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Ausgabe:

1911 Nr. 26

Spalte:

813

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seppelt, Franz Xaver

Titel/Untertitel:

Studien zum Pontifikat Papst Coelestins V 1911

Rezensent:

Keller, Siegmund

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8i3

Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 26.

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will, was ihm auch gut gelungen ift. Obgleich die Vita,
foweit Bennos Bedeutung für die hohe Politik in Frage
kommt, unzureichend ift, fo bietet fie doch genug Wichtiges
, was fie zu einer höchft wertvollen Gefchichtsquelle
macht. In der inhaltreichen Einleitung und den Anmerkungen
hat Tangl darauf hingewiefen, die kritifchen Fragen
erörtert und die neueren Forfchungen charakterifiert.

Der Verlag hat diefem Bande der ,Gefchichtfchreiber
der deutfchen Vorzeit' ein ausführliches Namen- und
Sachregifter mit genauem Inhaltsverzeichnis der feither
erfchienenen Bände I—90 beigegeben. Daraus erfieht
man fehr gut, wie vieles Treffliche für unfere nationale
Kirchengefchichte diefe Sammlung enthält. Möge es dem
Unternehmen neue Freunde gewinnen.

Kiel. G. Ficker.

Seppelt, Priv.-Doz. D. Franz Xaver: Studien zum Ponti-
fikat Paplt Coeleftins V. (Abhandlungen z. mittleren u.
neueren Gefch., Heft 27). (VII, 57 S.) gr. 8°. Berlin
Dr. W. Rothfchild 1911. M. 2-

Der Verf., der demnächft mit einem Bande Monu-
menta Coelestiniana (Vol. I: Opus metricum, Vitae und
ältefte Statuten des Coeleftinerordens) an die Öffentlichkeit
zu treten gedenkt, bietet uns hier ein paar vorweggenommene
Lefefrüchte diefer Quellenpublikation.

S. 1—13 ,Zur Wahl Coeleftins V.' In gewiffem Gegen-
fatze zu Schulz, Finke, Cantera und Hauck foll die Wahl
Peters von Murrone unter dem Einfluß Karls II von Neapel
erfolgt fein; Latinus Malabranca, Führer der Orfinipartei
und ein Intimus Peters, Hellte deffen Kandidatur zur
Diskuffion, und trotz der anfänglichen Uberrafchung
haben fchließlich alle Kardinäle zugeftimmt, da alle auf
den unerfahrenen Eremiten Einfluß zu gewinnen hofften.
Daß Imponderabilien mannigfacher Art damals eine gewichtige
Rolle gefpielt haben, ift zweifellos; ob aber die
vom Verf. geltend gemachten fchwerer wiegen, wird
hauptfächlich davon abhängig bleiben, ob man dem Opus
metricum in allen Einzelheiten trauen darf.

S. 14—21 werden intereffante Einzelheiten ,Zur Abdankung
Coeleftins V. und zur Wahl Bonifaz' VIII.' beigebracht
; fo z. B. daß Coeleftin V. eine Verabfchiedung
mit dem Rechte auf Tragen von Pontificalinfignien forderte
, was aber vom Kardinalskollegium rundweg abgelehnt
wurde. Coeleftins anfänglicher Plan, fich zurückzuziehen
und die Regierung der Kirche einem Kollegium
von drei Kardinälen zu übertragen, ift gar nicht fo Sonderbar
', wie der Verf. meint. Solche römifche .Locumser-
vantes' find in den früheren Jahrhunderten häufig vorgekommen
Das letzte Kapitel (S. 22—57) befchäftigt fich
mit der an die Abdankung Coeleftins anknüpfenden lite-
rarifchen Kontroverfe. Sie ift z. T. fchon aus dem Buche
von Rieh. Scholz, Die Publiziftik zur Zeit Philipps d. Sch.
und Bonifaz' VIII. bekannt; es ergibt fich aber manche
wertvolle Ergänzung.

Bonn. Siegmund Keller.

Mix, Pfr. Guftav: Aus dem Schuldbuch des Jefuitenordens.

(202 S.) 8°. Leipzig, A. Strauch 1911.

M. 2—; geb. M. 2.50

Schriften, die auf Wiffenfchaftlichkeit Anfpruch
machen, dürfen nicht im Gewände des Pamphlets auftreten
. DerBuch,fchmuck' diefer Schrift trägt aber Pamphletcharakter
: vom Sturmwind fortgepeitfehte päpftliche Tiara,
verzerrte Jefuitenköpfe mit Schlangenleib, Jefuit als flötender
und tanzender Rattenfänger von Hameln, Totenköpfe
von Teufelfratzen und Eulen umgeben, Schlangen,
Fledermäufe, Fliegen fangende Kreuzfpinnen, umheimliche
Raben. Es wäre bedauerlich, wenn folche .Zieraten'
dem Gefchmacke weiter Volkskreife entfprächen. Noch
bedauerlicher aber ift, daß derartiger Karrikaturen- oder
befler gefagt Fratzenftil in die Menge getragen wird. |

So nimmt die Ausftattung der Schrift fehr gegen fie
ein. Und ihr Inhalt ift nicht geeignet, den Übeln Eindruck
des Äußern zu verwifchen.

