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Ausgabe:

1911 Nr. 24

Spalte:

741-743

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tisserant, Eugène (Ed.)

Titel/Untertitel:

Codex Zuqninensis rescriptus Veteris Testamenti 1911

Rezensent:

Rahlfs, Alfred

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 24.

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in diefem Sinne unbrauchbar, da es den oaQxtxoq mit bezeichnet
hätte. — Zur Erklärung wird Lucans Schilderung
der Pythia herangezogen ,der offenbar eine ältere helle-
niftifche Schilderung zugrunde liegt' (S. 45): das Helleni-
ftifche foll nämlich die Brücke zum Orientialifchen fchlagen.
Ganz unnötig: die Schilderung Lucans geht über Vergil
(Sibylla Aen. VI) auf echt hellenifches Gut zurück: fchon
die Ausdrücke tpOeog, vvy.q>öXt]Jixoq ufw. fagen alles. —
Zu den römifchen Bacchanalien (S. 88): ,Auf den Orient
weift wohl die Weihe felbft, die als gefchlechtliche Vereinigung
mit dem Gott begangen wird (cf. aber die
Bafilinna der attifchen Dionysien, die Phallosmyfterien
ufw.), vielleicht auch der Vergleich des zu Weihenden
mit dem Opfer' (cf. aber die Weihe des Strepfiades bei
Ariftophanes). Eine Seite vorher hatte Reitzenftein die
Forderung Ottos, ,daß man in Religionsurkunden, die fich
als Offenbarungen ägyptifcher Götter geben und in
Wortgebrauch und Anfchauung [angeblich] beftändig mit
ägyptifchen Zaubertexten übereinftimmen,jede Vorftellung
als ungriechifch zu erweifen verpflichtet fei, ehe man
daran denken dürfe, ägyptifchen oder fonftwie orientali-
fchen Urfprung anzunehmen' als unberechtigt abgelehnt.
Nun hier — bei den römifchen Bacchanalien — haben wir
eine Religion, die fich als eine Offenbarung griechifcher
Götter gibt und durchgängige Übereinftimmung mit
dionyfifch-pythagoreifchem Wefen bietet; und dennoch
Orient? — Gnofis bei Plutarch(S. 123):,ich möchte vermuten,
daß, wie die Vorftellung, fo auch das Wort felbft aus orien-
talifchem, freilich fchwerlich jüdifchem Gebrauch übernommen
ifiV. Warum? — Pneuma in den Zauberpapyri
(S. 136): ,derfelbe Gebrauch, der offenbar orientalifcher
Quelle entftammt'. Pneuma für Seele ift zwar altgriechifch
und zumal ftoifch; ,auf den helleniftifchen Sprachgebrauch
in diefem Sinne aber wirkt die Philofophie nicht namhaft
ein, eher ein orientalifcher Sprachgebrauch'. — Ao^a
(.Verklärung' wenn ich recht verftehe) in der Alchemie
foll ägyptifch fein (S. 142); ich habe nichts dagegen, da
es fich um niedere Hermetik handelt, wünfche aber einen
Beweis. Verfaffer gibt hier wenigftens ein ägyptifches
Wort, das die Bedeutung haben könnte, aber keinen
einzigen einigermaßen analogen Text. S. 148 foll gar
ohne dies ägyptifch-helleniftifche Pneuma Horaz O. IV 6,
29 Spiritum Phoebus mihi ufw. .unverftändlich' fein.
Ich möchte wiffen, was er zum urgriechifchen äqnpr)Xaq
meint — auf den Irrwegen Bethes werden wir ihm ja
nicht begegnen.

Doch wir müffen abbrechen. Ich habe wegen des
.orientalifchen' mit dem Verfaffer fchon manchen Strauß
ausgefochten; nicht aus prinzipiell gegenfätzlichem Standpunkt
, fondern weil ich die Beweiskraft eines nackt hin-
geftellten .offenbar' nicht anerkenne. Unbedingt recht
gebe ich ihm, wenn er für das frühe Chriftentum ftatt
einer kirchengefchichtlichen vielmehr eine allgemein reli-
gionsgefchichtliche Behandlung verlangt; und daß er mit
feiner neuen Schrift dazu einen neuen und wichtigen Beitrag
geliefert hat, foll zum Schluß voll und willig anerkannt
werden.

St. Petersburg. Th. Zielinski.

Codex Zuqninensis rescriptus Veteris Testamenti. Texte
grec des manuscrits Vatican syriaque 162 et Mus.
Brit. Additionnel 14.665 edite avec (introduction et
notes par Eugene Tisserant. (Studi e Testi 23.)
(LXXXVII, 279 S. m. 6 Taf.) Roma, Tipografia poli-
glotta Vaticana 1911. L. 20 —

Der Codex Vatic. syr. 162, zu welchem einige ver-
fprengteBlätter im Additional Ms. 14665 des British Mufeum
gehören, enthält eine fyrifche Chronik, die um 775 n. Chr.
wahrfcheinlich im Klofter Zuqnin unweit Diarbekr verfaßt
ift, und wird daher von Tifferant als Codex Zuqninensis
bezeichnet. Das Pergament, welches der fyrifche Schreiber

benutzt hat, flammt zum größten Teile aus alten griechi-
fchen Septuaginta-Handfchriften, und zwar laffen fich im
ganzen Fragmente von fechs verfchiedenen Plandfchriften
unterfcheiden:

1. 18 Blätter mit Fragmenten von Judicum 16—21
aus dem 6. Jahrh.

