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Ausgabe:

1911 Nr. 5

Spalte:

142-143

Autor/Hrsg.:

Jagelitz, Karl

Titel/Untertitel:

Über den Verfasser der Schrift de mortibus persecutorum 1911

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 5. 142

erklärungen, mit welchen fich die Schuldogmatik noch
immer hilf- und ratlos abquält' (S. XI). So find etwa
drei Viertel der Schrift der hiftorifchen Unterfuchung
gewidmet (Teil I und II, S. 1—179), während das letzte
Viertel dogmatifche Erörterungen bringt (Teil III, S. 180
bis 225). In feinen hiftorifchen Ausführungen, die mit
höchfter Sorgfalt den Satz zu erweifen fuchen und auch
wirklich erweifen: Bis gegen das Ende des 2. Jahrhunderts
kannte die Kirche keine konkrete Gabendar-
bringung bei der Euchariftie, fondern nur das über Brot
und Wein gefprochene konfekrierende Dankgebet als
.Opfer', und erft von der Zeit des Irenäus an betrachtete
man die Euchariftieelemente als Gaben an Gott, aber
nur in fymbolifcher Auffaffung, die allerdings den
meiften allmählich entfchwand — in diefen Ausführungen
ift W. feinem Gegner ohne allen Zweifel völlig überlegen
kraft feiner gefunden, undogmatifchen Methode.
Und doch, an einem Punkt dogmatifiert W. in unverkennbarer
Weife, beugt er die Ausfagen der alten Zeit
fo, daß er für die katholifche Anfchauung von der Einzigartigkeit
des Opfers in der Meffe eine Pforte offen macht.
Während nämlich bekanntlich nach altchrifllicher Anfchauung
jedes Gebet, vor allem das Dankgebet, ein
.Opfer', ja das Opfer der Chriften ift, foll nach W. das
euchariftifche Dankgebet ein eigentliches .Opfergebet'
fein, ja eine .Opfertat', weil es nämlich ,dem Vater durch
Chriftus, und zwar durch Chriftus als den Gekreuzigten,
dargebracht wird, nicht in wörtlicher Formulierung, fondern
dadurch, daß eben durch diefes Gebet Chriftus
im Hinblick auf feine Kreuzigung konkret gegenwärtig
gemacht wird' (S. 122f.). In diefen Sätzen biegt
W. von der rein hiftorifchen Unterfuchung ab. Man
lefe z. B., was er über Juftin in diefem Zufammenhang
fagt: hier werden dem Juftin Gedanken untergefchoben,
die er ficher nicht hatte (S. 124). — Diefe feine Theorie,
von der er freilich meint, fie fei die altchriftliche, ver-
fucht nun W. im letzten Teil feiner Schrift als nicht
nur nicht im Widerfpruch mit der tridentinifchen Meßopferlehre
zu erweifen, fondern als ihre befte, ja einzige
logifch und theologifch völlig einwandfreie Erklärung
(S. 181). Ihn auf diefem Wege zu begleiten, hat für uns
kein Intereffe. Wir wünfchen W. von Herzen, daß feine
Gegner ihm diefen feinen Verfuch, feine Rechtgläubigkeit
zu erweifen, gelten laffen mögen. Aber es ift mir fehr
zweifelhaft, ob fie es tun werden. Jedenfalls hat Dorfch
nach feiner letzten Erwiderung (Zeitfchr. für kath. Theologie
XXXIV [1910], S. 71 — 117) fich nicht überzeugen laffen.
Halle a/S. Paul Drews.

Aufhaufer, Dr. theol. Johannes B.: Die Heilslehre des hl.
Gregor von Nyffa. München, J. J. Lentner 1910. (VIII,
216 S.) gr. 8° M. 4 —

Eine forgfältige, das reiche Ouellenmaterial und die
Hilfsmittel der einfchlägigen Literatur allfeitig und ge-
wiffenhaft verwertende Unterfuchung über die Heilslehre
Gregors von Nyffa, die wichtige .Beiträge zu dem Problem
liefert, das fich ebenfowohl als Hellenifierung des
Chriftentums wie als Chriftianifierung des Hellenentums
bezeichnen läßt' (211).

In fünf Kapiteln ftellt der Vf. die philofophifchen
und theologifchen Vorausfetzungen zur Heilslehre, hierauf
die Auffaffung vom fubjektiven Heilswerk und der
Frucht des Heilsaktes, endlich die Heilslehre und die
Eschatologie dar. Den Zentralpunkt des ganzen Syftems
bildet der Vergottungsgedanke. Um diefen gruppiert
Gr. feine Begriffswelt, auch feine philofophifchen und
theologifchen Vorausfetzungen. In diefem Streben nach
fpekulativer Durchdringung der chriftlichen Lehre hat er
es zu keiner einheitlichen Gefamtanfchauung gebracht. Von
einer Heilslehre kann bei ihm eigentlich nur bei Betrachtung
des diesfeitigen Ringens des Menfchen nach Vergottung
und deren fofortiger Gewinnung nach dem Tode

