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Ausgabe:

1911 Nr. 4

Spalte:

109-111

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Neue Untersuchungen zur Apostelgeschichte und zur Abfassungszeit der synoptischen Evangelien 1911

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 4.

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führung, welche auf guter Kenntnis der einfchlägigen
Literatur beruht, wird man kaum etwas anhaben können.
Nur was die Priorität des Marcus betrifft, darf man fich
fragen, ob davon nicht ein etwas zu unumfchränkter Gebrauch
gemacht wird angefichts der Tatfache, daß fchon
in diefem Evangelium wie in den anderen das gefchicht-
liche Bild Jefu unter dem Einfluß der fpäteren Chriftus-
lehre ftark notgelitten hat. In II wehrt fleh Sehn,
energifch dagegen, daß aus Joh. 21 etwas wie eine Ein-
fetzung des Petrus in eine Amtsgewalt herausgelefen
werde, und tadelt auch die protellantifchen Exegeten,
die dahin neigen. Ob er fleh nicht doch durch die Tatfache
, daß die Petrusfzene Joh. 21 noch in den Kanon
Aufnahme gefunden hat, dazu verleiten läßt, ihren Inhalt
zu entleeren. Aber man braucht fich weder diefer Stelle
noch Matth. 16 gegenüber mit folchem Mittel zu helfen.
Es genügt in beiden Fällen die Gewißheit, daß wir es
nicht mit echten Herrenworten zu tun haben. Ich weiß
übrigens nicht, ob nicht gerade bei Anerkennung eines
hierarchifchen Verfuchs in Joh. 21 die Pofition des
Modernismus fich verftärken würde dadurch, daß die
eine Stelle (Joh. 21) gegen die andere (Mth. 16) ausge-
fpielt werden kann. Denn, wenn dem Verf. von Joh. 21
die Felfenrede als echte Überlieferung bekannt gewefen
wäre, fo müßte man fich wundern, daß fie nicht irgendwie
in feiner Darfteilung nachklingt. In Wirklichkeit
haben wir eben verfchiedene Verfuche aus nach-
apoftolifcher katholifierender Zeit vor uns, von welchen
keiner fogleich durchgedrungen ift, gerade weil keiner
wirklich urfprüngliche Jefusworte darbietet. Daß in Joh. 21
ein kirchengefchichtliches Problem im Hintergrund
liegt, wird fchon dadurch angezeigt, daß der Evangelift
die Szene aus dem gefchichtlichen Leben Jefu heraus-
und in die Zeiten nach der Auferftehung verlegt.

In der kirchengefchichtlichen Erörterung Hellt Sehn,
ein eingehendes Verhör der Zeugen an, aus dem fich
ergibt, daß die Felfenrede Mth. 16 erft nach Schluß des
2. Jahrhunderts in Sicht tritt und dann auch allmählich
in den evangelifchen Text Eingang findet. Sehn, ift der
Anficht, daß nicht der ganze Komplex Mth. 16 auf einmal
eingefchaltet wurde. Vielmehr foll zuerft 17—19 in
kirchlich-antimarcionitifchem Intereffe eingefügt worden
fein, während die 2 anderen Verfe fpäteren Datums feien
und den römifch-hierarchifchen Beftrebungen ihren Ur-
fprung verdanken. Auf jeden Fall nicht hat die Matthäus-
ifelle das Papfttum gefchaffen, londern das Papfttum
fie. Sie ift nur der ,Anfang jener ungeheuerlichen
Fälfchungen, mit welchen die .... Anfprüche der
mittelalterlichen Päpfte auf die Weltherrfchaft fanktioniert
werden follten'.

Jeder Gebildete, der die Schn.'fchen Brofchüren im
Zufammenhang lielt, muß fich davon überzeugen, daß es
um das kathohfehe Grunddogma, welches das Ganze
tragen foll, fchlecht beftellt ift. Exegefe und Theologie
des N. T., Literaturkritik und Kirchengefchichte eröffnen
ein konzentrifch.es Feuer auf den Felfen Petri und er-
fchüttern ihn in feinem Fundament. Und mag er fich
auch mit einem gewiffen Recht der Verheißung rühmen
können, daß die Pforten der Hölle ihn nicht überwältigen
werden, nämlich in dem Sinne, daß keine materielle
Gewalt ihn vernichten wird, fo gibt es doch noch ein
anderes, das nicht bloß ftärker als die Hölle ift, fondern
dem auch der Stuhl Petri auf die Dauer nicht wider-
ftehen kann, das ift die Wahrheit. ,Ein Wörtlein kann
1 ihn fällen.'

Gießen. Baldenfperger.

