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Ausgabe:

1911

Spalte:

761-762

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gjessing, Marcus

Titel/Untertitel:

Norwegische Kirchenkunde 1911

Rezensent:

Drews, Paul

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Seite 1

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762

polemifche Spitze gegen den .aufgeklärten Proteftantismus'
zu richten, der mit .feiner Stimmungsreligion auf die philo-
fophifchen Mifchreligionen der ausgehenden Antike zurückfällt
' (38. Vgl. 5—6).

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Gjeriing, Pfr. Marcus: Norwegifche Kirchenkunde. Überfetzt
von Frau Borghild Hölfcher. [Kirchenkunde des
evang. Auslandes II.] (Studien z. prakt. Theologie,
4. Bd., 3. Heft.) Gießen, A.Töpelmann 1911. (III, 50 S.)
gr. 8° M. 1.60

Seit der Kandidat der Theologie Moritz Lüttke auf
Grund einer längeren Studienreife die .kirchlichen Zu-
ftände in den fkandinavifchen Ländern Dänemark, Norwegen
, Schweden' im Jahre 1864 gefchildert hatte, ift
uns m. W. über das kirchliche Leben Norwegens — ab-
gefehen von den Artikeln in der Proteftant. Real-Ency-
klopädie und einigen gleich zu nennenden Artikeln — etwas
Ausführlicheres nicht geboten worden. Um fo dankbarer
begrüßen wir heute eine .Norwegifche Kirchenkunde'.
Denn unfer Intereffe gerade für Norwegen ift durch die
bedeutfame Rolle, die diefes Land in der neueren Literatur
fpielt, fehr lebendig geworden, und die Frage: wie
fteht es in einem Lande, das fo wichtige Beiträge gerade
zur religiöfen und fittlichen Frage aus der Feder bedeutender
Schriftfteller uns geboten hat? liegt außerordentlich
nahe. Freilich — um es gleich zu fagen —
diefe Frage findet in dem vorliegenden Bande keine
Antwort. Denn das eigentlich Volkskundliche, die Schilderung
der religiöfen Stimmung und Eigenart diefes
Volkes in allen feinen Ständen fehlt, und das fcheint
mir ein Mangel, den man um fo empfindlicher fühlt, als
das, was uns geboten wird, gerade das Verlangen nach
tieferer Einführung rege macht. Zu dem hatte bereits
i. J. 1908 ein Norweger, Pfarrer Thorftein Gunnarfon, in
der ,Norsk theologisk tidsskrift' (9. Band, S. 341 ff.) einen
wertvollen Beitrag zur religiöfen Volkskunde feiner Heimat
geboten unter der Überfchrift: ,En ny disciplin i norsk
praktisk theologi' (vgl. darüber Evangel. Freiheit, 1909,
S. 453 ff). Der Verf. hat ihn nicht beachtet. Er befchränkt
fich darauf, nach einer kurzen gefchichtlichen Einleitung
die Verfaffung der Kirche, die Geiftlichkeit, den Gottes-
dienft, die kirchliche Verkündigung, das Verhältnis von
Kirche und Schule, die innere und äußere Miffion zu
fchildern, einige Schlußbemerkungen hinzuzufügen und
in einem doppelten Anhang uns einen Auszug aus einen
Vorfchlag für ein Verfaffungsgefetz für die norwegifche
Kirche und ihre drei Perikopenreihen zu bieten. Gewiß,
wir find für alle diefe Mitteilungen dankbar, und namentlich
was uns über den geiftlichen Stand, die theo-
logifchen Richtungen und die neuere Predigtweife gefügt
wird, erweckt unfer lebhaftes Intereffe, aber wir dürfen
wohl billigerweife von einer Kirchenkunde heute mehr
erwarten. Zum Teil hat Lüttke f. Z. über die Kirchlichkeit
, die Artung des religiöfen und kirchlichen Lebens
im Volke mehr geboten als dies neuefte Schriftchen.
Auch daß die in Betracht kommende Literatur nicht
verzeichnet wird, empfindet der Lefer mit Bedauern.

Indeffen die erhobenen Vorwürfe treffen den Verf.
nicht. Man hat gegen fein Werk in der eigenen Heimat
allerlei Bedenken geäußert, wohl auch ähnliche wie wir,
und daraufhin hat er — ich verdanke diefe Mitteilung
der Liebenswürdigkeit des Herrn Profeffor Lyder Brun
in Chriftiania — im ,Norsk kirkeblad', Jahrg. 1911 Nr. 18,
S. 216 mitgeteilt, daß ihm vom Herausgeber der .Studien
zur prakt. Theologie' nur der Auftrag wurde, eine Dar-
ftellung der gegenwärtigen Lage der norwegifchen Kirche
zu geben. ,Ich hatte vom ersten Augenblick an die Auf-
faffung', fo fchreibt er, ,daß es ein Artikel fein follte ....
Daß es als felbftändiges Buch erfcheinen follte, davon
hatte ich keine Ahnung, bis ich ein befonderes Buch