dank völliger Reinigung von Sünde die Rede fein. Mit
Beginn feiner Spekulation über das jenfeitige Leben tritt
bei Gregor der Theologe hinter dem Philofophen zurück,
tritt fpeziell auch die Gnadenlehre in den Hintergrund
und räumt platonifchen und neuplatonifchen Gedanken
das Feld. Die natürliche Ausfiattung des Menfchen und
die rein negative Faffung des an fich unwirkfamen Böfen
verfichern dem Menfchen fichere Erlangung der endlichen
Vergottung im Jenfeits. Der gewaltige Schlußakkord des
ganzen theologifchen Gedankenkreiles Gregors, der Satz
,Gott alles in allen', bedeutet die fchließliche Begnadigung
und Erlöfung der fündenbefleckten Menfchen, ja der
Teufel und der ganzen Schöpfung, die gänzliche Vernichtung
des Böfen.

Die liebevolle, mit zahlreichen und gut gewählten
Belegflellen ausgeflattete Schrift fetzt fich mit Herrmanns
Inauguraldiffertation vom lahre 1875 auseinander (S. 1171.:
der Vf. fchreibt immer Hermann), deren Hauptthefe,
die einfeitige phyfifche Faffung des Heilsbegriffs, er zu
limitieren fucht. Aus den von A. zufammengeftellten
Texten dürfte in der Tat erhellen, daß — wie feiner-
feits Gaß gegen Kattenbufch ausführte — H. die Bedeutung
des ethifchen Moments bei dem gtiechifchen Kirchenvater
unterfchätzt hat. Der Diffenfus zwifchen beiden
Darflellungen ift indeffen keineswegs ein fehr tief gehender
. Beiderfeits erfcheint der Vergottungsgedanke als der
alles beherrfchende. In diefer Beurteilung fchließt fich
A. an Harnack an, deffen Dogmengefchichte er einige Male,
und zwar ftets zuftimmend (S. I, 7, 20, 49, 89), anführt.

Diefe Erftlingsarbeit Aufhaufers bildet einen dankenswerten
Beitrag zur Dogmengefchichte des vierten Jahrhunderts
; wir hoffen dem Vf. auch fernerhin auf dem von
ihm erfolgreich betretenen Boden zu begegnen.

Straßburg. P. Lobftein.

Jagelitz, Oberlehr. Karl: Über den Verfalfer der Schrift de
mortibus persecutorum. Progr. Berlin, Weidmann 1910.
(18 S.) gr. 8° M. 1 —

Wiederum ein Verteidiger der Zugehörigkeit von De
mortibus persec. zu den Werken des Lactanz gegen
S. Brandt. Er zeigt fich mit den Quellen und mit der
neueren Literatur über das Problem vertraut, urteilt unbefangen
, und hat m. E. nicht bloß im Allgemeinen
Recht, fondern befeitigt durch eine gute Hypothefe einen
bisher peinlich empfundenen Anftoß. Auf reinen Druck,
glatte Darftellung, Genauigkeit in Wiedergabe und
Notierung zitierter Quellenftücke hätte er mehr Wert
legen können; nicht alle Argumentationen find gleich
ftichhaltig und wertvoll; zweifellos falfch deutet er die
peregrini et pauperes bei Lactanz, Inst. VI 12, 25
auf chriftliche Brüder. Gerade das Gegenteil trifft' zu;
trotzdem kann derfelbe Chrift in den Instit. die Fürforge
der Chriften für ein pietätvolles Begräbnis auch des ärmften
Fremden preifen und in de mort. darüber jubeln, daß
Decius, wie er es verdiente, den Raubtieren zum'Fraß
liegen geblieben ift. Über Geift und Gerinnung und das
fprachliche Verhältnis von de mort. pers. (verglichen mit
dem echten Lactanz) kann auch Jagelitz kaum noch Neues
fagen. Aber im erften Abfchnitt S. 4—10 prüft er die
chronologifchen Verhältniffe noch einmal, entfcheidet fich
mit Harnack, was wahrhaftig nicht mehr bezweifelt werden
follte, für das Jahr 313/14 als Abfaffungszeit der Rache-
fchrift, findet fich mit den chronologifchen Einwänden
gegen jenes Datum aber gefchickt dadurch ab, daß er
über Ebert und Harnack hinaus, die cap. 51 von de mort.
für interpoliert hielten, auch 50,2—7 dem Interpolator
zuweift. In der Tat bilden 50, 1 und 52 einen recht geeigneten
Schluß für das Buch; der Abfchnitt 50, 2ff. und
51 reicht nicht bloß in fpätere Zeit, fondern verrät andere
Stimmung, namentlich gegenüber Licinius — zerftört fogar
mit feiner Freude über die Hinfchlachtung von Unfchul-