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Ausgabe:

1913 Nr. 7

Spalte:

213-215

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wegener, Richard

Titel/Untertitel:

Das Problem der Theodicee in der Philosophie u. Literatur des 18. Jahrh. m. besond. Rücksicht auf Kant u. Schiller 1913

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 7.

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in Funktionen des Gehirns .wurzele', alfo dem körperlichen
Gebiet angehöre (Monismus S. 40; Grenzen gff.). Die
beiden Büchlein atmen eine chriftliche Gefinnung und
werden daher manchen erbauen und auch geiftig fördern
können. Doch ift fich der Verfaffer über die Grundbegriffe
der Pfychologie nicht hinreichend klar geworden.
Daher ift er, zumal von feinem vorkritifchen Standpunkte
aus, einer Grenzbeftimmung zwifchen Sinnlichem und Über-
ftnnlichem in der Tat nicht gewachfen; wovon er felbft
das richtige Gefühl hat (Mon. 4). Zwar nimmt er mit
Recht Gefühl, Gewiffen und Gebet für die Vermittlung
der religiöfen Bewegungen in Anfpruch, vermag jedoch
in erfterem keineswegs ein fpezififches Organ des Uber-
finnlichen und Ewigen (Mon. 36), im Gegenfatz zum "Ver-
ftande, als dem Organ für bloß Sinnliches und Vergängliches
, nachzuweifen. Auch unterfcheidet er das Uber-
finnliche unzureichend von Gefühl und innerer Erfahrung
(Gr. 19). Demgemäß muß ihm auch die Grenzbeftimmung
zwifchen finnlich Wahrnehmbarem und Überfinnlichem,
Körper und Geift, einer Seele, die dem Vergänglichen,
und einer zweiten, die der Ewigkeit angehört, mißlingen
(Mon. 44, Gr. 9). So ift auch feiner Bekämpfung Häckels
keine wiffenfchaftliche Bedeutung zuzufchreiben. Hingegen
finden fich in feinem .Monismus' eine gute Ableitung der
.Ismen', mit befonderer Anwendung auf den Ausdruck
Monismus, fowie manche richtige Bemerkungen über die
Beziehung zwifchen Gedanken und Ausdruck, wie über
die Metapher im befondern. Hiermit fleht eine fachgemäße
Scheidung zwifchen den ewigen Wahrheiten und ihren
zeitlichen Formen und Einkleidungen in Verbindung
(Mon. 34). Auch ift es durchaus richtig, daß man den
Monismus nur mit Preisgabe jedes .Archaismus' befiegen
kann (Mon. 53).

Wernigerode. P. Schwartzkopff.

Lempp, Dr. Otto: Das Problem der Theodicee in der Philo-
fophie u. Literatur des 18. Jahrh. bis auf Kant u. Schiller.
Gekrönte Preisfchrift der Walter-Simon-Preisaufgabe
der Kantgefellfchaft. (VI, 432 S.) gr. 8°. Leipzig,
Dürr'fche Buchh. 1910. M. 9 —

Wegener, Rieh.: Das Problem der Theodicee in der Philo-
Tophie u. Literatur des 18. Jahrh. m. befond. Rückficht
auf Kant u. Schiller. (12, 223 S.) gr. 8°. Halle,
M. Niemeyer 1909. 6 —

Die von Prof. W. Simon geftellte Preisaufgabe hat
mehrere Unterfuchungen über die Theodicee im 18. Jahrh.
gebracht, wie einft die von der Karl-Schwarz-Stiftung
geftellte folche über Leffing-Semler brachte. Wie diefe,
fo bedeuten auch jene eine wefentliche Vertiefung unferer
Kenntnis der Aufklärung, insbefondere des deutfehen und
des Aufklärungs-Proteftantismus. Bei der damaligen
Arbeitengruppe handelte es fich um diejenigen Probleme
der Aufklärungsreligion, die fich auf das Verhältnis von
Vernunft und Offenbarung, Glaube und Gefchichte, individueller
Überzeugung und autoritativer Gemeinfchafts-
religion drehen und die fchließlich in den Gedanken einer
Entwicklung des religiöfen Bewußtfeins einmünden. Es
find alfo die Fragen der Begründung und Geltungsweife
der religiöfen Wahrheit, nachdem fie von dem autoritativen
Biblizismus und Konfeffionalismus des Altprote-
ftantismus abgelöft waren. Die gegenwärtigen Unterfuchungen
erftrecken fich im Unterfchiede davon auf die
zweite große Hauptmaffe religiöfer Probleme, auf die
innerliche Auffaffung und den Sinn der Religiofität felbft,
auf den Inhalt des religiöfen Gedankens, mag er nun mehr
als Vernunftgehalt oder als Offenbarung oder als Entwicklungsziel
betrachtet werden. Das Theodiceeproblem
ift. wie beide Darfteller richtig hervorheben, nichts anderes
als das Problem des chriftlichen Gottesbegriffes innerhalb
des modernen Weltbildes und innerhalb des Bedürfniffes
nach allgemeingültiger, nicht bloß dogmatifch-autoritativer