fertig zugefchickt bekam .... Als Überfchrift über meine
kleine Arbeit hatte ich nur gefchrieben: die norwegifche
Kirche. Der Urheber des Titels „Norwegifche Kirchenkunde
" ift vermutlich Herr Profeffor Clemen felbft'. Alfo
liegt ein fehr bedauerliches, faft unbegreifliches Mißverständnis
vor. Man fragt fich mit Recht, ob das Büchlein
wirklich unter dem Titel einer Kirchenkunde ausgehen
durfte und ob der Herr Herausgeber nicht dafür Sorge
tragen konnte, daß die vorhandenen Lücken des Manu-
fkripts ausgefüllt wurden. So hat weder der Lefer noch
der Verfaffer eine reine Freude an dem vorliegenden
Buch und aus dem Rahmen einer .Kirchenkunde des
evang. Auslandes' fällt es fo gut wie ganz heraus.

Die Überfetzung ift im ganzen vortrefflich, doch
verrät fie fich mitunter immer noch als Überfetzung.

Halle a. S. Paul Drews.

Eichner, Pfr. Karl: Unfere Kirche. Zu der gegenwärtigen
Bewegg. in der evangel.-luth. Kirche Bayerns. (IV, 31 S.)
8". Nürnberg, G. Löhe 1910. M. — 60

Das Schriftchen ift im Sommer 1910, unter dem Eindruck
von Bezzels bekanntem Hirtenbrief, gefchrieben
worden. Der Verfaffer gehört der kirchlichen Rechten
an und fieht fich nicht einmal veranlaßt, die Beweggründe
und Ziele der bayerifchen modernen Theologen irgendwie
zu unterfuchen; doch behandelt er fie fachlich und in
würdigem Ton. In der Hauptfache ftellt er gutgewählte
Ausfchnitte aus Reden und fonftigen Kundgebungen Löhes,
Stählins, Burgers, Zahns und Bezzels zufammen. Im Intereffe
der bayerifchen Landeskirche wäre zu wünfchen,
daß fich ihr jetziger Präsident von dem eschatologifch
bestimmten Peffimismus, der ihm voriges Jahr feinen
Hirtenbrief abgenötigt hat, zu der kindlichen Zuverficht
durchringen möge, kraft deren fich Stählin in der Landeskirche
,fo wohl, fo frei, fo glücklich' gefühlt hat (S. 7), und daß
die kirchliche Rechte den Rat befolgen möge, den Zahn
1893 als den einzigen gegeben hat, den er wiffe, nämlich
,aus der Not der Zeit neuen Antrieb zu richtiger und
eifriger Anwendung der im Wefen des Christentums liegenden
Kräfte und Mittel zu fchöpfen' (S. 4). Zahn verwirft
hierbei das Pochen auf Autoritäten, die es den
Schwankenden nicht mehr und den erst zu Gewinnenden
noch nicht find, fei es Schrift oder Bekenntnis; desgleichen
die Refolutionen gegen den altbekannten Unglauben der
theologifchen Profefforen und die unerfüllbaren Forderungen
an die weltlichen Machthaber, hierin Wandel zu
fchaffen; er verwirft auch die Ablenkung der geistlichen
Kräfte auf die .leidige Politik' (einfchließlich der Kirchenpolitik
??) und fordert .Konzentration auf die nächsten und
eigentlichen Aufgaben der Kirche, das ift vor allem die
lebendige Predigt des Evangeliums und eine richtige
Unterweisung des heranwachfenden Gefchlechts'.

Frankfurt a. M. Johannes Kübel.

Lach mann, Pfr. E.: Lebensbilder im Lichte der Ewigkeit.

Grabreden. (IV, 161 S.) 8°. Göttingen, Vandenhoeck
& Ruprecht 1911. M. 2—; geb. M. 2.60

40 Leichenreden aus einem thüringifchen Dorf. .Richtige
dörfliche Gemeinde-Leichenreden' nennt fie Nieber-
gall im Vorwort. Gewiß: fo kann nur der Pfarrer fprechen,
der feine Gemeindeglieder kennt. Nur er kann Lebensbilder
und oft geradezu Charakteristiken am Grabe entwerfen
. Gefahren birgt die Methode der stark perfönlich
gefärbten Rede auch für ihn: die Gefahr der Hellmalerei
auch — trotz aller nahen Kenntnis — des Vorbeigreifens
im Einzelnen. In einigen Fällen (Nr. 2. 7. 15. 17, 28) übt
L. als Diener der Wahrheit recht offen Kritik, hier oder da
fpricht er ganz rückhaltlos von Sünde und Schande; in
weitaus den meisten Fällen klingt fein Wort anerkennend,
oft geradezu rühmend: hat er vielleicht doch hier oder da
zu freundlich gefehen? Aber trotz der Gefahren muß