Zunächft ift zu tadeln, daß alle möglichen Auffätze,
die der Verfaffer in Zeitfchriften und Tageszeitungen
veröffentlicht hat, hier zu einem Buche mit gemeinfamem
Titel vereinigt werden, wobei aber das innere Band oft
vollftändig fehlt.

Schlimmer als die Zufammenhanglofigkeit des Inhaltes
ift aber feine wiffenfehaftliche Unzuverläffigkeit.
Nur Weniges kann hier angeführt werden.

Wiffenfchaftliches Erfordernis erfter Ordnung ift Genauigkeit
der Zitate. Die Zitate diefer Schrift find meiftens
aber fo ungenau, daß man bezweifeln muß, ob der
Verfaffer die betreffenden Werke felbft eingefehen hat.

Von .gründlicher Bearbeitung der einzelnen Auffätze',
die der Verfaffer einleitend (S. 7) verfpricht, ift bei folcher
Zitierweife nichts zu verfpüren.

An .gründlicher Bearbeitung' fehlt es auch dem getarnten
übrigen Inhalte. Im Abfchnitte: .Begriff des
Jefuitismus' (S. 8, 9) bilden eine törichte Anekdote und
ein Wort Giobertis, das aber nichts über den Begriff
des Jefuitismus fagt, alles, was der Verfaffer zum wichtigen
Gegenftande beizubringen weiß. Die Ausführungen im
Abfchnitte: ,Die Wurzeln des Jefuitismus' gipfeln in dem
Satze: ,Das herrfchfüchtige Prieftertum, das die religiöfen
Vorftellungen und Gefühle der großen Maffe ausbeutet,
um die eigene geringe Autorität damit zu ftützen, ift die
erfte Verkörperung des Jefuitismus gewefen' (S. 21).
Solche Plattheiten dürften eigentlich nicht mehr gedruckt
werden. Der Verfaffer aber unterftreicht fie, indem
er im folgenden Abfchnitte: ,Die Entftehung des Jefuitismus
innerhalb der katholifchen Kirche' die Entftehung
in Zufammenfang bringt mit Ignatius von Antiochien,
Cyprian, dem Konzil von Nicäa und den apoftolifchen
Konftitutionen des fünften Jahrhunderts und mit Bezug
auf die apoftolifchen Konftitutionen fagt: .Hier ift die
Stelle, wo die beiden Wurzeln des Jefuitismus gleichfam
zu einem Stamme zufammenwachfen: der jüdifch-hierar-
chifche Geift mit dem altrömifchen Geift abfoluter Weltherrfchaft
' (S. 27). Wer fo fchreibt, fchreibt zwar ,eine
Entftehungsgefchichte des Jefuitismus' fo recht ab ovo;
er beweift aber auch, daß er vom Wefen des Jefuitenordens
und fomit auch des Jefuitismus, als des Ordens-
geiftes, wenig Ahnung hat. Im Kapitel: ,Das ultramon-
tan-jefuitifche Schulideal' (S. 45) fehlt geradezu Alles
von Bedeutung. Statt deffen ein Zeitungsartikel (I) über
belgifche Schulzuftände und wenige Sätze aus des Je-
fuitenHammerfteins Schrift: ,Das preußifche Schulmonopol
'. Die gleiche Dürftigkeit des Materials zeigt fich
im Abfchnitte über ,Die Marianifchen Kongregationen'
(S. 56ff.). Das auf den Seiten 121—200 (letzte Seite des
Buches) Enthaltene (alfo die Hälfte des Buches weniger
21 Seiten!) fteht nur im allerentfernteften, teilweife in gar
keinem Zufammenhange mit dem Titel. Abfchnitte wie:
Der römifche Einheitskatechismus; Der heilige Benno von
Meißen; Proteftantismus und Katholizismus; Katholizismus
und Kultur; modern-proteftantifche Kultur; das katho-
lifche Kulturideal, mit Exkurfen über wirtfchaftliche Ver-
hältniffe, über den Tonnengehalt der Handelsflotten, über
konfeffionelle Selbftmordftatiftik, über Höhe der Steuer-
leiftungen proteftantifcher und katholifcher Steuerzahler
ufw., gehören wirklich nicht in ein .Schuldbuch des
Jefuitenordens'. Auf die vielen Schiefheiten und Unrichtigkeiten
im einzelnen kann ich hier nicht eingehen:
der Schrift wäre ein Buch gegenüber zu ftellen. Nirgendwo
zeigt fich der Verfaffer als Beherrfcher des Stoffes,
faft überall bleibt er an der Oberfläche und auch diefe
erfcheint feiten in richtigem Lichte. Am wenigften mißlungen
find die Abfchnitte: .Fürftenkinder' (S. 81—88)
und: ,Die Jefuiten in Paderborn' (S. 88—96); eigene
Forfcherarbeit ift aber auch in ihnen nicht enthalten.
Überhaupt Forfcher- d. h. wiffenfehaftliche Arbeit!