Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1913 Nr. 7

Spalte:

202-204

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bill, August

Titel/Untertitel:

Zur Erklärung u. Textkritik des 1. Buches Tertullians „Adversus Marcionem“ 1913

Rezensent:

Soden, Hans

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

201

Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 7.

202

zweiten Evangeliums und die neuere Kritik (S. XXXIII—L),
wo fich L. u. a. mit Wrede, Jon. Weiß, Loify und Wendling
auseinanderfetzt, ferner das Kapitel über den Stil
des Marc, das, zum Teil allerdings in Anfchluß an Haw-
kins' horae synopticae, eine Reihe guter Beobachtungen
enthält (S. LXIV—LXXVIII), fodann die gründlichen Aus-
einanderfetzungen über den femitifchen und fpeziell ara-
mäifchen Charakter des zweiten Evangeliums, fowie feine
Latinismen (S. LXXIX—XCIX). Hier ift der Verfaffer
unter teilweifer Polemik gegen Wellhaufen bemüht, manche
fog. Semitismen des Marc als auch im helleniftifchen
Griechifch durchaus möglich nachzuweifen, ohne den ent-
fchieden femitifchen Einfchlag im Stil des Evangeliften
zu verkennen. Von den fpäteren Abfchnitten der Einleitung
verweife ich noch auf die gründlichen Erörterungen:
St. Marcus und die Redenfammlung (S. CHI —CIX) und:
Der Paulinismus des Marc (S. CXL—CL), während die
Abfchnitte über das Gottesreich und die Chriftologie unbedeutend
find. L. hält das Marc.-Ev. für das ältefte der
drei Synoptiker. Zeitlich vorangegangen ift ihm die
Redenfammlung des Matth. Die Benutzung derfelben
durch unferen Evangeliften erachtet er für nicht ganz aus-
gefchloffen, aber nicht für wahrfcheinlich. Freilich verkennt
er nicht, daß eine abfchließende Erörterung diefes Problems
nur möglich ift, wenn man die ganze fynoptifche
Frage aufrollt. Und dazu fühlt er fich als Kommentator
eines Evangeliums nicht berufen. So lehnt er auch eine
gründliche Behandlung der Urmarkusfrage ab, vertritt
aber die Meinung, daß unfer zweites Evangelium den
einheitlichen Niederfchlag einer mündlichen, im wefent-
lichen auf Petrus zurückgehenden Tradition bildet.

Nach dem Ausgeführten wird niemand große kritifche
Seitenfprünge von unferem Autor erwarten. Aber auch
wo feine Apologie nach unferm Empfinden zu weit geht,
bleibt fie doch immer fcharffinnig und gefchmackvoll.
Auf die fehr gründliche Einzelexegefe näher einzugehn,
muß ich mir leider verfagen. Sie bietet viel Anregendes
und Inftruktives.

Königsberg i. Pr. R. A. Hoffmann.

Die lateinifchen Bibelverlionen (Itala u. Vulgata). Hrsg. m
Anmerkgn. u. deut. Überfetzg. verfehen v. Lanz-
Liebenfels. Vol. I: Genefis. (Orbis antiquitatum,
Pars II, tom. II, vol. I.) (15 S. u. Doppelf. 16—175.)
Wien 1909. Leipzig, Verlag Lumen. M. 15 —

Der Plan des Orbis Antiquitatum, von dem der mir
vorliegende Band nur Pars II Tom. II Vol. I darfteilt, ift,
wie aus dem Vorwort zu erfehen, von einzigartiger Ma-
jeftät. Die bedeutendften religions- und kulturgefchicht-
lichen Quellenfchriften follen in Urtext und Überfetzung,
fowie mit einem Kommentar verfehen, herausgegeben
werden; felbft die griechifchen und lateinifchen Klaffiker
und die Altertümer der germanifchen Literatur nicht
ausgenommen, weil diefe meift über 50 Jahr alt find, alfo
aus einer Zeit flammen, wo fich u. a. die Anthropologie
und die Ethnologie noch in ihrem Anfangsftadium befanden
. Hier follen die Wiffenfchaften ohne irgend ein
konfeffionelles Sonderintereffe zu einem Kreis, einem
Orbis um den einen Mittelpunkt, die Wahrheit, zufarnmen-
gefchloffen werden. Verdächtiger als der amüfante Lapfus
auf S. 3, daß es an einer handfamen (fo S. 7) aramäifchen,
(ift armenifchengemeintr) fy rifc he n (und koptifchen)Bibelausgabe
fehle, ift die auf S. 5 feierlich proklamierte Zuverficht
, dem Theofophen ebenfo wie dem Prähiftoriker
nützlich zu fein. ,Der Orbis Ant. foll in allen _ öffentlichen
Bibliotheken ein unbedingt notwendiges und yielverlangtes
Hand- und Nachfchlagebuch werden.' Mit Bibelüber-
fetzungen fangen die Orbis-Künftler ihr Werk an, weil
fie die Bibel ernftlich hochfchätzen. Aber! ,Daß die Bibel
in Mißkredit kam, daran find bloß die fchlechten modernen
Überfetzungen fchuld, die den wahren Sinn des Bibelwortes

