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Ausgabe:

1913 Nr. 7

Spalte:

200-201

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lagrange, Marie-Joseph

Titel/Untertitel:

Évangile selon Saint Marc 1913

Rezensent:

Hoffmann, Richard Adolf

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199

Theologische Literaturzeitung 1913 Nr. 7.

200

Teftamentes gehen zu können. Er will dem mit diefen
Fragen nicht vertrauten Theologen zeigen, wie fich in
vielen Punkten des AT Einflüffe der alten fumerifchen
Kulturwelt widerfpiegeln, ohne daß er jedoch Anfpruch
auf Vollftändigkeit des Materials erheben oder im wefent-
lichen Neues bieten will. Unter diefen Gefichtspunkten
behandelt er in drei Kapiteln Geographisches, Kulturelles
und Religiöfes. Wer lieh mit den hier in Betracht
kommenden Dingen noch nicht befaßt hat, wird gewiß
manche Anregung dem Heftchen entnehmen. Andrer-
feits läßt fich auch nicht abftreiten, daß manches Un-
fichere aufgenommen wurde und auch einige Irrtümer
eingedrungen find.

Befonders fei auf folgendes aufmerkfam gemacht: S. 6. Sumerifch
ift nicht die Sprache ,der fogenannten dritten Keilfchriftgattung im Sinne
der Infchriften von Perfepolis'. — S. 8. Ob Ea fum. ift, ift doch fehr
zweifelhaft. — S. 11 ff. Die Etymologie von Itt ift noch nicht befriedigend
zu löfen; äff. edü wäre hebr. mindeftens rtlx. Man könnte an fum. id
.Kanal' denken, wenn es ein äff. Lehnwort idu gäbe. Ein folches ift aber
unbekannt. — [S. 27. Sehr berechtigt ift des Verfaffers Skepfts gegen die
Vokalifation von ISStti. —] S. 29. Daß für Bäbili vielfach Bab-ilän ,Tor
der beiden Götter' gefchrieben wird, ift unrichtig. Es begegnen nur
Schreibungen, die als ,Tor der Götter' zu deuten fiud. —■ S. 31 ff. ift
manches noch unficher. — S. 33. Äff. pulänu oder pulpul gibt es nicht.
— S. 37. Die Ausführungen über e-sar-ra find nicht klar; keinesfalls ift
sara = sar-an = an-sar. — In Ex. 20, 4 finde ich keine direkte Warnung vor
dem Bilderkult Anu, Enlil's und Ea's. Die Dreiteilung entfpricht lediglich
den geographifchen Kenntniffen der Zeit. — S. 38. Anu in "JSSB! ?—
S. 39 lies Siu-ahhe-eiiba. — S. 45. Gibt es für Mayen; wirklich keine
andre Etymologie als eine fumerifche?

Jena. A. Ungnad.

Klamroth, Lic. Erich: Die jüdilchen Exulanten in Babylonien.

(Beiträge zur Wiff. vom Alten Teftament. Heft 10.)
(V, 107 S.) 8°. Leipzig, J. C. Hinrichs 1912. M. 2.80;

geb. M. 3.80

Die Schrift ift forgfältig und umfichtigmitumfaffender
Benutzung aller in Betracht kommenden Quellen gearbeitet
. Ihr befonderer Wert befteht darin, daß auch die
keilfehriftlichen Angaben mit in das Gefamtbild eingefetzt
find. Vortrefflich ift die Befchreibung der äußeren
Verhältniffe bei der Deportation (S. 24T.), nach dem Exil
in Juda (S. 26f.), der Exulanten in Babylonien (S. 27fr.).
Manche weitverbreiteten Irrtümer werden dabei berichtigt,
fo, daß die Fortgeführten ihre Güter haben verkaufen
dürfen (S. 23), daß fie .freie Bürger' in Babylonien ge-
wefen (S. 31) und daß die Juden im Exil ein Handelsvolk
geworden find (S. 43). In andrem fcheint mir der
Verfaffer weniger glücklich zu fein: fo ift die Annahme
mehrerer Deportationen (außer den bekannten) mir zweifelhaft
(S. 10ff); daß im untergehenden Juda eine ,fort-
fchrittliche' und eine .konfervative' Partei mit einander
gekämpft haben (S. 8f. 17), ift in den Quellen nicht bezeugt
. Weniger originell find die Auseinanderfetzungen
über die religiöfen Verhältniffe der Exulanten. Hierbei
hat fich der Verfaffer zu einfeitig von dem Urteil der
uns im Kanon erhaltenen Propheten leiten laffen, z. B.
wenn er das Jerufalem der letzten Jahre als einen .wahren
Pfuhl des Lafters' fchildert (S. 85), oder wenn er die von
den kanonifchen Propheten bekämpfte Partei der .Heilspropheten
', der doch auch ein Deuterojefaias entflammt,
unter dem Titel Talfche Propheten' behandelt (S. 71 ff):
hier ift der Verfaffer alfo nicht zur vollen Vorurteilslofig-
keit der gefchichtlichen Betrachtung durchgedrungen.
Hier und da treten Modernifierungen hervor; z. B. wenn
er Propheten wie Ezechiel und Deuterojefaia bewußte
Übernahme des Babylonifchen (S. 46), wobei eigentlich
das babylonifche Götterfyftem als folches bejaht worden
wäre (S. 64), zutraut. An anderen Stellen fcheint er mir
Profa und Poefie zu verwechfeln: Pf. 137 fchildert eine
rein dichterifch gefchaute Situation, die nicht in die
nüchterne Wirklichkeit übertragen werden darf (S. 94 ff)-
Bei der Schwierigkeit und Vieldeutigkeit unfers Materials
ift es natürlich, daß ich bei fehr vielen Stellen anderer

