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Ausgabe:

1911

Spalte:

145-147

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Aner, Karl

Titel/Untertitel:

Goethes Religiosität 1911

Rezensent:

Stephan, Horst

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einem an Epiphanius gerichteten Brief und einer Vorbemerkung
beginnt, die über die Perfon des Epiphanius
genaue Auskunft gibt; daher folgt eben der Haupttitel
erft fpäter (S. 61). Endlich fcheint es mir unwahrfchein-
lich, daß bei der angenommenen Umordnung des Pana-
rion und Ancoratus der Urheber derfelben vergeffen
haben follte, einen Haupttitel vor das Panarion zu fetzen,
wenn dies notwendig gewefen wäre.

In der mufterhaft gedruckten Arbeit findet fich nur
feiten ein Anftoß. S. 34 Mitte ift ,in M' nicht recht
verfländlich; S. 67 letzte Z. weiß ich mit der vorgefchla-
genen Ergänzung nichts anzufangen. Wenn glov erhalten
ift, könnte man vielleicht an eine Notiz: (EjtHpavtog jtari]Q
fiovaöTjn)Qlov (vgl. S. 95) denken. S. 27 Z. I L I ftatt 2;
S. 37 Z. 6 v. o. enthalt ygafif/arcov eine falfche Type;
S. 61 Z. 6 v. o. 1. einem; S. 91 Z. 1 v. o. 1. einer. Für
das fchöne und reiche Ergebnis der mühevollen Unter-
fuchung, die in ihrem klaren Aufbau und der zwingenden
Kraft ihrer Beweife als vorbildlich für ähnliche Arbeiten
bezeichnet werden kann, ift die Wiffenfchaft dem Verf.
zu lebhaftem Dank verpflichtet. Möge die neue Epi-
phaniusausgabe, zu der hier der Grund gelegt worden ift,
nicht allzu lange auf fich warten laffen!

Weimar. Paul Koetfchau.

Leboitteux, A.-. Les Huguenots des Isles. Histoire de

l'Eglise reformee de Condö-sur-Noircau depuis sa fon-

dation jusqu'ä la Revocation de l'Edit de Nantes

(1555—1685). Cond£-sur-Noireau, Georges L'Enfant

1907. (189 p.) 8°
Das Studium der Gefchichte des franzöfifchen Prote-
ftantismus ift dadurch erfchwert, daß es immer noch an

einer den Anfprüchen der Wiffenfchaft genügenden Ge- I auf eigene fittliche Tat und edle Frauenliebe l)as über-

kongreß für freies Chriftentum und religiöfen Fort-
fchritt. Berlin-Schöneberg, Proteftantifcher Schriftenvertrieb
G. m. b. H. 1910. (30 S.) gr. 8° M. —60

Aners Schrift fordert ausdrücklich einen befonderen
Platz in der zahlreichen ähnlich betitelten Literatur.
Sie will nicht Goethes Gedanken über Religion oder
Jefus oder Bibel, fondern lediglich die religiöfen Gefühle
fchildern, die in feiner Perfönlichkeit lebendig waren.
Daher geht fie überall vom .Ganzen feiner Perfönlichkeit'
aus, womöglich von unbewußten Äußerungen feiner Gefühlswelt
. Eine Entwicklung erkennt fie in der Frömmigkeit
G.s nicht an; mindeftens feit Wetzlar ift ,die reli-
giöfe Beftimmtheit feines innerften Lebens ftets die gleiche
geblieben'. Das Ergebnis der Unterfuchung ift, daß G.
eine tief religiöfe Natur, aber nicht eigentlich Chrift
war. Dabei ift für Aner .Religion' die .Erhebung des
Menfchengemüts über die flüchtigen Erfcheinungen der
täglichen Erfahrung in eine Welt ewiger Gefetze, Zwecke
und Werte', während das Chriftentum das religiöfe Gebundenfein
an die Perfon Jefu einfchließt. Er führt den
Unterfchied an den 3 echt religiöfen Zügen durch, die
er im perfönlichen Leben G.s aufweift: an der Ehrfurcht
vor der Natur, der Selbftbefcheidung und dem Erlöfungs-
bedürfnis. Gewiß gibt es auch ein chriftliches Naturgefühl
; aber der Chrift will in der Natur die göttliche Allmacht
und Liebe, G. ,die Natur als Gott felbft' verehren.
Ähnlich bei der asketifchen Selbftbefcheidung: die chrift-
liche leiftet ihren Verzicht, weil fie fich an Gottes Gnade
genügen läßt, die G.s in dem Bewußtfein, kraft eigenen
inneren Reichtums die Gaben des Glückes entbehren
zu können. Endlich die Erlöfung gründet G. trotz feiner
Erfahrung tiefen Sündenfchmerzes nicht wie der Chrift
auf das Innewerden der göttlichen Vergebung, fondern