oft bis zur Unkenntlichkeit entftellen. .Nur die Neuherausgabel
!) des Urtextes und der alten Überfetzungen, auch
der uns am nächftliegenden (sie!) alten germanifchen
Verfionen, können diefer bedauerlichen und verwirrenden
Unklarheit ein Ende machen'! Angefichts folcher Ver-
ftiegenheit wundert man fich nicht mehr, bald darauf zu
vernehmen, wir könnten aus den verfchiedenen Bibelüber-
fetzungen mit wiffenfehaftlicher Exaktheit feftftellen, wie
ein und derfelbe Begriff in den verfchiedenen Kulturkreifen
gefaßt wurde. In den höheren und tieferen Sinn des
rätfelhaften, oft nur dem Eingeweihten verftändlichen
Bibelwortes führen die alten Überfetzer uns ein, denen
gegenüber wir uns nur als Schüler fühlen und deren
unvergängliche Weisheit wir ehrfurchtsvoll verehren. ,Sie
waren der Gottheit und dem Quell aller Weisheit näher
als wir, deswegen ift ihr Wort und ihr Gedanke heiliger,
tiefer und wahrer als unfer modernes Wiffen.' Diefe krankhafte
Demut vor fo ftümperhaften hilflofen Schülerarbeiten,
wie es die der Itala-Autoren mindeftens zum Teil find,
läßt das Ärgfte von dem neuen Orbis fürchten.

Aber alle Erwartungen werden übertroffen. Was wir
empfangen, ift eine aus dem Sabatier von 1743 zufammen-
gefchriebene Sammlung von Genefis-Fragmenten: daß
wir den Kodex von Würzburg, daß wir den prächtigen
Lugdunensis jetzt befitzen und dadurch die gute Hälfte
der Genefis-Itala vollftändig zurückerobert haben, ift diefem
Orbis-Schwärmer nie zu Ohren gekommen. Schon damit
ift fein Werk trotz alles darauf verwandten Fleißes als
wertlos erwiefen. Mit einer Überfetzung aus der Itala
ins Deutfche wird zudem Niemandem gedient — was ich
gar nicht erft beweife — und unklare, falfche Überfetzungen
fehlen bei Lanz fo wenig wie Auslaffungen und
verhängnisvolle Druckfehler. Dafür ein luftiges Beifpiel:
Gen. 30,15 druckt der Orbis: ,Carum est tibi' irrig ftatt
parum e. t; er überfetzt getreulich: ,Dir ift es teuer, daß
du meinen Mann genommen haft', und bemerkt felbft
jetzt den Unfinn nicht.

Als eine Probe für den exegetifchen Standpunkt diefes
Herausgebers mag noch notiert fein, daß er in Gen. 1, 1
die Abweichung der Itala: ,Deus fecit' von Vulgata: D.
creavit wie eine Erlöfung von fchwerem Wahn feiert. ,Das
ganze 1. Hauptftück der Genefis ift unerklärbar und mit
der modernen Wiffenfchaft nicht in Einklang zu bringen,
wenn man bei der . . . Auffaffung beharrt, daß in dem
1. Hauptftück die Schöpfung des Makrokosmos behandelt
werde. Alle alten Exegeten und befonders die gnoftifchen
Schriften(I) vertreten die Anficht, daß das 1. Hauptftück
von der Erfchaffung der Engel handle. Auch die Genefis
liefert einen indirekten Beweis dafür, indem fie in den
nachfolgenden Hauptftücken von den Engeln fpricht
(handelt fie vom Makrokosmos nachher nicht?). Es wäre
merkwürdig, wenn die Bibel es unterlaffen hätte, uns
über den Urfprung der himmlifchen Mächte im Unklaren
zu laffen.' Wir glauben, mit diefen Mitteilungen nichts
unterlaffen zu haben, um das theologifche Publikum über
Geift, Wert und Sprachgewalt des Orbis Antiquitatum
nicht im Unklaren zu laffen, und werden die weitere Be-
fchäftigung mit folcher hiftorifch-philologifchen Alchymie
den Theofophen überlaffen.

Marburg i. H. Ad. Jülich er.

Bill, Dr. Auguft: Zur Erklärung u. Textkritik des 1. Buches
Tertullians ,Adversus Marcionem'. (Texte u. Unter-
fuchungen zur Gefch. d. altchriftl. Lit. 3. Reihe, 8. Bd.,
Heft2.) (IV, I12S.) 8°. Leipzig,J.C.Hinrichs 1911. M.3.50

Bills Beiträge zur Erklärung der Textkritik von Tertullians
erftem Buch adversus Marcionem wollen einem
Kommentar zu diefer Hauptquellenfchrift für unfere
Kenntnis der Marcionitifchen Kirche vorarbeiten durch
eine Analyfe des Gedankenganges und durch eben darauf
gegründete Textherftellung, und zwar letzteres fo-
wohl durch notwendige Korrekturen der Überlieferung

**