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Ausgabe:

1911 Nr. 25

Spalte:

771-773

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meyer, Eduard

Titel/Untertitel:

Geschichte des Altertums. 3. Aufl. I. Bd. 1. Hälfte. Einleitung. Elemente der Anthropologie 1911

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 25.

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Befrachtimgsweife fehr charakteriftifch ift! Was über die 1 gruppe befchränkte, und deshalb als dauernde Perfön

Erkenntnis des ,Einzelnen' als die eigentlich bildende
gefagt wird (I yf.) ift nicht minder konftitutiv. Bildend
wird die Gefchichte erft dort, wo fie als ,Gefchichte des
Geiftes' erkannt wird (88). Naturaliftifche Schlagworte
wie die des Kampfes um's Dafein können daher nicht
oder nur in ltarker Umbildung verwertet werden (II 79).
Von Intereffe ift es, wie auch der Kirchenhiftoriker die
Staatenbildung als zentralen Faktor der Gefchichte verlieht
und daraus weitreichende Konfequenzen zieht. Was

lichkeiten aufgefaßt werden. Erft derartige Seelen und
Geifter find Götter. Totemismus und Ahnenkult find
nur Formen, welche die Religion früh neben andern an-

fenommen hat. Etwas ausführlicher wird dann noch die
tellung der Religion zum Staat, zur Moral und Kultur
erörtert und die große Rolle, die der immer wieder fich
erneuernde Kampf zwifchen Tradition und Individualität
im religiöfen Leben fpielen.

Der zweite Teil trägt den Titel: ,Die Gefchichte

H. über ,Höhepunkte' (II 17) und Verfall (I 106ff.) der ; und die Gefchichtswiffenfchaft'. Die Gefchichte hat keine

Entwicklung, über die ,Vorzeichen' der wirkenden Kräfte
(165), was er über intellektuelle, aber für das Verftändnis
heiliger Gefchichten unfruchtbare Gewiffenhaftigkeit fagt
(II 308), dies alles und andres, methodifche Fragen und
konkrete Probleme, verdiente einmal eine zufammen-
hängende Darfteilung und Würdigung. Eine folche, von

Gefetze aufzuftellen, fie hat die Erfcheinungen und Vorgänge
der Vergangenheit zu befchreiben; aber fie faßt
fie nicht unterfchiedslos ins Auge; fie hebt das heraus,
was nachgewirkt hat, insbefondere dasjenige, was noch
für die Gegenwart von Bedeutung ift; und zwar kommt
für fie fowohl das Allgemeine als auch das Individuelle

Harnack felbft ausgeführt, würde befondern Dankes i in Betracht, indeffen doch vorzugsweife das Individuelle,
ficher fein. Hoffen wir, daß ihm bei feiner Herrfchaft über ! Eigenartige, Singuläre, Perfönliche. Sie berückfichtigt

einen umfaffenden Stoff diefe Aufgabe nicht allzu gefähr- ftets zugleich die politifche und die kulturelle Entwicklung

und hat zwei große Kulturkreife zu unterfcheiden: den
,oftafiatifchen', der eine Erfcheinung für fich bildet, einer-
feits, den ,orientalifchen' und griechifch-europäifchen

lieh erfcheint und daß fie ihn reizt.

Göttingen. Titius.

Meyer, Eduard: Gefchichte des Altertums. 3. Aufl. I. Bd.
1. Hälfte. Einleitung. Elemente der Anthropologie.
(XII, 252 S.) gr. 8°. Stuttgart, J. G. Cotta Nachf. 1910.

M. 450; geb. M. 6—-
Ed. Meyers Gefchichte des Altertums erfcheint hier

Kulturkreis, der zu einer Einheit verfchmolzen ift und innerhalb
deffen der Untergang des römifchen Staats in zeitlicher
Hinficht einen Einfchnitt bedeutet, anderfeits. Wenn
nun aber ,alle Gefchichtsforfchung prinzipiell von der
Gegenwart ausgeht und von den ihr erkennbaren Wirkungen
zu deren Urfache auffteigt, alfo in einem unendlichen
, zuletzt und tatfächlich nicht theoretifch begrenzten

in dritter Auflage, die im wefentlichen mit der zweiten 1 pr0zeß des Rückwärtsfchreitens verläuft, fo verfahrt die

übereinftimmt. Als Einleitung bietet der Autor in der
vorliegenden erften Hälfte des erften Bandes eine ,fyfte-
matifche Darfteilung der Anthropologie' und der Prinzipien
der Gefchichtswiffenfchaft' dar.

Unter der .Anthropologie' verlieht er die ,Lehre von
den allgemeinen Formen menfehlichen Lebens und menfeh-
licher Entwicklung'.