Harnack, Adolf: Neue Unterluchungen zur Apoltclgefchichte
und zur Abfallungszeit der fynoptilchen Evangelien. (Bei-
trägezurEinleitungindasNeueTeftament. IV.) Leipzig,

J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung 1911. (114 S.) gr. 8°

M- 3 —; geD- M. 3.80

In diefem Hefte habe ich die Unterfuchungen über
die Apoftelgefchichte, die ich in Heft 1 und 3 der .Beiträge
' (1906, 1908) aufgenommen habe, zu Ende geführt.
Er handelte fich dabei um drei Aufgaben.

In dem erften Kapitel habe ich mich mit den Kritikern
auseinandergefetzt, welche den Beweis für die
Identität des Verfaffers der ,Wirftücke' mit dem Verfaffer
des ganzen Werks für ungenügend erklärt haben. Um
fie zu widerlegen, habe ich nunmehr die Wirftücke in
ihrem ganzen Umfange vorgelegt unter Hervorhebung
aller der Stellen, die die Identität der Verfaffer begründen.
Da ich bereits in Beitrag I einen genauen Kommentar
zu 16,10—17 und 28,1—16 gegeben hatte, fo habe ich
mich damit begnügt, nur die Verfe 1—3 des 27. Kapitels
zu kommentieren, es im Übrigen dem aufmerkfamen Lefer
überlaffend, das Gewicht des lexikalifchen, fyntaktifchen
und ftiliftifchen Materials fowie das Gewicht der iden-
tifchen Intereffen der Erzähler für die Frage der Identität
felbft abzufchätzen.

In dem zweiten Kapitel habe ich das Hauptargument,
welches gegen die Abfaffung der Apoftelgefchichte durch
einen Mitarbeiter des Paulus angeführt wird, einer genauen
Prüfung unterzogen. Diefes Argument lautet: Die Apoftelgefchichte
fetzt den Apoftel in theoretifcher und prak-
tifcher Hinficht in ein Verhältnis zum Judentum und
Judenchriftentum, welches erftlich hiftorifch unrichtig ift,
weil es von den Briefen des Apoftels Lügen geftraft wird,
und zweites feiner unwürdig ift, weil es nicht nur die
Gefchloffenheit feines Standpunkts, fondern auch die
Reinheit feines Charakters beeinträchtigt. Ich zeige dem
gegenüber, daß der Verfaffer der Apoftelgefchichte die
Stellung des Apoftels zum Judentum und Judenchriftentum
nicht anders darftellt als die eigenen Briefe des
Apoftels dies tun, daß aber das eindeutige Bild, welches
fich die Kritik von diefer Stellung macht, unrichtig ift,
da fowohl die Beurteilung des Judentums durch Paulus
als auch fein praktifches Verhalten zu demfelben durch
eine fchwere Inkonfequenz belaftet war. Die Reinheit
feines Charakters fleht dabei fchlechterdings nicht zur
Frage; aber die ihm notwendige komplizierte Haltung
war geeignet, Argwohn bei Juden- und Heidenchriften
zu erwecken, während fie die Feindfchaft der Juden nur
fteigerte. Paulus litt in Jerufalem für eine Sache, die
gar nicht die feine war, nämlich für die totale Loslöfung
des Chriftentums vom Judentum! Hat der Verfaffer der
Apoftelgefchichte aber hier richtig gefehen und richtig
erzählt, fo fällt die Behauptung, er könne kein Mitarbeiter
des Paulus gewefen fein, in fich zufammen.

Im dritten Kapitel kehre ich zu der Frage nach der
Abfaffungszeit der Apoftelgefchichte zurück. Ich hatte
fie im 3. Beitrag offen gelaffen, aber gezeigt, daß überwiegende
Gründe dafür fprechen, das Buch fei in dem
Jahre gefchrieben, in welchem es abbricht. Diefen Gründen
bin ich nun weiter nachgegangen und hoffe fie fo
verftärkt zu haben, daß das frühe Datum der Apoftelgefchichte
auf Grund pofitiver und negativer Argumente
nunmehr für erwiefen gelten darf. Diefes frühe Datum
ift aber erft gefichert, wenn man fich überzeugt hat, daß
das Lukasevangelium und die Quellen desfelben (Q und
Markus) keinen Widerfpruch erheben. Alfo war in diefem
Zufammenhang auch die Abfaffungszeit diefer Schriften
zu unterfuchen. Es ergibt fich, daß weder das 3. noch
das 2. Evangelium — auch das erfte ift herbeigezogen
worden — pofitive Merkmale der Abfaffung nach der
Zerftörung Jerufalems, auch nicht nach dem 6. Jahrzehnte
p. Chr. n., enthalten.

Eine diefeErgebniffe bedrohende Frage fcheint fchließ-
lich aus der Erwägung aufzutauchen, ob die verfchie-
denen Schichten in der Traditions- und Legendenbildung
der evangelifchen Gefchichte fich bereits in einem fo