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Ausgabe:

1911 Nr. 25

Spalte:

782-784

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rinn, Heinrich

Titel/Untertitel:

Dogmengeschichtliches Lesebuch 1911

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 25

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aus der Bekehrung des Paulus fo einfach ableiten? Dagegen
fpricht doch wohl die Tatfache, daß diefe allgemein
als Eigentümlichkeit des Paulus gilt, während er die
Erfahrung des auferftandenen Herrn mit den übrigen
Jüngern teilt. Hier müßte die Erklärung aus dem Jefus-
kult einfetzen: hinter Paulus und feiner Frömmigkeit fteht
bereits eine Gemeinde von Gläubigen, die den Namen des
Herrn Jefu aurufen, in diefem Namen ihre Knie beugen,
kurz denen Jefus der im Kultus verehrte gegenwärtige
Herr ift. An diefen im Kultus gegenwärtigen Kyrios
knüpft vor allen die Chriftusmyftik des Apoftels an.

Diefe Linie hat D. nicht gezogen, er verdeckt fich fogar diefen
Ausblick durch das, was er S. 89 über die Stellung des Paulus zu den
Sakramenten ausführt. Denn jene Frömmigkeit der Gemeinde ift von
Anfang an ganz wefentlich in den Sakramenten zum Ausdruck gekommen
: das Abendmahl war —■ auch für Paulus — leiblich-geiftige Ge-
meinfchaft mit dem erhöhten Herrn. D.s Beftrebung aber ift darauf gerichtet
, den fakramentalen doch auch zum Kultus gehörigen Gedanken-
einfchlag des Paulus nach Möglichkeit zu entfernen, wir finden bei ihm
folgende Sätze: ,die Taufe ift nicht die Herftellung, fondern die Verriegelung
der Chriftusgemeinfchaft'. .Auch das Abendmahl ift für ihn
nicht die reale Urfache der Gemeinfchaft mit Chriftus, fondern eine Äußerung
der Gemeinfchaft1. Sollten diefe Sätze nicht auch noch ein Reft
jenes .peinlichen Studicrftubenerbteils1 fein, daß D. fo unerbittlich (p. VI)
verdammt? Und wie vieles wäre hier zu lagen, namentlich nach den
ausgezeichneten Forfchungen Heitmüllers, über dies charakteriftifche Ineinander
vom Vaturhaftem und Perfönlichem, Sakramentalem undGeiftigem
in der Frömmigkeit des Paulus.

Aber von dem Gemeindekultus allein aus läßt fich
die Chriftusffömmigkeit des Paulus freilich auch nicht
verliehen, es kommt noch eine befondere, perfönlich gei-
ftige Note hinzu. Das Problem wird deutlich, wenn wir
uns vergegenwärtigen, daß bei Paulus der Korrelatbegriff
für das In-Chriftus-Sein das Im-Geifte-Sein ift, und daß
für ihn der erhöhte Chriftus der Geift ift. Hier in diefem
Punkte hätte nun eine ausgedehnte religionsgefchichtliche
Milieuforfchung einzufetzen. Jene pneumatifche, ekftatifche
Frömmigkeit des Paulus, die fich in das Wort Pneuma
zufammenfaßt, ift nämlich der Erforfchung zugänglich
und läßt fich im Rahmen der antiken Frömmigkeit begreifen
, und dann wäre die Chriftusmyftik, d. h. die Identifikation
des Geiftes mit dem erhöhten Chriftus, als ein
befonderer und perfönlicher Spezialfall der paulinifchen
Frömmigkeit zu begreifen. Welch eine Fülle von Beziehungen
und Erfcheinungen drängt fich hier dem Auge
des Forfchers auf. D. aber weiß uns hier nichts zu geben
als einen m. E. verkehrten Hinweis auf die Septuaginta-
frömmigkeit S. 89 und eine Ausführung von ganzen fieben
Zeilen über den hier ev. anzunehmenden helleniftifchen
Einfchlag. Freilich können ihm, als er feine Vorlefungen
ausarbeitete, die epochemachenden Forfchungen in
Reitzenfteins .helleniftifchen Myfterienreligionen', an denen
jetzt kein Theologe mehr vorübergehen darf, noch kaum
bekannt gewefen fein, aber nach Gunkels ausgedehnten
religionsgefchichtlichen Unterfuchungen, nach den Anregungen
, die Reitzenftein bereits im Poimandres gegeben
hat, durften wir von einem Forfcher wie D. auf diefem
Punkt doch mehr erwarten.

