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Ausgabe:

1911

Spalte:

751-752

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grisar, Hartmann

Titel/Untertitel:

Luther. 2. Bd.: Auf der Höhe des Lebens. 1. u. 2. Aufl 1911

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 24.

752

und Aburteilung, fo find felbftverftändlich die Refultate
diefer Rechnungen felbft wieder nur mit der allergrößten
Vorficht aufzunehmen und ihre Verwendung wird fo lange
eine unfichere fein, als wir nicht ganz genau wiffen, wie
groß der Prozentfatz der fittlichen Verfehlungen des

Klerus überhaupt war, der in diefer Weife zur Anzeige
und Beftrafung kam.

Efperanza di Santa Fe. Alb. Bruckner.

Gr Rar, Prof. Hartmann, S. ].: Luther. 3 Bde. 2. Band,
Auf der Höhe des Lebens. 1. u. 2. Aufl. 1.—6. Tauf.
(XVII, 819 S.) Lex. 8°. Freiburg i. B., Herder 1911.

M. 14.40; geb. M. 16 —

Dem erften Bande diefer großen Biographie (f. diefe
Zeitung 1911, Nr. 10) ift der zweite, noch bedeutend umfangreichere
, auf dem Fuße gefolgt. Das Werk und die
Perfon Luthers find hier auf ihren Höhepunkten darge-
ftellt, d. h. es ift der Verfuch gemacht, durch das Leben
Luthers an den wichtigften Punkten Schnitte zu legen.
Auch bei der nachfichtigften Würdigung diefer fchwierigen
Aufgabe wird man nicht fagen können, daß der Verfuch

geglückt und ein vertieftes einheitliches Bild gewonnen ift. j verlieht. So mußte die katholifche Gefchichtsfchreibung

Aufgabe kannte, als Zuverficht zu Gottes Verheißungen in
Chriftus und Glauben an feine Vergebung zu predigen, daß
er mit Eifer nach Befferung der Sitten, wie in Wittenberg
fo überall, ftrebte, daß er ein lebendiges, warmes Gemüt
und Herz hatte, daß er Mut befaß gegen Not und Peft,
Tod und Teufel, endlich daß er bei allem Selbftgefühl
doch voll Demut Gott gegenüber war — glaubt Grifar
das oder glaubt er es nicht? Nach dem 25. Kapitel feiner
Darfteilung muß ich annehmen, daß er fich davon überzeugt
hat. Dann aber ift diefe Erkenntnis als die mäch-
tigfte Tatfachengruppe in den Oberfatz zu Hellen und
alles Andere ift als Unterfätze ihr unterzuordnen. Auch
ein katholifcher Biograph kann und muß fo verfahren; denn
er kann auch dann noch zu dem Fazit kommen, das ihm
feine Kirche von vornherein hier vorfchreibt. Indem er
nämlich in die Unterfätze alle die Züge des kirchlichen
Revolutionärs, ferner der ungebändigten Naturkraft, der
leidenfchaftlichen Parteilichkeit und des Unvermögens
Luthers fich zu zügeln einftellt, kann das Bild eines Helden
entftehen, der fich und feine Brüder zu Gott emporheben
will, aber die alten Brücken zum Heiligen und Ewigen
niederreißt und einen neuen Weg doch nicht zu fchaffen

Die 14 Bilder (Kapitel) laufen nicht zu einer Einheit zu- i uns den Reformator vorftellen; aber diefe Grifar-Biografammen
, erfcheinen nach Auswahl und Aufeinanderfolge i phie ift leider weit davon entfernt. Was fie an Luther
willkürlich gewählt und laffen den Wunfeh entftehen, diefes ! anerkennt, erkennt fie nirgends rund an oder Hellt es doch
mit reichfler Gelehrfamkeit zufammengetragene Material l nicht in den Mittelpunkt. Da fie aber doch einfichtig

nach Stichworten alphabetifch geordnet zu fehen; denn es
find doch nur Baufleine für eine Biographie und fowohl
die Wiederholungen als auch die zahlreichen Trennungen

genug ifl, Luther nicht als verwahrloflen Menfchen zu
porträtieren, fo Heht fie letztlich ratlos vor diefer Perfönlichkeit
und vermag nur ,Materialien' für feine Biographie

des Zufammengehörigen würden fo vermieden fein. und Würdigung zu liefern. Als Materialien- und Problem-

Mit reichfler Gelehrfamkeit — an diefer hat es der | Sammlung wird diefe große, umfichtige, im höheren Sinn

Verfaffer nicht fehlen laffen, und auch in der niederen
Kritik wird man ihm fchwerlich befondere Fehler oder
einen Mangel an Gerechtigkeit und Unparteilichkeit nach-
weifen können. Im Gegenteil, er hat hier getan, was er
konnte, hat zahlreiche katholifche Legenden und Verleumdungen
widerlegt ufw., und felbfl wenn er in den
Details fo weit geht, daß er z. B. kaum eine fchmutzige
oder derbe Äußerung Luthers bei Seite läßt, fo ifl das
fein Recht.

