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Ausgabe:

1911 Nr. 5

Spalte:

154-156

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Smend, Julius (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Der evangelische Religionsunterricht auf höheren Schulen 1911

Rezensent:

Holzinger, Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 5.

154

Rückenmark und in der Nervenfubftanz vorhandenen
Weltäthers als Haupt-Lebenselements', als .innere, embryonale
Konzentration des grobftoftiichen Ich' und gelangt
mit dem Tode zu felbftändiger Weiterexiftenz. Wir erfahren
auch, wie es mit den Sinnen diefes ätherifchen
Ich beftellt fein wird: die chemifchen fallen ganz weg,
die mechanifchen nehmen ,den Charakter elektro-mag-
netifcher Kontakte' an; die dynamifchen (Gehör und
Geficht) werden .Vermittler für Kundgebungen elektro-
magnetifcher, fcnorer Art bezw. für Kundgebungen durch
phänomenale mehr oder minder harmonifche Lichtreflexe'.
Daß die, Schulphilofophie' folchen Erkenntniffen gegenüber
fleh erft ,von ihrer Überralchung erholen' muß, dem
wenigftens könnte man zuftimmen, wenn ihr dergleichen
Phantafien überhaupt noch eine Überrafchung wären.
Gnadenfeld. Th. Steinmann.

Aust, Otto-. Die Agendenreformen in der evangelifchen Kirche
Schlefiens während der Aufklärungszeit und ihr Einfluß
auf die Geftaltung des kirchlichen Lebens. Diss. (Breslau
1910). (II, 94 S.) gr. 8°
A. legt zwei Abfchnitte aus einer größeren Breslauer
Promotionsfchrift.BeiträgezurGefchichte des evangelifchen
Kirchenregiments und des evangelifch-kirchlichen Lebens
inSchlefien feit der Zugehörigkeit zum preußifchen Staate'
vor; der Inhalt der nicht abgedruckten Teile ift in der
Einleitung kurz fkizziert; es ergibt fleh, daß ein um-
faffender Plan zur Darfteilung des kirchlichen Lebens in
Schlefien in der Aufklärungszeit vorliegt; Kirchenregiment
, Pfarrbefetzung, religiöfe Stimmung, Gefangbuchreform
, Konfirmation u. a. find nach einer Mitteilung be-
fprochen. Wir haben derartige Studien bisher fo wenig, daß
der Wunfeh, A. möge das ganze Werk (wie er beab(ichtigt)
bald vorlegen, fehr lebhaft ift. Die jetzt mitgeteilten Stücke
zeigen, daß A. die für folche Arbeiten erforderlichen Eigen-
fchaften durchaus befitzt; er fleht, worauf es ankommt;
er ermittelt, ohne mühfame Nachforfchungen zu fparen,
die gefchichtlichen Fakta bis in die Einzelheiten; er entwickelt
ein gefundes, maßvolles Urteil ohne Tendenzcharakter
; er ftellt überfichtlich und einleuchtend dar. —
Das Ergebnis des abgedruckten Teils ift folgendes: In
Schlehen ift erft etwa feit 1780 eine lebhaftere Bewegung
zu gunften gottesdienftlicher Reformen zu fpüren. Hier
und da find auswärtige neuere Agenden (Seiler; Hermes,
Fifcher, Salzmann; Junge) gebraucht worden; aber die
Nachrichten darüber find Ipärlich. Mehr Einfluß gewannen
die Umarbeitungen einheimifcher Agenden, fei es gefchrie-
bener (eine Glogauer Agende; Goldberger Formulare;
allerhand Änderungen in Breslau), fei es gedruckter
(Brieger Agende 1796; Frofch 1802 ff.; Wollgaft 1811; vor
allem die einzige Keformcharakter tragende Neubearbeitung
einer kirchenregimentlich eingeführten fchlefifchen
Agende, die Olfer, 1804 von Dominici hersg.). A. hat
durch weitgehende Nachfragen feftzuftellen verfucht, in
welchem Umlang diefe Werke benutzt wurden; Sicheres
ift nur in wenigen Fällen zu ermitteln gewefen. Jedenfalls
hat man im Anfang des 19. Jhdts. in Schlefien ebenfo
wie im übrigen Preußen die liturgifche Freiheit weithin
benutzt, ohne bahnbrechende Leiftungen zu fchaffen.
Die Neuerer gingen aber fehr maßvoll vor; daher war
auch der Widerfpruch vereinzelt, niemals aber ftürmifch.
Im wefentlichen unangetaftet blieb die Ordnung des
Hauptgottesdienftes, deffen übliche Ordnung A. S. 53
mitteilt. Mindeftens in Breslau war und blieb die lateinifche
Sprache bei mehreren Stücken der Liturgie im Nach-
mittagsgottesdienft üblich (die Angaben S. 53/54 hätten
gwnt} werden können, f. mein ,Das kirchl. Leben d. Prov.
u j ^' l65 k). Diefe Beobachtungen, nicht minder die
über das Tragen der alten Meßgewander (überfehen find
meine Mitteilungen ,Zur Gefchichte der Amtskleidung
in Schlefien', Ev. Kirchenbl. f. Schief. 1900 S. 358f.) zeigen
nach A. einen ,im preußifchen Kirchengebiete einzig

