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Ausgabe:

1911 Nr. 25

Spalte:

789-791

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tolstoi, Leo

Titel/Untertitel:

Briefe. 1848 - 1910. Gesammelt u. hrsg. v. P. A. Sergejenko 1911

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 25.

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Fhilofophie in dem gönnerhaften Urteil über Plato (S. 47)
zur Geltung! Oder wie gut werden wir in die Zeit hineingeführt
, wenn wir Manteuffel die Worte ,verite' und
,Philofophie Wolffs' fynonym gebrauchen fehen! (S. 13).

Leipzig. Heinrich Hoffmann.

Tolftoi. Leo: Briefe. 1848—1910. Gefammelt u. hrsg. v.
P. A. Sergejenko. Autorifierte vollftändige Ausgabe.
(560 S. m. Bildnis.) gr. 8°. Berlin, J. Ladyschnikow
1911. M. 6—; geb. M. 7.50

Von den 515 Nummern, die diefer ftattliche Band
enthält und die nur einen verfchwindenden Bruchteil der
weltumfpannendenKorrefpondenzTolftoi's darftellen,waren
bereits eine Anzahl bekannt (3. 455. 543). Gerne hätte
man über die Herftellung der vorliegenden Ausgabe, über
die zur Anwendung gekommenen Grundfätze, über die
vorgenommenen Kürzungen mehr erfahren als was der
Überfetzer Dr. Adolf Heß (Berlin) in einer kurzen Notiz
der Vorrede erklärt: ,P. A. Sergejenko hat Tolftoi's Briefe
in langjähriger Arbeit gefammelt, eine forgfältige Auswahl
getroffen, die Briefe mit Tolftoi durchgefehen und z. T.
Fußnoten hinzugefügt. Tolftoi hat die Ausgabe autorifiert'.

Der erfte Brief trägt das Datum vom 13. Februar
1848 (T. wurde am9. September 1828 geboren); der letzte,
vom 24. Oktober 1910, ift an den Bauern Michail Petro-
witfch gerichtet und enthält eine vertrauliche Frage, die
bereits die am 10. November erfolgte Flucht T.s aus
Jassnaja Poljana in Ausficht zu ftellen fcheint: ,Könnten
Sie mir nicht in Ihrem Dorf eine wenn auch kleine, aber
allein flehende und warme Hütte ausfindig machen? Achten
Sie darauf, daß das nur Ihnen allein bekannt fein foll'.
Am 20. November 1910 verfchied T. in Aftapovo. Die
uns hier dargebotenen Briefe erftrecken fich über 62 Jahre
und umfaffen demnach den größten Teil des Lebens T.'s.
Unter den 117 Adreffaten der mitgeteilten Briefe behaupten
anfangs die Mitglieder der Familie und die Freunde
T.'s die erfte Stelle; allmählig erweitert fich der Kreis,
der fchließlich nicht nur die meiften Gegenden Europas,
fondern auch China, Japan und Amerika in fich aufnimmt.
Nun treten die Angehörigen und die Jugendgenoffen in
den Hintergrund; der intimften Freunde einer, der lyrifche
Dichter Fet, an den 78 Briefe gerichtet find (vom 12. Mai
1858 bis zum 26. September 1880), verfchwindet völlig
aus der Zahl der Korrefpondenten (er Harb erft 1892).
Der Schwerpunkt der Gedanken und der Beftrebungen
T.'s verlegt fich aus dem Gebiet der äußeren Ereigniffe,
der Künfte, der Dichtung und der Gefelligkeit in das
der fozialen, ethifchen und religiöfen Fragen. An Kaifer
und Minifter (Alexander III Nr. 182, Nikolaus II Nr. 382,
392, Stolypin Nr. 439), an Publizilten und Philofophen,
häufig auch an Bauern, an Bedrängte und Verfolgte, an
Sektierer und Geächtete wendet er fich mit feinem tapfern
und freundlichen Wort, bald ftrafend oder mahnend, bald
belehrend, aufklärend, ermunternd, trottend. Wie die Zahl
feiner Gegner, fo wächft auch die Schar feiner Jünger
aus allen Völkern und Ständen und fchließt fich zu einer
für ihren Meifter begeifterten Gemeinde zufammen.

Zur Erhöhung des literarifchen Ruhms T.s wird der vorliegende
Band kaum beitragen. Auch das geiftige Bild
des Denkers bereichert fich um keine neuen Züge. Weder
die Grundgedanken feiner Weltanfchauung und Lebens-
auffaffung, noch die Polemik gegen die religiöfe Überlieferung
oder die fozialen und politifchen Ordnungen erfahren
eine wefentliche Ergänzung, gefchweige denn eine
tiefere Modifikation. Vielleicht läßt fich eine Vereinfachung
der dogmatifchen Pofition und eine Verfchärfung der Angriffe
gegen die kirchliche Tradition und das Staatswefen
wahrnehmen.

