Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1911

Spalte:

149-151

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seeberg, Reinhold

Titel/Untertitel:

Die Kirche Deutschlands im 19. Jahrhundert. Eine Einführung in die religiösen, theologischen und kirchlichen Fragen der Gegenwart. 3., vielfach verb. u. erweit. Aufl 1911

Rezensent:

Schuster, Hermann

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

i49

Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 5.

die Entwicklung Murris — religiös, politifch und kulturell
— aufmerkfam verfolgt hat, muß baß zweifeln, ob
der Murri von heute nicht in vielen Funkten auf anderem
Standpunkte fteht, als ihn der Murri von damals
(1901 und felbft 1908) in feinem heute noch unveränderten
Buche kund gibt. Was z.B. über Ehe, Familie,
Staat, Kirche im IO. Effai gefagt wird, ift fo ultramontan-
dogmatifch, daß es unmöglich heutige Anfchauung
Murris fein kann:

,Aus natürlichem und aus göttlichem Recht beanfprucht die Kirche
mit unbeugfamer Fettigkeit alles das für lieh felbft, was fich auf die

Konftitution der Familien bezieht____Auf der Schwelle des häuslichen

Heiligtums hört jede Macht des Staates auf.... Die fog. Zivilehe ....
bleibt nicht nur eine direkte und fchwere Verletzung der unveräußerlichen
Rechte des Katholizismus, fondern fie ift auch das am wenigften
Humane, am wenigften Logifche und am wenigften dem YVefen unferes
gauzeu bürgerlichen Rechtes entfprechende, was man fich denken kann....
Der praktische Materialismus .... hat den raubgierigen Staat zur Eroberung
des Rechtes, die Kinder zu erziehen, gedrängt .... Die bürgerliche
Ehe ift ein Kontrakt ..... bei dem die fchlichte Liebeserklärung
nur die Gelegenheit abgibt, während die gefuchte Wolluft oder das Geld,
oder die Erreichung einer geficherten Stellung für einen von beiden der
Zweck ift' (S. 129 ff.).

Solche und ähnliche, recht zahlreiche Äußerungen
könnten ganz gut in ultramontan-katholifchen Kommentaren
zu den Sätzen 65—74 des Syilabus vom 8. Dezember
1864 flehen. Auch die Ausführungen auf S. 197 ff. über
den Kirchenftaat und feine Befestigung (fie wird ,fakri-
legifch' genannt) wirken auf den modernen Menichen,
auch und gerade auf den chriftlich empfindenden, im
höchflen Maße befremdend, und ich wiederhole: unmöglich
find es die Anflehten des Murri von heute. Warum
der Verfaffer hier nicht beffernde Hand angelegt, d. h.
warum er der Entwicklung, die fein Denken nun einmal
genommen hat, hier nicht Ausdruck verliehen hat, indem
er fein vor 9 Jahren erftmalig erfchienenes Buch umänderte
, ift mir ein Rätfei. Für diefe, fagen wir einmal,
unmoderniftifchen Abfonderhchkeiten wird der Lefer
entfehädigt durch fchöne, fortfehrittliche Gedanken über
Chriftentum, Religion, Sittlichkeit, Kultur ufw., die das
ganze Buch durchziehen. Bemerkenswert ift, wie Murri
mit photographifcher Treue die Starrheit, den Schematismus
, das Schablonenhafte, das Kleinliche und Enge des
gegenwärtigen offiziellen Katholizismus, befonders auf
S. 261 f., 273 h, wiedergibt. Auch fonft ift die Schrift
reich an femfinnigen und treffenden Bemerkungen.

