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Ausgabe:

1911 Nr. 5

Spalte:

131-132

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wächter, Theodor

Titel/Untertitel:

Reinheitsvorschriften im griechischen Kult 1911

Rezensent:

Wendland, Paul

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131 Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 5. 132

zu einander ift überhaupt nicht verbucht worden. Der
demotifche Text fchließt fich bisweilen der jüngeren
Rezenfion an, an andern Stellen gibt er die Formulierungen
der thebanifchen Blütezeit. Intereffant ift, wie man gebucht
hat, die alten Formeln nicht nur durch die jüngere Sprachform
, fondern auch durch Modernifierung der Eigennamen
mundgerechter zu machen. So tritt für den alten heiligen
Namen Hat-ka-Ptah das üblichere Memphis ein, für die
Nilquelllöcher Kerti die Infel Elephantine. Das bereits
während des Neuen Reiches erkennbare Beftreben, die
alten unverftändlich werdenden Sondergötter durch große
Götter zu erfetzen, hat weitere Fortfehritte gemacht. Statt
des Nafengottes Fenti erfcheint Thoth, ftatt der beiden
Horizontlöwen Schu und Tefnut. Auch der Erfatz des
alten Titels futen ,König', der um fo mehr im Anfehen
fank, je mehr andere Könige in den Gefichtskreis der
Ägypter traten, durch ,Pharao' ift nicht ohne Bedeutung.
Zahlreiche weitere Beifpiele ließen fich dem beifügen.
Das Ausgeführte wird aber genügen um zu zeigen, daß
die forgfame, überfichtliche, vortrefflich ausgeftattete
Publikation von Lexa nicht nur für die fprachlichen
Intereffen der Ägyptologen reiches Material zur Verfügung
ftellt, fondern auch dem Religionshiftoriker wertvolle
, anregende und neue Auffchlüffe über die Ent-
wickelung der ägyptifchen Glaubenslehren bringt.

Bonn. A. Wiedemann.

Wächter, Theodor: Reinheitsvorfchriften im griechifchen

Kult. (Rehgionsgefchichtliche Verfuche und Vorarbeiten
, herausgegeben von R. Wünfch u. L. Deubner.
XI. Band. 1. Heft). Gießen, A. Töpelmann 1910. (III,
144 S.) gr. 8» M. 5 —

Ein überaus reiches Material der Vorftellungen kul-
tifcher Reinheit (ayvsia) und der Reinigungsmittel (xad-ag-
fiol), die im Falle der Verunreinigung anzuwenden find,
ift hier zufammengetragen, gut gerichtet und beurteilt.
Der Stoff ift geordnet nach verfchiedenen Arten von
Verunreinigung, innerhalb der einzelnen Abfchnitte nach
Kulten. Die Reinheitsvorftellungen werden aus der
Furcht vor gefährlicher Wirkung dämonifcher Mächte
abgeleitet. Der Begriff der Unreinheit und der verwandte
der Heiligkeit gehen auf den gemeinfamen
des Tabu. Das gefährliche Tabu wird durch die Erhebung
einzelner Dämonen zu höheren Göttern heilig.
— Religion und Sittlichkeit gehen lange bei den Griechen
ihre gefonderten Wege. Errt längere Zeit nachdem
die Pnilofophie die Verinnerlichung der Reinheit
gefordert hatte, dringen moralifche Poftate langfam in
die Vorfchriften einiger Kulte und zeugen von dem Pro-
zeffe der Anpaffung der Religion an die fortgefchrittene
Moral.

In einer Überficht über den reichen Inhalt hebe ich
einige Züge hervor, die dem Theologen ein befonderes
Intereffe gewähren, weil fie ihn fofort an altteftamentliche,
zum Teil auch neuteftamentliche Analogien erinnern. Ich
bemerke aber ausdrücklich: ich gebe von den vielen
Parallelen nur wenige, um auf die Bedeutung diefes Buches
auch unfere Theologen hinzuweifen. Die erftaun-
liche Belefenheit des Autors hat eine Fülle von Völkerparallelen
zufammengebracht.

Reinheit wird gefordert beim Betreten des Heiligtums
und bei allen heiligen Handlungen. Wie von den Opfernden
, fo wird fie befonders von den Opfertieren und
von den Prieftern verlangt. Auch die Kleidung muß
rein fein; weiße wird bevorzugt, mitunter leinene gefordert
. Vielfach wird verboten, Ringe oder Gürtel zu
tragen, und vorgefchrieben, das Haar aufzulöfen und die
Schuhe abzulegen. — Die Wöchnerin gilt als unrein und
verunreinigt, was mit ihr in Berührung kommt; gelegentlich
begegnen ähnliche Vorftellungen von der Menftrua-
tion. — Sühngebräuche werden auch bei Krankheiten

