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Ausgabe:

1911 Nr. 25

Spalte:

784

Autor/Hrsg.:

Heinrici, C. F. Georg

Titel/Untertitel:

Griechisch-byzantinische Gesprächsbücher und Verwandtes aus Sammelhandschriften 1911

Rezensent:

Meyer, Philipp

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7«3

Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 25.

784

der Chriftologie oder Scholaftik wird er einfach nicht
verftehen. Von den 507 S. des Buches fallen 329 auf
Altertum (230 S.) und Mittelalter. Ein wirkliches ,Lefe-
buch' zur Dogmengefchichte müßte ganz anders angelegt
fein: möglichft wenig von den dogmatifchen Quälereien
der Vergangenheit, möglichft viel aber von noch heute
Brauchbarem aus Religion und Frömmigkeit. Rinn wird
mir freilich entgegenhalten: mein (Rinns) Begriff der
Dogmengefchichte — an Harnack und auch Loofs orientiert
— verlangt diefe Quellenauswahl. Dann müßte das
alte Problem: was heißt Dogmengefchichte? aufgeworfen
werden; dazu ift hier aber nicht der Ort, ich verweife
auf die vortrefflichen Ausführungen von O. Scheel in Th.
Rundfchau 1911, ich kann nur fagen: Rinns Begriff der
Dogmengefchichte verfagt der Aufgabe eines ,Lefebuches'
gegenüber, die Dogmen als Zentrum find als Lektüre
ungenießbar. Es fchneidet geradezu in die Seele, zu

Druckfehler: S. I Z. 16 v. u. gehört ein Komma hinter: Kirche;
S. 4 Z. 25 t. o. lies Num.; S. 25 Z. 13 v. o. 1. alles; Z. 7 v. u. 1.
7ipeörov; S. 27 Z. 9 v. u. gehört ein Komma hinter Cbriften; S. 45 Z. 21
v. u. 1, de praescr; S. 66 Z. 8 v. o. 1. Novatian; S.- 93 Z. 17 v. u. 1.
böfem; S. 119 Z. 1 v. u. 1. Spezififche; S. 13t Z. 27 v. o. 1. Orthodoxie;
S. 137 Z. 26 v. o. 1. Widerfpruch; S. 209 Z. 27 v. o. 1. desfelben; S.
271 Z. 8 v. u. 1. der; S. 286 Z. 22 v. o. 1. der; S. 315 Z. 6 v. o. 1. nicht;
S. 453 Z. 10 v. u. 1. Glaube; S. 489 Z. 14 v. u. Amyraut.

Zürich. Walther Köhler.

Heinrici, C.F.Geo: Griechifch-byzantinifche Gefprächsbücher
u. Verwandtes aus Sammelhandfchriften. Hrsg. u. unter-
fucht. (Abhandlungen der kgl. sächf. Gefellfchaft der
Wiffenfchaften. Philologifch.-hiftor. Kl. 28.Bd. Nr. VIII.)
(IV,97 S.) Lex. 8°. Leipzig, B. G.Teubner 1911. M. 3.60

Vom Altertum her durch die Zeit der Kirchenväter
hindurch hat fich in der Literatur der byzantinifchen
Renaiffance und Humanismus, die doch als Geiftesftrö- { Kirche die Gefprächsform erhalten, deren man fich be-
mungen — fie haben freilich keine ,Dogmen' produziert — ' diente, um etwa für ein weiteres Publikum oder für die
hundertmal wichtiger find als die mit 29 Seiten bedachten j Inftruktion oder zur Selbfterbauung das gewünfchte Ma-
chriftologifchen Kämpfe des 4. und 5. Jhs., nur zu lefen: terial in geeignete Form zu bringen. Der Dialog ift
,Über Renaiffance und Humanismus vgl. Loofs 659 fr., See- dabei häufig fo weit verlaffen, daß auch nicht einmal die
berg 197 ff.' Mit der Konkordienformel bricht natürlich j Perfonen genannt werden, die da fragen und antworten,