Zwei, an denen ich befonderes Gefallen gefunden habe, weil fie meine
eigenen fchon feit Jahren ausgefprochenen Anflehten enthalten, gebe ich
wieder: .Schneidet aus den Büchern Tolftois das weg, was paradox und
anarchiftifch ift, und es wird nichts in der Hand bleiben, als ein bischen
Evangelium. Aber das hat genügt, um der Tolftoifchen Literatur die
lebhaften Farben eines großen Nordlichtes zu geben, das zwar wunderbar
anzufehen, aber doch kalt und wenig brauchbar ift, und vor deffen
Licht wenige Seelen den Weg gefunden haben, aber hinter dem ein ungeheurer
Schwann Neugieriger manche Zeit hindurch in dem Halbfchatten
eines ungefunden Myftizimus umhergetappt ift... . Tolftois Chriftentum
, die geiftvolle und reiche Phantafie eines myftifchen, flawifchen
Gewiffens, die jedes Pflichtzwanges bar ift, hat kaum den Wert eines
Symptoms. Und niemand wird den fentimentalen, moralifchen Dilettantismus
ernft nehmen können, der dem Tolftoifchen Chriftentum bei uns
im Werten eine fo breite Aufnahme bereitet hat' (S. 23. 159). Eine
erfchöpfende Charakteriftik des Wertes und Unwertes der gefamten Produktion
des merkwürdigen Ruffen!

Großlichterfelde. Graf von Hoensbroech.

Seeberg, Reinhold: Die Kirche Deutichlands im 19. Jahrhundert
. Eine Einführung in die religiöfen, theologifchen
und kirchlichen Fragen der Gegenwart. 3., vielfach
verb. u. erweit. Auflage. Leipzig, A. Deichert Nachf.
1910. (X, 428 S.) gr. 8° M. 7.20; geb. M. 8.20

Die mir noch von dem verewigten Begründer unferer
Zeitung zugewiefene Aufgabe, Seebergs Buch zu befpre-
chen, verfetzt mich in einige Verlegenheit; denn das
Buch hinterläßt, je weiter man in der Lektüre fortfehreitet,
um fo mehr einen zwiefpältigen Eindruck. Die Viel-
feitigkeit und Gewandtheit der Kenntniffe und Intereffen

des Verfaffers ift überrafchend; vor allem aber der Geift
der Vorurteilslofigkeit und Freimütigkeit, das Bemühen
um Verftändnis und Gerechtigkeit offenbart fich immer
wieder fo fchön und deutlich, daß des Lefers lebhafte
Sympathie erweckt wird. Und doch muß ich die Tendenz
des Buches im Intereffe der chrifllichen Frömmigkeit
und der theologifchen Wiffenfchaft ablehnen. Ich
könnte auch fo fagen: den gefchichtlichen Teil des Buches
erkenne ich an, den fyftematifchen, um nicht zu fagen
prophetifchen (denn an einzelnen Stellen wird der Stil
leider prophetifch), lehne ich ab.

Über den Inhalt bemerke ich vorweg, daß S. fein
Buch in zwei Hauptabfchnitte teilt: I. Rückblick auf die
erfte Hälfte des 19. Jahrhunderts: die Aufklärung, der
alte Glaube und die Fragen der neuen Zeit; II. Blicke auf
die neuefte Zeit: die Gaben und die Aufgaben, die Fragen
und die Antworten in der Kirche und Theologie. (Auch
diefer Teil ift wefentlich hiftorifch-darftellend: z.B. Hofmann
, Frank, Ritfchl.) Den gefchichtlichen Teil, und das
ift ja die große Hauptmaffe des Buches, erkenne ich an;
denn hier zeigt fich des Verfaffers vielfeitige Gewandtheit
: er zieht auch politifche, wirtfehaftliche, literarifche
künftlerifche Fragen außer den theologifch-philofophifchen
in den Kreis feiner Betrachtung; feine Aufgefchloffenheit
für moderne Kunft und moderne Geiftesbewegungen:
Nietzfche wird mit kühnem Optimismus als Wegbahner
des Chriftentums gewürdigt; die unparteiifche Gerechtigkeit
und die mutige Offenheit im Urteil: man vergleiche
die warme ausführliche Würdigung Ritfchls (Abhängigkeit
von Hofmann wohl beträchtlich übertrieben) mit
den z. T. fcharfen Urteilen über die theologifche Re-
priftination oder über die durchfehnittliche Erbauungsliteratur
. — Freilich auch gegenüber der gefchichtlichen
Darftellung habe ich Bedenken. Auffällig ift der
Titel: die Kirche Deutfchlands im 19. Jahrhundert und
die Zweckbeftimmung des Buches für gebildete Laien:
es ift nämlich von der Kirche, ihrer Neuorganifation,
Verfaffung (man denke an E. Foerfters Buch), und ihrer
amtlichen Betätigung verhältnismäßig wenig die Rede,
die Darfteilung der Theologie überwiegt weitaus, und
ift vielfach für Laien kaum verftändlich und genießbar
(zu viel Namen und Büchertitel). Schwerwiegender find
einzelne Differenzen im Urteil:

Hofmann fcheint mir weit überfchätzt, vor allem feine Idee der
Heilsgefchichte. (Wir Religionslehrer wären froh, wenn wir diefe Zwangs,
idee aus unferer bibl. Gefchichte, zumal des A. T„ wieder los wären.)
Strauß dagegen ift verkannt: ,die kritifchen Giundfätze von Strauß find
fo haltlos als möglich' follte man im Zeitalter des Arthur Drews nicht
fchreiben. (Um fo gefchmacklofer ift S. 348 die Zufammenftellung von
Strauß und Baumgarten.) Wenn von chriftlichen Künftlern die Rede ift
wollen wir Pfannfchmidt lieber vermiffen als Thoma und Steinhaufen'.
Darwin hat nicht das Uberleben des ,Stärkften' gelehrt, fondern er hat
(fpäter) Spencers Formel: ,Überleben des Paffendften' (survival of the
fittest) angenommen. Dann darf man aber auch von Spencer nicht
fagen, daß er die natürliche Zuchtwahl' ablehne; er hat nur ihre Bedeutung
auf die niederen Formen des Lebens eingefchränkt.

Damit komme ich auf mein fchwerftes Bedenken,
daß nämlich S.s Urteil nicht immer genau, nicht immer
klar und konkret ift. Ich kann mir nicht helfen: unter
einer gewiffen Geiftreichigkeit der Form, einer Vorliebe
für zugefpitzte Antithefen, unter eleganter Glätte des
Ausdrucks verbirgt fich öfter eine fachliche Unklarheit.

Was heißt z. B. folgender Satz (S. 353):,Wir können (jetzt) mit Sicherheit
von einem Neuen Teftament reden, das in allen feinen wefentlichen
Beftandteilen echte und wirkliche Urkunde der chriftlichen Urgefchichte ift f'
Was heißt ,echte und wirkliche Urkunde?' Soll es heißen: daß Math,
und Joh. apoftolifch find, das 3. Evgl. und Act. von Lukas dem Arzt
ftammen, die Paft. von Paulus, 1. und 2. Pet. von Petrus etc.? Soll es das
heißen? Kann man das ,mit Sicherheit' fagen? Oder foll durch den
unbeftimmten Ausdruck ,der chriftlichen Urgefchichte' auch das 2. Jahrh. zur

Verfügung geftellt werden? Was heißt dann aber ,echt'? _ Oder man

lefe den Abfchnitt über Theologie und Kirche S. 343: ,Von der Kirche
als gewordener, wie fie in ihren amtlichen Organen oder durch die kir-
chenpolitifchen Parteien repräfentiert ift, iß die Theologie ganz unabhängig
; von der Kirche, wie fie im Werden begriffen ift, ift die Theologie
abhängig, fofern fie felbft ein Beftandteil diefes Werdens ift. Aber
diefe ihre Stellung faßt die Aufgabe in fich, dies Werden durch Her-
ftellung von Normen der Bewegung — durch die Auffindung des Wortes,