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Ausgabe:

1913 Nr. 1

Spalte:

309-310

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Clarke, H. L.

Titel/Untertitel:

Studies in the English reformation 1913

Rezensent:

Mackintosh, H. R.

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Seite 1

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309

Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 10.

Beimifchung reinen Majeftät; darin wurzelt letztlich die
Kraft des Kantifchen Idealismus als des mächtigften fitt-
lichen Faktors der Neuzeit, und darin ift es gegeben, daß
die moderne Welt in allen ihren eudämoniftifchen und
utilitariftifchen Verflachungen auf die Dauer nicht ver-
finken kann. Das andere Große an Luthers Tat hängt
direkt damit zufammen; daß die Religion bei keinem
Moralismus ftehen bleiben kann, fondern, wenn fie einmal
die Forderung ernft erfaßt hat, nur in dem verzeihenden
und fchenkenden, alfo in Luthers gnädigem Gott
ihren Halt und ihre Kraft findet, wobei diefe Gnade ftets
als Wunder empfunden wird bei ftrenger Wahrung des
Diftanzgefühls. Weil uns das die Reformatoren fo gewaltig
vorgebildet haben, ift die neue Tugend- und Lohnreligion
der Aufklärer allgemein von allen tieferen Richtungen
der Neuzeit überwunden worden und werden keine von
fämtlichen myftifchen Religionsformen, die in der Gegenwart
den fittlichen Imperativ und das Schuldgefühl zu
umgehen fuchen, vor der Macht des proteftantifchen Gedankens
beftehen können. Um die Gewißheit jenfeitiger
Seligkeit handelt es fich zunächft gar nicht und hat es
fich auch für Luther nicht gehandelt, fondern immer nur
um die Grundfrage, wie ein fittlich wahrhaftiger Menfch
es vor feinem Gott aushalten kann. Daß aber fowohl
dies energifche Sollen wie die Zuverficht zu dem gnädigen
Gott für die Reformatoren im Evangelium von Jefus verankert
find, daß alfo der Zufammenhang mit der chrift-
lichen Gefchichte ihrer Religion fowohl den Ernft wie die
Freudigkeit, Frifche und Gefundheit garantiert hat, das
ift wiederum nichts für die moderne Welt Gleichgiltiges
oder Veraltetes; aus diefem Zufammenhang mit der alten
evangelifchen Botfchaft gewinnt fie noch heute die Kräfte,
die fie gern für Selbftverftändlichkeiten und eigenen Be-
fitz halten möchte, die aber langfam verfliegen, wo jener
Zufammenhang fich löft.

Troeltfch fagt einmal, er wolle die Frage nach der
tatfächlichen Bedeutung des Proteftantismus für die moderne
Welt von der Frage nach feiner normativen Geltung
fcharf auseinanderhalten und in diefem Vortrag nur
von der erften Frage handeln. Jeder Hiftoriker wird ihn
dabei verftehen, und dennoch bekenne ich, mir fcheint
diefe Trennung der Grund, warum mich fein letzter Hauptteil
fo unbefriedigt läßt. Mir geht der Sinn für die tat-
fächliche Bedeutung des Proteftantismus gerade dann auf,
wenn ich mir Rechenfchaft gebe, was ich perfönlich ihm
verdanke und ohne ihn nicht hätte. Ich darf von mir
nicht auf die anderen, gefchweige auf die ganze moderne
Welt fchließen. Aber ich darf mir doch fagen: was mich
immer wieder nicht losläßt an der Reformation: die Majeftät
ihrer fittlichen und religiöfen Forderung und der Jubel
ihrer Seele über den gnädigen Vatergott, der fchuldige
Kinder fefthält, trägt und erlöfen will, und dem man
unbedingt vertrauen darf — das muß, felbft wenn es von
der Gegenwart ganz verloren, gänzlich unmodern geworden
wäre, nur als Tatfache, die einmal da gewefen ift in der
Welt, die moderne Welt beunruhigen, erfchüttern und
nicht mehr von fich loslaffen. Es ift aber keineswegs einfach
verloren, es lebt in Taufenden, und überall in der Welt,
wo Menfchen den Mut zu einem frohen feften Vertrauen
auf die Liebe Gottes finden und ihre Kraft dem Dienft
der Brüder fchenken ohne Gedanken an Lohn und Ver-
dienft, da fehe ich Kraft und Fortwirkung der Reformation,
und ich hoffe, daß diefe Kraft viel gewaltiger in der modernen
Welt fei, als Troeltfch zu glauben wagt.