Meinung bin: sub sebuth drückt, fo glaube ich, den pro-
phetifchen Glauben von der Wiederkehr der Urzeit aus
und hat mit der Rückkehr aus der Gefangenfchaft nichts
zu tun (S. 60 A. 3); cäröm bedeutet Jef. 20, 3 f. nicht, wie
das fchöne Schamgefühl der Exegeten will, ,ohne Obergewand
' (S. 25), fondern nach dem Zufammenhange wirklich
.nackend'; Ableitungen der Pfalmen von hiftorifchen
Perfonen, wie die des Pf. 22 von Manaffe und des Pf. 61
von Jojachin find völlig unbeweisbar und könnten wohl
aus der Debatte verfchwinden (S.40. 53); ufw. Im ganzen
aber ift die Arbeit eine erfreuliche Leiftung und befonders
, was die Schilderung der politifchen Zuftände betrifft
, eine Bereicherung unferer Literatur.

Gießen. Hermann Gunkel.

Lagrange, P. M.-J.: £vangile selon Saint Marc. Emdes bi-
bliques. (CLI, 456 p.) gr. 8° Paris, Victor Lecoffre 1911.

fr. 15 —

Wir haben hier die Arbeit eines fehr gefcheuten und
fehr gelehrten katholifchen Theologen vor uns, von der
auch die proteftantifche Theologie wird mancherlei Nutzen
ziehen können. Befonders die fprachliche und archäologische
Seite der Auslegung ift mit mufterhafter Gründlichkeit
und einem gefunden philologischen Urteil bearbeitet
. Der Verfaffer lebt im heiligen Lande, die Vorrede
ift in Jerufalem gefchrieben. Er ift im Hebräifchen,
Aramäifchen wie dem neuerdings ja nach manchen Seiten
neu erfchloffenen helleniftifchen Griechifch gleich gut zu
Haufe. Er zieht die Kirchenväter des öfteren zur Erklärung
heran, desgl. aber auch die neuefte franzöfifche,
englifche und deutsche exegetische Literatur beider Kon-
feffionen. Auch zahlreiche Zeitfchriftenartikel find von
ihm berückfichtigt. Zu bedauern bleibt nur, daß er
Merx' Kommentar zum syrsin für die Textkritik und
Exegefe nicht fruchtbar gemacht hat.

In der umfangreichen Einleitung befchäftigt fich mit
Textkritik ein befonderes Kapitel (S. LI—LXIII). Hier
wird u. a. die große Arbeit von Soden's zur Textge-
fchichte gebührend gewürdigt und die Erwartung aus-
gefprochen, daß die von diefem Gelehrten in Ausficht
geftellte Herausgabe des NT.s fich nicht viel von dem
vom Verf. fehr hoch geftellten Weftcott-Hortfchen Text
unterfcheiden wird. Eine Reihe von Lesarten des cod. D
wird dann einer kritifchen Mufterung unterzogen und der
Nachweis verflicht, daß diefe Lesarten zum Teil Schwierigkeiten
des urfprünglichen Textes befeitigen wollen, zum
Teil durch den Einfluß der lateinifchen, gelegentlich auch
der fyrifchen Verfion zu erklären find. So wichtig auch
diefer letztere Gefichtspunkt zweifellos ift, fo ift doch
noch lange nicht das letzte Wort über cod. D mit L.'s
Unterfuchungen gefprochen, dazu find fie Schon nicht
umfaffend genug. Ein näheres Eingehen auf die Eigenart
des syrsi" fehlt leider. Im Kommentar werden dann Lesarten
diefer Überfetzung wie des cod. D zwar des öfteren erwähnt
, aber in der Frage, wie weit fie den urfprünglichen
Text erhalten haben, zeigt fich L. fehr referviert. Zudem
find fo manche intereffante Textesvarianten diefer Zeugen
gar nicht notiert. Ich verweife nur auf Marc. 1,21, wo
syrsin die Worte EiqxoQSVovxai elg Ka(paovaov(i xal Evdvg
nicht lieft, auf 2,27, wo in syrsin die Stelle xal ovy d
avd-Qwjioq öid rd odßßaxov und in Dae noch dazu der
vorangehende Paffus xo odßßaxov öid rbv dvd-Qcojtov
kyEvsxo fehlte. Zu 3,21 ift zwar notiert, daß D und die
alten Lateiner oxs rjxovoav jieqI avxov 01 yoauuaxElq
xal oi Xoijcoi lefen, anftelle der Worte cixovoavxsq ol nag
avxov, aber es ift nicht der^ interefianten Variante für
e^eöxt] gedacht: st-EOxaxai avxovg. Die Schriftgelehrten
und Pharifäer wollen, nach cod. D, Jefum feftnehmen
mit der Begründung, daß er ihnen ausgewichen fei
(cf. 3,7).

Von den übrigen Abfchnitten der Einleitung hebe
ich als bedeutfam folgende hervor: Die Kompofition des