Er behandelt in dem diefer Disziplin gewidmeten
Teil zunächft ,die ftaatliche und foziale Entwicklung'.
Da ift vor allem charakteriftifch die originelle Behauptung
von der ,Priorität des Staats'. Der Staat ift nicht etwa
eine Schöpfung der Individuen, ift auch nicht erft aus
der Familie herausgewachfen; vielmehr wird er von der
letzteren immer fchon vorausgefetzt Er ift ,die primäre
Form der menfehlichen Gemeinfchaft', .derjenige foziale
Verband, welcher der tierifchen Herde entfpricht und
feinem Urfprung nach älter ift als das Menfchengefchlecht
überhaupt, deffen Entwicklung erft in ihm und durch ihn
möglich geworden ift'. Beachtenswert ift auch die Erörterung
des Raffenunterfchieds, gegen deffen gegenwärtige
Überfchätzung Proteft eingelegt wird.

Des weiteren wird in dem der Anthropologie gewidmeten
Teil ,die geiftige Entwicklung' der Menfchheit
behandelt. Die Unterfuchung erftreckt fich auf die
Religion, auf Philofophie und Wiffenfchaft, auf Kunft und
Spiel, auf das Verhältnis der .individuellen' und .allgemeinen
Faktoren' als der .Grundmächte des gefchicht-
lichen Lebens'. Den größten Raum indeffen, ja, einen
unverhältnismäßig großen Raum nimmt — und das verleiht
dem Buch ein eigentümliches Intereffe für den
Theologen — die Befprechung der Religion in Anfpruch.
Das Wefen, die Urfprünge der letzteren ftellen fich etwa
folgendermaßen dar: Das, dem primitiven Menfchen
eigene, .mythifche Denken' führt alle Erfcheinungen und
Vorgänge, insbefondere die für das menfehliche Wohl
und Wehe bedeutfamen, auf Seelen und Geifter zurück.
Die Zauberei fucht auf diefe Seelen und Geifter zu Gunften
des Menfchen einzuwirken. Religion ift aber erft da
vorhanden, wo ein feftes Verhältnis fich einftellt zu be-
ftimmten Geiftern, zu folchen nämlich, die eine dauernde
Einwirkung ausüben, entweder eine umverteile oder eine
lokal begrenzte oder eine auf eine einzelne Menfchen-

Gefchichtsfchreibung gerade umgekehrt; fie geht aus von
den wirkenden Momenten und entwickelt aus ihnen die
gefchichtlichen Ereigniffe, die fie daher in abfteigender
Folge, dem Verlauf der Begebenheiten entfprechend, vorführt
'. DieSchlußparagraphenhandelnvondem .hiftorifchen
Material', der Entftehung und Bedeutung der Schrift, den
Denkmälern und Urkunden, dem Wefen der hiftorifchen
Tradition, der Entftehung und Entwicklung der hiftorifchen
Literatur, der Chronologie. Alles in allem macht fich in
diefem Teil eine Auffaffung von der Gefchichte geltend, die
trotz einzelner Differenzen doch wohl den Anfchauungen
eines Windelband, Rickert, erheblich näher fleht als etwa
derjenigen eines Lamprecht.

Das Ganze ift, wie es bei dem Namen des Autors
nicht anders zu erwarten war, bedeutend und packend,
in hohem Maße anregend, aber auch vielfach den Wider-
fpruch provozierend und Fragen herausfordernd. So
ließe fich beifpielsweife die aufgeftellte Theorie über das
Wefen der Religion kurz dahin zufammenfaffen, daß diefe
ihre Wurzeln teils in Erlebniffen habe, die ein Abhängigkeitsgefühl
erzeugen, teils in folchen, die ein Vertrauensr
Verhältnis zu den lebenbeherrfchenden Mächten begründen
. Ausdrücklich fagt der Verfaffer: .Schleiermachers
bekannte Definition der Religion als fchlechthinigen Abhängigkeitsgefühls
ift viel zu vag und läßt das entfehei-
dende Moment aus: fie gibt nur die Vorausfetzung, aus
der Religion erwächft, nicht das Wefen der Religion
felbft. Dies befteht vielmehr in dem perfönlichen Verhältnis
, in das eine Menfchengruppe und der einzelne
Menfch zu den Mächten tritt, von denen er fich abhängig
fühlt, in der unmittelbaren und unmittelbar wirkfamen
Verbindung, die zwifchen ihnen gefchaffen wird, und die
daher nicht momentan fondern dauernd und unauflösbar
ift. Sie faßt daher diefe Mächte als Willensmächte, wenn
auch in den fortgefchrittenen Religionen noch fo fehr in
einer ins Übermenfchliche und Unbegreifliche gefteigerten
Form'. Man wird dem durchaus zuftimmen können. Aber
ift nun die Meinung des Autors weiterhin die, daß auch
das .mythifche Denken' im allgemeinen und fogar die
Zauberei notwendige Vorausfetzungen der Religion waren
und find? Darüber ließe fich ftreiten; denn es fragt fich
einerfeits, ob nicht diejenigen Anthropologen Recht