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Ausgabe:

1911 Nr. 26

Spalte:

811-812

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ehrhard, Alb.

Titel/Untertitel:

Das Christentum im römischen Reiche bis Konstantin, seine äußere Lage u. innere Entwicklung 1911

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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8n

Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 26.

812

Fragen gerecht werden will, nicht fcharf genug hervortreten.
Vom wiffenfchaftlichen Standpunkte aus betrachtet, bieten
W.s Ausführungen kaum mehr als das bekannte Material.
Das konnte auch nicht anders fein. Das Eigentümliche
muß alfo in der Art der Beleuchtung und der Heraus-
ftellung der treibenden Kräfte zu fuchen fein. Die Wech-
felwirkung chriftlicher Grundideen und kultureller Faktoren
allgemeiner Art tritt m. E. bei W. nicht fcharf genug
hervor. Auf den praktifchen Zweck der Vorträge gefehen,
hätte vielleicht die konkrete Einzelfchilderung der Lage
der Frauen oder der von ihnen geleifteten Liebesarbeit
in charakteriftifchenBeifpielennochplaftifchernachgewiefen
werden können unter Verzicht auf Vollftändigkeit. Mit
Hilfe der forgfältigen Anmerkungen wird aber jeder an
dem Büchlein einen guten Wegweifer in das ganze Gebiet
haben. Das Urteil ift befonnen abgewogen und wenn
man auch an einzelnen Punkten z. B. in der Auffaffung
einiger neuteftamentlicher Stellen oder in der Vorgefchichte
der Entftehung der neuen evangelifchen Diakonie anders
urteilen kann, fo kann man in allen Hauptfachen dem
Verfaffer nur zuftimmen und dem Buche viel Verbreitung
wünfchen.

Wittenburg i/Weftpr. Ed. von der Goltz.

Ehrhard, Prof. Dr. Alb.: Das Chriftentum im römifchen Reiche
bis Konftantin, feine äußere Lage u. innere Entwicklung
. Rede, geh. am Stiftungsfeft der Kaifer Wilhelms-
Univerfität Straßburg v. dem derzeit. Rektor. (Rektoratsreden
der Univerfität Straßburg 1911.) (52 S.)
gr. 8°. Straßburg i. E., J. H. Ed. Heitz 1911. M. 1.20

Der Straßburger Kirchenhiftoriker Ehrhard hat zum
Thema feiner Rektoratsrede die Frage gewählt, wie das
Chriftentum in einer dreihundertjährigen Gefchichte es
zum Sieg über Staat und Welt gebracht hat; er ftellt die
Entwicklungslinien dar, die von der kleinen jerufalemifchen
Gemeinde zu der Molzen Kirche unter Konftantin hinführen.
Neue Gefichtspunkte und überrafchende Richtigftellungen
verkehrter Anflehten wird niemand hier erwarten; es gehörte
fchon große Kraft dazu, einen fo umfänglichen Stoff
mit gleichmäßiger Berückfichtigung alles Wefentlichen
in einer Feftrede zu bewältigen. Die paar Seiten hinzugefügter
Anmerkungen konnten nur Belege aus den
Quellen und Verweife auf neuere Literatur beibringen,
für die der gebildete Lefer dankbar fein wird.

Dem Fachmann ift das Wertvollfte an diefer Publikation
die Wahrnehmung, wie nahe doch in vielen Hauptfragen
der älteften Kirchengefchichte, in der Gefamtauf-
faffung und -Beurteilung wahrhaft wiffenfehaftliche Forfcher
aus dem katholifchen Lager wie Ehrhard und Duchesne
den ernfthaften Proteftanten gekommen find. Wiederum
eine erfreuliche Ausficht auf den Triumph der Wahrheit
über kirchliche Vorurteile. Immerhin bleibt ein Unter-
fchied in den Farbentönen, in dem Grad der Sicherheit,
womit E. feine Konftruktion empfiehlt; insbefondere wird
der Kirche der alten Chriftenheit zu viel zugetraut, wenn
man meint, daß fie mit vollem Bewußtfein (S. 46) die
bellen Kulturkräfte des römifchen Reichs in ihren Dienft
nahm und ihre innerfte Lebenskraft aus den Quellen des
Evangeliums fchöpfte. Ein Satz wie S. 30: ,Die autoritativen
Maßnahmen der römifchen Bifchöfe Eleutherus
und Victor ... weifen klar auf den Primat der römifchen
Kirche als den Schlußftein der univerfalkirchlichen Organi-
fation hin' verdient alle Bewunderung wegen der diplo-
matifchen Feinheit, die den römifchen Afpirationen entgegenkommt
, ohne ein widergefchichtliches Verftändnis
zu erzwingen. Eine reizende Formel für die Ausbildung
des monarchifchen Epifkopats im 2. Jahrhundert findet
E. S. 27, wo er uns belehrt, der urfprüngliche Presbyter-
epifkopat habe damals nicht eine Zufpitzung nach oben,
fondern eine Differenzierung nach unten erlitten. Ob
wohl die weitere Ausbildung der Monarchie in der Kirche

bis zum römifchen Primat hinauf auch noch eine Wirkung
diefer Differenzierung nach unten ift?