famtdarftellung fehlt. Das Material dazu ift in feltener
Fülle vorhanden in den reichen Schätzen der Bibliotheque
de la Societe de l'histoire du protestantisme francais in
Paris, in den 59 Bänden des Bulletin diefer Gefellfchaft,
in den zahlreichen Monographien, die in den letzten Jahren
die Gefchichte einzelner Kirchengemeinden und Landesteile
aufgehellt haben. Ihnen reiht fich die vorliegende Arbeit
an, in der der Stadtbibliothckar von Conde-sur-Noireau
(Departement Calvados) aus bisher verfchloffenen Quellen
die Leidensgefchichte diefer Hugenottengemeinde in der
Normandie darfteilt. Wir kennen die Gefchichte der
Reformation in der Normandie aus A. Gallands verdienft-
licher Histoire du protestantisme en Basse-Normandie
(Paris 1898). Neu und befonders feffelnd find die Mitteilungen
über die merkwürdige Perfönlichkeit des Antobe
de Montchretien (1575—1621), der als Dichter ein
Vorläufer Corneilles, als Gelehrter der Verfaffer der erften
franzöfifchen Nationalökonomie (Traite' d'economie po-
litique 1613) war. Leboitteux führt den meines Erachtens
zwingenden Nachweis, daß Montchretiens Zugehörigkeit
zur .Religion pretendue reformee' mit Unrecht be-
ftritten wurde.

Zu S. 50: Charles Weiß (f 1881), der Verfaßer der Histoire des R6-
fugies protestants de France (1853, 2 Bände) ift nicht identifch mit Nathanael
Weiß, dem gegenwärtigen Sekretär und Bibliothekar der Societe de l'histoire
du protestantisme fraugais. Der Titel des S. 134, Note I angeführten
Buches von Raoul Allier lautet nicht: la cabale des bigots, fondern la
cabale des Devots 1627—1666 (Paris 1902).

Leonberg (Württ.). E. Lachenmann.

Aner, Dr. Karl: Goethes Religiolität. (Sammlung gemein-
verftändlicher Vorträge und Schriften aus dem Gebiet
der Theologie und Religionsgefchichte. 60.) Tübingen,
J. C B. Mohr 1910. (32 S.) gr. 8° M. —80

Bornhaufen, Privatdoz. Lic. Karl, und Pfr. Paul Jaeger:
Die Religion Schillers und Goethes, Zwei Vorträge, gehalten
in Weimar am 11. Auguft 1910 beim S.Weltall
eine Verwandtfchaft mit dem Chriftentum vorliegt,
behauptet auch Aner; aber er bleibt doch bei dem Satze,
daß nur ,der Rohftoff feiner religiöfen Gefühle' feiner
chriftlichen Bildung entflamme, und G. felbft fich nie als
Chrift gefühlt habe.

Zweifellos ift es immer wieder ein Verdienft, auf die
eigentümlichen Spannungen hinzuweifen, die zwifchen
G. und dem Chriftentum walten; vollends wenn es mit
fo fchlichter Feinheit gefchieht wie hier. So fei denn
Aners Schrift der Lektüre und Beherzigung empfohlen.
Daß er die Fremdheit G.s gegenüber dem Chriftentum
befonders ftark betont, hängt mit feiner Auffaffung jener
drei religiöfen Zuge zufammen. Völlig recht fcheint
er mir aber nur beim dritten Punkte, der Erlöfung, zu
haben. An den beiden andern verzeichnet er m. E. fo-
wohl das Chriftentum wie G. in der Richtung ihres Ge-
genfatzes. Das Verhältnis zwifchen dem großen Dichter
und dem Chriftentum ift weit pofitiver und komplizierter,
als es bei Aner (auch infolge der Kürze?) erfcheint.
Natürlich läßt G. fich nicht als Chrift bezeichnen, fofern
man diefen Titel von dem Bewußtfein der perfönlichen
religiöfen Gebundenheit an Jefus abhängig macht. Aber
müffen wir dann das Urteil Aners nicht faft auf die ge-
famte Aufklärung, auf den deutfchen Idealismus, ja auf
die große Mehrheit auch der gut kirchlichen ,Chriften'
ausdehnen? Das moderne Leben ift fo vielfpaltig und
das Prinzip der religiöfen Autonomie fo mächtig geworden
, daß die noch in der altproteftantifchen Orthodoxie
ziemlich eng verbundenen Elemente der chriftlichen
Frömmigkeit auseinander treten: hier gewinnen die zentralen
, dort die allgemeinen eine befondere Verkörperung.
Wo diefe fich ftark von jenen löfen und mit modernen
Kulturelementen unlösbar verfchmelzen, wie es bei G.
gefchieht, da ergeben fich religiöfe Individualitäten oder
Strömungen, die fcheinbar dem Chriftentum fernftehen,
aber doch unentbehrliche Glieder feiner gefchichtlichen
Entwicklung find. Sie gehören in die Gefchichte des
Chriftentums hinein, find durch chriftliche Frömmigkeit