bei jenem Begriff ,Dogmengefchichte' die proteftantifche

fondern es find lediglich die Fragen und Antworten geEntwicklung
ab, und wie täte doch ein ,Lefebuch' zu blieben. Auch das fchien hin und wieder zu weitläufig.
Pietismus, Aufklärung, Idealismus not! Vielleicht ent- Aus der Frage wurde eine Überfchrift, und nur die lange

fchließt fich Rinn bei einer Neuauflage zu einer Revifion
des Begriffes ,Dogmengefchichte' und fchenkt uns dann
ein wirkliches ,Lefebuch'. Weitefte Kreife würden ihm
dafür danken. Allen denen aber, die Loofs' Dogmengefchichte
oder auch Harnacks Werk an der Hand der

Reihe kurzer Kapitel verfchiedenften Inhalts verrät noch
die Entftehung der Form. So fchrieb Joseph Bryaminos
am Ausgang der byzantinifchen Epoche kurze xstpakaia
Ejizaxig tJira über die verfchiedenften Gegenftände. Er
ftellte fie nun fogar den Xöyoig uud den xoivalg öiaZegeOtv

uellen gründlich ftudieren wollen, alfo an erfter Stelle I gegenüber. Solche ,Fragen und Antworten' finden fich

unferen Studenten, wird das Buch in der jetzigen Geftalt
gute Dienfte leiften. Rinn hat nicht verfäumt, hie und
da kurze Erläuterungen zu geben, auch wohl kirchen-
hiftorifche kleine Quellenftücke beigegeben. Freilich
wird das Buch noch weiter dazu beitragen, daß unfere
Studenten keine Quellen im Originaltexte mehr lefen.
Die Fähigkeit der Überfetzung aus dem Griechifchen und
Lateinifchen finkt nachgerade bei den Studenten auf ein
Minimum, mir hat ein Schweizer Kollege gefagt: ,meine
Studenten find fchließlich fogar ins Seminar nicht mehr
gekommen, weil ich einen lateinifchen Text — Calvins
institutio! — las'. Dürfen wir derartiges noch weiter
fördern?! Aber diefer Prozeß wird fchwerlich aufzuhalten
fein, und fchließlich ift es beffer, die Quellen in guter
deutfcher Überfetzung zu lefen als überhaupt nicht. Wer
Rinns Quellenbuch wirklich durcharbeitet, wird hohen
Nutzen davon haben.

Einige Defideria (teile ich an den Schluß. Rinn und jüngft haben
unter Rubriken mit gemeinfamer, den Grundgedanken heraushebender
Überfchrift vielfach mehrere Quellen zufammengeftellt. Es wäre wiinfchens-
wert, wenn durch Sperrdruck jeweilig die neue Quelle gekennzeichnet
würde; jetzt überfieht das Auge nicht, woher die einzelnen Äußerungen
flammen. Eventuell würde auch ein jeweiliger Gedankenftrich genügen.
Notwendig find, namentlich bei dem engen Drucke, Zeilenzähler am Rande
der Seiten. Auch hätte forgfamer auf die Angabe der llibelzitate geachtet
werden müden, fie fehlen ftellenweife (z. B. S. 6, 7) völlig. Wird
der Student wiffen, was S. 22 Z. 4 v. o. Schwartz 8. 9ff. heißt? In der
an den Anfang gefetzten Zufammenftellung der zitierten Werke fehlt
Schwartz. S. 32 c fehlt Angabe der Fundftelle des Apoftolikums in feiner
älteften Form. S. 351 in der Überfchrift beanftande ich die Bezeichnung
,gefchichtlicher Chriftus' für Luthers Chriftologie. Die .Menfchheit deffen,
der im Schöße feiner Mutter ruht' ift für Luther ftets nur die eine Seite
der Gott-Menfchheit, nicht das, was wir .gefchichtlichen Chriltus' nennen.
Ebenfo ift es zum minderten fchief, wenn S. 248 die Abiäffe ,auf die in
den irofchottifchen Bußbüchern feftgefetzten Redemptionen zurückgehen'
follen. S. 316 fr. hätte nach der Ausgabe von Mandel die ,Theologia
deutfch' zitiert werden müden. Auch gehören die Schwabacher Artikel
vor die Marburger (S. 402f.). Die Zwingli-Zitate S. 385fr. hätten, foweit
möglich, nach der neuen Ausgabe und nicht nach der alten von Schüler
und Schultheß gegeben werden müden. Übrigens ift sacratissimae litterae
in dem Briefe an Vadian vom 23. Febr. 1513 — nicht, wie bei Rinn
1514! — nicht mit ,h. Schrift' wiederzugeben, wie der Brief an Erasmus
vom 29. April 1516 beweift; es ift die h. Wiffenfchaft im Gegenfatz zur
profanen. Nicht richtig auch ift S. 391 in der Überfchrift die Bedeutung
des Täufertums für Zwingiis Theologie eingefchätzt. Es hat ihn gerade
verkirchlicht, und nicht durch es traten die Gegenfätze zwifchen Luther
und Zwingli heraus.

