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Ausgabe:

1911 Nr. 6

Spalte:

167-170

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kent, Charles Foster

Titel/Untertitel:

The Sermons, Epistles and Apocalypses of Israel‘s Prophets from the Beginning of the Assyrian period to the End of the Maccabean Struggle 1911

Rezensent:

Gray, George Buchanan

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 6.

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forderliche Vorficht nicht feiten vermiffen; immerhin darf normannifcher
Einfluß als wahrfcheinlich bezeichnet werden. Der Korrektur bedürftig
ift die Wiedergabe der wichtigften Religionstheorieen auf S. 187—189.
Der Religionswiffenfchaft hätte Nanfen durch Befchränkung auf eine rein
objektive Darlegung mehr gedient als durch feinen notwendig dilettan-
tifchen Vernich einer Bearbeitung.

Das Büchlein von Achelis erfüllt in vortrefflicher
Weife feinen Zweck, eine klare, leicht verftändliche und
überfichtliche Einführung in das Gebiet der primitiven
Religion zu geben. Getragen von der Überzeugung, daß
alle Religionen eine ,organifche Einheit' bilden, ift es
bemüht, bei der unüberfehbaren Mannigfaltigkeit der Einzelheiten
doch die ,typifche Gleichartigkeit der Grundzüge
' in der Gottesvorftellung, dem Seelenbegriff, der Erwartung
zukünftigen Lebens, in der Auffaffung von Offenbarung
und Wunder, in Mythus, Kultus, Prieftertum und
Geheimbünden herauszuarbeiten. Auch die allgemeinen
Formen der religiöfen Entwicklung in Fetifchismus, Schamanismus
und Polytheismus, denen fich dann die höheren
Stufen anfchließen, werden fkizziert, und gegenüber verbreiteten
Vorurteilen wird darauf hingewiefen, daß in der
Religion bleibende Wahrheiten und Werte enthalten find
(I56ff. 61 ff).

Freilich bleibt manches zu vermiffen. Namentlich die Straffheit der
Begriffe läßt zu wünfchen übrig. Das zeigt z. B. die Beftimmung des
Religionsbegriffs, wo A. von einer intellektualiftifchen Auffaffung (,das
erfte Grundlegende' ift die theoretifche Annahme der Exiftenz von Göttern
S. 137f.) zur myftifchen (,Projektion des im Menfchen felbft liegenden
Unendlichen' 139) und von diefer zur praktifchen (,Sehnfucht, aus der
quälenden Not des Dafeins herauszukommen') hinübergleitet. Gleiche
Elaftizität zeigen die andern Grundbegriffe. Auch die Einteilung ift zu
beanftanden, fie führt zu zahlreichen Wiederholungen, felbft längerer Zitate
(vgl. S. 12=152; S. 89=1540, während eng zufammengehörige Gedankengruppen
durch heterogenes Material getrennt werden. Bei wichtigen Berichten
hätte mehr, als es gefchieht, auf die Quelle hingewiefen werden
follen. Neben den Schöpfungsmythen hätten die eschatologifchen erwähnt,
die Kulturmythen mehr hervorgehoben werden können. Auch eine Orientierung
über Fluch und Segen und über Ordalien dürfte nicht fehlen. Ein
ftörender Druckfehler ift S. 118 Z. 7 ftehen geblieben.

Göttingen. Titius.

Kent, Prof. Charles Foster, Ph.D.: The Sermons, Epistles
and Apocalypses of Israel's Prophets from the Beginning
of the Assyrian period to the End of the Maccabean
Struggle. With (col.) maps and chronological charts.
London, Hodder & Stoughton 1910. (XXV, 516 p.) gr. 8°

Diefer Band bildet einen Teil von ,The Students Old
Testament', einem Werk, in welchem der Verfaffer für eng-
lifche Lefer das allein auszuführen verfucht, was Kautzfeh
mit mehreren Fachgenoffen zufammen für Deutfchland
in der Überfetzung des A. T. geleiftet hat Einige be-
deutfame Unterfchiede beftehen freilich in Ziel und Methode
der beiden Werke, aber beide ftreben gleicherweife
nach einer Überfetzung, die auf kritifch gefichertem Text
beruht und ;bei kompilierten Schriften die Quellen
fondert und ihre Entftehungszeit angibt. Es ift nicht
Kent's Methode, eine fortlaufende Überfetzung der ver-
fchiedenen Bücher des A. T. in der Reihenfolge der he-
bräifchen oder der englifchen Bibel zu geben, fondern er
will in aufeinander folgenden Bänden alles das zufammen-
faffen, was das A. T. von einem oder mehreren literari-
fchen Typen enthält. Der vorliegende Band ift eine _ ber-
fetzung der Propheten, und es wird verfucht, die verfchie-
denen Weisfagungen in ihrer mutmaßlichen chronologifchen
Reihenfolge vorzuführen. Der Überfetzung vorausgefchickt
ift: 1) eine Lifte der 246 Stücke, in die Kent die prophetifche
Literatur einteilt, mit einer Bezeichnung der als fekundär
beurteilten. Diefe Lifte gibt eine klare und brauchbare
^berficht der kritifchen Theorien, auf denen die Anordnung
der Überfetzung beruht. 2) Einen Index der überfetzten
Stellen gemäß der üblichen Reihenfolge der Kapitel
in der hebräifchen und englifchen Bibel, 3) werden kurz
behandelt: die Entftehung der Prophetie, die Propheten
a) in Israels alter Gefchichte, b) in der affyrifchen
Periode, c) zur Zeit von Judas Untergang, d) zur Zeit des

Exils und der Reftauration, e) im fpätern Judentum; die
hiftorifche Entwicklung der meffianifchen Ideale; die lite-
rarifche Form der atlichen Weisfagungen.

