemeint; wer aber nicht
das Bedürfnis nach einer fachlichen Diskuffion wiffenfehaft-
licher Fragen hat, foll fich nicht anfehicken, eine populär -
wiffenfchaftliche Schrift ausgehen zu laffen; er dient damit
weder den Freunden feines ^Standpunkts, noch der Sache,
um die'es Freunden wie Gegnern zu tun ift.

Berlin. Martin Dibelius.

Jungfrau ift, ehe fie fchwanger geworden, fchwerlich vor
Hunger vergangen (S. 85); der .Edelftein' (9,9) flieht
neben der Krone V. 8 nicht ,im Zulämmenhange ganz
verloren' (S. 38), fondern gehört zur Krone als deren
fchönfter Schmuck, ufw. Ich übergehe weiter einzelne
Anftöße, da fchon Greßmann DL 1911 S. 2896!! viele vorgetragen
hat, und da Greßmann und ich zu gelegener
Zeit auf die Oden zurückzukommen denken.

Hier nur noch einige umfaffendere Betrachtungen.
Beftändig fließende Fehlerquellen bei Frankenberg find
folgende. Er hat den Text nach Strophen abgefetzt, gegen
Harris und Flemming ein Fortfehritt, in dem ihm freilich
Staerk vorausgekommen ift, dagegen ein Rückfehritt gegenüber
den von Greßmann und mir herausgegebenen Texten
(ZNW 1910, S. 291fr.), da Frankenberg verfäumt hat, die
Abfetzung der Halbzeilen anzumerken. Wie lange foll
es noch dauern, bis den Forfchern die Grundzüge, auch
nur der hebräifchen rhythmifchen Abfetzung allgemein
vertraut find! Solche Abfetzung aber ift auch für die Erkenntnis
des Sinnes keineswegs gleichgültig: Frankenberg
würde in 9,9, 17,7, 34,4h, 42,3 keine Gloffen angenommen
haben, wenn er gewohnt wäre, auf die Gliederung der
Halbzeilen in hebräifchen poetifchen Texten zu achten.

— Eine andere Fehlerquelle ift diefe, daß der Verf. die
Oden außerordentlich geringfehätzt (vgl. unten) und in
der .faloppen Bilderfprache' (S. 43) diefer .Phrafen' (S. 3)
alles für möglich hält. Liebe aber und Verehrung find
nach dem fchönen Satze Goethes noch immer der Schlüffel
des Verftändniffes gewefen. Die Oden haben fich an ihrem
Verächter dadurch gerächt, daß er mehrere Male einen
vorliegenden Zufammenhang nicht verftanden hat. So
ift aus dem Zufammenhange 36,1h zu erfchließen, daß
nn^niHN 36,1 nicht ,ich habe meine Wonne', fondern .ich
ließ (fetzte) mich nieder' (was der Ausdruck im Syrifchen
heißen kann) bedeutet: auf den Geift läßt der Sänger
fich nieder, und diefer hebt ihn auf und trägt ihn zu
Gott empor: ein klares Bild. In Ode 39 wird befchrieben,
wie der Herr felber feinen Gläubigen vorauswandelnd den
Weg über die wilden Waffer (ins Jenfeits) gebahnt hat:
feine Fußtapfen wurden im Waffer nicht verwifcht; darum
fürchten fich die Gläubigen nicht, wenn fie über die Ströme
fchreiten müffen, denn das Zeichen (die Fährte) des Herrn
ift auf ihnen und wird ihnen zum Wege; ,auf ihnen', d. h.
auf den Strömen; Frankenberg mißverfteht den Zufammenhang
und erklärt: auf den Gläubigen (S. 100).

— Es ift die Gewohnheit hebräifcher Schriftfteller, den-
felben Ausdruck zu wiederholen, fo daß fich der Gedankengang
in denfelben Worten fortbewegt, vgl. für den Er-
zählungsftil die Frankenberg allerdings unbekannte 3. Aufl.
meines Genefis-Kommentars S. XLVII. Frankenberg felbft
(S. 39 unten) ift ganz nahe daran, diefe Beobachtung felber
zu machen. Der Syrer hat diefe Wortwiederholungen
des Originals getreulich nachgeahmt; Frankenberg hat
fie oft nicht erkannt und dadurch den inneren Zufammen-

Frankenberg, Pfr. Lic. Wilh.: Das Verltändnis der Öden

Salomos. tZeitfchrift f. die altteftamentl. Wiffenfchaft.

Beiheft XXI.) (VII, 103 S.) gr. 8». Gießen, A. Töpel-

mann 1911. M. 5_

Die Rezenfion über vorliegendes Buch, die mir bereits
vor längerer Zeit von der Redaktion übergeben war habe
ich ihr nach Frankenbergs Rezenfion über meine populäre
Genefis (Th. L. 1912, S. 101 ff.) und nach der darauf
folgenden, von mir abgebrochenen Debatte mit ihm
(Th. L. 1912 S. 285L, 317) zurückgegeben: jede weitere
Auseinanderfetzung mit dem Verf. fchien mir unfruchtbar
zu fein. Da aber die Redaktion, der ich meine Beurteilung
des vorliegenden Buches mitgeteilt habe, mich bat,
die Rezenfion zu behalten, fo habe ich trotz großen per-
fönlichen Unbehagens um der Sache willen meine Weigerung
nicht aufrechterhalten wollen.

Frankenbergs Arbeit befteht aus zwei Teilen: 1. einer
Rücküberfetzung der Oden aus dem Syrifchen ins Grie-
rv tV' 2- einer Erklärung diefes'vielgedeuteten Buches.
Die Rücküberfetzung ift ficherlich ein tüchtiges Stück
Arbeit, das nur ein Mann unternehmen konnte, der im
Lnechifchen und Syrifchen gleicherweife erfahren ift.

Diele Arbeit war für das Verftändnis der Oden fchlecht- hang verwifcht. Vgl. 39, n, wo der im vorhergehenden