So Dezeichnet er z. 15. die in feinen erften religiöfen Schriften auf-
geftellten fünf Gebote Chrifli, auf welche er noch im Auguft 1882 fich
beruft (S. 206—208), als eine ihm in diefem Sinne fremd gewordene
Auffaffung (März 1891). Über andere Fragen, die in den größeren

Werken des Verf.s nicht zu voller Klarheit gelangt find, erhalten wir aus
den Briefen kaum beffere Auskunft: fo bleibt der auch fonft fchwer zu
fixierende Unfterblichkeitsglaube in der Schwebe (S. 205. 408. 449. 466).
Auch der zwifchen Theismus und Pantheismus fchwankende Gottesbegriff
wird nicht auf einen beftimmten Ausdruck gebracht. (Vgl. S. 229: ,wie
es der göttliche Teil unferer Seele, das heißt wie es Gott will', S. 536:
,der ewige geiftige Menfch, in und durch den wir alle leben', S. 462: ,die
Grundlage unfers Lebens ift dasjenige, was die Einen Begriffsvermögen,
die Andern Gott nennen'. Dazu S. 220. 250. 275. 286. 359 — 360. 388.
455- 458. 463- 478-)

Trotz alledem haben wir allen Grund, für die uns in
diefem Bande gefchenkte Gabe dankbar zu fein. Es fei
mir geftattet, die Punkte hervorzuheben, die geeignet find,
das Verftändnis des merkwürdigen Mannes zu fördern
und zu vertiefen.

Einmal erfahren wir über T.s Schriften, ihre innere
Genefis (vgl. z. B. 158—159), ihre äußere Veranlaffung, ihr
Werden und Wachfen, ihren Abfchluß und Erfolg wertvolle
Einzelheiten. Das meifte Intereffe bieten des Verf.s
Urteile über fein eigenes Schaffen, der Wechfel feiner
Stimmung: Anfangs die lebendigfte geiftige Anteilnahme,
hernach die wachfende Entfremdung gegenüber feinen
eigenen Schöpfungen (169. 183. 238. 259. 269. 280. 343.
vgl. 234—6. 278—9. 297. 382. 534-5- 542—3)- Geradezu
kunftfeindlich lauten die Äußerungen der letzten Jahre,
509, vgl. 535 493.

Zum Zweiten wirft T.'s Briefwechfel für das Verftändnis
feiner großen geiftlichen Umwandlung einen nicht zu
unterfchätzenden Gewinn ab. Auf den erften Blick fcheint
allerdings die Ausbeute recht dürftig (vgl. etwa 204—205.
271- 358. 440. 523). Dagegen liefert die Gefamtbetrach-
tung der 170 bis 180 erften Briefe und der Vergleich mit
den folgenden einen wertvollen, religionspfychologifch
äußerft fruchtbaren Beitrag zur Würdigung der berühmten
in den Schriften ,Meine Beichte' und ,Mein Glaube' enthaltenen
Selbftzeugniffe über feine Bekehrung.

Wenn T. von der Höhe feiner neu gewonnenen Er-
kenntniffe auf feine Vergangenheit zurückblickt, fo verurteilt
er feine Jugendjahre als eine Zeit der .Gottlofigkeit'
und des .Leichtfinns'. Auf Grund feiner Briefe erfährt
aber der feiner inneren Umkehr vorangehende Lebens-
abfehnitt eine andere Beleuchtung. Der fcharfe Kontraft,
den T. in feiner ,Beichte' zwifchen Einft und Jetzt zeichnet,
erinnert an Auguftins Selbftanklagen in feinen Konfeffionen,
und muß durch die urkundlich zu belegende Tatfache
dahin gemildert werden, daß das Leben des edlen Grafen
auch während der Tage feines weltlichen Treibens und
Vergnügens, niemals in Leere und Ausfchweifung aufging.
Auch damals fehen wir ihn um die Löfung nicht fowohl
des Welträtfels als des Problems der perfönlichen Be-
ftimmung fich redlich bemühen. Oft fucht er feinem
Leben einen wertvolleren Inhalt und eine feftere Richtung
zu geben; es ergreifen ihn religiöfe Stimmungen,
die fich in gewiß aufrichtigen Gebeten äußern; der Verlud
: eines innig geliebten Bruders und andrer ihm nahe
flehender Menfchen wecken in ihm ernfte Gedanken und
tiefer gehende Eindrücke (S. 79: ,Es war Gottes Wille —•
das ift das Einzige' cf. 138); fein tatkräftiges Intereffe an
der Errichtung und erfolgreichen Leitung der Volksfchule
in feinem Dorf läßt fich nur aus altruiftifchen Motiven
erklären; auch feine literarifche Tätigkeit, die zum Teil
auf fleißigen und zufammenhängenden Studien beruhen,
läßt fich ohne innere Selbftzucht nicht denken (vgl. noch
170. 176).

T.'s Briefe werfen ein nicht minder willkommenes
Licht auf eine weitere, bisher zwar nicht unbekannte, aber
erft jetzt in ihrem ganzen Umfang zu würdigende Tatfache
. Wie tief der Riß war, der durch feine Häuslichkeit
und fein Familienleben ging, wie fchmerzlich T. die
Spannung empfand, die ihm die konfequente Durchführung
feiner Grundfätze nicht geftattete, hat der tragifche Ausgang
feines Lebens in erfchütternder Weife gezeigt. Seine
j Briefe laffen uns einen tiefen Blick in diefen bald mehr
j latenten, bald offen hervortretenden Konflikt tun (S. 198.