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Ausgabe:

1913 Nr. 7

Spalte:

204-206

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Monceaux, Paul

Titel/Untertitel:

Histoire littéraire de l‘Afrique chrétienne depuis les origines jusqu’à l’invasion arabe. Tome IV. Le Donatisme 1913

Rezensent:

Koch, Hugo

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 7.

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wie auch_ durch Verteidigung derfelben gegen ungerechtfertigte
Änderungen der Editoren. In diefer Beziehung
wird vor allem die Hypothefe des letzten Herausgebers
Kroymann (der die Schrift im Wiener Corpus bearbeitet
hat), daß in den überlieferten Text, welcher nach I, I
und III, 1 eine dritte Auflage des Werkes darftellt, Interpolationen
aus der im ganzen verlorenen zweiten Auflage
eingedrungen feien, einer durchgehenden Nachprüfung
uuterworfen. Da Kroymann feine Annahme
auch auf das 2. Buch ftützt, dehnt Bill in einem Exkurs
auch die Nachprüfung auf diefes aus. Er kommt zur
Verwerfung der von vornherein wenig wahrfcheinlichen
Hypothefe Kroymanns. Auch die unabhängig von ihr
angenommenen oder neu eingeführten Textänderungen
der Wiener Ausgabe kritifiert Bill zumeift als mindeftens
unnötig, oft geradezu verkehrt, weil das Verftändnis des
Autors verfehlend oder verbauend. Ich geftehe, diefer
Kritik im ganzen wie im einzelnen mit fteter Zuftimmung
gefolgt zu fein, nachdem ich fchon gelegentlich akade-
mifcher Übungen gegenüber Kroymanns Rezenfion von
adv. Praxeam im gleichen Band des Wiener Corpus zu
demfelben ablehnenden Urteil gelangt war. Bill felbft
behandelt mit Recht den überlieferten Text fo refpekt-
voll wie möglich. Die von ihm vorgefchlagenen Änderungen
find durchweg fehr befonnen, für mich freilich
nur zum Teil überzeugend. Indeffen bei dem Stand der
Textüberlieferung der Bücher adv. Marcionem werden
unheilbare Stellen und Kontroverfen ftets zurückbleiben.
Alle Vorfchläge find hier dankbarer Erwägung ficher,
willkürliche, dazu im Textdruck in keiner Weife kenntlich
gemachte Änderungen aber, wie fie Kroymann beliebt
hat, energifch zurückzuweifen.

Ein Überblick über Tertullians umfangreiche Schrift
gegen Marcion zeigt, daß der Apologet den beiden
erften der fünf Bücher die Kritik der Gotteslehre des
Gegners zugewiefen hat und zwar fo, daß er im erften
Buch den von Marcion eingeführten zweiten (oberen,
guten) Gott aus rationalen Gründen als undenkbar (folglich
als nicht feiend) erweift, während das zweite den
nun allein übrigen Schöpfergott des Alten Teftaments
als einen wahrhaft vollen und würdigen, über herabfetzende
Kritik erhabenen, als im abfoluten Sinne ,Gott'
verteidigt. Das erfte Buch zerfällt weiter deutlich in
drei Teile ungleichen Umfanges. Zuerft wird aus dem
Begriff Gottes als summum magnum (eine fpeziell anti-
marcionitifch formulierte Definition S. 19f.) die Undenkbarkeit
von zwei Göttern entwickelt; denn es kann nur ein
summum magnum geben (c. 2—7). Ein zweiter Teil
(c. 8—21) kritifiert Marcions guten Gott ob feiner novitas,
nicht im Sinn des Praefkriptionsbeweifes, auf den Ter-
tullian in diefem Zufammenhang verzichten zu wollen
erklärt, fondern im Sinn der Frage, ob es denkbar und
wahrfcheinlich zu machen fei, daß ein von allem Anfang
her exiftierender Gott bis zu einem relativ nicht weit
zurückliegenden gefchichtlichen Zeitpunkt unerkannt und
unwirkfam bleibe. Bill überfchreibt diefen Abfchnitt ganz
zutreffend: ,Von der Offenbarung Gottes'. Ein dritter
Teil befchäftigt fich mit dem guten Gott nach feinen
pofitiven, ihm von Marcion beigelegten Eigenfchaften,
befonders feiner unvernünftigen und dabei fo unvollkommen
und widerfpruchsvoll betätigten bonitas.