Völlig unglücklich fcheint mir — da in allem Übrigen
E. viele Bundesgenoffen guten Namens beibringen kann
— nur die Siegesfreude, mit der er S. 22 f. im Gegenfatz
zu der Harnack'fchen Beurteilung der Entwicklung der
chriftlichen Religion im Altertum das Schlagwort: Helle-
nifierung des Chriftentums, als Gefamtrefultat der Geiftes-
arbeit der Apologeten, durch das umgekehrte erfetzt:
Chriftianifierung des Hellenismus. Das erfte Schlagwort
mag auch falfch fein, es trifft nicht den ganzen Prozeß,
der einen Rückfall in jede Art der unterchriftlichen Reli-
giofität, insbefondere auch in judaiftifche darfteilt. Aber
es enthält eine klare Vorftellung, das Ehrhard'fche dagegen
ift nur eine Phrafe. Die Apologeten haben das
Heidentum heruntergeriffen, fie haben es nicht ver-
ftanden, am allerwenigften in chriftliche Atmofphäre eingehüllt
: meint vielleicht E. mit Heidentum die paar Heiden,
die von den Apologeten zum Chriftentum bekehrt worden
find? Dann würde er ihr Verdienft um die Kirche doch
wieder zu gering einfehätzen. Hier wie anderswo empfiehlt
fich der Verzicht auf alle Schlagwörter. Und von
einer bewußten Tendenz der Apologeten, das Chriftentum
zu hellenifieren (S. 21), braucht uns wahrlich nicht
erft E. durch Hinweis auf ihren pfychologifch-religiöfen
Entwicklungsgang abzufchrecken. — Zwei ftörende Druckfehler
find flehen geblieben, S. 29 Z. 14 Parahteten ft.
Parakleten, und S. 52 Z. 10 ,das hiftorifche Wort' ft. ,der
hift. Wert'.

Marburg. Ad. Jülicher.

Norbert, Abt v. Iburg: Das Leben des Bifchofs Benno II.
V. Osnabrück. Nach der neuen Ausg. der Monumenta
Germaniae in den Scriptores rerum Germanicarum
überf. v.Prof.Mich. Tangl. (Die Gefchichtfchreiber der
deutfehen Vorzeit. In deutfeher Bearbeitg. hrsg. v.
G. H. Pertz, J. Grimm, K. Lachmann, L. v. Ranke,
K. Ritter, W. Wattenbach. 2. Gefamtausg. Fortgefetzt
v. O. Holder-Egger. 91. Bd.) (XVIII, 65 u. 87 S.)
Leipzig, Dyk (1911). M. 2 —

Norberts von Iburg in den neunziger Jahren des II.
Jahrhunderts verfaßte Vita des 1088 geftorbenen Bifchofs
von Osnabrück Benno II. ift in neuerer Zeit mehrfach auf
ihre Echtheit hin unterfucht worden. In ein völlig neues
Stadium trat die Unterfuchung, als H. Breßlau in den
Farragines Gelenii des Kölner Stadtarchivs eine von der
bis dahin bekannten abweichende Textgeftalt entdeckte
und in der Schulausgabe der Monumenta Germaniae 1902
herausgab. Es zeigte fich, daß der neu gefundene Text
die angreifbaren Stücke des alten Textes nicht enthielt
und daß diefer eine interpolierte und verfälfehte Form
jenes urfprünglichen und kritifch unanfechtbaren darftellt.
Es läßt fich noch nachweifen, daß der Abt von Iburg
Maurus Roll (feit 1666) im Streit mit dem Bifchof von
Osnabrück im Intereffe des Klofters die Fälfchung vollzog.
Den neu gefundenen, alfo echten Text — der freilich nur
in einer Abfchrift des 17. Jahrhunderts erhalten geblieben
ift — hat Tangl vortrefflich überfetzt und damit eine
fehr wertvolle Quelle zur Gefchichte des 11. Jahrhunderts
allgemein zugänglich gemacht. Benno II. von Osnabrück
ift uns nicht nur deswegen intereffant, weil er ein treuer
Anhänger Heinrichs IV. war, fich aber trotzdem auch
das Vertrauen feiner Gegner zu erhalten wußte, fondern
auch, weil er fich als eifrigen Förderer der kulturellen
Aufgaben zeigte und, wie der Osnabrücker Zehntenftreit
beweift, die wirtschaftlichen Anfprüche feiner Kirche zu
I verfechten wußte. Die Lebensbefchreibung, die der aus
Brabant (lammende Norbert, Abt von Iburg, fchrieb, ift
befonders bemerkenswert, weil der Autor mit Abficht es
vermeidet, feinen Helden als einen Heiligen zu fchildern,
uns vielmehr ein Bild ungefchminkter Wirklichkeit geben