Bafel. _P. Wernle.

Clarke, H. L.: Studies in the English reformation. (250 S.) 8°.
London, Society for Promoting Christian Knowledge.

s. 5 —

The theoretic question lying behind these competent
Lectures is formulated thus: ,Does the Church date from
the reign of Henry VIII, and is it the chiefest among

Protestant bodies, or is it the ancient Catholic Church
of the English-speaking people, reformed in doctrine
and worship?' (VIII). It is argued that the Ecclesia
Anglicana had never been onganically linked to Rome,-
in defiance of the facts that (1) Augustine landed in 596
as a missionary of Rome and converted the South of
England, and (2) the Synod of Whitby (664) under King
Oswy of Northumbria decided that Roman and not Scoto-
Irish praxis should prevail in his dominions. After an
Introduction of a general tenor, Clarke narrates the lives
of six famous men which cover the period 1471 —1645:
Welsey, Thomas Cromwell, Cranmer, Parker, Bancroft
and Laud, and accompanies his narrative with abundance
of careful and often detailed annotation. The subject is
manifestly congenial to the writer. His plan is not simply
to compose brief biographies but to group round appro-
priate names information on a variety of topics. Thus
in the Lecture on Cromwell occasion is found to teil the
story of the Universities and grammar-schools, as also
of the dissolution of the monasteries, which last, Clarke
maintains, did less for education than is commonly
believed. He corrects the Roman Catholic assertion that
Archbishop Warham was wholly faithful to Rome, and
to the Roman rejection of Anglican orders he replies
that ,there never has been one Catholic rite of conse-
cration universally received in the Church of Christ' (114).
He points out once more that the fons et origo of recent
disputes in England as to Eucharistie vestments lies in
Archbishop Parker's .Advertisements' of 1566, which were
instigated by Queen Elizabeth but issued without the
royal signature. The book as a whole is shrewd, fair,
and eminently attractive in temper; but, though the
author never fails in loyalty to Anglicanism, he cannot
refrain from commenting severely on the character and
Programme of Bancroft (1544—1610), while of Laud he
says that ,he aided his King to ruin, at least tempor
arily, both Church and State' (169). None the less, he
forces us to acknowledge the greatness of Laud, who
was a genuine reformer of Oxford University, and, as
Primus, insisted not an hour too soon on Bishops doing
their duty.

On p. 140 it is said that Knox had humiliated James I.
of England; but James was born in 1566, while Knox
died in 1572. The writer is probably thinking of Andrew
Melville. The date of James' visit to Scotland, with Laud
in attendance, is 1617, not, as on p. 167, 1616.

Edinburgh. H. R. Mackintosh.

Sabatier, Paul: L'orientation religieusede laFrance actuelle.

(320 S.) kl. 8°. Paris, A. Colin 1911. fr. 3.50

Houtin, Albert: Histoire du modernisme catholique. (VII,
458 S.) 8°. Paris (18 rue Cuvier), Selbftverlag 1913. fr. 5 —

i. Wenn Paul Sabatier über die religiöfe und kirchliche
Bewegung im modernen Frankreich fchreibt, dürfen
wir ficher fein, dreierlei bei ihm zu finden: eine prophe-
tifche Begeifterung für ein Idealbild des Katholizismus,
das er auf den Spuren des hl. Franziskus gefunden und
trotz Pius X. noch nicht verloren hat; eine intime Kenntnis
der reformfreundlichen Strömungen und Perfönlichkeiten,
wie fie wenigen zu Gebot fteht, und einen Optimismus
im Urteil über die Zukunft des Modernismus, der je länger
defto weniger gerechtfertigt erfcheint. S. datiert die
religiöfe Krifis im heutigen Frankreich vom Jahr 1870.
Damals wandte fich die überwiegende Mehrheit der
Franzofen in der Not des Vaterlandes inftinktiverweife an
die Kirche, in der fie geboren waren. Aber fie wußte den
Hungernden nichts zu bieten als mechanifche Ovationen,
wundertätige Medaillen, lärmende Wallfahrten um die
Wiederherftellung der weltlichen Macht des Papftes , ftatt
mit dem Lande freundlich zu reden, predigte fie den
Haß und vergiftete durch wüfte Wahlumtriebe die poli-