Aber fchon hier beginnen die Einwendungen der
höheren Kritik. Selbft zugeftanden, daß Luther, ,diefem
Giganten gemeinen Scheltens (und roher und fchmutziger
Schimpfworte) keiner in der ganzen Zeit nur bis an die
Waden heranreicht' (S. 644), ift es gerechtfertigt, diefe
Eigenart des Helden fo breit und immer wieder aufs neue
zu entwickeln, als fei fie der wichtigfte Beftandteil feines
Lebenswerkes oder der Kern feiner Perfönlichkeit? Dazu
kommt, daß der Verfaffer keinen ficheren Blick für den
Unterfchied von Schmutz und Zote einerfeits und köft-
licher, wahrhaft befreiender Derbheit andererfeits verrät.
Gewiß hat fich Luther auch jener fchuldig gemacht und
an vielen Stellen unterfchreibe ich einfach das harte Urteil
Grifar's, aber an fehr viel mehr Stellen lache ich freudig
mit Luthers Tifchgenoffen und bedaure nur, daß Grifar
nicht mitlachen kann. Schließlich kann doch auch er
nicht verkennen, daß Luther in Bezug auf Gott und das
Sittliche kein Heuchler war; dann aber reicht es nicht aus,
in dem Schmutz bei Luther fo zu fagen ein Letztes und
Wefentliches zu fehen, fondern der Biograph hat die Pflicht,
es unterzuordnen und zu erklären. Reichen die bisherigen
proteftantifchen Erklärungen angeblich nicht aus, fo muß
er nach anderen fuchen; aber das einfache gleichwertige
Nebeneinander von Ernft gegenüber dem Sittlichen und
Heiligen und von Schmutz darf nicht beliehen bleiben;
denn ein folches Porträt ift unglaublich und läßt den Maler
als hilflos erfcheinen.

Der Haupteinwurf gegen diefen ,Luther auf der Höhe
des Lebens' ift damit berührt. Ich kann ihn in einer
Frage formulieren: Glaubt Grifar an Luthers Ernft,
glaubt er, daß er im Gebet mit Gott lebte, daß ihm das
Wort Gottes die teuerfte Sache war, daß er keine höhere

freilich ganz ungenügende Darfteilung fich vielleicht als
nützlich erweifen, aber darüber hinaus wird fie Niemanden
belehren, zumal fie auch, fo viel ich fehe, im Einzelnen
nicht viel Neues zu bringen vermocht hat. Auf Einzelheiten
einzugehen muß ich verzichten; denn welchen Wert
kann es haben, an diefem oder jenem Punkt dem Verfaffer
die Richtigkeit zu befcheinigen oder ihm Mißgunft
und Übelwollen nachzuweifen, wenn doch der Standpunkt
verfehlt ift, von welchem aus auch ein Katholik diefe welt-
gefchichtliche Perfönlichkeit zu betrachten verpflichtet ift?

Berlin. A. Harnack.

Braig, Prof. Dr. Karl: Der Modernismus der Wiffenfchaft. (VI,
58 S.) gr. 8°. Freiburg i. Br., Herder 1911. M. —75

Der Verfaffer legt feinen Standpunkt in den Worten
dar: ,Mit fchuldiger Ehrfurcht unterwerfe ich mich und
mit ganzer Seele erkenne ich an alle Verurteilungen,
Erklärungen und Vorfchriften, die enthalten find in der
Enzyklika Pascendi und im Dekrete Lamentabili, zumal
infofern fie fich auf Dogmengefchichte beziehen' (Vorwort
S. VI). Es find das Worte aus dem vom Papfte
vorgefchriebenen Antimodernifteneide. Wer fich in fo
unbedingter Weife der den Modernismus verurteilenden
päpftlichen Kundgebung, von vornherein, vor Beginn
feiner Unterfuchungen, unterwirft und damit für eine
große Zahl von Fragen auf eigenes Urteil Verzicht
leiftet, verzichtet zugleich — das ift wohl nicht zu
beftreiten —, auf freie wiffenfehaftliche Forfchung. Denn
die Grundlagen feiner .Unterfuchung' und zugleich ihre
aprioriftifchen Grenzen, Ziele uud Endpunkte find nach
diefem Bekenniffe, die nicht auf Wiffen und Forfchen,
fondern auf Glauben und Für-Wahrhalten beruhenden
päpftlichen Glaubensdekrete. Diefer Standpunkt wird
vervollftändigt, indem der Verfaffer alle Gegner des
Antimodernifteneides mit dem 21. Pfalm charakterifiert
(a. a. O.).

Braigs Schrift gliedert fich in fechs Abfchnitte:
1. Die Freiheit der Wiffenfchaft. 2. Der Modernismus
und der Gründer der Kirche. 3. Der Modernismus und
die Gründung der Kirche. 4. Der Modernismus und die