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Ausgabe:

1911 Nr. 3

Spalte:

68

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ehrenreich, Paul

Titel/Untertitel:

Die allgemeine Mythologie und ihre ethnologischen Grundlagen 1911

Rezensent:

Steinmann, Theophil

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 3.

68

einem gewiffen Grade in der Pofition. Es hat in der
Tat wenig Sinn — das zeigt die voraufzufchickende
pfychologifche Analyfe der Religion — ein .religiöfes
Apriori' nach Art des theoretifchen, ethifchen, äfthetifchen,
entdecken zu wollen, und die Religion felbft will nicht
— es ift das ein oft irritierender, doch nicht zu leugnender
Anfpruch derfelben — der Wiffenfchaft, Moral oder
Kunft gleichgeordnet fein. Sie ift vielmehr — wenn man fich
einmal auf den Standpunkt des transzendentalen Idealismus
, wie ihn Windelband auffaßt, ftellt — am beften zu
verliehen und zu kennzeichnen als der Bewußtfeinszuftand,
in dem die individuelle Vernunft bei Ausübung ihrer
Funktionen nicht nur die Gebundenheit an ein Überindividuelles
erlebt, fondern zugleich zu diefem Zutrauen
faßt und damit die Gewißheit gewinnt, daß die aus dem
Überempirifchen quellenden ,apriorifchen Normen', fpeziell
auch im Empirifchen und für das Empirifche, gelten: ein
Zutrauen, das in der Annahme einer höheren Einheit über
dem Subjekt und dem Objekt, der Wirklichkeit und den
Werten zum Ausdruck kommt, aber allerdings in den
verfchiedenen Religionen verfchieden ftark ausgeprägt ift.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Ehrenreich, Paul: Die allgemeine Mythologie und ihre ethnologischen
Grundlagen. (Mythologifche Bibliothek. Herausgegeben
von der Gefellfchaft für vergleichende
Mythenforfchung. IV. Band, Heft 1.) Leipzig, J. C.
Hinrichs'fche Buchhandlung 1910. (VIII, 288 S.) gr. 8°

Mk. 10 —

Die altteftamentliche und auch die neuteftamentliche
Wiffenfchaft hat gewiß ein Intereffe daran, mit den Re-
fultaten und Methoden der vergleichenden Mythenforfchung
Fühlung zu gewinnen und zu behalten. Wer das
noch nicht wußte, dem konnte zum mindelten die Notwendigkeit
, diejenfenfchen und Drewsfchen Aufftellungen
wiffenfchaftlich zu prüfen und zu widerlegen, dafür die
Augen öffnen. Für diefe befonderen apologetifchen
Zwecke ift nun allerdings in dem vorliegenden Buch
unmittelbar nichts zu holen. Dagegen ift es fehr belehrend,
wenn man fich über allerleiPrinzipienfragen derallgemeinen
Mythologie orientieren will. Hier, und nicht in den
Einzebefultaten, liegt m. E. der befondere Vorzug des
Buches und feine Bedeutung für einen weiteren Kreis als
den der Fachgenoffen des Autors.

Natürlich gibt E. auch eine Fülle von Einzelreful-
taten; die find ja doch zum guten Teil einfach das Material
, mit welchem er arbeiten muß. Daß fovieles davon
lediglich in der Form einer Behauptung erfcheint,
für welche der Vf. feinen Lefern den Beweis fchuldig
bleibt, das findet feine Erklärung teils in der durch die
Lad des vollen Beweismaterials zu befürchtenden Verweit-
läufigung in all diefe Einzelheiten, teils wohl fetzt der
Vf. die betreffenden Beweisführungen als dem kundigen
Lefer von anderswoher bekannt voraus. So ift bei den
befonderen Zwecken, welche er verfolgt, hierüber mit
dem Vf. kaum zu rechten. Dagegen ift zu bedauern —
nicht etwa, daß die Fülle des Materials nicht genügend
fyftematifch durchgearbeitet ift, wie es der Vf. fich vorgefetzt
hat, wohl aber, daß die Darfteilung eine gewiffe
letzte fyftematifche Verarbeitung und Durchdisponierung
vermiffen läßt. Es fteht mehr Eines neben dem Andern.
Das erfchwert dem Lefer, namentlich wenn er auf diefem
Gebiete nicht fchon irgendwie zuhaufe ift, zum Teil fchon
das volle Ergreifen der einzelnen das Buch durchziehenden
entfcheidenden Gedanken, mehr noch das Verliehen
ihres vorhandenen Zufammenhanges. So kommen bei-
fpielsweife für das Ganze fo grundlegende Ausführungen
wie diejenigen über Mythendeutung erft im 9. Kapitel
. Und auch dort vermiffe ich die den Lefer erft
wirkiich überzeugende Zufammenfaffung derjenigen
eigentümlichen Züge des Mythus und der daran anknüpfenden
Erwägungen, aus welchen fich der Schluß auf
eine diefen Erzählungen zugrunde liegende, überall auf
Erden in der Hauptfache gleiche Naturanfchauung ergibt:
die weltweite Verbreitung nämlich nicht nur beftimmter
einzelner phantaftifcher Züge (Seitengeburt, Sterben und
Wiederaufleben ufw.), die je für fich einer Erklärung bedürfen
, fondern gerade auch wiederkehrender fetter Zu-
fammenhänge folcher Züge der mythifchen Erzählung und
das Ungenügende des Verfuches, diefe weitgehende Gleichartigkeit
nicht nur des Einzelinhaltes fondern gerade auch
die auffallende Konfequenz in der Abfolge und Zufammen-
ftellung folcher Einfälle allein aus der Gleichartigkeit
des menfchlichen Seelengetriebes ableiten zu wollen.
Nicht, als ob das nicht alles irgendwo im Einzelnen gefagt
wäre; es bleibt aber dem Lefer die letzte fyftematifche
Zufammenfaffung wie hier fo auch fonft oft felbft überlaffen.