häufig in den Sammelhandfchriften, die man namentlich
in den Bibliotheken des Orients in Menge antrifft und
die auch jetzt noch entliehen, wie der Referent in den
Klöftern des Athos gefehen hat. Diefe Beobachtungen
führt der Verfaffer des vorliegenden Buches mit gelehrter
und umfaffender Sachkenntnis in der Einleitung aus, indem
er von der patriftifchen Zeit ausgehend, die Gefprächsform
und eine Reihe von Sammelhandfchriften
anfehaulich darftellt. Er befchränkt fich dabei wefentlich
auf theologifche Stoffe. Seine Abficht bei den nun folgenden
Textpublikationen ift ,Zeugniffe für die Durch-
fchnittsbildung und die geiftigen und theologifchen Inter-
effen der alten Kirche zu fammeln, um dadurch in noch
recht dunkle Abfchnitte der Schriftauslegung und Schriftausnutzung
ein wenig mehr Licht zu bringen'. Es find
im ganzen 17 Reihen von eQcoraJtoxQlösig, die wir aus
Handfchriften verfchiedenften Alters kennen lernen. Im
wefentlichen handelt es fich um mittelalterliches Gut.
Auf den Inhalt der einzelnen Reihen einzugehen, würde
zu weit führen. Jeder Lefer aber wird mit Intereffe fehen,
was im Often die Chriften aus der religiöfen Welt anzog
. Und befondere Bedeutung gewinnen manche Stoffe,
da fie fich weit ins Abendland hin verbreitet haben.
Man kann das verftehen, wenn man aus den vom Verfaffer
aufgeftellten Tabellen der Stoffe (S. 71 ff.) die regelmäßige
Verbreitung derfelben in der örtlichen Kirche
wahrnimmt.

Hannover. Ph. Meyer.

Zeller, Dr. Ulrich: Bifchof Salome- III. von Konitanz, Abt von
St. Gallen. (Beiträge z. Kulturgefch. d. Mittelalters u.
d. Renaiffance. Heft 10). (XI, 107 S.) gr. 8°. Leipzig,
B. G. Teubner 1910. M. 4 —

Zellers Studie über Bifchof Salomo III. von Konftanz,
Bifchof von St. Gallen (f 920 oder 919) zeichnet fich durch
Beherrfchung des Quellenmaterials, löbliches Streben nach
kritifcher Vorficht und klare Darfteilung aus und wirft
eine ganze Reihe brauchbarer Ergebniffe ab. Gleich der
erfte, einleitende Abfchnitt (S. 1—Ii), der über die Quellen
orientiert, erweckt einen günftigen Eindruck. Die wich-