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Ausgabe:

1911

Spalte:

76-78

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lagrange, Marie-Joseph

Titel/Untertitel:

Le Messianisme chez les Juifs 1911

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 3.

gewidmet hat, find ein Seitenftück zu Rahlfs' Text des
Septuaginta-Pfalters.

P. fucht zunächft der von de Lagarde geftellten Aufgabe
, auch die Minuskeln in größere archetypifche Gruppen
zu gliedern, gerecht zu werden und zeigt, daß (ich bei
den Propheten-Minuskeln nicht zwei, wie man gewöhnlich
annahm, fondern drei Gruppen unterfcheiden laffen:
eine hexaplarifche (I), eine vorhexaplarifche (II) und die
luzianifche Gruppe (III). Der zweite Teil befchäftigt fich
mit der Frage, in welchem Verhältnis die Texte der
wichtigften Handfchriften zueinander flehen. Der Vatikanus
(B) gilt feit langem als ältefter und ehrwürdigfter
Zeuge des Septuagintatextes. In der Tat ruht B auf
einer ftarken und guten Grundlage, denn eine ganze
Reihe von Stellen werden als echt und vorhexaplarifch
charakterifiert; bisweilen laffen fich neben B aber auch
im Alexandrinus (A) gleich wertvolle Varianten aufweifen
, ein Beweis, daß fchon die vororigeniftifche Sept.
wenigftens zwei Texttypen entwickelt hat, die durch A
und B vertreten werden. B hat eine recht eindringende
Rezenfion unter hexaplarifchem Einfluß, fpeziellim Dodeka-
proph. und im Jef., eine geringere in Ez. erfahren. Der
Sinaiticus (üt) ift B am nächften verwandt. Aus Ver-
gleichung einer Reihe von Lesarten in B, tt, A und Q
d. i. dem Marchalianus gewinnt P. das Refultat, daß
aus der gemeinfamen Grundlage der älteften Septuaginta
B St A Q fich zwei Texthaupttypen B SC und A Q voneinander
abzweigten. Jener erfle enthält zwar eine felb-
ftändige Reihe von Varianten gegen den zweiten Typus,
doch weift er zugleich hexaplarifche Bearbeitung auf, und
zwar tritt diefe in B ftärker auf als in SC und hat B gegenüber
der gemeinfamen Grundlage SC A Q immer mehr
ifoliert. Der cod. Alexandrinus (A) und der cod. Marchalianus
(Q) vertreten BSC gegenüber einen felbftändigen
Texttypus. Wie aber B in den Propheten an Wert hinter
SC zuruckfteht, fo auch Q hinter A, fo daß alfo SC und A
die wertvollften Kodizes unter den Unzialen find. Übrigens
haben auch A Q hexaplarifche Eingriffe erfahren, ja bei
A ift auch die Frage chriftlichen Einfluffes zu erwägen.
Kurz befpricht P. noch cod. Venetus (V), der ein Doppel-
angeficht trägt, deffen eine Seite der hexaplarifchen Minuskelgruppe
I, deffen andere der Luzianifchen Minuskelgruppe
III zugewendet ift.

Unter den drei Minuskelgruppen bezeichnet P. mit
Faulhaber die erfte im Gegenfatz zu Cornill, Swete,
Oefterley u. a., die für hefychifchen Urfprung eintreten,
als hexaplarifche, und zwar find diefe hexaplarifchen Ein-
flüffe namentlich in den Erweiterungen der älteften Septuaginta
zu bemerken, diefe hexaplarifchen Zufätze haben
wir als die Zufätze des Origenes anzufehen, fo daß wir
mit Hilfe von I ziemlich tief in die Arbeit der Origenes
hineinblicken können. Zwifchen B SC und A Q fleht I
ziemlich in der Mitte, doch zeigt SC lexikalifch und gram-
matifch den nächftverwandten Typus zu I.

Zur Ausfcheidung der vorhexaplarifchen Gruppe der
Minuskeln (II) ift P. wefentlich durch das Dodekaproph.
und Jefaja veranlaßt, hier zeigt eine genauere Beobachtung
, daß man mit der Ausfcheidung von zwei Minuskelgruppen
nicht auskommt, II repräfentiert BSC I gegenüber
einen felbftändigen Typus, und der Vergleich zwifchen
I und II zeigt, daß II feiner Grundlage nach vorhexaplarifch
ift. II gehört zu AQ, aber nicht als Tochter-
handfchrift, fondern hat relative Selbftändigkeit. Aber
der befondersim Dodekapr. und Jef. fo wertvolle Typus II
hat im Jef. und Ez. eine hexaplarifche Entwicklung durchgemacht
.