Und fo könnte ich mit meinen Fragen und Einwänden
weiter fortfahren, muß mich aber für das Folgende
auf einige Bemerkungen befchränken. Bedenken erwecken
mir vor allem noch die Ausführungen D.s über den
Glaubensbegriff des Paulus. D. will den Genitiv in der
Wendung .Glaube Chrifti Jefu1 weder als Gen. objectivus
noch als subjectivus verftanden wiffen; er konftruiert hier
unter Heranziehung zahlreicher anderer Wendungen einen
.Genitivus mysticus' und überfetzt etwa ,der in der Gemeinfchaft
mit dem pneumatifchen Chriftus lebendige
Glaube'. Ich geftehe, daß ich gegen diefen Genitivus
myfticus meine großen Bedenken habe, will aber hier
lieber mit meinen Ausftellungen warten, bis die von D.
hier angekündigte (S. 94, 2) Darlegung feines Schülers
Schmitz über diefen Punkt erfchienen ift. Das eine aber
follte m. E. niemals geleugnet werden, daß Paulus den |
beftimmten und harten Begriff des Glaubens an Chriftus I
kennt, ja daß diefer eine Hauptftellung in feiner Gedanken- j

weit einnimmt. Das macht der Locus classicus für den
paulinifchen Glaubensgedanken Rö. 10,9, wo wir den Glauben
an Chriftus bereits in bekenntnismäßiger Ausprägung
finden, über allen Zweifel deutlich. Daß dann myftifche
Töne in die paulinifche Glaubenswelt hineinklingen, daß der
an Chriftus Gläubige durch den Glauben in myftifche Verbindung
mit Chriftus tritt, hat kein Erforfcher der paulinifchen
Theologie geleugnet. — Am meiften zuftimmen
kann ich D. endlich in feinen Ausführungen über Rechtfertigung
, Verhöhnung, Vergebung, Erlöfung, Sohnesannahme
. Darin hat D. unbedingt Recht, daß bei Paulus
kein Schema der Heilsordnung vorliegt, in das man diefe
Begriffe in fauberem Zufammenhang einpreffen könnte,
daß diefe vielmehr parallel laufende Gedanken find, durch
die der Apoftel in hymnusartigem Bekenntnis den Reichtum
der göttlichen Gnade zu faffen fucht. Im Einzelnen hätte
ich natürlich auch hier manche Bedenken. Die ganze Gedankenwelt
des Paulus erfcheint mir doch nicht genügend
beltimmt erfaßt, namentlich fehlt mir, wie fchon oben
angedeutet, ein ftärkeres Eingehen auf den Erdenreft phari-
fäifch-juridifcher Frömmigkeit, der dem Paulus fo peinlich
deutlich anhängt; auch der direkt mythologifche Charakter
einiger Ausführungen des Paulus hätte beffer hervorgehoben
werden können. In dem myftifchen Helldunkel
, in welchem D. den Paulus zeichnet, verfchwinden
alle fchärferen Konturen. In dem Abfchnitt über Chrifto-
logie vermiffe ich ganz und gar eine genauere Ausführung
über den Begriff Kyrios bei Paulus, die nach
meiner Meinung in den Mittelpunkt der Unterfuchung
treten müßte. Hier wäre dann wieder Gelegenheit geboten
, die Gedankenwelt des Paulus in unmittelbare Verbindung
mit der Kultfrömmigkeit der Gemeinde zu fetzen
und doch wieder die Eigentümlichkeit der perfönlichen
Haltung ins Licht zu ftellen.

In den Beilagen gibt D. eine meifterhafte Befprechung
des Gallio - Fragmentes, jenes wichtigften Fundes der
Neuzeit für eine abfolute Chronologie des paulinifchen
Lebens, außerdem ift eine Karte der paulinifchen Kultur-
weit mit erläuternden Bemerkungen beigegeben.

Göttingen. Bouffet.

Rinn, Prof. Dr. Heinr.: Dogmengefchichtliches Lefebuch. In

Verbindg. m. Pfr. Lic. Johs. Jüngft hrsg. (XI, 511 S.)
Lex.-8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1910. M. 10 —;

geb. M. 12 —

Der große Erfolg des kirchengefchichtlichen Lefe-
buches hat Rinn in Verbindung mit Jüngft veranlaßt, ihm
ein dogmengefchichtliches zur Seite zu fetzen. Die beiden
Herausgeber haben ihre Aufgabe fo geteilt, daß Jüngft
den Schlußteil, die Dogmenbildung in der katholifchen
Kirche vom 16. Jh. bis zur Gegenwart (15 S.) und das
Regifter, Rinn alles Übrige übernahm. Die Arbeit ift
keine leichte gewefen, handelt es fich doch zumeift um
Uberfetzung aus dem Griechifchen und Lateinifchen und
nicht um deutfche Texte. Stichproben nach zu urteilen,
ift gut und verftändlich überfetzt, mit Recht ift an ver-
fchiedenen Stellen zur Verdeutlichung diefer oder jener
Begriff im Originaltexte beigefügt, gewiffe Formulierungen
laffen fich eben nicht wiedergeben. Daß die Auswahl
der Texte gut ift, dafür bürgt die Dogmengefchichte von
Loofs, an die fich das .Lefebuch' eng anfchließt; hie und
da ift auch Seeberg und Harnack oder Thomafius herangezogen
. Man könnte das Buch am treffendften nennen
.deutfchesQuellenbuch zu Loofs'Dogmengefchichte'. Damit
ift fchon gefagt, daß es das nicht ift, was es fein will
nach dem Titel: ein Lefebuch. Es ift ein Buch nur
für den Fachmann und den Studenten, nicht aber für das
größere Publikum. Ein gebildeter Nichttheologe, der über
einen ungefähren Uberblick über die Kirchengefchichte
verfügt, wird, glaube ich, abgefehen von den reforma-
tonfchen und nachreformatorifchen Partien, ratlos dem
.Lefebuche* gegenüberftehen. Die Quellen zu den Finelfen