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Ausgabe:

1913 Nr. 6

Spalte:

187-188

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Funk, Franz Xaver von

Titel/Untertitel:

Lehrbuch der Kirchengeschichte. 6., vielfach verb. u. verm. Aufl., hrsg. v. Karl Bihlmeyer 1913

Rezensent:

Loofs, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 6.

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evangelifierter Form fich im neuen Kirchenwefen konfo-
lidiert hat. Das Material hierfür ift hier freilich nicht
leicht zu befchaffen; auch in feiner Lückenhaftigkeit kann
es uns aber zeigen, wie auch auf dem Gebiet der kirchlichen
Zucht die Reformation eine Reinigung des Überlieferten
, nicht einen Neubau bedeutet. Die Ordnung von
1572 hätte in ihren Beftimmungen eingehender gefchil-
dert werden follen; fie hat die Praxis auch in Heffen-
Caffel ftark beeinflußt. Was B. über die ideale Auffaffung
der öffentlichen Kirchenbuße in der Agende von 1574
ausführt, verdient Zuftimmung; fie konnte in ihrer Höhenlage
vom Volk unmöglich verftanden werden. Das Verhängnisvolle
der weiteren Entwicklung ift wie in anderen
Territorien, daß die öffentliche Kirchenbuße fich in der
Praxis auf die fexuellen Delikte befchränkt und immer
ausgefprochener den Charakter einer befchimpfenden Be-
ftrafung gerade diefer Delikte, unter Freilaffung anderer
ebenfo bedenklicher, annimmt — allerdings auch eine
ftarke volkserziehliche Wirkung gerade auf dem fexuellen
Gebiet ausübt. Die Ungerechtigkeit des Verfahrens, in
Verbindung mit der Humanifierung des Empfindens
gegenüber den Delinquenten, läßt 1786 die öffentliche
Kirchenbuße durch die Privatzenfur vor dem Pfarrer er-
fetzen — eine vorwiegend moralifche Einwirkung auf den
Übeltäter, die aber von der rein moralifchen feelforger-
lichen Beeinfluffung durch ihren Charakter als offizielle
Reaktion des kirchlichen Amts gegen das beftimmte Vergehen
unterfchieden ift, fich übrigens auch ihrer Ent-
ftehungsgefchichte als Erfatz der öffentlichen Kirchenbuße
entfprechend fo gut wie ausfchließlich auf Forni-
kationsfälle bezieht. Die unter Vilmars überragendem
Einfluß Itehende Reftauration, mit dem klaffifchen Kon-
fiftorialausfchreiben vom 22. Mai 1855 über die Kirchenzucht
, will die Kirchenzucht als Reaktion des dem Staat
gegenüber felbftändigen Wert beanspruchenden Organismus
,Kirche', bzw. ihres gottgeftifteten Amtes, gegen
grobe Verletzung der göttlichen Gebote neu beleben und
ihr die gefchichtlich gewordene Befchränkung auf die
fexuellen Vergehen nehmen. Inwieweit es gelungen ift,
diefe Gedanken bis auf diefen Tag in der Praxis der
kurheffifchen Kirche lebendig zu halten, ift befonders
lehrreich zu lelen.

Die Dispofition der verdienftlichen Arbeit könnte
öfter beffer fein. So wird Kap. IV (Zeit von 1610/48) die
kirchenzuchtliche Praxis vor den Ordnungen (aus dem
Jahre 1610 und 1630) behandelt, und ebenfo Kap. 5 für
die Zeit 1648/1786 verfahren. Das ift nicht zu empfehlen.
S. 206 ift der Ausdruck excommunicatio latae sententiae
falfch gebraucht; eine bei Übertretung bestimmter Vor-
fchriften ipso facto eintretende Exkommunikation — das
heißt exc. 1. s. — hat die evangelifche Kirche nie gekannt
, auch ein Vilmar nicht.

Friedberg i. H. K. Eger.

Referate.

Funk, weil. Prof. Dr. F. j£ von: Lehrbuch der Kirchengelchichte.

6., vielfach verb. u. verm. Aufl., hrsg. v. Prof. Dr. Karl
Bihlmeyer. (Wiffenfchaftliche Handbibliothek. I. Reihe:
Theolog. Lehrbücher. XVI.) (XVIII, 863 S. m. 1 Karte). 8".
Paderborn, F. Schöningh 1911. M. 11 —

Die erfte Auflage diefes Lehrbuches habe ich in ihrem Er-
fcheinungsjahre vor 27 Jahren in diefer Zeitung angezeigt (1886,
Sp. 436). Ihr auch von den proteftantifchen Kirchenhiftorikern
Deutfchlands hoch geachteter Verfaffer ift inzwifchen abgerufen
(24. Februar 1907), kurz nachdem er die fünfte Auflage diefes
Lehrbuches mit Vorrede vom Oktober 1906 hatte ausgehen
laffen. Was die neue Auflage von der letztvorangegangenen
unterfcheidet, ift demnach ganz auf Rechnung ihres Herausgebers
zu fetzen. Mit der erften verglichen, weift fle ein Wachstum
von 300 Seiten auf. Doch hat fchon Funk felbft fein Buch beträchtlich
vermehrt; die fünfte Auflage zählte bereits 80 Seiten
mehr als die erfte; der Paragraph über die Waldenfer (119) z. B.,
der viermal fo umfangreich ift als der der erften Auflage, rührt