daftehenden Konfervativismus', wozu nur die Frage zu
ftellen ift, ob denn die übrigen Kirchengebiete in diefer
Hinficht genügend durchforfcht find, um das .einzig da-
ftehend' zu rechtfertigen? Namentlich zur Eigenart Breslaus
ftimmt der Satz übrigens trefflich; die fchlefifche
Hauptftadt ift in puncto kirchliche Sitte noch heut hervorragend
konfervativ. Von befonders hohem Intereffe ift
die Weiterführung der Unterfuchung bis zur Einführung
der Agende Friedrich Wilhelms III. hin (S. 68ff.). Hier
beruht A.'s Schilderung z. T. auf Erich Foerfters Ent-
ftehung der preuß. Landeskirche, der die einfehlägigen
Fragen fehr eingehend behandelt; im Urteil differiert A.
aber nicht unwefentlich. Er betont namentlich, daß der
Streit um das landesherrliche Kirchenregiment, wie es
fich unter Friedrich Wilhelm III. entwickelt hatte, den
Agendenkampf nicht völlig zureichend erklärt; er leitet
Scheibeis Stellung nicht in gleichem Grad wie Foerfter
aus dem Pietismus ab, verlangt fchärfere Unterfcheidung
der Erfcheinungsformen des Pietismus und fpricht ab-
fchließend von einer ,konfeffionellen Erweckung', die mit
dem Pietismus nur fchwach zufammenhänge. Für all dies
bringt er fehr beachtenswerte Gründe bei; und obwohl
das Wort von dem ,fchwachen' Zufammenhang vielleicht
auch feinerfeits wieder korrekturbedürftig ift, wird man
feine Nachweife ernftlich zu berückfichtigen haben. Endlich
verdient viel Aufmerkfamkeit der Abfchluß der Arbeit
, der fich mit dem Urteil über die königliche Agendentätigkeit
befchäftigt. Hier fordert A. gegenüber Foerfters
und auch W. Wendlands Urteilen ein freundlicheres
Urteil für Friedrich Wilhelm III. Wenn F"oerfter II S. 202
fragt: ,Ift der Verfuch, durch die Agende die Andacht zu
beleben, nicht in der Wurzel verfehlt?', wenn er ausfpricht,
der König habe dem modernen Kirchentum die Richtung
auf das Liturgifche gegeben, fo macht A. demgegenüber
darauf aufmerkfam, daß gerade die hohe Wertfehätzung
der Kultusreform und fie am allermeiften das Erbe von
der Aufklärung her gewefen ift. Die Ausführung ift recht
verfchieden gewefen; die Abfichtender Agendenverbefferer
der Aufklärung und des Königs aber deckten fich zu einem
guten Teil. Gegenüber den Formulierungen bei Foerfter
II S. 202 u. 2030. hat A. m. E. Recht. Was er S. 94
anführt, um den König auch gegenüber dem Vorwurf, er
habe die Agendenfache auf die Bahn des Gefetzes ge-
fchoben, einigermaßen in Schutz zu nehmen, ift gleichfalls
nicht ganz grundlos, kann aber feinen Zweck nur in viel
geringerem Grad erreichen. — Eine Kleinigkeit: der Satz,
daß das Wort .Religion' der liturgifchen Sprache ehedem
fremd war (S. 32), ift fo nicht haltbar. Z. B. in den Or-
dinationsformularen des 16. Jahrhunderts findet es fich (f.
z.B. Löber, Die im ev. Deutfchland geltenden Ordinations-
verpflichtungen S. 20); allerdings ift Sinn und Klang des
Wortes etwas gewandelt. — Alles in allem: eine tüchtige,
förderliche Arbeit.

Gießen. M. Schian.

Der evangelifche Religionsunterricht auf höheren Schulen,

dargeftellt von Stadtpfr. Lic. O. Schönhuth, Pfr.
H. Strohl, Pfr. K. Scheer, Oberlehrer O. Göller
und Prof. Dr. J. Schoell. Herausgegeben von Prof.
Dr. Julius Smend. (Religionspädagogifche Bibliothek.
Nr. 4.) Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1910.
(VI, 136 S.) gr. 8° M. 2.40; geb. M. 3 —

Die Schrift veröffentlicht die Referate eines in Straßburg
vom 9. bis 11. Nov. 1909 unter dem Vorfitz von
Smend gehaltenen Inftruktionskurfes für die evangelifchen
Religionslehrer an den höheren Schulen von Elfaß-
Lothtingen famt Notierung von Gefichtspunkten, die in
der Debatte zur Geltung kamen. Schönhuth hat über
den Elementarunterricht (Nona bis Quarta), Strohl über
den Unterricht an Tertia, Scheer über den an Sekunda,
Göller und Schöll über den an Unter- und Oberprima