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Ausgabe:

1911

Spalte:

773-775

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Caird, Edward

Titel/Untertitel:

Die Entwicklung der Theologie in der griechischen Philosophie 1911

Rezensent:

Pohlenz, Max

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haben, die in der mythifchen Welterklärung erft eine
Folge der Religion fehen; anderfeits befteht die Religion
doch vielfach fort, auch, wo mit dem ,mythifchen
Denken' im allgemeinen und der mythifchen Naturerklärung
grundfatzlich gebrochen worden ift. Beiläufig
bemerkt, würde die von einzelnen neueren englifchen
Anthropologen vollzogene Unterfcheidung zwifchen Religion
und Magie vortrefflich hineinpaffen in die feitens
des Autors vertretene Auffaffung des Verhältniffes der
Religion zum ,Staat' und der Gefamtheit. — Eine andere
Frage: Ed. Meyer ftellt die Thefe auf, daß ,Staat und
Gefellfchaft, Recht und Moral' ,ebenfo wie alle materielle
Kultur eine von der Religion völlig unabhängige Grundlage
haben' (S. 133). Wie verträgt fich damit ein Satz
wie der, daß ,eine religiöfe Umwälzung' ,die Grundlage
einer neuen Kulturepoche werden' könne (S. 161)? oder
der andere: ,Daneben ftehen die Perfönlichkeiten, die
ganz von dem Ernft und der Wucht der religiöfen Gedanken
beherrfcht find, fo daß fie fich in ihnen verkörpern
und all ihr Tun und Reden beherrfchen, die
Bahnbrecher einer neuen religiöfen Idee und damit einer
inneren Umwandlung der traditionellen Kultur und ihrer
Anfchauungen'? (S. 150) An beiden entgegenftehenden
Urteilen ift natürlich etwas Richtiges. Aber das erfte ift
fo fchroff formuliert, daß die Möglichkeit des Ausgleichs
mit dem zweiten verdeckt wird. — Ift es ferner ganz korrekt
zu fagen, daß ,Philofophie und Wiffenfchaft' einerfeits, Religion
" anderfeits .diefelben Probleme' behandeln? Wäre
es nicht zum minderten richtiger, den Vergleich auf
Metaphyükund Religion zu befchränken? — Uber die Haltbarkeit
der Behauptung, daß bei den ,femitifchen Stämmen
' ,die Beftattungsgebräuche immer ganz einfach geblieben
find und die Seelen der Toten gar keine Rolle
gefpielt haben (wenn fie auch gelegentlich einmal als
Gefpenfter fchrecken oder durch einen Zauberer zum
Leben erweckt werden), bis den Juden in der Makka-
bäerzeit und den Arabern zur Zeit Mohameds die Auf-
erftehungslehre von außen als ein fertiges Dogma zukam
,' werden die Altteftamentler zu entfcheiden haben.

Die aufgeworfenen Fragen und Bedenken mögen vor
allem als vereinzelte Zeichen dafür gelten, wie viel das
vorliegende Buch auch dem Religionsforfcher an Anregungen
zu bieten vermag. Als erwähnenswert fei zum
Schluß nur noch der Satz verzeichnet: ,Der Glaube an
ein ftetiges Fortfehreiten menfehlicher Kultur ift ein Po-
ftulat des Gemütslebens, nicht eine Lehre der Gefchichte'.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Caird, Edward: Die Entwicklung der Theologie in der grie-
chifchen Philofophie. Autorif. Überfetzg. v. Hilmar Wil-
manns. (XVI, 533 S.) gr. 8°. Halle, M. Niemeyer,

1909. M. 12 — Einklang bringen kann und der Gottheit nur die theore-

Denn an der Klärung der Gottesvorftellungen haben
Männer wie Hefiod mit ihren Gedanken an eine Entwicklung
innerhalb der Götterwelt ebenfo wohl gearbeitet
wie die delphifchen Theologen und die attifchen Tragiker,
und Plato felber hebt im Menon ausdrücklich hervor,
was er für feine religiöfen Spekulationen den frommen
Männern und Frauen, den Orphikern, verdankt.

Dagegen wird man es prinzipiell durchaus billigen,
wenn Caird in der Philofophie felber nur die Hauptphafen
der Entwicklung zeichnet und dafür defto mehr Wert
darauf legt, zu zeigen, wie fich die Gottesvorftellung der
einzelnen Philofophen aus ihrer ganzen Gedankenwelt
entwickelt.