angewandt, weil diefe aus Wirkungen der Dämonen abgeleitet
werden. Der Tod fpielt im Kreife diefer An-
fchauungen eine große Rolle. Begegnung mit einem
Leichenzuge und Betreten eines Grabes fucht man zu
meiden. — Am Mörder haftet ein Miasma; auch unfreiwilliger
Totfchlag heifcht Reinigung. Oft gilt die Gemeinde
für verunreinigt, fo lange der Mörder nicht be-
ftraft oder ausgeftoßen ift. Nur kärgliche Spuren einer
Reinigung des Heeres nach Feldzügen (Makedonien, Bö-
otien) find vorhanden. — In manchen Kulten ift Opfer
und Genuß von Fleifch der Tiere überhaupt oder be-
ftimmten Tierarten verboten; befonders ift das Schwein
oft Tabu. Das S. 95 fr. gefammelte Material über Fifch-
verbot ift auch für die Aberkios-Infchrift wichtig. Ähnliche
Vorftellungen knüpfen fich an manche Pflanzen;
Verwendung des Weines zum Opfer wird in manchen
Kulten, befonders chthonifchen, verboten. Herftellung
heiliger Geräte aus Metallen wird öfier unterlagt. —
Ausfchließung von Fremden und von Sklaven begegnet
als Reft einer einft wohl allgemeiner geltenden Übung.
Es gibt Kulte, von denen das weibliche, und andere, von
denen das männliche Cefchlecht ausgefchloffen ift. —
Weil Exkremente verunreinigen, dürfen die natürlichen
Verrichtungen nicht im heiligen Bezirke ftattfinden, und
diefer Gefichtspunkt fcheint auch manche Weideverbote
zu erklären.

Mitunter fcheint mir der Autor rationale Motive zu
einfeitig auszufchließen.

So hat doch wohl beim Verbote des Opfers und Genuffes mancher
Haustiere (S. 89 fr.) auch das natürliche Empfinden für die Tiere, die
des Menfchen Hausgeuoffen find, mitgefprochen. Und das Verbot der Verwendung
des Metalles zu heiligem Gerät (115 ff.) wird fich in einigen
Fällen aus zäh konfervativem Feilhalten von Bräuchen, die noch aus der
Steinzeit flammen, erklären. — Der freilich vorfichtige Hinweis auf die
Möglichkeit eines einfügen Mutterrechtes (S. 134) wäre beffer unterdrückt
worden; daß es bei den Griechen völlig ausgeschloffen ift, hat zuletzt
Wilamowitz, Kultur der Gegenwart II 4, I, S. 33 gezeigt. Die S. 8, 30,
56 befprochene Infchrift aus Ptolemais gehört nach Plaumann, Leipziger
hül. Abh. XVIII 54 gar nicht dem Asklepios - Tempel an. Zu S. 19
erinnere ich, daß befonders Hetären blumige und bunte Kleider trugen.
W.s Arbeit und die in derfelben Sammlung erfchienene von Fehrle
über kultifche Keufchheit, die ich demnächft befpreche, ergänzen (ich
vielfach. Auch die Diff. von Link, De votis ,sanctus' usu pagano, Re-
gimonti 1910 berührt öfter unfer Gebiet.

Göttingen. Paul Wendland.

Boehmer, Pfr. Lic. Dr. Julius: Heilige Stätten im Lande

der Bibel als Gottes Zeugen in Gefchichte und Gegenwart
. (Für Gottes Wort und Luthers Lehr! Reihe II,
Heft 9.) Gütersloh, C. Bertelsmann 1909. (150 S.)
gr. 8° M. 1.20

Boehmer fchildert nacheinander: 1. Emmaus. 2. Die
Wüfte. 3. Anathot. 4. Silo. 5. Sichern. 6. Samaria.
7. Nazareth. 8. Der Tabor. 9. Der Genezarethfee. 10. Cae-
farea Philippi. 11. Der Jordan. 12. Jericho. Der geographische
und gefchichtliche Überblick über diefe Stätten
ift mit den eigenen Reifeerlebniffen des Verfaffers durchwoben
. ,In der niedrigen Gegenwart die große Vergangenheit
, in den zeitlichen Erfcheinungen die göttlichen
Gedanken aufzuzeigen; vom heiligen Land auf Erden ins
himmlifche Heiligtum zu führen ift die Meinung des
Verfaffers, der damit vielen mitpilgernden Chriften einen
Dienft erweifen möchte' (S. 8). Da Boehmer hier demnach
keine wiffenfehaftlichen Zwecke verfolgt, darf man
auch keine wiffenfehaftlichen Maßftäbe an fein Werk anlegen
. Man darf nur fragen, ob er das Ziel erreicht hat,
das er fich felbft gefleckt hat. Diefe Frage ift zu bejahen
, da das Büchlein in der Tat keinen wiffenfehaftlichen
, fondern ausfchließlich erbaulichen Charakter trägt.
Der .Predigtftil', in dem die Ausführungen gefchrieben
find, äußert fich 1. in der Plerophorie der Ausdrucksweife
; z. B. S. 31: .Weiter und weiter . .. fortfehreitend,
... über Felfen und Felsftufen wie Felsblöcke . .. eine