Unnötig ift es, zu fagen, daß Kent, indem er allein
ein fo gewaltiges Werk wie ,The Students Old Testament'
unternimmt, notwendig und wohlweislich die Refultate
anderer Gelehrten übernimmt und fein Werk nicht zur
Ausfprache von ganz neuen, eignen Theorien benutzt. Der
Standpunkt des vorliegenden Bandes wird durch die Bemerkung
genügend gekennzeichnet, daß Verf. fich Duhm,
Cheyne, Marti, Torrey, Cornill, Nowack, Harper am meiften
verpflichtet fühlt. Am wenigften entfprechen den landläufigen
Theorien feine Anflehten über Jef. 40—66 und
Daniel. Erftere Kapitel werden für das Werk eines einzigen
angefehen und die Theorie, daß Kap. 40—55 und
56—66 durch 2 oder 3 Generationen getrennt find, wird
beftimmt abgewiefen; doch tritt der Einfluß von Duhms
Kritik darin hervor, daß das Ganze (40—66) als ein Werk
des S.Jahrhunderts in Paläftina entftanden gedacht wird.
Die berfetzung fteht demgemäß zwifchen der von Haggai
und Sacharia und der von Obadia und Maleachi. Es ift
natürlich für diefe Theorie wefentlich, daß 44, 28 mit feiner
Anfpielung auf Cyrus und das Wort Cyrus in 45,1 ge-
ftrichen wird. Das find, fo fchließt Kent mit Berufung
auf Torrey, Zufätze eines Schreibers, der im 2. oder 3.
Jahrhundert v. Chr. lebte und mit dem Buch Esra bekannt
war. Das metrifche Argument, auf das fich diefe Gelehrten
berufen, fcheint äußerftunficher: die Möglichkeit
folcher Zufätze kann natürlich nicht geleugnet werden.
Aber felbft zugegeben, daß die ausdrückliche Bezugnahme
auf Cyrus hinzugefügt ift, befchreibt 44,24—45,7 wirklich
Israel? Würde folch eine Befchreibung Israels vereinbar
fein mit der Befchreibung des Knechtes Jahwes in 42,1—4,
50,4—9, 52,13—53,12, welche Stellen doch fämtlich von
Kent als wichtiger Teil der Prophetie behandelt werden?
Und wieder, was für einen Sinn hat 41,25 in Bezug auf
Israel, worauf, wie Kent einfach fagt, es fich beziehen müffe ?

Die Anfchauung über Daniel, die hier vertreten wird,
ift, daß K. 1—6 zwifchen 245—225 v. Chr. gefchrieben
wurden und daß 2,43 eine Anfpielung auf ,Heiraten zwifchen
den Ptolemäern und Seleuciden, genauer auf die
von Berenice, der Tochter des Ptolemäus Philadelphus
mit Antiochus II. Theos im Jahre 248 v. Chr.'enthält. Diefe
Kapitel beeinflußten ftark den Verfaffer von K. 7—12,
verfaßt i66v. Chr. Hier ftützt fich Kent wieder auf Torrey:
die Gründe, wenn auch hier nur kurz rekapituliert, verdienen
Beachtung. Von mehr konfervativen Pofitionen Kent's
erwähne ich befonders feine m. E. wohlbegründete Verteidigung
der Annahme, daß Jeremias der Autor der Verheißung
des Neuen Bundes in Jer. 31,31—34 fei.

Die Überfetzung der Propheten ift, wie fchon gefagt,
in Abteilungen zerlegt: kurze Anmerkungen, die die Überfetzung
begleiten, erklären die Stellung der verfchiedenen
Abfchnitte; andere Anmerkungen zeigen verfchiedene Lesarten
an u. f. w.

Die Überfetzungen find fo angeordnet, daß fie die
poetifche Form der prophetifchen Schriften erkennen laffen.
Aber hierin fcheint mir Kent, wie viele moderne Über-
fetzer (die Mitarbeiter an Kautzfch's Bibel eingefchloffen),
einen methodifchen Fehler zu begehen. Die Rechtfertigung,
Überfetzungen aus der hebräifchen Poefie ftichifch zu ordnen,
beruht auf dem beftändig begegnenden Parallelismus.
Dies war es, was Lowth dazu veranlaßte, jene Praxis einzuführen
, worin feit feiner Zeit viele ihm gefolgt find.
Aber mit den eifrigen Studien der hebräifchen Metrik
in den letzten Jahren ift es bei vielen Gewohnheit geworden,
das Metrum und nicht den Parallelismus zur Grundlage
der ftichifchen Teilung in der Überfetzung zu machen,
ohne doch in diefer das gleiche Metrum zu wahren.
Dies heißt jedoch etwas tun, was niemals fonft bei den
berfetzungen der Poefie anderer Literaturen gefchehen ift:
folche Überfetzungen find entweder felbft metrifch oder