nicht erft von dem jetzigen Herausgeber her. Doch hat diefer
eine Reihe von Paragraphen — die Vorrede zählt fie auf — zu
ihrem Vorteil ganz oder faft ganz umgearbeitet, und die Vervollständigung
der Literturangaben ift nicht nur für die Zeit feit 1907
fein Werk. Trotz alle dem ift die erfte Auflage als die Grundlage
auch noch der fechften deutlich erkennbar. Die Anlage ift,
obwohl einige wenige zweckmäßige Umftellungen vorgenommen
lind, diefelbe geblieben, der erfte Text da, wo Berichtigungen nicht
nötig waren, beibehalten; die Änderungen und Erweiterungen
fügen dem alten Rahmen als durchaus gleichartig fich ein; die
Weiterführung der Darstellung bis zur Gegenwart (vgl. das S. 784
über den Modernismus Gefagte) bleibt in den Bahnen Funks.
Der Herausgeber hat fich alfo hier als rechter Nachfolger feines
,hochverehrten Lehrers und väterlichen Freundes' erwiefen. Man
kann daher dem Buche auch in feiner neuen Geftalt den Einfluß
wünfchen, des die von Funk beforgten Auflagen fich auf katho-
lifchem Gebiete erfreuten.
Halle a. S. Loofs.

Luther, Marl.: Sämtliche deutfche geiftliche Lieder. In der Reihenfolge
ihrer erften Drucke hrsg. v. Friedrich Klippgen. (Neudrucke
deutfcher Literaturwerke des XVI. u. XVII. Jahrh.
Nr. 230.) (IV, 78 S.) 8«. Halle, M. Niemeyer 1912. M. — 60
Diefe neue Ausgabe der Lutherlieder bietet S. 24—63 die
Texte derfelben nach der erften bezw. den erften Ausgaben, in
denen fie vorkommen, mit Angabe der Varianten in den fpätern
Ausgaben bis 1545. S. 64—74 find die Quellen bezw. die Vorlagen
abgedruckt, welche Luther bei feinen Dichtungen im einzelnen
benutzt hat. In der Einleitung fpricht der Verfaffer über
den Anlaß ihrer erften Veröffentlichung 1524 und teilt die litera-
rifchen Notizen aus dem 16. Jahrhundert mit, welche bei der
Unterfuchung über die Entftehungszeit der einzelnen Lieder beachtet
werden müffen. Daran fchließt fich von S. 15—23 der
Verfuch einer Bestimmung diefer Zeit, wobei Klippgen fich meift
an die Hypothefen von Achelis und Spitta anfchließt. Zu den
in diefem Äbfchnitte gemachten Angaben — er ift überfchrieben:
,Bemerkungen über die Methode der Befchäftigung mit Luthers
geistlichen Liedern' — wird der Verfaffer am wenigsten Zuftimmung
finden, wenn man ihm auch darin Recht geben muß, daß
die ,AnkIänge' in Luthers Werken an feine Lieder auch als Nachklänge
' aufgefaßt werden können S. 17. Jedenfalls verdient die
im germaniftifchen Seminar der Universität Leipzig begonnene
fleißige und in ihren Textangaben zuverläffige Arbeit in den
Kreifen der Hymnologen Beachtung.
Göttingen. K. Knoke.

Diffelhoff. Julius: Jubilatel Denkfchrift zur Jubelfeier der Erneuerung
des apoftolifchen Diakoniffen-Amtes. Aus Anlaß
der 75jährigen Wirkfamkeit des Diakoniffen-Mutterhaufes zu
Kaiferswerth a. Rhein durchgefehen u. nach dem Stande von
1911 neu hrsg. v. Johs. Stursberg. (X, 402 S.) Lex. 8U.
Kaiferswerth, Verl. der Diakoniffen-Anftalt. M. 7 —;

geb. M. 8 —

Die im Jahre 1886 zum 50jährigen Jubiläum herausgegebene
Denkfchrift des Diakoniffen-Mutterhaufes zu Kaiferswerth (vgl.
Theol. Lit.-Ztg. 1887, S. 20) ift zum 75jährigen Jahresfefte von
dem jetzigen Leiter der Anstalt neu herausgegeben. Die gefchicht-
liche Einleitung ift nicht wefentlich verändert. Die alte Fliedner-
fche Meinung, Phoebe fei die erfte ,Diakoniffin' gewefen, und es
handle fich um ein ,apoftolifches Amt', ift am Anfang des Buches
noch liehen geblieben. Der Herausgeber hat im Abfchnitt III
(Grundanfchauungen über das Diakoniffen-Amt) jedoch die richtige
Stellung zu diefer Frage eingenommen: daß es fich zur
apoftolifchen Zeit wie heute um eine feite, alsBeruf übernommene
Ausübung der aus dem christlichen Glauben geborenen Liebe
gegen alle Arten von Hilfsbedürftigen von feiten der Frauen
handle, während die Form immer gewechfelt hat. Warum dann
aber nachweislich falfche gefchichtliche Einzelvorftellungen immer
weiter tradieren? Wertvoll ift auch die Anerkennung des Herausgebers
, daß die gefchichtlich gewordene Form des Diakoniffen-
tums nicht für die einzige erklärt werden darf. Möchte er mit
diefer Weitherzigkeit der Beurteilung anderer Bestrebungen bei
aller Entfchiedenheit des eigenen Standpunktes bei allen Gliedern
des Kaiferswerther Verbandes durchdringen. Die Bedeutung des
vorliegenden Buches liegt aber nicht in den kurzen gefchicht-
Iichen und prinzipiellen Vorbemerkungen, fondern in der ausführlichen
und umsichtigen Darbietung einer Überficht über alle
evangelifchen Diakoniffenhäufer und ihre Tochteranftalten. Bilder,
gefchichtliche und ftatiftifche Angaben, fortgeführt bis 1911, geben