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Ausgabe:

1913

Spalte:

193-198

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Norden, Eduard

Titel/Untertitel:

Agnostos Theos. Untersuchungen zur Formengeschichte religiöser Rede 1913

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung

Begründet von Emil Schürer und Adolf Harnack

Fortgeführt von Professor D. Arthur TitiUS und Oberlehrer Lic. Hermann Schuster

jährlich 26 Nrn. Verlag: J. C. Hlnrichs'fche Buchhandlung, Leipzig Halbjährlich 10 Mark

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vJö. JanFff. NF. 7 ProfefforD. Titius in Göttingen, Nikolausbcrger Weg 66, rufenden. xStJ. M.clTZ IcHo

° Rezenfionsexemplare ausfchließlich an den Verlag.

Norden, Agnostos Theos (Bouffet).

T h e i s, Sumerifch es im Alten Teftament (Ungnad).

Klamroth, Die jüdifchen Exulanten in Baby-

lonien (Gunkel).
Lagrange, Evangile selon Saint Marc (R. A.

Hoffmann).

Lanz-Liebenfels, Die lateinifchen Bibelver-
fioven (Jülicher).

Bill, Zur Erklärung u. Textkritik des i. Buches
Tertullians ,Adversus Marcionem' i Hans v. Soden
).

Monceaux, Histoire litteraire de l'Afrique chre-

tienne (Koch).
Bibliotheca hagiographica orientalis (Jaeger).
Petrus Alfonsi Disciplina Clericalis (Ficker).

Heidelberger, Kreuzzugsverfuche um die
Wende des 13. Jahrh. (Cartellieri).

Seppelt, Die Breslauer Diözefanfynode vom J.
1446 (Jacobi).

Ecke, Schwenckfeld, Luther u. der Gedanke e.
apoffolifchen Reformation (W. Köhler).

Keller, Die ftaatsrechtliche Anerkennung der
reformierten Kirche auf dem weftfälifchen Friedenskongreß
(Katterfeld).

Gruudemann, Der Monismus u. die Bekämpfung
desfelben (Schwartzkopff).

— Die Grenze des überfinnlichen (Derf.).

Lempp, Das Problem der Theodicee in der
Philofophie u. Literaturdes 18. Jahrh. (Troeltfch).

Wegen er, Das Problem der Theodicee in der
Philofophie u. Literatur des 18. Jahrh. (Derf.).

Literatur zum Fall Traub von: Harnack, König,
Pingoud, Moeller, Schiele, Traub, Kraemer,
Dörries, Baumgarten und im Deutschen Geschichtskalender
(Eger).

Hunzinger, Theologie und Kirche.

Referate: John, Ancient Assyria. — Marti,
Kurzgefaßte Grammatik der biblifch-ara-
mäifchen Sprache. — Barge, Aktenftücke zur
Wittenberger Bewegung Anfang 152a. —
Maier, Briefe von David Friedrich Strauß an
L. Georgii. — Grape, Der ländliche Gottes-
dienft als Gemeindefeier. — Jäger, Am Brunnquell
. — Rohrbach, Deutfchlaud in China
voran! — Wie ich meinen Glauben verlor!

Wichtige Rezenfionen. — Neuefte Literatur.

Norden, Eduard: Agnostos Theos. Unterfuchungen zur
Formengefchichte religiöfer Rede. (IX, 410 S.) gr. 8°.
Leipzig, B. G. Teubner 1913. M. 12—; geb. M. 13 —

Das ganze Werk mit feinen erftaunlich reichen Anregungen
nach den verfchiedenften Seiten, für Philologen
wie für Theologen, ift aus einem Studium der Areopagrede
des Paulus in der Apoftelgefchichte, die den Philologen
ja von vornherein anziehen muß, erwachfen und hat von
dorther denn auch feinen Titel bekommen.

Es fetzt ein mit einer ftilgefchichtlichen Betrachtung
derartiger Miffionsreden, zu der der Verfaffer den Poiman-
dres, die Barnabaspredigt am Anfang der pfeudoklemen-
tinifchen Schriften, das Kerygma Petri, wie auch bereits
die 33. Ode Salomos heranzieht; Ziel diefer Ausführungen
ift der m. E. gelungene Nachweis eines feften Typus derartiger
Reden, obwohl man ja vielleicht gegen diefe Ausführungen
noch einwenden könnte, daß ähnliche Verhält-
niffe von fich aus einen ähnlichen Redetypus an mehreren
Stellen zugleich hervorbringen können. Doch kann ich
bei diefer intereffanten Frage leider nur kurz verweilen,
kann auch nur kurz hinweifen auf das was N. unter dem
Titel ,das ftoifche Begleitmotiv' zur Erklärung der Areopagrede
beibringt (vgl befonders die Ausführungen über
das d aga ye rpt^XacprjOeiav; xai ye ov fiaxgctv aoib evbg
ixäorov mimv vnagyovra: h> avzcp yag ^cöfiev xai xivov-
[ud-a xai tOfuv). Den Höhepunkt erreicht die Unter-
fuchung da, 'wo N. fich der Unterfuchung der Altarauf-
fchrift: dyvcoozcp #£rö zuwendet. N. ftellt die Frage nach
der Herkunft diefes Motivs und löft das Problem in höchft