Die Luzianifche Gruppe (III) hatte vorhexaplarifche
Grundlage, welche dem Typus der Gruppe BAI zugehörte
und die Luzian mit Benutzung der gefamten
Hexapla bearbeitete; namentlich Theodotions Text wurde
von ihm benutzt, um eine möglichft große Annäherung
an den Umfang des MT. zu erreichen; zugleich bearbeitete
L, den Text in lexikalifcher, grammatifctier und ftili-

ftifcher Hinficht. Wie die Hexapla fo hat auch III
mannigfach Einfluß ausgeübt. Abgefehen von V, der
eigentlich zu Bscl gehört, gilt das befonders von der
Gruppe AQU, doch ift das bei jedem diefer drei Ele-
lemente in befonderer Weife gefchehen.

Der dritte Teil der Arbeit gibt eine Skizze über
kirchliche Literatuikreife, in denen die Haupttypen der
Septuaginta gewirkt zu haben fcheinen, und zwar ift der
Wirkungskreis von AQU und B SC I voneinander ge-
fchieden, und Juflins Septuaginta für fich behandelt. Betreffs
AQU zeigt P., daß eine augenfcheinhche Verwandt-
fchaft zwifchen N. T. und AQU oder genauer, da Q fich
öfter zu BSC I hinüberneigt, zwifchen N.T. und All be-
fteht. Er fchließt daraus, daß AQU den fyrifchen Typus
repräfentiert, der fich alfo fchon zu Chrifti Zeit vom Urtext
der LXX abgezweigt haben muß. Auch der Text
von Cyrills Zwölferbuch hängt eng mit AQU zufammen
und zwar mit II noch enger als mit Q. Daraus ergibt
fich, daß diefer Typus, der urfprünglich in Syrien heimifch
war, auch in Ägypten Eingang gefunden hatte. -— Juflins
Septuaginta in ihrer mutmaßlichen Urgeftalt zeigt uns
eine Beziehung zu beiden Haupttypen Bscl und AQU,
doch mit befonderer Neigung für den Typus SC L Schon
zu Juflins Zeit begannen die Juden zugunften des kano-
nifchen hebräifchen Textes die alten Septuaginta zu diskreditieren
, um den Chriften, die kein Hebräifch mehr
verftanden, die Waffen zu entreißen.

Als Kernprovinz des Typus B SC I muß Ägypten an-
gefehen werden. Das folgt nicht nur aus der zweifellos
zutreffenden Vermutung, daß wir in B die hefychifche Rezenfion
vor uns haben, fondern auch daraus, daß wahr-
fcheinlich die Unterlage der hexaplarifchen Septuaginta-
kolumne, mit der I in naher Beziehung fleht, ägyptifchen
Utfprungs war. Auch Clemens Alex, hatte einen Bscl
und fpeziell I verwandten Text. Wie aber A Q II nicht
auf Syrien befchränkt blieb, fo B SC I nicht auf Ägypten.
Durch Origenes erhielt er in Syrien, fpeziell im paläfti-
nenfifchen Cäfarea, eine neue Heimat; die Bedeutung, die
die hexaplarifche Septuaginta für die griechifche Hochkirche
hatte, mußte ihm auch in Syrien einen Platz fichern.
Über Syrien und Kleinafien ift er wahrfcheinlich in das
byzantinifche Reich gekommen, wo wir ihn im Mittelalter
finden. Was die Vetus Latina angeht, fo zeigt P.,
daß die Würzburger Latina mit der Gruppe Bscl verwandt
und namentlich zu I in inniger Beziehung fleht.
Auch des Hieronymus Latina, namentlich im Dodekapr.,
zeigt eine nahe Verwandtfchaft mit I, fo daß P. I und
H. als Zwillinge anfieht, als deren Mutter wahrfcheinlich
die origeniftiiche Septuaginta zu gelten hat.

Das ift im wefentlichen das Refultat der von P. mit
Umficht geführten Unterfuchung. Sie ift nicht auf der-
felben breiten Grundlage geführt wie die von Rahlfs —
zieht doch P. nur die von Holmes und Parfons verglichenen
Minuskeln heran, und abgefehen von den kurzen
Darlegungen über die Vetus Latina find die aus LXX
gefertigten Überfetzungen überhaupt nicht berückfich-
tigt —, aber mögen auch z. B. durch Verwertung der
neuen Kollationen für die Cambridger und Göttinger
Ausgabe gewiffe Verfchiebungen eintreten, die Grundzüge
der von P. dargelegten Refultate werden fchwerlich dadurch
alteriert werden. Die Arbeit verdient ernfte Beachtung
aller Fachgenoffen.

Straßburg i/E. W. Nowack.

Lagrange, P. M.-J., O. P.: Le Messianisme chez les Juifs

(150 av. J.-C. a 200 ap. J.-C). Paris, V. Lecoffre 1909.

(VIII, 349 P-) gr. 8° fr. 10 —

Es muß zu unferem Bedauern gleich anfangs getagt
werden, daß diefe umfangreiche und fleißige Arbeit
keinen wefentlichen Fortfchritt in unterer Erkenntnis der
Eschatologie des Judentums bedeutet. Schon gegen die