Diefe drei von Tertullian felbft markierten Teile
bieten zugleich die Difpofition für Bills Exegefe. Als
Anhang ift eine Sammlung der Fragmente Marcions, die
fich aus Tertullians Schrift gewinnen laffen, beigegeben;
es wird hier recht verfchiedenartiges aneinandergereiht,
aber da Bill das Material nicht weiter erörtert, fo mag
die an fich dankenswerte Zufammenftellung auf fich beruhen
. Im übrigen hat die Unterfuchung, von der erwähnten
Dreiteilung abgefehen, keinerlei Dispofition und
weder äußere noch innere Gliederung. Sie verzichtet auf
alle ftiliftifchen und drucktechnifchen Mittel, dem Lefer
das Folgen und Verftehen zu erleichtern, und lieft fich

vielfach wie ein Apparat ohne Text. Es erfcheinen keine
Überfchriften, keine Seitentitel, keine Markierung der
Sinnabfchnitte mit Buchftaben oder Ziffern, gar kein
Sperr- oder Fettdruck, faft keine Anmerkung. Alles wird
uno tenore an- oder ineinander gefügt: die Analyfe des
Gedankengangs, die Erörterung textkritifcher Probleme,
die Mitteilung von religions- und traditionsgefchichtlichem
Material. Nicht einmal die Stellen, von denen gerade
gehandelt wird, find irgendwie herausgehoben, fodaß die
nachfchlagende Benutzung etwa bei der Tertullianlektüre
aufs höchfte erfchwert ift. Ein alphabetifches Regifter,
deffen Beigabe nicht unerwähnt bleiben foll, hilft gegen
die gerügten Mängel wenig, die fraglos zur Folge haben
müffen, daß das von Bill beigebrachte, vielfach neue und
wertvolle Material zur Einzelerklärung nicht zur er-
wünfchten Wirkung und Benutzung kommt. Möge der
Verfaffer freundlich erwägen, den erfreulicherweife in
Ausficht geftellten Fortfetzungen feiner Unterfuchungen
eine weniger rudimentäre Form zu geben; möge er fich
da vielleicht an Heinzes in diefer Zeitung Sp. 139 —141
befprochener Analyfe von Tertullians Apologetikum
orientieren. — Zu tadeln ift m. E. auch die freilich weithin
geübte Sparfamkeit im Mitteilen von Belegftellen in
extenso; es follte als unzuläffig empfunden werden, den
Benutzer eines Buches zum Nachfchlagen eines oft nur
mit Umftänden zugänglichen anderen zu veranlaffen für
eine Stelle, die wenig Raum in Anfpruch nehmen würde
und für das Verftändnis des Gelefenen unentbehrlich ift.

Der innere Charakter der Argumentation Tertullians
könnte vielleicht noch fchärfer herausgearbeitet werden.
Es fteht doch fo, daß Tertullian die foteriologifch gedachte
Zweigötterlehre Marcions kritifiert, als ob fie eine
Kosmologie wäre. Diefe Verfchiebung hat zur Folge,
daß er gegen den guten Gott Marcions polemifieren muß,
während eine religiös orientierte Polemik nicht diefen,
fondern den Weltfchöpfer angreifen müßte. Von hier
aus erklären fich ftarke Spannungen und Gezwungenheiten
in Tertullians Beweisführung und ihre Eindrucks-
lofigkeit für denjenigen, der fich auf Marcions Standpunkt
verfetzt. Zugleich wird deutlich, daß die kosmologifche,
d. h. wiffenfchaftliche Unbekümmertheit Marcions die
Schwäche feiner Pofition war.

Gelegentlich (S. 41h) fpricht fich Bill für die Priorität
von Minucius Felix vor Tertullian aus; aber die a. a. O.
angenommene literarifche Berührung zwifchen beiden ift
nicht notwendig fo zu deuten und beweift alfo nichts.
Im übrigen halte ich die Frage für im entgegengefetzten
Sinn entfchieden (f. die oben zitierte Anzeige von Heinzes
Abhandlung).

Berlin-Steglitz. Hans von Soden.

Monceaux, Prof. Paul: Histoire litteraire de l'Afrique chre-
tienne depuis les origines jusqu'ä l'invasion arabe.
Tome IV. Le Donatisme. (517 S.) gr. 8°. Paris,
E. Leroux 1912.

Vom groß angelegten Werke des Profeffors am
College de France und an der ecole des hautes-etudes
behandelte der erfte Band ,Tertullien et les origines'
(1901), der zweite .Saint Cyprien et son temps' (1902),
der dritte ,Le IVe siecle', D'Arnobe ä Victorin' (1905).
Der nach einem Intervall von fieben Jahren erfchienene,
517 Seiten umfaffende vierte Band der ,Literaturgefchichte
des chriftiichen Afrika' bietet aber noch keine Gefchichte
der durch den Donatismus hervorgerufenen Literatur —
eine folche wird erft der nächfte Band bringen —, fondern
eine Gefchichte und eine Quellenkunde der dona-
tiftifchen Wirren felber. Im erften Teile (S. 1—192)
fchildert M. den Verlauf des Schismas, den er fachgemäß
in vier Perioden teilt: von den Anfängen bis zur Ver-
1 urteilung durch Konftantin (311—318), von der erften
i Verfolgung bis zum Auftreten Auguftins (317—392), der
I Entfcheidungskampf zur Zeit Auguftins (392—430), die