die Rede war, daß in Athen ,a.yvco<5zcov öaifibvmv ßajfioi
iögvvzat'. Die Parallele ift in der Tat auffällig, beide
Male kommt ein Wandermiffionar nach Athen, hält dort
eine Rede über den rechten Kultus und erwähnt Altäre
unbekannter Götter refp. eines unbekannten Gottes, ja es
läßt fich mit guten Gründen vermuten, daß auch im Falle
des Apollonius die Altarauffchrift die direkte Veranlaffung
zu feiner Rede geboten hat. Nun ift die Apg. — Norden
ftützt fich dabei auf das bei Wendt zum Ausdruck
kommende faft allgemeine Urteil (gegen Harnack) —
früheftens am Ende der Regierung Domitians gefchrie-
ben, alfo immerhin einige Jahrzehnte fpäter als der Vorgang
im Leben des Apollonius (S. 45). Der Verfaffer
der Apg. hätte alfo ein berühmtes Motiv aus dem Leben
des weithin bekannten Wanderpredigers zur Geftaltung
feiner Areopagrede benutzt und dabei die ayvmozoi &eoi
(öaiuoveg) in den ayvmozog O-eog umgefetzt (die Nachweile
darüber, vor allem das wichtige Hieronymuszeugnis
in Tit. I 12 vgl. S. 115—124).

Diefer ganze Nachweis wird für N. dann die Veranlaffung
einer kühnen und weit ausholenden Unterfuchung.
Zunächft über den Begriff des Agnoftos Theos überhaupt.
N. knüpft feine Unterfuchung an die bemerkenswerte Notiz
bei Joh. Lydus de mensibus IV 53 (ntgi zov nag' Eßgaicov
TifiiofiEvov &£ov) an, daß Livius von dem ayvmözog (f>£Oc),
der bei den Juden verehrt werde, gefprochen habe. Livius
aber hat, wie wir wiffen, nur von dem namenlofen und
bildlofen Gott in Jerufalem gefprochen (S. /5o). Woher
mag Lydus jenen Begriff des ayvmazog &eog haben? —
Die Unterfuchung führt den Verfaffer in das Milieu der

fcharffmniger und überzeugender Weife. Daß man an I Gnofis, wie von vornherein zu erwarten war. Hier finden
die Envähnung oder Befichtigung von Altarauffchriften, ( fich in der Tat überreichliche Parallelen, (S. 69—73). Das

Gottesftatuen ufw. eine — meift erbaulich religiöfe refp.
polemifche — Betrachtung anzufchließen pflegte, erweift
Norden als eine weitverbreitete Stileigentümlichkeit (nach
Maximus v. Tyrus, Rede 2 refp. 8; pfeudoheraklitifcher
Brief 4; Minucius Felix, Einl. f. Dialogs, Apulejus Florida
1; andere Beifpiele S. 50). Aber die Herkunft des Motivs
läßt fich noch genauer beftimmen. Der Wanderprediger
und Miffionar Apollonius von Tyana hat, wie wir wiffen
(Philoftratus IV 18 f), eine religiöfe Dialexis über den rechten
Opferkult in Athen gehalten, die er dann auch in einer
Schrift niederlegte (jtegl &voimv, Fragment Eufeb. pr. ev.

Spezifikum der Gnofis ift dabei, daß fie diefen unbekannten
Gott in den bekannten mehr oder minder fchroffen Gegen-
fatz gegen den Schöpfergott einftellt. Die Polemik der
Kirchenväter gegen die Gnofis liefert neues Material; befonders
wird hier die Rolle klar, welche das Logion Mt. 11,27,
die Hauptbeweisftelle der Gnofis in diefem Kampf fpielte
(f. u.). — Mit dem Problem des unbekannten höchften
Gottes habe ich mich bereits feinerzeit in den Hauptproblemen
der Gnofis befchäftigt, mit dem lebhaften Gefühl
, nicht zum Ziel gekommen zu fein. Es handelt fich
namentlich darum, ob wir den Begriff des Agnoftos Theos

IV 13). Weiter ift es Norden gelungen, außerordentlich nicht auch außerhalb der Gnofis und ohne jene markante
wahrscheinlich zu machen, daß in diefer Dialexis davon Wendung gegen den Schöpfergott nachweifen können.

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