2. 21 Blätter (darunter eins in London) mit Fragmenten
von Regnorum III 2—8. 21 aus dem 6. Jahrh.

3. I Blatt in London mit Regn. III 8, 58—9, 1 aus dem
5. oder 6. Jahrh., bereits 1857 von Tifchendorf im 2. Bande
der ,Monumenta sacra inedita. Nova collectio' S. 315 f.
herausgegeben und von Lagarde, Genesis graece, Vorwort
S. 15 mit der Sigel ,Zd' bezeichnet.

4. 28 Blätter mit Fragmenten von Pf. 8—37 aus
dem 6. Jahrh.

5. 52 Blätter (darunter drei in London) mit Fragmenten
von Ezech. 1. 3—9. 22—26. 28. 35—48 aus dem
7. oder 8. Jahrh.; hieraus hatte bereits Tifchendorf a. a. O.,
S. 313f. ein Londoner Blatt mit Ezechiel 4,16—5,4
herausgegeben, und Lagarde hatte dies a. a. O. mit
der Sigel ,Zc bezeichnet; ferner hatte Cozza-Luzi
fieben (nicht acht, wie Tifferant S. I fagt) römifche Blätter
gelefen, fie zunächft Ceriani für die Ausarbeitung feiner
Schrift De codice Marchaliano (Rom 1890) zur Verfügung
geftellt und dann fpäter felbft in Novae patrum biblio-
thecae ab Ang. Card. Maio collectae tom. X (1905), pars III,

j Pag- 3—20 veröffentlicht.

6. 7 Blätter mit Fragmenten von Ezechiel 36. 37.
41 — 43. 47—48 und Dan. 3 aus dem 6. Jahrh.

Tifferant hat alle diefe Fragmente, foweit es möglich
war, gelefen und ergänzt und bietet fie uns in einer auch
äußerlich fehr gefchmackvollen Ausgabe, genau nach den
Seiten und Zeilen der Handfchrift, aber praktifcherweife
nicht in Tifchendorffchen Unzialen, fondern in gewöhnlicher
I Schrift und mit Worttrennung.

Eine folche Bereicherung unfers Beftandes alter Sep-
tuaginta - Hff. ift fchon an fich höchft erfreulich. In
diefem Falle ift fie es um fo mehr, als alle Fragmente
| mit Ausnahme des bereits bekannten einzelnen Blattes
I mit Regn. III 8,58—9,1 fZd, vgl. meine Septuaginta-Studien
III 193 Anm. 2) einen Texttypus enthalten, der zweifellos
älter ift als unfere älteften Handfchriften und doch
j bisher unter unfern Unzialen nur fehr fchwach vertreten
war. Sie alle enthalten nämlich Lukiantext, wie das bei
| Pergamenten, die nachher in Mefopotamien zur Bildung
| einer fyrifchen Handfchrift benutzt find, ja leicht erklärlich
ift. Ganz auf der Hand liegt dies bei den unter
| Nr. 2 angeführten Fragmenten aus Regn. III, die ich
I dank dem liebenswürdigen Entgegenkommen Tifferants
fchon für meine Studie über Lukians Rezenfion der Königs-
büche'r (Septuaginta-Studien III, Göttingen 1911; f. be-
fonders S. 16—18, 78—79, 296) habe benutzen können.
Ebenfo klar ift es bei den Ezechiel-Fragmenten Nr. 5, deren
lukianifchen Charakter fchon Cornill aus dem einzigen
von Tifchendorf veröffentlichten Blatte erkannt hat, und
bei Nr. 6, wo derfelbe Texttypus erfcheint. Aber auch bei
den Fragmenten aus dem Richterbuch und dem Pfalter
wird man an dem von Tifferant konftatierten lukianifchen
Charakter des Textes nicht zweifeln können, denn fie
berühren fich im Richterbuche am meiften mit der Handfchrift
Holmes-Parsons 54, die nach G. Moore und
E. Hautfeh Theodoret am nächften fleht (Mitteilungen
des Septuaginta-Unternehmens der Kgl. Gef. d. Wiff. zu
Göttingen, 1. Heft, S. 26), und im Pfalter mit dem von
mir als lukianifch erwiefenen Vulgärtext (Septuaginta-
Studien II, 169 fr.).

Tifferant hat feiner in der fabelhaft kurzen Zeit von
einem Jahr fertiggeftellten Ausgabe eine ausführliche
Einleitung vorausgefchickt, in der er über Gefchichte
und Zuftand des Manufkripts genauen Bericht erflattet
und die Textform der einzelnen Fragmente unter Ver-
gleichung der nächftverwandten Textzeugen unterfucht.
Seinen Refultaten kann man durchweg zuftimmen. Be-