Vortrefflich ift die Vorficht des Urteils und der Behauptung
. ,üie verfchiedentlich gegebenen Mythendeutungen
find zunächft ganz fubjektiv zu nehmen, bean-
fpruchen alfo keine abfolute Geltung, wohl aber Berück-
fichtigung, folange keine befferen, d. h. der realen Naturanfchauung
mehr entfprechenden vorliegen' (S. V). Bei
aller Überzeugung von der weittragenden Bedeutung
fpeziell des Mondes für die Mythenbildung ift E. durchaus
auch für andre Möglichkeiten der Mythendeutung
offen, und einfeitige Voreingenommenheit für diefe Theorie
als eine Allerklärerin kann man ihm nicht vorwerfen. Gerade
die Gewagtheit der Behauptungen andrer Mythendeuter
läßt die von E. geübte Vorficht befonders fchätzens-
wert erfcheinen.

Die unfyftematifche Gefamtanlage erfchwert eine
kurze Wiedergabe des fehr reichen Inhaltes. E. felbft
gibt zum Schluß (S. 276) eine Zufammenfaffung: ,Die
fundamentale Bedeutung der Himmelsmythologifchen
Vorftellungen für Märchen, Mythus, Religionskult und
Legende, die Tatfache der wechfelfeitigen Affimilation
irdifcher und himmlifcher Vorgänge, der Parallelismus
von Heldenfage und Naturmythus, das Wefen und die
Qualitätsunterfchiede der Perfonifikation, (fehr intereffante
Ausführungen), namentlich aber die Verknüpfung menfeh-
licher Schickfale mit mondmythologifchen Vorftellungen
und die Wefensverwandtfchaft von Mond-, Wetter-, Ve-
gatations- und Unterweltsgottheiten find im Vorftehenden
als die Hauptergebniffe unferer ethnologifchen Betrachtung
des Mythus dargelegt worden'. Diefe Zufammenfaffung
ift aber mehr nur eine Aufzählung einzelner um-
faffender Theorien, für deren Geltung das Buch den
Nachweis verfucht hat; fie gibt uns keinen Eindruck von
der Reichhaltigkeit der angeftellten Erwägungen. Um
davon nur noch einiges zu nennen: die klare Herausftel-
lung des völkerpfychologifchen (nicht religionsgefchicht-
lichen) Charakters der allgemeinen Mythologie, die deutliche
Abgrenzung des Mythifchen im allgemeinen Sinn
gegen das religiöfe Gebiet, die Ausführungen über die
Naturvölker und die ,reine Abftraktion' des ,Ürmenfchen',
mit welch letzterer die ethnologifche Betrachtung fich
unverworren zu halten hat, die klare Herausarbeitung
der Bedeutung der Ethnologie als Grundlage bei voller
Anerkennung der Leiftungen philologifcher Forfchung in
den ihr gewiefenen Grenzen, die gerade auch für den
Religionshiftoriker fehr orientierende Skizze von den
mancherlei Umbildungen des urfprünglichen Naturmythus
(zum Märchen, zur Heldenfage, zur Kultusfage) im 5. Kapitel
, die bedeutfame Unterfcheidung zwifchen Mythus,
Symbol und Allegorie, dem Spätling auf diefem Gebiet
(.Allegorie und Mythus fchließen fich aus', S. 188). Befonders
hervorgehoben feien noch einmal — auch als
zugleich religionsgefchichtlich intereffant — die Bemühhungen
um Aufhellung des Emporwachfens perfönlicher
Gottheiten. Von befonderem Intereffe gerade für den
Theologen find gelegentliche Auseinanderfetzungen mit
dem Panbabylonismus.
Gnadenfeld. Th. Steinmann.