Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1913 Nr. 7

Spalte:

212

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Keller, Siegmund

Titel/Untertitel:

Die staatsrechtliche Anerkennung der reformierten Kirche auf dem westfälischen Friedenskongreß 1913

Rezensent:

Katterfeld, W.

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

211

Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 7.

212

den Täufern vorwirft: ,von Sünde und Gnade wiffen fie
wenig' und hier auch das Recht der Obrigkeit anerkennt.
(S. 209, 252 verglichen mit 181). Seine eigene Gemein-
fchaft wünfcht Schw. als brüderlichen Zufammenfchluß,
unter Verzicht auf Großtaufe und Abendmahl, er fucht
,der Kirche den Erfahrungsreichtum des Urchriftentums
wieder zu erfchließen' (S. 241). Wenn nun E. die prak-
tifche Ausgeftaltung der Schw.fchen Gemeinden fchildert,
fo ift befonders wertvoll feine Darfteilung der Verhältniffe
in der Reichsherrfchaft Juftingen. Hier herrfchte unter
dem Einfluffe Schw.'s der Grundfatz der Religionsfreiheit,
ja, E. möchte einen Zufammenhang zwifchen dem Kur-
fürften Johann Sigismund v. Brandenburg, ,der feine Untertanen
zu konfeffioneller Duldung zu erziehen fuchte', und
den Schw.ern konfluieren durch das Mittelglied des Daniel
Sudermann (S. 255). Während in Schlehen die Schw.er
unterdrückt wurden, fanden he bei den Pietiften Verftändnis
(Gottfr. Arnold, Salig, Zinzendorf), um dann fchließlich
nach Pennfylvanien auszuwandern, wo noch heute eine
kleine, aber rührige Gemeinfchaft befteht.

Der Wert der fleißigen Arbeit E.s wird beeinträchtigt
durch einen Mangel an den richtigen Frageftellungen,
die den Ausführungen eine fchärfere Erfaffung ermöglicht
hätten. Z. B. hätte den Rückwirkungen des von der kirchlichen
Reformation Verfehmten gerade auf diefe nachgegangen
werden mühen; wie ich in den Gött. Gel. Anzeigen
1901 und dann wiederholt im ,Theol. Jahresberichte'
heraushob, fteckt durch Vermittlung von Bucer in Calvin
ein gut Stück verkirchlichter Schw.ianismus. E. deutet
nur an einer Stelle (S. 47) kurz die Bedeutung Schw.'s für
den Genfer Reformator an. Und wenn weiterhin E. ganz
richtig erkannt hat, daß im Kirchenideal der Schwerpunkt
der Schw.fchen Gedankenwelt liegt, fo hat er doch gerade
den Kirchenbegriff nicht klar zu machen verftanden, d. h.
er hat die verfchiedenen, ganz richtig herausgeftellten
Einzelelemente nicht unter den entfcheidenden einenden
Gehchtspunkt gebracht. Er operiert mit der .Erwartung
einer ökumenifchen Kirchenbildung in apoftolifcher Fülle',
fchiebt dahinein den Miffionsgedanken (z. B. S. 86, 89, 150)
und erklärt von da aus auf der einen Seite die Kritik an
Luther, auf der anderen Seite die Toleranz. Daran ift zu-
nächft etwas Richtiges: der Rückgriff auf die apoftolifche
Urzeit; aber in der bei Schw. begegnenden Form ift diefer
ein Kennzeichen jeder ,Sekte' gegenüber der Kirche, und
Schws. Eintreten für die Wiedertäufer erklärt fich aus diefer
inneren Zufammengehörigkeit, und nicht aus Miffionsdrang.
Den ganzen Einfchub des Miffionsgedankens halte ich für
verfehlt, den hat aus dem apoftolifchen Urbild erft der
Pietismus wieder herausgenommen und in den Vordergrund
gerückt. Daß Schw. Heidenmiffion vertreten habe,
ift aus der S. 194 mitgeteilten Stelle nicht zu entnehmen;
diefelbe erhebt fich nicht über den Gedanken Luthers,
daß ein irgendwie unter die Heiden verfchlagener Chrift
dort Zeugnis von feinem Glauben ablegen müffe. Schw.s
Kirchenbegriff wird aber dadurch kompliziert, daß feine
dem Täufertum verwandten, von Luther ausgegangenen
Gemeinfchaftsgedanken durchkreuzt werden durch den
Spiritualismus, den er vertritt. Unter diefen entfcheidenden
Gehchtspunkt hätte das ganze Kap. 8 (S. 153 h) gebracht
werden müffen. Die Stellung Schw.'s zur Kindertaufe
(S. 248) erklärt fich aus der Gleichgültigkeit des Spiritua-
liften, nicht minder feine Ideen über die Verwerfung der be-
ftehenden Kirchenorganifationen, und die von E. fogenannte
,ökumenifcheKirchenbildung'ift der fpiritualiftifcheKirchen-
begriff, der in einer unhchtbaren Geiftergemeinfchaft aus
allerlei Volk und Land das Wehen des göttlichen Geiftes
verfpürt. Darin ift Schw. auch Seb. Franck gleich und
nicht .fremd bis ins Mark' (S. 96). Die ,ökumenifche Weitherzigkeit
' (S. 215!) und Toleranz ift ebenfalls fpiritualiftifch
unter Mitwirkung Lutherfcher Gedanken (S. 276). Hier
hat Th. Sippell in feiner fehr wertvollen Kritik des E.'fchen
Buches (Chr. Welt 1911) ganz richtig gefehen. Nicht minder
in feinem Aufweis der Wiederaufnahme griechifcher