Als das eigentliche Wefen der Religion betrachtet
Caird das Streben nach der Einheit, die allem Endlichen zu
gründe liegt und die Prinzipien von Sein und Erkennen
befchließt. Das Suchen diefer Einheit tritt uns zuerft in
voller Stärke bei Plato entgegen. Freilich wird es erft
allmählich zum Mittelpunkt feines Denkens. Auch nachdem
Plato in den Ideen die Einheit gegenüber der Vielheit
der endlichen Erfcheinung erkannt hat, ftrebt er zu-
nächft nur danach, diefe Einheit als den eigentlichen
Gegenftand der Erkenntnis aus der Vielheit abzufondern.
Allmählich geht er dann aber dazu über, das Verhältnis
zur Einzelerfcheinung genauer zu beftimmen, die Ideen
als das organifche Prinzip zu faffen, das fich in den Individuen
äußert und ihnen Beftimmtheit und Einheit verleiht
. So kommt er zur Erkenntnis, daß fie nicht völlig
getrennt von den Dingen zu denken find, auch nicht in
völliger Ruhe beharren, fondern die aktiven Prinzipien
alles Seienden find. Zugleich find fie die Prinzipien aller
Erkenntnis, nicht fubjektive Methoden im Natorpfchen
Sinne, fondern Prinzipien, die über den Unterfchied
zwifchen Subjekt und Objekt hinausgehen und fich in
beiden äußern. Als fich felbft beftimmende Prinzipien
können fie nur geiftig gedacht werden. Sie felber und
damit alles Sein und Erkennen werden durch ein einheitliches
Band zufammengehalten, die Idee des Guten. In
ihr ift das geiftige Einheitsprinzip gefunden, deffen Erkenntnis
den Kern der Religion ausmacht. Und wenn
auch Plato den Dualismus nicht überwindet, da er fich
die Manifeftation der gütigen Gottheit an etwas außer
ihr Vorhandenes, das Ordnung empfangen foll, gebunden
denkt, fo ift er doch als der erfte fyftematifche Theologe
zu bezeichnen.

Aristoteles will über Plato zu einer organifchen Betrachtung
der Dinge vordringen, indem er die Materie
als das notwendige Korrelat der Form anfieht. Aber
dadurch, daß er die Materie pofitiver faßt, verftrickt er
fich noch tiefer in den Dualismus. So kommt es, daß
er beim Menfchen die Vernunft mit dem animalifchen
Wefen, das theoretifche Denken mit der Praxis nicht in

Caird knüpft in diefem aus Gifford-Vorlefungen ent- tifche Selbftkontemplation zum Inhalt gibt, obwohl da-
ftandenen Buch an fein früheres Werk The Evolution of m* dle Erklärung der endlichen Welt unmöglich wird.
Religion an. Er will hier die Entwicklung verfolgen, wo j Gelegentlich finden fich freilich bei ihm Stellen, wo er
die religiöfen Impulfe fich nicht mehr ohne Tätigkeit der 1 die Kontemplation als das Bewußtfein einer alle Gegen

bewußten Vernunft geltend machen, wo der Menfch über
den einfachen Glauben hinauswächft, und bewußt feine
Vorftellungen von Gott zu klären fucht. Diefe Reflektierende
Form des religiöfen Bewußtfeins' ift die Theologie
, ,die zum Selbftbewußtfein gebrachte Religion'. Ihre
Anfänge liegen, wenn wir von dem mehr intuitiv gegerichteten
Judentum abfehen, bei dem Volke, bei dem
die Reflexion fich zuerft frei entfaltete, bei den Griechen

fätze überfteigenden Einheit faßt, wo alfo die höchfte Erkenntnis
aufblitzt, deren die Theologie überhaupt fähig ift.

Die helleniftifchen Philofophen gehen nicht von einer
dualiftifchen Auffaffung der Dinge aus, fondern ftellen
von vornherein ein einzelnes Prinzip auf, von dem aus
fie die Welt begreifen wollen, unbekümmert darum, daß
fie in Einfeitigkeit verfallen und den Unterfchied von
Körper und Geift verwifchen. Befondere Bedeutung haben

Ihre Anfchauungen muffen wir betrachten, wollen wir die j hier die Stoiker. Ihr Ausgangspunkt ift individualiftifch,
Entwicklung der Theologie in ihrer älteften Periode er- j aber da fie fofort die Vernunft des Einzelnen mit derim All
kennen, und dies ift das Ziel, das fich Caird in diefem J waltenden göttlichen identifizieren, ftellen fie zugleich ein
Buche fleckt. univerfales Prinzip auf. Und indem fie alles National-

Freilich nimmt er dabei fofort eine Befchränkung j befchränkte abftreifen, bereiten fie einer univerfalen Reli-
vor, wenn er beim Griechentum nur die Philofophie im j gion den Boden und fetzen zugleich das Individuum in
engen Sinne ins Auge faßt. Berechtigt ift das nicht. I engfte unmittelbare Beziehung zum Göttlichen.