Begründung. Es fällt zufammen mit dem Sinne und Inhalte
des neu fich geftaltenden Chriftentums felbft. Es
ift das Wefen des Neuproteftantismus, daß er die alten
dogmatifchen Begründungen und Orientierungen verläßt
und fich an dem Kopernicanifch-Newtonianifchen Weltbilde
fowie an dem Bedürfnis nach allgemeingültiger,
wiffenfehaftsartiger Begründung orientiert. Er ift wiffen-
fchaftlich geworden, und feine autonome Gewißheit ftrebt
nach Vergleichbarkeit oder nach Identität mit der wiffen-
fchaftlichen Autonomie und Gewißheit. Es ift das im
wefentlichen geblieben bis heute, abgefehen von den re-
ftaurativen, bibliziftifchen Theologien. Auch der Kan-
tianismus und Neukantianismus hat daran nichts geändert.
Denn auch er ftellt die religiöfe Erkenntnis auf das neue
j Naturbild ein, und auch er ftrebt danach, ihr von der
Moral her eine der wiffenfehaftlichen wenigftens analoge,
von der bloßen Gefchichtsautorität unabhängige Allgemein-
giltigkeit zu geben. Infofern ift das Theodiceeproblem
in feinem vorkantifchen und in feinem kantifchen Stadium,
innerhalb der dogmatifchen und innerhalb der agnoftifch-
transzendentalen Metaphyfik doch gleicher Weife auf die
Lebensintereffen eines mit der Wiffenfchaft einigen Prote-
ftantismus gerichtet und auf beiden Stufen wefentlich
dasfelbe trotz der großen Unterfchiede einer dogmatifch-
metaphyfifchen und einer agnoftifch-praktifchen Löfung.

Diefen Zufammenhang haben beide Verfaffer erkannt
und mehr oder minder konfequent durchgeführt. Das
Buch von Lempp ift dabei viel ausführlicher, verfährt
eindringend genetifch-konftruktiv und gibt die reichlichften
Belege. Das Buch von Wegener ift kürzer, populärer und
weniger kritifch, gibt aber viel gute und treffende Urteile.
Im Stoffe ergänzen fich beide, befonders bei der fchönen
Literatur, wo der eine bringt, was der andere beifeite läßt.

Lempp fetzt bei Bayles berühmter Kritik ein, die
fich gegen den moralifchen Theismus fowohl der natürlichen
als der übernatürlichen Theologie kehrt, ihn in
feinen logifchen Widerfprüchen zerreibt und fchließlich
rein auf die Autorität der Bibel hinauskommt. Diefe Kritik
ift rein logifch, geht auch keineswegs vom modernen
Weltbild aus und erftrebt keine Neukonftruktion. Sie ift
modern lediglich im gefteigerten kritifch-logifchen Sinne,
aber nicht im Inhalt. Sie hat daher für das ganze Problem
auch keine pofitive Bedeutung, fie ift nur die Gelegenheitsurfache
, an welche die Formulierungen des
modern-religiöfen Gedankens anknüpfen. Diefer felbft wäre
auch ohne Bayle gekommen. In der Erwiderung auf
Bayle treten die beiden großen pofitiven Geftaltungen,
die Religion als Theodicee, hervor, direkt dadurch veranlaßt
l.eibniz, indirekt veranlaßt Shaftesbury. Leibniz
konftruiert feine Theorie der bellen Welt, die in Wahrheit
die kosmozentrifche Lehre von der metaphyfifch notwendigen
Eingefchränktheit jedes Einzelwefens innerhalb
des gefetzlich verbunden Ganzen ift und diefes Ganze
in feiner Gefamtheit auf eine zweckvolle Lebendigkeit der
Gottheit zurückführt. Durch die Theorie der Wahl der
bellen unter den möglichen, aber ftets das Einzelwefen
durch den Gefamtzufammenhang eingrenzenden Welten
ift diefe Lehre beim ftrengen perfonaliftifchen Theismus
feilgehalten; in den Einzelheiten ift fie in Leibnizens
kompilatorifcher Weife dem lutherifchen Dogma mehr
oder minder fcheinbar angepaßt. Shaftesbury dagegen
verzichtet auf den ftrengen Theismus und auf dogmati-
fche Vermittlungen und gibt völlig rein den kosmozen-
trifchen Gedanken von der Verlegung des Weltzwecks in
das Ganze der abgeftuften Lebensfülle der Gottheit an
der ein jedes Einzelwefen in der feiner Pofition möglichen
Weife innerhalb des Ganzen Anteil hat. Daraus ergibt
fich die optimiftifche Ethik der Erhöhung der PerßönHch-
keiten in der Anfchauung diefer Welt und ihrer Vereinigung
in gemeinfamer Liebe zur Weltherrlichkeit. Die An^
gleichungen an das Chriftentum find fpärlich, die Formeln
bewegen fich in denen der eudämoniftifch-empirifch-pfv-
chologifchen Ethik. Es ift klar, das hinter Leibniz und