Theologumena — die Quellen gab E. S. 43 an, ohne aber
die entfprechenden Folgerungen daraus zu ziehen — in
Schw.'s Chriftologie. Ich würde, auf den letzten Grund
zurückgreifend, fo formulieren: die griechifche Chriftus-
fpekulation ift Schw. willkommenes Mittel gewefen, um
den von feiner ganzen Theologie geforderten Supranatu-
ralismus, der jeder Verquickung von Göttlichem und Menfch-
lichem abhold war, gegenüber der Gottmenfchheit aufrecht
zu erhalten; Luthers Vorwurf des Eutychianismus (S. 220)
ift darum ganz richtig empfunden. Über die Korrekturen,
die fonft E.'s Zeichnung des Verhältniffes von Schw. und
Luther fich gefallen laffen muß, vergleiche man Sippell.

Zürich. Walther Köhler.

Keller, Siegmund: Die (taatsrechtliche Anerkennung der reformierten
Kirche auf dem weltfälifchen Friedenskongreß.

Zugleich ein Beitrag zur Gefchichte der deutfchen
Diplomatie im XVII. Jahrhundert. (Feftgabe der Bonner
juriftifchen Fakultät für Paul Krüger zum Doktor-
Jubiläum, S. 473—510). Berlin,Weidmann 1911. (M. 18—)

Wie fchon der Nebentitel zeigt, befchränkt fich diefe
Arbeit nicht auf eine Interpretation des die Reformierten
betreffenden Artikels, fondern fie fchildert die dreijährigen
Kämpfe und Ränke, die zu feiner endgültigen Faf-
fung geführt haben, wobei neben der gedruckten Quellenliteratur
auch einige Archivalien des Dresdner Staatsarchivs
benutzt worden find. Was wir an darftellenden Arbeiten
über die Frage befaßen, genügte keineswegs; es
ift daher lebhaft zu begrüßen, in wie klarer und dankenswert
kurzer Weife Verfaffer den an fich recht fpröden
Stoff gemeiftert hat. ,Statt der bisherigen ftillfchweigen-
den Duldung einer ftatsrechtlich garantierten Duldung im
Reiche teilhaftig zu werden', war das Ziel der Reformierten,
und zwar wollten fie nicht als dritte Konfeffion neben
Katholiken und Proteftanten anerkannt, fondern zu den
Augsburger Konfeffionsverwandten gerechnet werden; ein
Punkt übrigens, deffen Formulierung, wie Verf. S. 504fr.
gezeigt hat, im Friedensinftrument zweideutig geblieben
ift. Den Hauptwiderftand leifteten nicht die Katholiken,
fondern die Lutherifchen, am fanatifcheften Johann Georg
von Sachfen. Der Vorkämpfer der Reformierten war
der junge Friedrich Wilhelm von Brandenburg, dem der
fchließliche Erfolg in erfter Linie zu danken ift. Die
wenig ernft gemeinten Vermittlungsverfuche der Schweden
und Holländer haben mehr gefchadet als genützt. — Nur
auf ein kleines Verfehen bin ich bei der Lektüre auf-
merkfam geworden: Nicht Axel Oxenftierna (S. 479) vertrat
Schweden in Osnabrück, fondern des Kanzlers Sohn
Johann.

Staßburgi. E. W. Katterfeld.

Grundemann, Prof. D. Dr. Reinhold: Der Monismus u. die
Bekämpfung desfelben. Eine Studie. (IV, 53 S.) 8°-
Leipzig, J. C. Hinrichs 1911. M. — 60

— Die Grenze des Überh'nnlichen. Eine Studie. (VII, 24 S.)
8°. Ebd. 1911. M. —60

Zwei kleine Brofchüren, die einen im wefentlichen
gleichartigen Inhalt von einigermaßen verfchiedenen Ge-
fichtspunkten aus beleuchten, und deren zweite der Tübinger
philofophifchen Fakultät, als eine Dankfchrift für
die Erneuerung des Doktordiploms, nach fünfzig Jahren,
dargebracht wird. Der würdige, um die Miffion verdiente,
Verfaffer gibt hier feiner dualiftifchen Glaubensftellung
gegenüber dem Häckelfchen Monismus einen dogmatifch
weitherzigen Ausdruck. Ja er kommt der, in gewiffen
naturwiffenfchaftlichen Kreifen noch vorherrfchenden, Art
der Pfychologie fo weit entgegen, daß ihn die Konfe-
quenzen zum Materialismus führen müßten, den er in
Häckel gerade bekämpft. Meint er doch, niemand könne
] heute mehr beftreiten, daß unfer Denken, wie das Sprechen,